"Denk ich an Deutschland in der Nacht"

Wolf-Dieter Roth 10.04.2005

Hausmeister Schily überwacht per Hubschrauber zukünftig nachts die Berliner Mauer(n)

Graffitti haben in Berlin Tradition. Ebenso die intensive und auch nächtliche Überwachung von Betonwänden. Allerdings fand früher beides auf entgegengesetzten Seiten der Mauer statt. Und trotz kaltem Krieg mit Schießbefehl war es normalerweise relativ ruhig, solange niemand ins Scheinwerferlicht lief. Das ist nun vorbei.

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Handtaschenräuber, Handtaschenräuber,
überall, überall Handtaschenräuber!
Da hilft nur noch Hubschraubereinsatz,
Hubschraubereinsatz.

Scheinasylanten, Scheinasylanten,
überall, überall Scheinasylanten.
Da hilft nur noch Hubschraubereinsatz,
Hubschraubereinsatz, Hubschraubereinsatz!

Auf das Podest vor dem öffentlichen Amt
tritt ein namhafter Mann, allen bekannt,
und bedauert an Hand gewandter Worte
und eines Mikrophons
die Abnahme der Sicherheit im innerstädtischen Bereich
und den damit verbundenen Verlust der Aufenthaltsqualität
im gesamten City-Gebiet
und so ist das Gebot der Stunde
und das befürworten die Menschen im Lande,
insbesondere Sie, meine Dame (jaja)
Hubschraubereinsatz, Hubschraubereinsatz!

Hubschraubereinsatz, Foyer des Arts 1982

Die Graffitti an der Mauer waren einst touristische Folklore, die somit dringend benötigtes Geld in die Enklave Berlin (West) brachten. Noch mehr Geld brachten sie, als die Mauer endlich in handliche Stücke zerhackt werden konnte allerdings hatten davon nur noch die Mauerspechte einen Gewinn, die Stadt Berlin dagegen nicht mehr. Vielmehr waren auf einmal für teures Geld Straßen instand zu setzen, die die ganzen Jahre vom Publikumsverkehr verschont worden waren.

Den Graffittisprühern ist jedoch ihre große Leinwand abhanden gekommen infolgedessen werden nun andere Mauern verziert und natürlich auch die S- und U-Bahnen, so wie sich das gehört seit Wildstyle. Dabei werden diese auch erklettert nicht nur von Ratten (Die ungewollte Bilderspende), sondern auch von Sprayern.

Nofitti? Jafitti! (Bild

Doch Bundesinnenminister Otto Schily will noch höher hinaus: Er will künftig bundesweit Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes mit Wärmebildkameras einsetzen, um die Sprayer nachts in flagranti zu erwischen. Ist ein Opfer erspäht, so springen dann wohl Beamte mit Fallschirm aus dem Hubschrauber und packen sich den Sprayer. Erste Tests in Berlin anlässlich des vom gleichnamigen Verein veranstalteten Nofitti-Kongresses waren bereits erfolgreich, wie BILD meldet, wenn auch auf der Sprühverbrecherjagd bereits erste Unbeteiligte zu Tode kamen.

Und auch andere Unbeteiligte sind entnervt: Die Bewohner Berlins nämlich. Die erfahren nun, wie es in Nordirland ist, wenn die Hubschrauber nachts über der Stadt kreisen. Das Innenministerium hofft dabei, dass der Berliner Hubschraubereinsatz gegen Sprayer auf Verständnis bei den lärmgeplagten Anwohnern findet. Villenbesitzer wie in Berlin seien schließlich auch potenzielle Opfer von Graffiti-Schmierereien. Anscheinend können die Villenbesitzer dann auch tagsüber ausschlafen. Die normalen Stadtbewohner allerdings nicht. Aber so ein Sprayer ist ja mindestens so gefährlich wie ein IRA-Bombenleger, da muss es schon der Bundesgrenzschutz im Hubschrauber sein.

Sorgen machen sich dagegen die Liebespärchen, die des Nachts im Stadtpark knutschen und mitunter noch mehr und die nun ebenfalls mit den Wärmebildkameras aufgespürt, fotografiert und gestellt werden können. Immerhin könnte Schily mit diesem Content jedoch die teuren Hubschrauberflüge refinanzieren und die Domain Schilysex.de ist noch frei.

Nofitti wiederum mag es selber ausgesprochen bunt, flackernd und gackernd multimedial, denn ohne eingeschalteten Flash-Player läuft auf der Vereinswebsite gar nichts, auf der dann auch gleich für eine Reinigungsfirma geworben wird.

CDU, FDP und SPD loben Schily und die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) schwärmt gar: "Schily geht zu Recht in die Luft!" und Bei Schily sei der Jäger im Mann erwacht. Ob Sprayer am Spieß aber wirklich gut schmeckt und keine Vergiftungsgefahren von all den Farbresten mit sich bringt?

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19854/1.html
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