Verschwendung als Lebensstil

16.04.2005

30-40 Prozent der produzierten Lebensmittel landen im Abfall

Angeblich ist Kapitalismus die beste, weil effizienteste Wirtschaftsform. Einen wirklich freien Markt aber gibt es nirgendwo. Das ist auf dem Lebensmittelmarkt nicht anders, er ist in der EU besonders hoch subventioniert, was zur Überproduktion und Verschwendung einlädt. Aber natürlich tragen auch die Verbraucher einen guten Teil dazu bei, dass, wie die BBC aufgrund von Statistiken der Regierung ausgerechnet hat, 30 bis 40 Prozent aller Lebensmittel in Großbritannien im Müll landen. Das dürfte in den meisten anderen europäischen Ländern nicht viel anders sein. Nach einer amerikanischen Studie werden in den USA gar 40-50 Prozent aller hergestellten Lebensmittel nicht verzehrt.

Nach Angaben der Welternährungsorganisation der UN leiden 800 Millionen Menschen an Hunger, darunter 300 Millionen Kinder. Täglich sollen noch immer fast 25.000 Menschen verhungern. Das Problem liegt nicht darin, dass es zu wenig Lebensmittel weltweit gibt, sondern dass viele Menschen sie sich nicht leisten können oder in Regionen leben, die von Dürren, Kriegen und anderen Katastrophen heimgesucht werden. Zu dem Verteilungsproblem gehört, dass die Landwirtschaft in den reichen Ländern subventioniert wird. Der "freie Handel" dient unter anderem dazu, dass Lebensmittel aus der subventionierten Landwirtschaft der EU oder der USA in die Dritte Welt-Länder exportiert wird, in denen die einheimischen Produzenten mit den billigen Produkten nicht konkurrieren können.

Um die Preise auf billigem Niveau dennoch stabil zu halten, werden Lebensmittel vernichtet. Das trägt einen guten Teil zu der Menge an Lebensmitteln bei, die weggeworfen werden. Nach den Berechnungen der BBC handelt es sich um 30-40 Prozent der gesamten Produktion, die teilweise schon auf den Feldern und in der Lebensmittelindustrie vernichtet wird, und dann auf den einzelnen Etappen der Handelskette bis zum einzelnen Haushalt.

Insgesamt sollen die Briten Lebensmittel im Wert von fast 30 Milliarden Euro auf den Müll werfen, was pro Kopf 560 Euro wären. Der Großteil der Lebensmittel wird dabei von den Verbrauchern selbst weggeworfen. Ein Fünftel der in Supermärkten gekauften Lebensmittel wandert direkt in die Abfalltonne, weil die Menschen zuviel kaufen und zu wählerisch sind. Die East London Community Recycling Partnership schätzt, dass wöchentlich pro Person in einem Haushalt 2,7 kg Lebensmittel weggeworfen werden. Tendenz steigend.

Zumindest ein Viertel der weggeworfenen Lebensmittel sei noch essbar. Nur ein geringer Teil wird von Hilfsorganisationen an die Armen verteilt. Die Zahlen sind freilich nur Schätzungen, nach anderen Berechnungen haben die weggeworfenen Lebensmittel einen Wert zwischen 10 und 20 Milliarden Euro. Ungleichheit gibt es freilich nicht nur zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, sondern auch innerhalb der reichen Staaten. So könnten sich in Großbritannien vier Millionen Menschen nicht hinreichend gesund ernähren

Verschwendet werden aber damit nicht nur Lebensmittel oder Geld, sondern auch Futter für die Tiere oder Dünger für die Pflanzen, Benzin für Herstellung und für Transporte, die Kosten für die Deponierung, beim Verrotten wird zudem Methan in die Atmosphäre abgegeben und auch so die Klimaerwärmung weiter verstärkt. Allerdings ließen sich Lebensmittel auch weitaus stärker kompostieren und zu Produkten wie Dünger oder Biogas verarbeiten und könnten so sinnvoll verwendet werden, während gleichzeitig die Müllberge nicht weiter anwachsen würden. Lebensmittel sind in Großbritannien für ein Drittel aller Abfälle verantwortlich, die in aller Regel auf Deponien gelangen.

Aber auch schon ein Blick auf die Zahlen ist beeindruckend. Die Briten schmeißen mit den Lebensmitteln fünf Mal mehr Geld gewissermaßen in den Müll, als sie für Entwicklungshilfe und Schuldenabbau für die ärmsten Länder ausgeben. Mit den von den Briten weggeworfenen Lebensmitteln oder mit dem Geld könnten – theoretisch - 180 Millionen Menschen ernährt und vor dem Hunger bewahrt werden. Aber das sind eher moralische Argumente, die auf einen Misstand hinweisen, als realistische Vergleiche, die schnell in Praxis umgesetzt werden könnten, falls daran überhaupt wirklich Interesse bestehen sollte.

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