Vom Taylorismus zur Kognitionswissenschaft
Die Industriegesellschaft war vor allem durch die Begriffe der Handarbeit, der Produktion von Gütern und der Ermüdung charakterisiert. Zwischen 1940 und 1960 wurden diese Begriffe schrittweise durch die neuen Begriffe der kognitiven Arbeit, der Informationsverarbeitung und dem Rauschen ersetzt.
Taylorismus, die Bewegungsstudien Gilberts und der Behaviorismus eröffneten den Weg, die Psychologie, die menschliche Informationsverarbeitung und die Kognitionswissenschaft zu technisieren. Im Übergang von der Industriegesellschaft zur postindustriellen Gesellschaft wurden die wissenschaftlichen Untersuchungen über die Leistungskraft des Körpers von denjenigen abgelöst, die die Leistungskraft eines neuen Arbeitsinstrumentes zum Gegenstand hatten - des Geistes.
Anson Rainbach zeichnete nach, wie die in der Mitte des 19.Jahrhunderts formulierten wissenschaftlichen Ideen der Thermodynamik für den Begriff der Arbeit in der Moderne zentral wurden.
Helmholtz, der das Energieerhaltungsgesetz entdeckte, sah dieses Gesetz als universelles Prinzip, das gleichermaßen auf die Natur wie auch auf Maschinen und Menschen angewendet werden kann. Helmholtz "stellte die Planetenbahnen, die Naturkräfte, die produktive Kraft der Maschinen und natürlich der menschlichen Arbeit als Beispiele des Prinzips der Energieerhaltung dar."
Jede Form der Arbeit wurde als Energieverbrauch mit der entscheidenden Konsequenz verstanden, menschliche Arbeit als Arbeitskraft, als Energieverbrauch eines Körpers zu definieren. Der Arbeiter wurde so als "menschlicher Motor" definiert.
Das führte am Ende des Jahrhunderts zu einer Wissenschaftsrichtung, die Rabinbach die europäische Arbeitswissenschaft nennt: "Die Suche nach den exakten Gesetzen der Muskeln und Nerven und dem effizienten Energieverbrauch, in deren Zentrum die Physiologie der Arbeit stand."
Bei der Handarbeit wurde die im Körper gespeicherte Energie, die durch Nahrungsaufnahme, Schlaf und Ruhezeiten angesammelt wird, in Muskelkraft umgesetzt - der Arbeiter führt einen Schlag mit einem Hammer aus oder feilt an einem Maschinenteil. Psychologen, Physiologen und industrielle Fachwissenschaftler suchten daher nach Methoden, um sowohl den Energieerwerb des Arbeiters (durch angemessene Ernährung, kürzere Arbeitszeiten, notwendige Ruhezeiten) als auch den Energieverbrauch während der Arbeit zu maximieren. Genau wie ein Ingenieur, der eine Maschine entwirft, mit der effizientesten Umsetzung der Energie in Bewegung beschäftigt war, so hatten die europäischen Arbeitswissenschaftler das Ziel, die Leistung des Arbeiters zu maximieren und die Verschwendung von Energie zu eliminieren.
Für die Frage, wie man den menschlichen Motor möglichst effizient macht, war der Kampf gegen die Ermüdung, verstanden als Äquivalent zur Entropie, zentral: "Ebenso wie Entropie den Energieverlust angibt, der bei jeder Kraftübertragung auftritt, gab die Ermüdung den Energieverlust in der Erhaltung von Kraft für eine gesellschaftlich nützliche Produktion an. Da Energie als die transzendentale, 'objektive' Naturkraft galt, wurde Ermüdung zur objektiven Nemesis einer auf Arbeitskraft basierenden Gesellschaft."
Die europäische Arbeitswissenschaft mag auf den ersten Blick der amerikanischen wissenschaftlichen Betriebsführung ähnlich erscheinen, deren Pionier Frederick Winslow Taylor, anfänglich ein Ingenieur, der später Managementberater wurde, gewesen ist. Als Teil seines Programms wollte Taylor die Zeit minimisieren und standardisieren, die ein Arbeiter benötigt, um eine Handlung auszuführen. Dazu entwickelte er die Methode der Zeitstudien, bei der der Zeitaufwand der besten Arbeiter gemessen wurde und man die Ergebnisse dann als Norm für die anderen zugrundelegte, die sie einhalten sollten.
