HYPERTEXTUALITÄT IM WORLD WIDE WEB
Mike Sandbothe 20.03.1996
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Das digitale Zeichengeflecht des Hypertext

Bevor ich auf das für das World Wide Web charakteristische Geflecht von Bild, Sprache und Schrift zu sprechen komme, möchte ich vorweg noch einmal kurz auf die textorientierten Chat-Programme (IRC, MUDs, MOOs) zurückkommen. Die Chat-Programme haben sich unabhängig vom World Wide Web entwickelt, werden aber zunehmend ins Web integriert.

In den Chat-Programmen fungiert die Schrift als Medium der direkten synchronen Kommunikation zwischen Gesprächspartnern, die physisch getrennt sind und sich im Regelfall noch nie zuvor gesehen haben. Die dem Schriftmedium des Buches eigene Anonymität verbindet sich im "Chat" mit der synchronen Interaktivität und der aktuellen Präsenz der Gesprächspartner, die als charakteristisch für die gesprochene Sprache in der Face-to-face-Kommunikation gilt. In der Computer Mediated Communication der Chat-Programme verflechten sich demnach Merkmale, die bisher als Differenzkriterien(16) zur Unterscheidung von Sprache und Schrift dienten. Der Gebrauch von geschriebenen Zeichen im Kontext des neuen Mediums Internet führt folglich zu einer Veränderung im System der Zeichen insgesamt. Die Übergänge zwischen Sprache und Schrift werden fließend. Die traditionelle Auszeichnung der gesprochenen Sprache als Medium der Präsenz wird problematisch. Die Schrift erfährt eine Rehabilitierung.

Die zeichentheoretischen Konsequenzen, die sich aus den kulturellen Praktiken ergeben, die auf dem World Wide Web insgesamt entstehen, sind komplexer als die beschriebenen Effekte im Bereich der Chat-Programme. Indem das World Wide Web die textorientierten Chats in sich integriert, nimmt es einerseits die durch diese Dienste ermöglichte sprachanaloge Verwendungsweise von Schrift auf. Andererseits aber wird Schrift in den für das World Wide Web charakteristischen Hypertext-Dokumenten am Leitfaden des Bildes neu organisiert.

Die den Kernbereich des World Wide Web ausmachenden Hypertextdokumente(17) können mittels der einfachen Auszeichnungssprache HTML (HyperText Markup Language) so strukturiert werden, daß der Text nicht eine fixe lineare Sequenz darstellt, sondern als ein aktiv zu gestaltendes Geflecht von Textbausteinen funktioniert. Jeder Textbaustein enthält eine Vielzahl anklickbarer Stichworte, Piktogramme und Bilder: die sogenannten Links. Diese einfach anzulegenden und flexibel veränderbaren Schnittstellen verbinden die Textbausteine zu einem komplexen Netzwerk. Die Hypertext-Technologie hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Schreiben und Lesen von Texten.

Jeder Leser hinterläßt bei der Lektüre seine eigene Spur im Text. Oder besser: jeder Leser komponiert den Gegenstand seiner Lektüre durch aktive Selektion der vorgegebenen Links. Die individuelle Rezeptionsperspektive bestimmt die Abfolge der Textbausteine. Lesen ist nicht länger ein passiver Vorgang der Rezeption, sondern wird zu einem Prozeß der kreativen Interaktion zwischen Leser, Autor und Text.

Auch das Schreiben von Texten verändert sich. Schreiben wird zu einer produktiven Vernetzung assoziativer Komplexe. Die vielfältigen Beziehungen, die zwischen den verschiedenen Gedankengängen bestehen, die der Schreibende entwickelt, lassen sich durch Hyperlinks festhalten und repräsentieren. Während der lineare Buch- oder Aufsatztext die komplexen Verflechtungsverhältnisse, die zwischen unseren Gedanken bestehen, künstlich linearisiert und in eine hierarchische Ordnung zwingt, erlaubt der Hypertext eine direkte Darstellung derjenigen Strukturen und Zusammenhänge, die im Buch nachträglich und unzulänglich durch Fußnotenverweise und Indices rekonstruiert werden.

Unter Hypertextbedingungen werden Schreiben und Lesen zu bildhaften Vollzügen. Der Schreibende entwickelt ein netzartiges Gefüge, ein rhizomatisches Bild seiner Gedanken. Dieses Bild ist vielgestaltig und komplex. Es besteht aus einer Pluralität unterschiedlicher Pfade und Verweisungen, die der Lesende zu neuen Gedankenbildern formt, die sich aus dem Zusammenspiel zwischen der offenen Struktur des Textes und den Interessen und Perspektiven des Lesenden ergeben.

Zugleich ist der Schreibende im Medium des Hypertextes nicht mehr in der Position des Allwissenden. Während der traditionelle Autor für das geschlossene System des von ihm geschriebenen Buches oder Aufsatzes allein verantwortlich zeichnet, vollzieht sich das hypertextuelle Schreiben und Denken in unmittelbarer Interaktion mit dem Schreiben und Denken anderer Menschen. Da prinzipiell jede im Internet zugängliche Datei als Textbaustein in das eigene Schreiben integriert werden kann, sind die Interaktionsmöglichkeiten unendlich. Das Verweisungssystem ist grenzenlos. Man könnte sagen, daß es sich beim World Wide Web insgesamt um einen einzigen großen Hypertext handelt, der sich in permanenter Veränderung, in ständiger Bewegung befindet.

Durch das hypertextuelle Datengeflecht des World Wide Web wird es möglich, die Dynamik der Wissenstransformation, die für die moderne Wissenschaft charakteristisch ist, im elektronischen Medium unmittelbar zu spiegeln. Das Medium des Buches und die damit verbundenen Verlagsinstitutionen des Buchmarktes können der sich exponentiell steigernden Dynamik des Wissens schon lange nicht mehr gerecht werden. Der zeitliche Abstand zwischen der Niederschrift eines Textes und seiner Publikation durch den Verlag beträgt mehrere Monate oder sogar Jahre. Diese Zeitkluft wird durch das unmittelbare Publizieren im Netz überwunden. Es ist sogar möglich, im Netz selbst an einem Buch oder einem Aufsatz zu arbeiten. Dann vollzieht sich bereits die Entstehung des Textes im Modus der Öffentlichkeit, d.h. in enger Kooperation mit anderen Netznutzern, die sich mit ihren Kommentaren in das work in progress einschalten.

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