Der blutige Tod und die Angst vor den Ärzten
Verschleierungstaktik der Regierung und mangelnde Aufklärung der Bevölkerung lassen Virenepidemie in Angola eskalieren
In Angola wütet eine Epidemie des Marburg-Fiebers. Im Februar wurde der erste Fall eines nachweislich an dem hämorrhagischen Fieber Erkrankten gemeldet; inzwischen sind 257 Fälle aktenkundig, 235 Infizierte starben. Ein Ende der Seuche ist noch nicht absehbar.
Ein Team der Weltgesundheitsorganisation arbeitet in der hauptsächlich betroffenen Provinz Uige im Norden des Landes, aber den Ärzten schlägt eine Welle der Angst und Ablehnung entgegen. In den vergangenen Wochen wurden die Helfer mehrfach angegriffen und Angehörige versteckten ihre erkrankten Verwandten, weil sie glauben, die Mediziner in den weißen Schutzanzügen brächten den Tod.
Das hämorrhagische Marburg-Fieber verursacht Blutungen und ist ein enger Verwandter von Ebola. Der fadenförmige Filovirus wurde 1967 in Marburg das erste Mal identifiziert, als sich medizinisches Personal bei aus Uganda stammenden Laboraffen angesteckt hatte. Der Erreger wird über Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen übertragen. Alles, womit die Erkrankten in Berührung kamen, ist mit dem Virus kontaminiert, der auf Kleidung oder anderen Oberflächen mehrere Tage überleben kann. Auch die Leichen der an der Krankheit Verstorbenen sind hoch infektiös.
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| Dieses Marburg-Virus ist etwa 800 nm lang und 80 nm dick. Es hat Spazierstockform. Am gebogenen Teil klebt noch ringförmig eine Plasmamembran der Wirtszelle. (Bild |
Das Marburg-Fieber hat eine Inkubationszeit von 5 bis 10 Tagen. Die ersten Symptome ähneln Grippe oder Malaria: Kopf- und Muskelschmerzen, hohes Fieber und Schüttelfrost. Dazu kommen in der Folge Brustschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall; danach Entzündungen, äußere und innere Blutungen. Einmal im Körper vermehrt sich der Virus rasant und unaufhaltsam. Es gibt bisher weder eine wirksame Impfung noch Medikamente, lediglich die Symptome können medizinisch gelindert werden. Viele Patienten versterben schließlich an Multi-Organversagen.
Einzelne Fälle und Epidemien
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Vor 1967 war das Marburg-Fieber unbekannt, aber hämorrhagische Fieber sind eine alte Geißel der Menschheit. Inzwischen spekulieren einige Mediziner sogar, dass sie und nicht die Pest für den Schwarzen Tod, der von 1347 bis 1660 Europa entvölkerte, verantwortlich sind (Der schwarze Tod: Pest oder Ebola?).
Auf die ersten Fälle in Marburg folgten weitere bei Laborpersonal in Frankfurt und Belgrad, die ebenfalls mit Affen aus Uganda zu tun gehabt hatten. Einzelne Infizierte, die sich zuvor in Zimbabwe aufgehalten hatten, gab es dann 1975 in Südafrika, weitere 1980 und 1987 in Kenia. Bei gutem Gesundheitszustand und medizinischer Versorgung beträgt die Sterblichkeitsrate etwa 25 Prozent, d.h. drei Viertel der Infizierten überlebten das Marburg-Fieber.
Warum sich in allen diesen Fällen der Virus nicht weiter verbreitete, ist ebenso unbekannt wie seine genaue Herkunft. Die erste Epidemie trat 1999 in der Stadt Durba im Ostkongo auf (Humboldts Erben), 149 Menschen infizierten sich, 123 davon starben. Die schlechteren Lebens- und medizinischen Versorgungsbedingungen erhöhten die Sterblichkeitsrate auf 80 Prozent.
In Durba erkrankten hauptsächlich Arbeiter aus der lokalen Goldmine. Dadurch kamen die Fledermäuse als Wirtstiere unter Verdacht, den in der Mine leben eine Menge der Flattertiere. In folgenden Untersuchungen konnte das aber nicht klar bestätigt werden. Stephan Becker, Virologe an der Universität Marburg, der Möglichkeiten der Eindämmung der Vermehrung von Filoviren erforscht, erklärte kürzlich gegenüber der Süddeutschen Zeitung:
Fledermäuse gelten als mögliches Reservoir für Marburg-Viren, seit bei einem Ausbruch in einer Goldmine im Kongo etliche Arbeiter erkrankten. Die Mine war voll von Fledermäusen. Man hat Tausende der Tiere untersucht, aber keine Viren in ihnen gefunden. Vielleicht sind Fledermäuse trotzdem das Erregerreservoir, und in der Mine wurden einfach nicht die richtigen Tiere erwischt.