Später ließen Frank und Lilian Gilberts, er ein Ingenieur und sie eine Psychologin, eine andere Methode der Bewegungsstudien populär werden. Sie behaupteten, daß die Maximimierung der Produktivität eines Arbeiters am besten durch die Eliminierung von unnötigen Bewegungen und die Effizienssteigerung der notwendigen Bewegungen erreicht werde.
Obwohl die beiden Zeit- und Bewegungsstudien und die europäische Arbeitswissenschaft auf die Effizienz der Handarbeit ausgerichtet waren, gibt es zwischen den beiden Ansätzen eine fundamentale Differenz. Der Taylorismus zielte auf eine maximale Produktivität und beschäftigte sich nicht mit der Erschöpfung und Zerstörung des menschlichen Motors. Die europäischen Wissenschaftler wollten hingegen eine optimale Produktivität erreichen und beschäftigten sich deshalb nicht nur mit der Rationalisierung des Arbeitsplatzes, sondern auch mit der Gesundheit, Ernährung, Sicherheit des Arbeiters und der optimalen Länge eines Arbeitstages.
Aus der Perspektive des Taylorismus gibt es kein Bedenken, einen erschöpften menschlichen Motor gegen einen anderen auszutauschen. Das ist eine Philosophie, die in den USA Hand in Hand mit der entstehenden Ethik der Konsumgesellschaft und mit der Einwanderungspolitik gegangen zu sein scheint, die eine konstante Versorgung mit billiger Arbeitskraft garantierte. Die Europäer hingegen waren verpflichtet, den menschlichen Motor zu pflegen und ihn mit entsprechenden Dienstleistungen zu versorgen.
Nach dem 1.Weltkrieg konvergierten beide Paradigmen, als Europas Industrielle teilweise die brutaleren, aber entschieden effizienteren tayloristischen Methoden übernahmen, während amerikanische Management-Experten eine höhere Aufmerksamkeit gegenüber der Physiologie und Psychologie des Arbeiters entwickelten.
Der Taylorismus reduzierte den Körper des Arbeiters zu einer mechanischen Maschine und kümmerte sich nicht um dessen Geist. Sein Ziel war es, wie Marta Braun zeigt, den Arbeiter systematisch jeder Unabhängigkeit zu berauben und ihn sogar daran zu hindern, den gesamten Herstellungsprozeß zu verstehen, indem "Verantwortung für die Ausführung der Arbeit von deren Planung und Konzeption" abgespalten wurden.
Diese Geringschätzung des Geistes wurde vom Behaviorismus geteilt, der zur selben Zeit wie die europäische Arbeitswissenschaft und der Taylorismus entstand und ebenso die Vorstellungswelt der harten Sozialtechnik in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts charakterisierte. J.B.Watson, der Begründer des Behaviorismus, definierte ihn 1913 explizit als eine Wissenschaft der sozialen Kontrolle: "Die Psychologie, wie sie der Behaviorist sieht, ist ein rein objektiver experimenteller Zweig der Naturwissenschaft. Sein theoretisches Ziel ist die Vorhersage und Kontrolle des Verhaltens." Der Behaviorismus verstand das menschliche Subjekt als ein Input-output-System von Reiz und Reaktion, das durch Konditionierung kontrolliert wird. Weil er sich nur mit der Kontrolle des Körpers beschäftigte, unterdrückte er zwischen 1920 und 1950 fast alle Untersuchungen über perzeptuelle und mentale Prozesse. Der Behaviorismus war eine Psychologie, die gut geeignet war, das bereits auf einen hirnlosen menschlichen Motor reduzierte Subjekt zu kontrollieren.
