DNA-Proben für räuberische Kolonialherren?

Thorsten Stegemann 30.04.2005

Ureinwohner protestieren vehement gegen das "Genographic Project"

"Das größte Geschichtsbuch, das je geschrieben wurde", sagt der Anthropologe Spencer Wells, "ist in unserer DNA versteckt." Der Leiter des ambitionierten Genographic Project, das derzeit von dem amerikanischen Wissenschaftsverlag National Geographic und dem Computerriesen IBM durchgeführt wird, will in den kommenden fünf Jahren weltweit rund 100.000 DNA-Proben zusammentragen, um die Besiedlung der Erde durch den Menschen im Detail nachvollziehen zu können. Die Bedeutung des "Genographic Project" könne durchaus mit dem Flug zum Mond verglichen werden, meint Wells.

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Die Interessenvertretungen indigener Völker sehen das anders. Sie befürchten, dass die wissenschaftlichen Vorboten der 1. Welt mit den gesammelten Daten auf eigene Faust und Rechnung medizinische Forschungen betreiben wollen. Paul Reynolds vom Maori Research Centre an der University of Auckland hält das Projekt für "colonisation as usual", und der Hawaiianer Le'a Kanehe, der sich für das Indigenous Peoples Council on Biocolonialism engagiert, geht noch mehrere Schritte weiter.

Es ist interessant, dass rassistische Wissenschaftler, zum Beispiel solche aus der eugenischen Bewegung, in der Vergangenheit Studien durchführten, um zu beweisen, dass wir ihnen biologisch unterlegen sind; und nun sagen sie, ihre Forschungen werden zeigen, dass wir alle miteinander verwandt sind und gemeinsame Ursprünge haben. Beide Spekulationen basieren auf einem rassistischen Wissenschaftsverständnis und führen zu nichtssagenden, schädlichen Schlussfolgerungen über indigene Kulturen.

Wanderung des Menschen. Bild

Den Befürwortern des "Genographic Project" geht es nach eigenen Angaben ausschließlich darum, den Weg des Homo sapiens nachzuvollziehen, der vor 200.000 Jahren in Afrika begonnen haben soll. Vor etwa 70.000 Jahren stand die Spezies dann offenbar vor dem Aussterben, nachdem nur 2.000 Individuen ein Erdbeben auf Sumatra überlebt hatten. Weitere 10.000 Jahre später wanderte der Homo sapiens auf andere Kontinente aus.

Die Forscher interessieren sich besonders für das nur von Männern vererbte Y-Chromosom und die Mitochondrien-DNA, die nur über die weibliche Linie weitergegeben wird. Ihre Analyse könnte Aufschluss über Migrationsbewegungen, Lebensräume und Verwandtschaftsbeziehungen geben, deren Enthüllung Spencer Wells im Falle der Nachfahren von Dschingis Khan bereits gelungen ist. Sie hat es ins nördliche Pakistan verschlagen, und nun hoffen die Wissenschaftler, weitere genetische Spuren großer historischer Ereignisse entdecken zu können. Mitmachen darf übrigens jede(r), allerdings kostet der Baukasten zur DNA-Speichelprobe 99,95 US-Dollar "plus $26.50 shipping and handling, and tax where applicable".

Vertreter verschiedener indigener Völker sehen in dem Vorhaben eine Fortsetzung des "Human Genome Diversity Project" und erheben gegen die Verantwortlichen den Vorwurf des Gen-Diebstahls, der eine Form moderner Kolonialisierung darstelle. Ethische Mindeststandards seien auch diesmal kaum gewährleistet, da das privat finanzierte Projekt nicht durch unabhängige Institutionen, beispielsweise die Vereinten Nationen, unterstützt werde. Bioethiker wie Cherryl Smith aus Aotearoa in Neuseeland unterstützen deshalb den weltweiten Boykott-Aufruf des "Council on Biocolonialism" und verweisen auf das wachsende Selbstbewusstsein der Ureinwohner.

Indigene Völker sind überall auf der Welt sehr viel aufmerksamer, wenn es um Biopiraterie und unsere Menschenrechte in der Forschung geht. In den vergangenen zehn Jahren haben wir expandierende Netzwerke mit Menschen entwickelt, die gut informiert und bereit sind, ihre Rechte zu verteidigen.

Die Gegner des "Genographic Project" wehren sich allerdings nicht nur gegen wissenschaftliche Bevormundung und wirtschaftliche Ausbeutung, sondern auch gegen einen drohenden Identitätsverlust. Marla Big Boy vom Sioux-Stamm der Lakota will die kulturellen Überlieferungen des eigenen Volkes nicht gegen die vermeintlichen Erkenntnisse moderner Forschungen eintauschen.

Unsere Schöpfungsgeschichten und Sprachen tragen alle Informationen über unsere Herkunft und unsere Vorfahren. Wir brauchen keine Gentests, die uns sagen, woher wir kommen.

Paul Reynolds ist davon überzeugt, dass auch die Maori ihre Abstammung durch Ursprungsmythen und nicht mit Hilfe wissenschaftlicher Rationalität erklären wollen. Außerdem widerspreche die Sammlung von DNA durch Blutproben der Vorstellung von der Unversehrtheit und Heiligkeit des Körpers.

Offenbar haben National Geographic und IBM angesichts der genetischen Gemeinsamkeiten, die innerhalb der menschlichen Spezies auf 99,9% veranschlagt werden, ein paar kulturelle Differenzen übersehen. Manchmal verraten simple Gespräche und kontroverse Diskussionen eben doch noch mehr als DNA-Proben.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19985/1.html
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