Oraler Sex hat sich durchgesetzt

Cecilia Schreiber 15.04.2005

Teenager im Alter von 14-15 Jahren halten oralen Sex schlichtweg für zeitgemäß

Einer von fünf Schülern hat bereits Erfahrung mit oralen Sex und nahezu ein Drittel ist im nächsten halben Jahr dazu bereit. Zu diesem Ergebnis kommen Bonnie Halpern-Felsher und Mitarbeiter von der "Division of Adolescent Medicine" an der Universität in San Francisco.

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Ihre Befragung bei rund 600 kalifornischen Schülern wirft erstmals ein bezeichnendes Licht auf die Art der "Aufklärung" in den Schulen. Denn bisher gibt es nirgendwo ausführliche Untersuchungen, die den sexuellen Umgang zwischen Jugendlichen beleuchten.

Die Eltern betrachten die Schule als "Hort der Aufklärung". In der Schule werden zwar alle Funktionen der Sexualität ausführlich erklärt. Das Ergebnis heißt dann: kein vorzeitiger (vaginaler) Verkehr. Er ist einfach riskant. Geschlechtskrankheiten, die Übertragung von HIV-Infektionen und die ungewollte Schwangerschaft sind entscheidende Argumente und lassen den Heranwachsenden keine andere Wahl.

Oraler Sex kommt hingegen im Unterricht nicht vor. Und dennoch scheint er den Jugendlichen einiges zu bedeuten. "Mädchen und Jungen sehen den oralen Sex als etwas Selbstverständliches an", wundert sich Frau Bonnie Halpern-Felsher, und führt weiter aus: "Wir müssen unsere Aufklärung umstellen, weil vieles dabei falsch ausgelegt wird."

Tatsächlich sind weder Herpes noch Chlamydien, weder Syphilis noch HIV beim oralen Sex risikoärmer. HIV wird zu 0,04 Prozent oral übertragen. Das ist natürlich weniger als 1 Prozent bei analem Sex mit einem Partner und 10 Prozent bei mehreren Kontakten. Bei Herpes- und Chlamydien-Infektionen ist das Risiko allerdings gleich, und bei der Syphilis stellt die orale Infektion eine weitaus gefährlichere, weil ungewöhnliche Ansteckungsart dar.

"Die Erwachsenen diskutieren Enthaltsamkeit, orale Kontrazeption, Kondome und als letztes Schwangerschaftsabbrüche, während die Jugendlichen bereits ihren Weg gefunden haben" erklärt Frau Bonnie Halpern-Felsher.

Dabei missachtet die Jugend im allgemeinen Erfahrungswerte über die Krankheitsverbreitung. Zum Teil, weil sie die Kenntnisse nicht hören wollen, zum Teil, weil viele der neuen Erkenntnisse noch längst nicht beim gewöhnlichen Hausarzt und erst recht nicht bei ihren "Aufklärern" angekommen sind.

Die Aufklärer lamentieren über Enthaltsamkeit oder Pille und Kondom. Dass der orale Sex ein Versuch ist, um den Weg zu einer Partnerschaft zu finden, wird darüber vergessen. Aber nicht nur das. Bei aller Aufklärung werden die Jugendlichen nicht angehalten, ihre Gefühle überhaupt kennen zu lernen und zu verarbeiten.

Die Schüler sehen dagegen im oralen Sex einen wichtigen Grund für das gegenseitige Verstehen. So wird eine Situation vorgespielt, in dem ein Schüler oder eine Schülerin sich vorstellen muss, oralen Sex mit einem Partner zu haben, der bereits vaginalen Sex mit anderen Partnern hatte. "Fühlen Sie sich schuldig? Haben Sie dabei das Gefühl, einen schlechten Ruf zu bekommen?" Nein sagt die Mehrheit der Befragten, weil es nur ein Kennenlernen ist, nicht aber eine feste Verbindung.

Für den, der liebt, besteht kein Unterschied in der Art der Liebe. Aber für den, der sucht. Er und sie müssen lernen, mit sich und dem anderen klarzukommen. Das geht nicht, ohne verschiedene Wege zu probieren. Daher sind die Jugendlichen nicht an dem einmaligen Ereignis interessiert, sondern an dem Weg dahin. Folglich entzieht sich diese Suche auch der Wertung. Die Frage nach dem Schuldgefühl ist unwichtig, weil oraler Sex nicht Sex überhaupt bedeutet. Anders die Vereinigung in Liebe. Da wird ein gescheiterter Akt zum Vorwurf, und die ungewollte Schwangerschaft führt zum Abbruch.

Was hier angesprochen wird, ist mehr als nur der ernsthafte Versuch mit dem fertig zu werden, was Aufklärung meint. Es ist ein Lernprozess. Am Ende steht die Vereinigung mit der geliebten Person. Das aber, so meinen die Schüler, muss geübt werden. Allerdings!

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19864/1.html
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