In den 50ger Jahren beginnt die Kognitionspsychologie den bis dahin herrschenen Behaviorismus zu ersetzen. Seitdem werden von den Psychologen mentale Funktionen untersucht: Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Textverständnis, Gedächtnis und Problemlösung. Ich verstehe dies als eines der wichtigsten Zeichen für den Übergang von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft. Entscheidend dabei ist nicht, ob körperliche Arbeit wirklich allgemein durch geistige Arbeit ersetzt wird. Das ist von Land zu Land und von Indusrie zu Industrie unterschiedlich. Wichtig ist, daß die obsessiv betriebene Rationalisierung körperlicher Arbeit durch Taylorismus, europäische Arbeitswissenschaft und Psychotechniken verschwand und eine neue Leidenschaft für die Rationalisierung des Geistes durch die Kognitionspsychologie, Künstliche Intelligenz und Kognitionstechnik entstand. Ungeachtet des Prozentsatzes der Arbeitskraft, die noch immer auf körperlicher Tätigkeit beruht, setzt die Gesellschaft keine intellektuellen Ressourcen mehr ein, um die Bewegungen des Arbeiters zu perfektionieren.
Was Taylors "wissenschaftliche Betriebsführung" für das Zeitalter der Industrialisierung war, wurden im Zeitalter der Automation die Kognitionswissenschaften.
Herbert Simon arbeitet in den 40er Jahren über Managementtheorien, also in dem Forschungsbereich, den Taylor begründete. Als Simon die wachsende Bedeutung geistiger Fertigkeiten am Arbeitsplatz erkannte, wurde er mit seiner Untersuchung über die Automatisierung von Schlußfolgerungen mithilfe des Computers zu einem der Wegbereiter der Kognitionswissenschaft.
Der Hauptteil des produktiven Reichtums beruht auf Programmen, die in den Köpfen der Menschen gespeichert sind."
Jerome Bruner war ein weiterer Pionier der Kognitionswissenschaft. 1983 schrieb er im Rückblick auf seine Arbeit in den 50er Jahren.
Mir erscheint es jetzt ganz offensichtlich zu sein, daß die 'kognitive Revolution' ... eine Antwort auf die technischen Anforderungen der 'postindustriellen Revolution' gewesen ist. Man kann kein Konzept für das Managen einer komplexen Informationswelt ausarbeiten, ohne ein funktionierendes Konzept des Geistes zu besitzen.
Die Ersetzung von Handarbeit durch kognitive Arbeit ist direkt mit der Automatisierung verbunden. Bereits 1961 haben der Soziologe Pierre Naville und seine Mitarbeiter in einer einflußreichen Studie über die Automatisierung in französischen Betrieben den Übergang von "der Arbeit des Arbeiters zur Arbeit der Kommunikation" beschrieben, die primär "kognitiv oder semiotisch" wurde.
Das Auftauchen des zerebralen Arbeiters, dessen Material und Produkt 'Information' ist, stellt ein Emblem für die riesige Entfernung zwischen einem Arbeiter dar, der komplexe Kommunikationstechnologien überwacht, und dem 'Menschenfleisch' von Taylor.
Die Automatisierung führt nicht dazu, den Menschen durch die Maschine zu ersetzen. Die Rolle des Arbeiters besteht jetzt in der Überwachung und Steuerung - er muß Anzeigen beobachten, hereinkommende Informationen analysieren, Entscheidungen treffen und Kontrollen ausführen. Das entspricht den menschlichen Funktionen der Perzeption, der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und der Problemlösung, die zu Forschungsgegenständen der Kognitionswissenschaften wurden.
Der Aufstieg der Kognitionswissenschaften stellt einen Aspekt des Übergangs von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft und des damit verbundenen neuen Verständnisses von Arbeit und Spiel dar - eher als visuelle und mentale Informationsverarbeitung denn als körperliche Aktivität. Komplementär hierzu verläuft während des 2.Weltkrieges die Entstehung der neuen Disziplin der angewandten Experimentalpsychologie oder, wie man sie auch nennt, des Human Engineering.
Vom Taylorismus zur Kognitionswissenschaft
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