Der Eisberg ist auf die Zunge gekracht
Die Umrisse der Antarktis verändern sich ständig und die Gletscher schmelzen in alarmierendem Tempo
Nachdem der riesige Eisberg B-15A in der Antarktis vorübergehend auf Grund gelaufen war, driftete er in die von den Wissenschaftlern erwartete Richtung weiter und krachte vor einigen Tagen mit gewaltiger Wucht gegen die Drygalski-Eiszunge, von der ein großes Stück abbrach.
Die Kollision der beiden antarktischen Eisformationen hatten die Wissenschaftler lange erwartet. Nach ihren Berechnungen hätte der Eisberg schon im Januar in die Eiszunge driften sollen (Clash der eiskalten Titanen). Die Landkarte der Antarktis hat sich durch diesen Zusammenstoß der eiskalten Giganten nachhaltig verändert. Die Umrisse des Südpols sind in ständiger Bewegung auch weil die Gletscher dort in den letzten 50 Jahren immer mehr geschrumpft sind, wie eine neue Studie beweist.
Bereits im Frühjahr 2000 hatte sich ein gewaltiger Eisberg (270 km lang und 40 km breit) vom Ross-Schelfeis gelöst (Ein Eisberg wird geboren, Nascent Cam on the Ross Sea iceshelf). Der Wind und die Meeresströmungen trieben ihn aufs Meer hinaus, kurz darauf zerbrach er und schließlich segelte sein größtes Bruchstück mit der Bezeichnung B-15A in den Mc-Murdo-Sund im Ross-Meer, wo es einige Kilometer vor der 70 km langen Eiszunge im flachen Gewässer auf Grund lief (Klassifikation und Benennung von Eisbergen am Südpol: (National Ice Center).
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Am 15. April krachte der Eisberg B-15A in die Drygalski-Eiszunge, deren Spitze abbrach (Bild |
Der flaschenförmige Eisberg saß fest (Largest iceberg on Earth runs aground) und lag quer vor dem Sund. Um ihn herum gefror das Meerwasser, es bildete sich eine große Menge Treibeis. Der 120 km lange und 2500 Quadratkilometer große Eisgigant stellte eine natürliche Barriere dar, so dass Schiffe die dort gelegenen US-Forschungsstation Mc Murdo und die neuseeländische Scott Base nicht mehr erreichen konnte. Die Wissenschaftler mussten per Flugzeug aus der Luft versorgt werden.
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Aber nicht nur den Polarforschern machte der schwimmende Koloss mit den Ausmaßen von Luxemburg das Leben schwer. B-15A gefährdete seit Jahren die Pinguinkolonien in der Antarktis: Viele Pinguine kamen zu spät zu ihren Brutplätzen, um noch Nachwuchs aufzuziehen; andere mussten während des Brütens weite Wege auf sich nehmen, um watschelnd das offene Meer zu erreichen, wo sie ihre Nahrung fischen (15A Iceberg).
Kollision
Wissenschaftler installierten eine GPS-Station auf dem Eisberg. Außerdem wird B-15A konstant aus dem All beobachtet, unter anderem vom europäischen Umweltsatelliten Envisat. Auf dem kleineren Bruchstück B-15K, das ebenfalls auf Grund gelaufen ist, haben Forscher sogar eine Webcam eingerichtet (Penguin Cam).
Am Ende des antarktischen Sommers, im März, setzte sich B-15A wieder in Bewegung und begann auf die Eiszunge zuzudriften (Giant iceberg B-15A edges past floating ice pier). Mitte April krachte der riesige Eisberg dann auf die Drygalski-Eiszunge, von deren Spitze durch die Kollision ein 5 km langes Stück wegbrach. B-15A blieb unbeschädigt und treibt wahrscheinlich jetzt ins offene Meer hinaus. Satelliten der ESA und der NASA werden ihn weiter beobachten (B-15A collides with Antarctic ice tongue, B-15A strikes Drygalski Ice Tongue)
Die Gletscher schmelzen
In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science stellen Alison J. Cook und Kollegen vom British Antarctic Survey und vom U.S. Geological Survey ihre umfassende Studie zur Veränderung der antarktischen Gletscher vor.
Schon lange wird darüber spekuliert, ob die globale Erwärmung auch einen messbaren Effekt auf die Gletscher am Südpol hat (Wird der warme Ozean das Eis in der Antarktis schmelzen?, Die Gletscher der Antarktis folgen den Gezeiten). Überall auf der Welt schmelzen die Gletscher zunehmend weg (Gletscherarchiv), sogar im Himalaya (Das Dach der Welt tropft).
