Die "Generation Y" in den USA und die Religion

Florian Rötzer 15.04.2005

Umfragen zeichnen ein sehr verschiedenes Bild von der US-Jugend, doch scheint ein erstaunlich hoher Anteil religiös zu sein und/oder nach spirituellen Werten zu suchen

Möglicherweise scheint alles relativ gleich zu bleiben, doch im Hintergrund vollziehen sich vielleicht tiefgreifende Änderungen, die lange brauchen, bis sie erkannt werden, und noch länger, bis sich auch auf der Oberfläche der Bruch zeigt. Was auch dem Hegelschen Bild vom Maulwurf der Geschichte inhärent war, soll sich für die Autoren aus einer Umfrage in den USA ergeben, die die die religiösen Haltungen der 18-25-jährigen US-Bürger, der "Generation Y", zu eruieren versucht. Danach verhält sich eigentlich kaum überraschend - diese Generation zur Religion ähnlich wie zu anderen Dingen in ihrer Lebenswelt: Sie begreift sie angeblich als ein Angebot, bei dem man sich zwischen Optionen individuell entscheiden kann, aber dem man nicht mehr lebenslänglich verpflichtet ist.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Die Umfrage OMG! wurde von der jüdischen Organisation Reboot in Auftrag gegeben, die sich vorwiegend mit Generationsfragen beschäftigt. Befragt wurden fast 1.400 junge Menschen, die nach 1980 geboren wurden und mit den digitalen Medien aufgewachsen sind. Dazu gehörten Angehörige der wichtigen ethnischen und religiösen Gruppen.

Eingerahmt wird die Interpretation von markanten Thesen, die wieder einmal einen Generationenbruch suggerieren. Die "Generation Y" sei im Gegensatz zu den Baby Boomern der "Generation der Suchenden" die "Generation der Individuen", heißt es. Sie hätten "die Freiheit, sich vorzustellen, was sie selbst sind, ihre Beziehung zu Gott und zur Spiritualität zu erkunden und ihren Platz in der Gesellschaft zu bestimmen". Das klingt natürlich zu schön, um wirklich wahr zu sein. "Diese Generation ist durch ihre Offenheit und Toleranz charakterisiert. Sie glaubt, dass die Menschen ihren eigenen Weg gehen sollten, auch wenn er für andere unverständlich ist. Für viele bedeutet, dass dem amerikanischen Weg zu folgen, bedeutet: Ich mache, was ich will."

Gut dialektisch folgt dann auf die Vorführung der restlos aufgeklärten und selbstbestimmten Menschen deren andere Seite, da man diese individualistische Generation aber auch als richtungslos und ohne Bindungen an die Gemeinschaften verstehen könne. Wie gut ist da also, dass die Umfrage ein genaueres Bild der individualistischen Generation zeichne, die trotz aller Individualisierung eben doch auch Gemeinschaft und sinnvolle Betätigungen anstrebe, wozu auch die Religion gehöre. Aber sie mache das auf ihre Weise.

Das aber sei für traditionelle Religionen, meint Roger Bennett von Reboot, eine Herausforderung. Diese seien nicht auf den Anspruch der jungen Generation auf Auswahlmöglichkeiten und persönlichen Ausdruck eingestellt. Die jungen Menschen wenden sich von den Institutionen und der Teilnahme an Gottesdiensten in den Kirchen, Synagogen und Moscheen ab. Möglicherweise mische man sich seine Religion so zusammen, wie man eine Playlist für den IPod zusammen stellt.

Das würde Orthodoxie und Fundamentalismus sicherlich untergraben, aber vielleicht, so könnte man auch argumentieren, just diese bei Manchen als Kompensation für die drückende Last der Eigenverantwortung stärken, um Komplexität zu reduzieren und einfache Orientierungen zu erhalten. Dafür spräche, dass die Konservativen in den USA nicht schwächer, sondern stärker geworden sind. Der Tod von Johannes Paul II. hat offensichtlich auch Jugendliche wieder zur Religion geführt, auch wenn dies vielleicht nur eine flüchtige Massenhysterie gewesen ist. Und in den arabischen Ländern scheinen sich unter den jungen Menschen immer noch relativ leicht Selbstmordattentäter rekrutieren zu lassen, die statt Alternativen die Irreversibilität des Todes wählen.

Familie und Keuschheit vor der Ehe stehen hoch im Kurs

Die Menschen in den USA sind freilich religiöser als die in den anderen westlichen Ländern. Nach der Umfrage zieht die junge Generation in den USA hier allmählich nach. So sagen 23 Prozent, dass sie nicht an Gott glauben und sich mit keiner Religion identifizieren - doppelt so viele wie bei der Generation X, den zwischen 1966 und 1979 geborenen Baby Boomern, und der davor liegenden Generation. Über 40 Prozent seien unentschieden, also nicht sonderlich religiös, vielleicht eher gleichgültig. Der zunehmenden Abwendung von der Religion entspricht ein stärkerer politischer und moralischer Liberalismus, was sich beispielsweise im Hinblick auf die Befürwortung der Homosexuellenehe, der Abtreibung oder der Einwanderung zeigt. Die junge Generation Y war auch die einzige, in der eine Mehrheit von 54 Prozent für den demokratischen Präsidentschaftspräsidenten Kerry stimmte. Allgemein aber interessiert sich diese Generation kaum für Politik und Wahlen.

