"Ich hasse Dich – verlass mich nicht": Leben auf der Grenze

28.04.2005

Macht Beziehungen und Familien zum Alptraum: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung

“Spinne ich oder spinnt er/sie?” Das fragt sich so mancher in Familien oder Partnerschaften, in denen immer wieder aus heiterem Himmel urplötzlich die Fetzen fliegen. Borderline Personality Disorder (BDP), kurz „Borderline“, kann die Ursache sein, die einen zum Verzweifeln bringt.

[…]

Borderline
Feels like I'm going to lose my mind
You just keep on pushing my love
Over the borderline

[…]

Something in your eyes is makin' such a fool of me
When you hold me in your arms you love me till I just can't see
But then you let me down, when I look around, baby you just can't be found
Stop driving me away, I just wanna stay
There's something I just got to say

Just try to understand, I've given all I can,
'Cause you got the best of me

[…]

Look what your love has done to me
Come on baby set me free
You just keep on pushing my love
over the borderline
You cause me so much pain
I think I'm going insane

[…]

Madonna – Borderline

Borderline war einer der ersten Hits von Madonna. Nicht so eklig wie Like a Virgin, Material Girl und ähnliche pappsüße Kommerz-Plastikware, die einen einst Madonna aus vollem Herzen hassen ließen. Nein, ein fröhlich trällernder Song. Doch, was kaum bekannt ist: ein autobiografischer Song. Madonna besingt hier nicht nur eine turbulente Beziehung – sie verrät auch die Ursache dafür: „Borderline“ ist die erst in den letzten Jahren bekannter gewordene Bezeichnung für eine weit verbreitete Persönlichkeitsstörung.

Der Begriff „Borderline“ wurde dabei ursprünglich 1938 gewählt, weil die Ärzte die davon Betroffenen auf der Grenze zwischen Normalität und einer ernsthaften Neurose, einer Geisteskrankheit, einordneten. Ab 1980 wurde Borderline jedoch als eigene Erkrankung eingestuft. In früherer Zeit fielen Borderline-Erscheinungen unter das Etikett „Hysterie“.

3/4 der Borderline-Diagnosen betreffen Frauen, nur 1/4 Männer, was einerseits an den für Frauen oft noch schwierigeren Lebensumständen liegen kann, andererseits auch daran, dass launische Männer sowohl privat wie erst recht im Beruf zwar ebenso alle zur Verzweiflung bringen wie Frauen, doch als Chef die Macht haben, alle nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen und von daher als Tyrann, als Psychopath, doch nicht als Borderliner gesehen werden. Borderliner, die keine Macht über andere haben, können dagegen selbstzerstörende Tendenzen bis zum Selbstmord entwickeln.

Das große Kind

Dem Borderliner fehlen dabei der Rückhalt und das Gefühl, wie er in seinem gesellschaftlichen Umfeld ankommt. Er ist emotional teilweise wie ein Kind, ist extrem unsicher und durchlebt dabei ebenso extreme Gefühle, doch nicht wie bei der bipolaren Störung („manisch-depressiv“, „himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“) aufgrund körperlicher Abläufe von einem Extrem ins andere kippend und dazwischen auch völlig „normal“, sondern spontan und für alle Beteiligten völlig überraschend, wobei sich der Borderliner auch nie „normal“ fühlt, auch wenn er nach außen stabil erscheit. Ein „falsches“ Wort eines anderen, das der Borderliner anders interpretiert als es gemeint war, und seine Stimmung kann von einer Sekunde auf die andere in Wut, Hass und Zerstörungswut umschlagen.

Ein Problem ist dabei, dass Borderliner keine Zwischentöne kennen: Andere Menschen müssen wie in Hollywood-Filmen entweder der Prinz auf dem weißen Pferd sein – oder aber der böse Schurke in Schwarz. Es gibt für Borderliner nur weiß und schwarz, gut und böse. Ein neuer Bekannter wird zunächst einmal vergöttert, was in erotischen Beziehungen für diesen wie Liebe auf den ersten Blick wirkt. Borderliner sind dabei sehr verführerisch und wirken sehr interessant – doch gehört auch viel Schauspiel dazu.

Doch hat der neue Traumprinz dann das erste Mal etwas getan, was dem Borderliner nicht in sein Traumbild passen will, so kann er sehr schnell ins andere Extrem gesteckt werden – der Schurke, der Betrüger, der Böse. Der Borderliner kennt keine Zwischenstufen und wird sein Gegenüber nun von einer Minute auf die andere hassen. Doch zieht sich der nun verhasste Partner zurück, bricht beim Borderliner trotzdem die Panik vor dem Verlassenwerden aus.

Radikale Schwarz-Weiß-Sicht

Die für emotional normal veranlagte Menschen völlig verwirrende Reaktion Ich hasse Dich – verlass mich nicht ist so typisch für den Borderliner, dass sie zum Titel eines der ersten populäreren Bücher über die Persönlichkeitsstörung wurde, das vor über 15 Jahren erschien und immer noch sehr aktuell ist. Dieses Buch von Jerold K. Kreisman und Hal Straus hat vielen Mitleidenden mit einem Borderliner im Freundes- oder Verwandtenkreis die Augen geöffnet. Für selbst von Borderline Betroffene ist es allerdings problematisch, da es – entsprechend den Erkenntnissen seiner Zeit – keine Möglichkeiten sieht, etwas gegen die Borderline-Störung zu unternehmen: Bis zum Alter von 40 verschwindet sie bei vielen Betroffenen von alleine, doch bis dahin haben sich 8 bis 10 % bereits umgebracht und der Rest je nach Schwere der Störung ihr Leben und das ihrer Mitmenschen versaut. Das sind natürlich keine aufmunternden Nachrichten, wenn man mit Borderline leben muss.

Leben mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung von Dr. Günter Niklewski und Dr. Rose Riecke-Niklewski ist bereits hilfreicher für Betroffene, allerdings sehr medizinisch gehalten: Leser ohne Vorkenntnisse könnte es überfordern oder langweilen. Schluss mit dem Eiertanz von Paul T. Mason und Randy Kreger wiederum will ausgesprochen den Freunden und Verwandten von Borderlinern helfen, sich zu schützen – ein Borderliner selbst wird mit dem Buch dagegen wenig anfangen können.

Aus der „Macke“ Nutzen ziehen: Schauspieler

Schauspieler können aus Borderline-Störungen durchaus Höchstleistungen ziehen, bringen jedoch privat keine länger andauernden Beziehungen zustande. Madonna ist so ein Fall, ein für die Betroffene weniger glücklich verlaufener war Marilyn Monroe. Auch wenn ein Borderliner weiß, dass er eine Borderline-Störung hat, hilft ihm das nicht direkt weiter – weiß er es nicht, verdrängt er es gar, so kann man es ihm auch nicht sagen, wer lässt sich schon sagen, dass er eine „Macke“ hat? Mancher Borderliner erkennt sein Problem selbst und wird sich dafür hassen, andere projizieren es stattdessen auf ihre Mitmenschen: Ein Mann, der von seiner Frau wegen „Borderline“ zur Therapie geschickt wurde, erfuhr erst vom Therapeuten, dass nicht er der Betroffene war.

Es ist eine psychische Achterbahn, auf der alle Mitmenschen des Borderliners mitfahren, ob sie sich nun als Freunde oder Partner diese Rolle freiwillig gesucht haben oder als Eltern, Kinder oder Verwandte keine andere Wahl haben. Sie wissen gar nicht, wie ihnen geschieht, was sie denn nun gerade wieder „falsch“ gemacht haben. Irgendwann glauben viele, selbst verrückt zu sein und auf Dauer werden sie vom Borderliner auch tatsächlich völlig kirre gemacht. Seine teils sehr manipulativen Taktiken können dabei unheimlich herzlos und brutal erscheinen, sie sind psychisch stark verletzend – auch für den Borderliner selbst.

Die Gründe liegen oft in Vorfällen in der Kindheit, die Behandlung ist auch für psychologische Fachleute sehr schwierig und extrem stressig. Bis vor kurzem galt Borderline sogar als unheilbar. Freunde flüchten normalerweise irgendwann vor Borderlinern, schon aus Selbstschutz oder weil alle Freundschaft und Liebe durch die Aggressionen des Borderliners zerstört worden ist; weil sie es nicht mehr aushalten, grundlos angegriffen, beschimpft und bloßgestellt zu werden. So erfüllt sich dann oft genug die tief sitzende Angst des Borderliners vor dem Verlassenwerden.