Klar ist bisher nur, dass Affen den Erreger des Marburg-Fiebers übertragen genau wie bei Ebola (Die Tiere sterben zuerst, dann stirbt der Mensch). Im Fall von Ebola weisen neueste Studien daraufhin, dass auch Hunde den Virus übertragen können.
Die Angst geht um in Uige
Wie der Marburg-Virus es schaffte, in Angola Einzug zu halten, bleibt rätselhaft. Der von dem langen Bürgerkrieg gebeutelte Staat (Angola wagt die Hoffnung) gehört zu den ärmsten der Welt. Angola hält international vor allem den traurigen Rekord des am stärksten verminten Landes. Die medizinische Versorgung ist katastrophal, die Kindersterblichkeit sehr hoch: jedes vierte Kind stirbt vor seinem fünften Geburtstag.
Die Angolaner sind Kummer, Tod und Abschied gewohnt. Aber was jetzt geschieht, überfordert die Menschen. Das Marburg-Fieber hat vor allem Kinder infiziert, und wenn die Eltern sie angesichts des sich schnell verschlechternden Gesundheitszustands ins Krankenhaus bringen, dann nehmen ihnen von Kopf bis Fuß in weiße Schutzanzüge gehüllte Personen die Kleinen ab und bringen sie auf die Isolationsstation. Wegen der Ansteckungsgefahr wird jeder Kontakt unterbunden und auch die Leichen dürfen nicht wie es traditionell üblich ist liebevoll gewaschen und von den Angehörigen beerdigt werden. Stattdessen werden die Verstorbenen in Plastiksäcke verpackt und sofort verscharrt. Ihre Gräber liegen auf einem Friedhof am Stadtrand alle nebeneinander, einfache Holzkreuze mit dem Namen des Verstorbenen in schwarzer Schrift verkünden, welche Opfer der Epidemie hier liegen. Alles, was die Toten berührt haben, ihre persönliche Gegenstände und die Kleidung, wird verbrannt.
Den Einheimischen erscheinen die komplett weiß (in Angola die Farbe der Trauer) vermummten Gestalten wie Todesengel von einem anderen Planeten. Wer mit ihnen in Berührung kommt, stirbt qualvoll und schnell. Tatsächlich sterben neun von zehn Infizierten. Kein Wunder, dass sich die Stimmen mehren, die Mediziner seien Hexer und brächten den Tod. Einige Teams, die über Land fuhren, wurden angegriffen und die Angehörigen verstecken inzwischen die Erkrankten.
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| Bekämpfung des Marburg-Fiebers Angola 2005 |
Ärzte ohne Grenzen arbeitet mit einem eigenen Team von 17 Personen vor Ort in Uige. Die Organisation ist sich der Ängste bewusst und versucht durch Aufklärung Vertrauen zu schaffen. In einem Bericht vom 17. April heißt es:
Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen haben angolanisches medizinisches Personal in den strengen Hygienevorschriften ausgebildet, die zur eigenen Sicherheit im Kontakt mit den Kranken und Toten beachtet werden müssen. Diese Schulungen müssen noch ausgeweitet werden. Damit all diese Maßnahmen Früchte tragen, ist es besonders wichtig, die verunsicherte und auch verängstigte Bevölkerung zu informieren und über die Erkrankung aufzuklären. Bisher ist das noch nicht ausreichend gelungen, weshalb Teams von Ärzte ohne Grenzen und auch der WHO bei Besuchen in Cadango und Kima-Kongo in der Provinz Uige auf feindliche Reaktionen stießen. Da der Kampf gegen die Epidemie eine Isolation der Patienten und die Beerdigung der Toten entgegen angolanischer Tradition in Säcken erfordert, kann bei den Einwohnern der Eindruck entstehen, dass die medizinischen Teams ihre Kranken und Toten beschlagnahmen. Zudem erzeugt die hohe Sterblichkeit der Patienten in den Isolierstationen Misstrauen nur zwei Kranke haben mehr als 24 Stunden überlebt.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ein Team aus 19 Personen mit Epidemiologen, Virologen, Anthropologen und Computerspezialisten vor Ort. Sie setzen ebenfalls auf Information und Zusammenarbeit mit den lokalen Strukturen. Krankenpfleger und Ärzte werden ausgebildet. Auch die traditionellen Gemeindevorsteher, die so genannten Sobas, werden miteinbezogen, damit sie die Teams auf ihren Touren durch die Provinz begleiten und direkt beobachten können, was sie tun (Ständige Updates der WHO: Marburg haemorrhagic fever).