Für die gegenläufige Mischung von atheistischen, eher liberalen, und religiösen, eher konservativen, Einstellungen spricht aber auch, dass immer noch für 27 Prozent die Religion eine zentrale Rolle spielt. Allerdings bedeutet dies für viele nicht, sich mit einer Kirche zu identifizieren. Die Hälfte der Befragten sagte, sie würden vor den Mahlzeiten beten. Ein Drittel gab an, regelmäßig mit Freunden über Religion zu sprechen, Gottesdienste zu besuchen und religiöse Texte zu lesen. Und erstaunliche 57 Prozent meinen, es sei wichtig, vor der Ehe keusch zu bleiben. Sex scheint Angst zu machen, denn 35 Prozent sagen, dass sie sehr besorgt seien, von einer sexuell übertragbaren Krankheit infiziert werden zu können. Angeblich seien die "Religiösen" nicht nur im Hinblick auf Partnerschaft, Familie und Sexualität konservativer, sie sollen auch enger mit ihrer Familie und ihrer Gemeinschaft verbunden und sozial aktiver sein, aber gleichzeitig ein größeres Selbstbewusstsein haben.

Die Studie hebt aber auch hervor, dass mit der Generation Y eine tiefgreifende Veränderung der amerikanischen Gesellschaft einhergeht. Nur noch 65 Prozent bezeichneten sich im Jahr 2000 als Weiße, 1972 waren das noch 88 Prozent, bei der Geberation Y in der jetzigen Umfrage sind es nur noch 61 Prozent. Entsprechend weniger Christen gibt es und auch entsprechend weniger Protestanten, die in allen ihren Varianten bislang die amerikanische Gesellschaft geprägt hatten. Nur die Katholiken nehmen wegen der zunehmenden Einwanderung aus Lateinamerika nicht ab. Insgesamt haben die jungen Menschen auch mehr Freunde als früher mit anderer oder keiner Religionszugehörigkeit, wobei die Religiösen aber am stärksten sich mit Gleichgesinnten umgeben. Die am stärksten religiöse Gruppe findet sich bei den Evangelikalen, also jenen Religiösen, die Bush zwei Mal zum Sieg verholfen haben. Die Meisten von ihnen bezeichnen sich wie Bush als "Wiedergeborene".

Die überwältigende Mehrheit glaubt an Gott

Der Trend zum religiösen, konservativen Rand wird von einer anderen Umfrage der Higher Education Research Institute (HERI) bestätigt, die allerdings zu einer anderen Einschätzung kommt. Befragt wurden hier über 290.000 Studienanfänger der University of California at Los Angeles nach ihrer politischen Einstellung sowie in einer anderen Umfrage über 100.000 Studienanfänger nach ihrer Haltung zu Religion und Spiritualität. Hier sagten erstaunliche 80 Prozent, dass Spiritualität für sie wichtig sei und dass sie an Gottesdiensten teilnehmen, 79% glauben an Gott, 69% beten, 40 Prozent folgen religiösen Vorschriften in ihrem Alltagsleben, ebenso viele erklären, dass ihr Glaube gefestigt sei.

Danach ließe sich doch von einer ungewöhnlich starken Bindung an Religion bei den amerikanischen jungen Menschen sprechen. Immerhin sind die Meisten aber tolerant gegenüber den Menschen, die nicht religiös sind oder einen anderen Glauben haben. Und insgesamt, so Ko-Autorin Helen Astin, zeige die Umfrage, dass die Jugend überwiegend auf der "Suche nach einem tieferen Sinn" sei. Sie erwarte auch von der Hochschulausbildung, dass diese ihr bei der Ausbildung persönlicher Werte und Spiritualität hilft.

Zudem stellte die Befragung über die politischen Einstellungen fest, dass das Interesse an Politik stärker als in den Jahren zuvor ist, auch wenn dies nicht mit den 60er Jahren vergleichbar ist. Politisch lässt sich danach eine Erosion der Mitte erkennen, mehr als früher bezeichnen sich als liberal (26,1%) oder konservativ (21,9%). Eine "Rekordzahl" bezeichne sich als links- (3,4%) oder rechtsextrem (2,2%), auch wenn es sich immer noch um sehr wenige handelt, Es handele sich aber, wie es im Bericht heißt, um die größte Veränderung gegenüber dem Vorjahr seit 35 Jahren.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19891/1.html
Kommentare lesen (55 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS