Wir sind Cyborgs
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Die Cyborgs sind schon hier

Nicholas Negroponte hingegen interessiert es wenig, die Wirklichkeit zu interpretieren; er will sie verändern. Sein Wahlspruch lautet: "Am besten kann man die Zukunft vorhersagen, indem man sie erfindet." Zu diesem Zweck treibt er die Cyborgisierung schneller und durchgreifender voran, als sie ohnehin beziehungsweise ohne ihn geschähe.

1985, im selben Jahr, als Donna Haraway ihr erstes "Manifesto for Cyborgs" veröffentlichte, begründete Negroponte das Media Lab am MIT. Seitdem sammelte der Professor bei der spendenwilligen Industrie über 200 Millionen Dollar ein. Zum zehnten Geburtstag des Media Lab im Oktober 1995 verkündete Nicholas Negroponte nun eine neue Mission. Sie gilt Dingen, die denken und der Verschmelzung des Menschen mit diesen Dingen. Die notwendigen hochkarätigen Sponsoren sind für das Projekt gewonnen, darunter Microsoft, AT&T, Disney sowie Nike; und erste Erfolge kann Negroponte ebenfalls vorweisen: "Die Cyborgs sind schon hier!"

Einer von ihnen ist groß, dünn und kaum behaart. Seine Stimme klingt trocken und distanziert, seine Augen werden von einem undurchsichtigen grauen Visier verdeckt. Kabel umwickeln seinen Körper, zusammengehalten von Isolierband, um die Hüfte trägt er eine Prozessoreinheit, über die Schultern eine Reihe Batteriepacks, und neben seinem Visier ist eine Videokamera samt winziger Antenne montiert.

"Kernstück meiner Ausrüstung ist ein Pentium-90-Computer mit vierundsechzig Megabyte RAM und einer 1,2 Gigabyte-Festplatte", erklärt er mit dem Stolz dessen, der sich nach bestem Wissen aufgerüstet hat.

Den Großteil seines Tages verbringt der Cyborg in dem leuchtend weißen Gebäude des Media Lab am Kendall Square, diesem "Schmusezoo voller extrovertierter Genies", wie ein Besucher über das luxuriöse Zukunftslabor schrieb. Mit einem jährlichen Etat von elf Millionen Dollar basteln hier 300 Angestellte, Spitzenwissenschaftler und ihre Hilfskräfte, an einer High-Tech-Zukunft, von der sich die insgesamt 75 Sponsoren aus aller Welt kommerzielle Vorteile versprechen. Die Cyborgs sind dabei Teil des Forschungsprojekts "wearable technology" beziehungsweise "softwear", der Entwicklung von Technologie also, die sich am Leib tragen läßt.

Nicholas Negroponte schwärmt davon, "den eigenen Körper zu aktivieren", ihn zu einer digitalen Kommunikationsmaschine zu machen. Das natürlich liegt in der Zukunft. Der Cyborg mit dem dunkelgrauen Visier hingegen ist bereits Gegenwart.

Wenn er durch Cambridge spaziert, Notizen tippend oder das World Wide Web surfend, wobei seine Schritte durch geistige Abwesenheit und die Zweidimensionalität der Bildsignale aus der Wirklichkeit leicht tapsig wirken, wechseln die Leute im Dutzend auf die andere Straßenseite. Denn auf den ersten Blick erinnert er an eine Billigversion der Borg aus der "Star Trek"-Serie: "Du wirst assimiliert werden! Widerstand ist zwecklos!"

Steve Mann, 32 Jahre alt und Doktorand am Media Lab, hat das Cyborg-Outfit für rund 3000 Dollar zusammengestellt. Er trägt es von morgens bis abends. Die Kamera ersetzt dabei die Funktion seiner Sehnerven; sie filmt, was er sehen würde, wenn er nicht das Visier geschlossen hielte. Über ein Funkmodem so groß wie eine Zigarettenschachtel werden die Bilder zu einer Workstation im Media Lab gesendet. Der Hochleistungsrechner bearbeitet das Datenmaterial, dabei den Befehlen gehorchend, die Steve ihm über den kleineren Computer erteilt, den er am Leibe trägt. Sekundenbruchteile später erscheinen die modifizierten Weltbilder auf den LCDs an der Innenseite von Steves Visier - und zugleich auf Steves home page im WWW.

Auf die Art kann seit Jahr und Tag jedermann von München bis Manila verfolgen, was Steve in Cambridge gerade sieht: sein Apartment, sein Büro, wen er trifft, was er liest, was er ißt. Doch die Welt durch Steves Augen ist nicht unbedingt die Welt, wie wir sie wahrnehmen würden: mal ist sie nur schwarzweiß, mal leuchtet sie in psychedelischen Farben, mal ist die Perspektive verzerrt, mal steht alles auf dem Kopf. So gut wie jede technisch mögliche Modifikation der Wirklichkeit hat Steve bereits ausprobiert.

Sein ungewöhnlicher Selbstversuch dient, genauso wie das ähnliche Experiment seines Freundes Thad Starner, der Erprobung symbiotischer Arbeitsbeziehungen zwischen Menschen und Maschinen. Mit ein paar Tastaturbefehlen senden die beiden, während sie über den Campus schlendern oder im Supermarkt einkaufen, Email um die ganze Welt. Sind die Denkmaschinen erst einmal vollständig integriert, prophezeien die Cyborg-Simulanten, werden wir alle über uns selbst hinauswachsen.

"Der hat Gedächtnis", sagt der ziegenbärtige Starner über den Computer, den er am Leib trägt und den er "Teil meines Gehirns" nennt, "und Gedächtnis erhöht Intelligenz. Stell dir vor - nie mehr wieder etwas vergessen. Ein paar Kameras in der Brille, dazu ein Gesichtserkennungs-Programm, und du wirst nie wieder in die peinliche Situation geraten, von jemandem den Namen nicht zu wissen. Oder verbinde dich mit dem Globalen Positionierungssystem und verirre dich nie wieder!"

Das satellitengesteuerte Globale Positionierungssystem, mit dem sich der eigene Standort jederzeit bis zu 100 Meter genau bestimmen läßt, hängt, dem Pentagon sei dank, längst in seiner planetarischen Umlaufbahn, und auch eine rudimentäre Version des Gesichtserkennungsprogramms existiert. Sie sucht aus einer Datenbank von 8000 Porträtfotos in nur einer Sekunde zuverlässig die 40 heraus, die dem Gegenüber am ähnlichsten kommen. Ein paar Mausklicks später weiß der Vergeßliche dann, mit wem er es gerade zu tun hat.

Dennoch hält sich der praktische Nutzen der experimentellen Cyborgisierung bislang in engen Grenzen. Steves Frau etwa kann über das Internet von ihrem Arbeitsplatz oder von zu Hause aus beobachten, was ihr Kamera-Mann im Supermarkt einkauft, und mitentscheiden, ob er die krumpeligen Grapefruits nehmen soll oder nicht. Und dieses Silvester, als Steve die traditionelle Neujahrsfeier in Boston besuchte, hat er der ganzen Internet-Welt erlaubt, das Spektakel durch seine Kameraaugen zu verfolgen.

Es wird laufen, wie es bei Autos, Pagern oder Funktelefonen war. Zuerst werden sich die anziehbaren Computer in kapitalstarken Nischenmärkten durchsetzen, wo das dringendste Bedürfnis nach unmittelbarem Informationsfluß besteht. Sobald aber die Bevölkerungsmehrheit diese Geräte kennenlernt, werden die Menschen ganz neue Anwendungen erfinden ... Die Zukunft gehört den Cyborgs.

Thad Starner

Doch kommerziellere Anwendungen für die ständige Verbindung von Individuen mit einem Zentralcomputer oder dem Internet liegen auf der Hand. Steve zählt sie auf: Cyborgisierte Börsenmakler könnten unmittelbarer als ihre unverkabelten Kollegen auf Marktveränderungen reagieren, Notärzte könnten die Krankengeschichte des Verletzten inklusive aller Allergien, Unverträglichkeiten und Organspendeentscheidungen abrufen. Cyborgpolizisten könnten jedes Gesicht, das ihnen auf der Straße begegnet, automatisch mit der Verbrecherkartei abgleichen, und selbstverständlich ließen sich auch Cyborgsoldaten perfekter als ihre rein fleischlichen Vorgänger über das Schlachtfeld steuern - weshalb die US-Armee viele Millionen Dollar in vergleichbare Forschung gesteckt und eine eigene Cyborg-Ausrüstung entwickelt hat, gegen die sich Steves Aufmachung harmlos ausnimmt. Und selbst für Journalisten sieht Steve Vorteile: Eine direkte Schaltung zum Archiv würde bei Politikerinterviews erlauben, die habituellen Schönredner prompt mit den ganz anderen Sätzen zu konfrontieren, die sie vor ein paar Monaten zum selben Thema gesagt haben.

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