Dauerfahrt auf der Achterbahn

Für alle Freunde und Verwandten eines Borderliners ist es jedoch wichtig, über die Persönlichkeitsstörung und ihre Folgen Bescheid zu wissen, zumal man sich zwar Freunde und Beziehungen aussuchen kann, die eigene Familie aber nicht. Man kann zwar auch dann nicht problemlos mit der Krankheit umgehen – direkte emotionale Angriffe lassen sich auch durch das Wissen für ihre Ursache nicht so einfach wegstecken. Aber es ist allemal besser, als überhaupt nicht zu wissen, woher die plötzlichen Stimmungsumschwünge kommen. Und man muss sich selbst und dem Borderliner Grenzen setzen: Wer angegriffen, verleumdet oder verprügelt wird und dies mit sich geschehen lässt, weil ihm der andere leid tut und er helfen will, der schadet sich und dem anderen.

Für einen Borderliner ist die heutige Gesellschaft schwieriger zu bewältigen als die vergangener Jahrhunderte, in der das anerkannte Verhalten weit mehr fixiert war als heute. Daher resultiert eine scheinbare Zunahme der Borderline-Störungen. Borderliner suchen sich auch selbst oft Berufe mit strikten Regeln wie beispielsweise die Rechtswissenschaften, um so ihr Leben wenigstens äußerlich stärker zu strukturieren. Die Folgen sind dann eine Häufung anstrengender Charaktere in diesen Branchen.

Manchem, der jahrelang unter unerklärlichem Verhalten eines von ihm durchaus geschätzten Mitmenschen gelitten hat, mag es wie Schuppen von den Augen fallen, wenn er die Ursache erkennt. Da die Störung nicht selten ist – in Deutschland alleine haben sie über eine Million –, ist es sogar leicht möglich, bei der Vorliebe für scheinbar schillernde, interessante Charaktere immer wieder auf Borderliner zu stoßen und sich dann zu wundern, dass man immer wieder unglückliche Beziehungen hat.

Typische Kriterien für eine Borderline-Störung sind:

Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen mit einem Wechsel zwischen den Extremen Überidealisierung und Abwertung

Impulsivität bei mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Aktivitäten wie Substanzmissbrauch, finanziellen Ausgaben, extremen Sex, Ladendiebstahl, rücksichtsloses Autofahren, Bulimie

Instabilität der Stimmungslage

Übermäßig starke Wut oder die Unfähigkeit, diese zu kontrollieren

Wiederholte Selbstmorddrohungen oder -versuche oder andere selbstverstümmelnde Verhaltensweisen

Ausgeprägte Identitätsstörungen mit Unsicherheit in mindestens zwei der folgenden Lebensbereiche: Selbstbild, sexuelle Orientierung, langfristige Ziele und Berufswünsche, Art der Freunde oder Partner und persönliche Wertvorstellungen

Chronisches Gefühl der Leere oder Langeweile

Unfähigkeit, alleine zu sein

Vorübergehende, bei Belastung entstehende Wahn- oder Bewusstseinsstörungen

Mindestens fünf dieser Kriterien müssen erfüllt sein, bevor eine Borderline-Störung vermutet werden kann. Doch bevor man als Laie jemand vorschnell das Etikett „Borderline“ anheftet, sollte man dies schon sehr genau mit Literatur und im Internet überprüfen. Es gibt inzwischen über hundert Bücher zum Thema.

Das Internet kann sogar noch hilfreicher sein, weil Betroffene oder Angehörige mit anderen ihre persönlichen Erfahrungen austauschen können. Bekannte Adressen sind beispielsweise www.borderline-community.de, www.borderliners-anonymous.de, www.borderline-selbsthilfe.de, www.versteckte-scham.de undwww.borderline-angehoerige.de. Auf www.borderlinetrialog.de wird versucht, gemeinsam mit Betroffenen, Angehörigen und Therapeuten neue Lösungen zu finden.

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