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| Gletscher an der Küste der antarktischen Halbinsel (Bild |
Das Team um Cook konzentrierte sich auf die Gletscher der antarktischen Halbinsel, der gebirgigen Region des westlichen Südpols, die sich über 1930 Kilometer in Richtung Südamerika erstreckt (Karte Antarktis). Die Forscher verwendeten rund 2.000 Luftaufnahmen, die bis auf die Zeit direkt nach dem zweiten Weltkrieg zurückgehen und mehr als 100 Satellitenbilder, die bis in die 60er Jahre zurück datieren. Die Aufnahmen wurden in ein geografisches Informationssystem eingegeben, um die Veränderungen genau kartografieren zu können. Das Ergebnis ist beeindruckend: Von den 244 erfassten Gletschern sind in den letzten 50 Jahren 87 Prozent deutlich geschwunden, nur 32 legten ein wenig zu. Im Schnitt zog sich jeder Gletscher um etwa 600 Meter zurück. Alison Cook fasst die Ergebnisse der umfangreichen Analyse zusammen:
Vor fünfzig Jahren wuchsen die meisten Gletscher ganz langsam in die Länge, aber seither hat sich das Muster ins Gegenteil verwandelt. In den letzten fünf Jahren schrumpfte die Mehrheit sehr schnell. Der Rückzug der Gletscher begann in der nördlichen, wärmeren Spitze der antarktischen Halbinsel und setzte sich in Richtung Süden fort, einhergehend mit ansteigenden atmosphärischen Temperaturen. Diese Region weist einen dramatischen, örtlich begrenzten Wärmeanstieg auf um 2 Grad Celsius in den letzten 50 Jahren aber das ist nicht der einzige Faktor, der die Veränderungen verursacht. Das Bild ist komplex. Im Durchschnitt schwanden die von uns untersuchten Gletscher um 50 Meter pro Jahr in den letzten fünf Jahren, schneller als jemals zuvor in den letzten fünfzig Jahren. Trotzdem stellen sich 32 Gletscher diesem Trend entgegen und wuchsen geringfügig. Wenn wir nicht eine so große Zahl von Gletschern studiert hätten, hätten wir leicht das komplette zugrunde liegende Muster übersehen können. Der Wechsel von Wachsen zu Schwinden legt nahe, dass die Erwärmung die Schlüsselursache darstellt, aber diese Gletscher zeigen eine komplexere Reaktion als das benachbarte Schelfeis.
Die wenigen Gletscher, die in den letzten fünfzig Jahren etwas zulegten, wuchsen im Schnitt um etwa 300 Meter, also um die Hälfte des durchschnittlichen Schwundes der Mehrheit. Die Trendwende erfolgte in der Mitte der 50er Jahre. Von 1945 bis 1954, legten 62 Prozent ständig an Eismasse zu. Danach setzte der Rückzug ein, verstärkt ab dem Jahr 2000.
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| Gletscher an der Küste der antarktischen Halbinsel (Bild |
Der Sjogren-Gletscher, am nördlichen Ende der Halbinsel gelegen, schrumpfte seit 1993 um 13 km und ist damit der Rekordhalter des absoluten Abschmelzens unter den untersuchten Eisriesen. Den Schmelzrekord pro Jahr hält der Widdowson-Gletscher, der sich in den letzten fünf Jahren jeweils um 1,1 km zurück zog.
Neben der gemessenen Erwärmung des lokalen Klimas könnten unter anderem die Meerestemperaturen eine Rolle spielen, über deren mögliche Veränderung aber keine Daten vorliegen. Weitere Forschungen müssen den genauen Zusammenhängen noch auf den Grund gehen. Co-Autor David Vaughen kommentiert:
Der umfassende Rückzug der Gletscher auf der antarktischen Halbinsel in den letzten 50 Jahren wurde größtenteils durch klimatische Veränderungen verursacht. Sind wir Menschen dafür verantwortlich? Wir können das nicht mit Sicherheit sagen, aber wir sind der Antwort auf diese wichtige Frage einen Schritt näher gekommen.
Die drei neuen Karten der Gletscher auf der Halbinsel des Südpols werden von der U.S. Geological Survey bald Wissenschaftlern und anderen Interessierten zur Verfügung gestellt.
http://www.heise.de/tp/artikel/19/19954/1.html- mag sein... (26.4.2005 23:08)
- Ganz einfach .. (25.4.2005 13:26)
- "wir" ?? _Wir_ können aber Geld für deinen Flug dorthin sammeln ^^ (25.4.2005 13:22)
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