Die New York Times berichtete am Sonntag, dass einige Sobas den Direktor des Krankenhauses in Uige, Matondo Alexandre, der im Februar die ersten Verdachtsfälle von Marburg-Fieber öffentlich gemacht hatte, der Hexerei beschuldigt hätten. Die traditionellen Chefs hatten Gerüchte in Umlauf gebracht, er habe die Krankheit verursacht, um sich wichtig machen zu können und befördert zu werden. Danach wurden Mitglieder seiner Familie bedroht und die angolanischen Behörden befanden, dass es besser für ihn sei, Uige zu verlassen. Zusammen mit seiner Familie wurde er inzwischen in die Hauptstadt Luanda ausgeflogen.
Versagen der angolanischen Regierung
Dr. Alexandre handelte auf eigene Verantwortung, als er vor drei Monaten über das Radio seinen Verdacht verkündete, dass es wahrscheinlich Fälle von Marburg-Virus in Uige gäbe. Die Kinderärztin Maria Bonino von der Organisation Medici con l'Africa Cuamm, die später zusammen mit einem weiteren Arzt und 14 Krankenpflegern am Marburg-Virus verstarb, hatte schon vor einem guten Jahr den ersten Verdacht auf ein hämorrhagisches Fieber bei einem Kind auf ihrer Station.
Im Juli übernahm Matondo Alexandre die Leitung des Krankenhauses und sie berichtete ihm von ihrem Verdacht. Erste Blutproben wurden in ein Labor nach Luanda geschickt. Sie fielen negativ aus. Im Herbst gab es weitere strittige Todesfälle und weitere Proben, die an das Labor geschickt wurden aber es kam keine Antwort. Die Zahl der erkrankten Kinder, die schnell starben, nahm zu und Dr. Bonino war zunehmend beunruhigt. Die nationalen Behörden beantworteten die Anfragen nach mehr Tests nicht, deswegen entschloss sich Dr. Alexandre im Februar zu dem Schritt, sich direkt an die Öffentlichkeit zu wenden.
Im März traf dann endlich ein Team des angolanischen Gesundheitsministeriums in Uige ein, eine Gruppe von der Weltgesundheitsorganisation folgte kurz darauf. Jetzt erwiesen sich die Blutproben als positiv, die ersten neun Fälle von Marburg-Fieber wurden dokumentiert, der Apparat kam ins Rollen.
Die angolanische Regierung ignoriert das Problem und seine Ausmaße trotzdem weitgehend. Gerade mal fünf Seuchen-Experten entsandte sie in den Norden, dazu 35 Soldaten, die hauptsächlich die Leichen einsammeln und beerdigen. Die nationalen Behörden verlassen sich auf die internationale Hilfe. Es gibt bereits die ersten gemeldeten Fälle von Infizierten aus anderen Landesteilen, inzwischen aus mindestens sieben Provinzen. Ärzte ohne Grenzen beklagt:
Die angolanischen Behörden müssen unbedingt das Ausmaß der Epidemie erkennen. Wenn nicht strenge Maßnahmen ergriffen werden, um Kranke zu isolieren und die Bevölkerung zu schützen, wird das Marburg-Fieber sich weiter in Angola verbreiten. Bei einer Intensivierung der Bemühungen hingegen könnte die Epidemie innerhalb einiger Wochen gestoppt werden.
Die Leiterin des Teams Monica de Castellarnau brachte es gegenüber der New York Times auf den Punkt: Was wir hier tun, hat fast keine Auswirkungen. Wir können nicht die Regierung ersetzen. Während die internationalen Spezialisten Alarm schlagen und eine Ausweitung der Aufklärung und Maßnahmen fordern, erklärte Jose Van Dunem vom angolanischen Gesundheitsministerium am Sonntag gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, die Situation sei unter Kontrolle und die Ausbreitung des Marburg-Fiebers gestoppt (Angola Says Marburg Outbreak Coming Under Control).
http://www.heise.de/tp/artikel/19/19919/1.html- Nicht zur Gewalt anregen (23.4.2005 15:47)
- Glauben und Wissen (22.4.2005 7:34)
- Kurz (21.4.2005 16:36)
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