Traum von der Ewigkeit

Florian Rötzer 12.12.1996

Von der digitalen Endlichkeit

Mit den digitalen Medien verbunden ist die Hoffnung auf Ewigkeit. Man glaubt, Daten seien auf Dauer zerstörungsfrei zu speichern, und meint, daß möglicherweise durch Cyborgisierung das Leben der Menschen auf Dauer verlängert werden kann, wenn die biologischen Informationen auf Silikon übertragen werden könnten. Doch mit der Computertechnologie ist nur die Veralterungsgeschwindigkeit gestiegen und die Ewigkeit noch weiter in die Ferne gerückt.

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Computerethusiasten kehren sich mit Verachtung ab von der Wetware und der Meatware, von den natürlichen Materialien und analogen Codierungen. Alles nicht perfekt genug, zu wenig Genauigkeit, zu geringe Haltbarkeit. Ewiges Gedächtnis und dauerhafte Jugend sind gefragt, auch wenn man das Leben gegen gutes Geld vorerst nur einfrieren kann und der tote Leib oder dessen vermeintliches Zentralstück, der Kopf, im Kühlsystem dann seiner Auferstehung harrt. Man nennt das kryonische Suspension.

Immer wieder verkündet der KI-Pabst Marvin Minsky vom MIT die bald anstehende Verwandlung der kurzlebigen Menschen in robuste Maschinen: "Wir werden Möglichkeiten finden, jeden Teil unseres Körpers und unseres Gehirns zu ersetzen - und so alle Defekte und Mängel zu reparieren, die unser Leben so kurz machen. Unnötig zu sagen, daß wir uns dadurch zu Maschinen machen." Aber welche Lebensdauer haben die meisten trivialen Maschinen schon, die wir bislang entwickelt haben? 5 Jahre? 10 Jahre?

Der Drang zur Virtualisierung fällt mit dem alten Begehren nach Ewigkeit zusammen

Seit der ägyptischen Kultur mit ihren Mumien und Monumenten, seit der Einschreibung von Schrift und Bild in Stein und Papier fürchten die Menschen die Endlichkeit der Körper, Materialien und Informationen, kamen Vorstellungen auf vom unendlichen Leben, von einer Wiederauferstehung in einer Parallelwelt. Das Problem war nur der Übergang von hier nach dort, ebenso wie der von der Parallelwelt zur irdischen Welt, den zwar Götter, Geister und Engel immer wieder durchgeführt haben sollen, um den Menschen zu erscheinen und ihnen Botschaften zukommen zu lassen. Der Absturz in die Endlichkeit, die Fleischwerdung, war offenbar nicht ganz so schwierig zu bewältigen wie die Himmelfahrt der Irdischen. Mit dem Aufbruch in die virtuellen Welten und ihren Speichern hat sich dies verändert. Der Drang zur Virtualisierung fällt, parallel zu den Fortschritten der Biotechnologie, mit dem alten Begehren nach Ewigkeit zusammen. Doch die Computertechnologie hat nur die Veralterungsgeschwindigkeit der Materialien, Maschinen und Formate beschleunigt und erscheint deswegen stets im Glanz der ewigen Jugend.

Warum sollten wir, so fragt etwa Hans Moravec, das Gehirn mit seinen Informationen dem vergänglichen Leib und organischen Materialien ausliefern. Digitalisieren wir doch einfach die Information und speichern sie in einem Computersystem eines Roboters ab, dann wäre Schluß mit der Endlichkeit. Aber selbst die Träume von immateriellen Daten, die niemals zerstört werden und die sich verlustfrei kopieren lassen, stoßen sehr schnell wieder auf die krude Materialität der Speicher- und Lesesysteme, ja sie unterbieten sogar in ihrer Vergänglichkeit traditionelle Speicher wie das Buch oder natürliche Speicher wie den genetischen Code.

Wir haben uns bereits an die verwirrenden Versionen von Hard- und Software gewöhnt, die ihr Verfallsdatum schon im Namen tragen, wenn man sie 2.0 oder 3.1 nennt. Windows 95 hat mit der Zeitverfallenheit radikal ernst gemacht. Die Zeit vergeht, und wir warten schon auf Windows 96. Aber das ist nur die eine Seite des Problems.

Vom Mythos unzerstörbarer Information

Daß Papier leicht verderblich ist, wissen wir, doch noch glauben wir an die lange Haltbarkeit und Treue digitaler Aufzeichnungen, an den Mythos unzerstörbarer Information. Alte Magnetbänder, abgespeichert in einem heute unüblichen Format, sind schon nach wenigen Jahrzehnten manchmal kaum noch lesbar. Magnetische Datenspeicher sind weitaus empfindlicher als Papier. Neue Speichersysteme wie CDs und CD-ROMs etwa bewahren die Informationen nur kurzfristig. Man geht von drei bis 28 Jahren aus. Aber selbst wenn die Daten auf einem optischen Speicher perfekt erhalten blieben und beim Kopieren nicht beschädigt würden - wer wird sie in 100 Jahren noch lesen können, wenn die Laufwerke längst verschwunden sind und neue Formate die alten in Vergessenheit geraten ließen? Ohne die entsprechenden Geräte, die notwendige Software und Spezialwissen bleiben die gespeicherten Daten unverständlich. Sie können nicht einmal wie Hieroglyphen entziffert werden, weil sie nie nur in Form von Pits - mikroskopisch kleinen Vertiefungen auf der Scheibe - existieren, die alles und nichts bedeuten können. Ohne Kontextinformation kann man eine Bitfolge nicht interpretieren.

Und was wird dann mit den Mind-Children und Cyborgs, die ewiges Leben versprechen? Sie müßten permanent kopiert und aktualisiert werden - und am besten einen Brief mit sich herumtragen, auf dem alle wichtigen Informationen zur Rekonstruktion der Daten stehen.

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2010/1.html
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