Die Schrift und das Universelle
Um die gegenwärtige Mutation richtig zu verstehen, muß man in Gedanken zur ersten großen Transformation innerhalb der Ökologie der Medien zurückkehren: zum Übergang der mündlichen Kultur zur Schriftkultur. Der Cyberspace wird die Praxis der Kommunikation wahrscheinlich - und sogar schon heute sichtbar - ebenso radikal beeinflussen, wie dies in der Zeit gewesen ist, als die Schrift erfunden wurde.
In den mündlichen Gesellschaften wurden die linguistischen Botschaften stets zu der Zeit und an dem Ort empfangen, von denen aus sie gesendet wurden. Sender und Empfänger befanden sich in einer identischen Situation und meistens in einem ähnlichen Bedeutungsuniversum. Die Kommunizierenden nahmen ihr Bad im selben semantischen Becken, im selben Kontext, im selben lebendigen Fluß der Interaktion.
Die Schrift hat einen für die mündlichen Gesellschaften unbekannten Kommunikationsraum eröffnet, indem es möglich wurde, Botschaften zu empfangen, die von Tausenden von Kilometern entfernten Menschen hergestellt wurden oder von solchen, die bereits seit Jahrhunderten tot waren oder sich über riesige kulturelle und soziale Entfernungen hinweg ausdrückten. Seitdem befanden sich die Kommunikationsteilnehmer nicht mehr notwendigerweise in derselben Situation und standen nicht mehr in direkter Interaktion.
Da die Botschaften jenseits der Sende- und Empfangsbedingungen weiter existieren, befinden sich schriftliche Botschaften "jenseits des Kontextes". Dieses "Jenseits des Kontextes" - das sich erst mit der Ökologie der Medien und deren Kommunikationspraxis offenbart - wurde durch die Kultur legitimiert, sublimiert und verinnerlicht. Es sollte zum Kern einer bestimmten Rationalität werden und schließlich zum Begriff der Universalität führen.
Es ist schwierig, eine Botschaft zu verstehen, wenn sie von ihrem lebendigen Herstellungskontext abgelöst wird. Deswegen erfand man von Seiten der Rezeption die Künste der Interpretation, der Übersetzung, eine ganze linguistische Technik (Grammatiken, Wörterbücher ...). Auf der Seite der Sender suchte man Botschaften herzustellen, die überall zirkulieren konnten und von ihren Herstellungsbedingungen unabhängig waren, die soweit wie möglich ihre Interpretationsschlüssel oder ihre "Vernunft" enthalten sollten. Diesem praktischen Ziel entspricht die Idee des Universellen. Im Prinzip muß man sich nicht an einen lebendigen Zeugen, an eine äußerliche Autorität, an Gewohnheiten oder an Bestandteile einer kulturellen Umwelt wenden, die für das Verständnis und für die Billigung der in den "Elementen" von Euklid formulierten Aussagen spezifisch wären. Dieser Text beinhaltet die Definitionen und Axiome, aus denen man die Theoreme zwingend ableiten kann. Die "Elemente" sind eines der besten Beispiele einer selbstgenügsamen, selbsterläuternden und ihre eigenen Grundlagen entfaltenden Botschaft, die in einer mündlichen Kultur keine Bedeutung besäße.
Die klassische Philosophie und Wissenschaft orientieren sich jede auf ihre Weise an der Universalität. Der Grund dafür ist, so meine Hypothese, daß sie nicht von der Kommunikationsstruktur abgelöst werden können, die durch die Schrift eingeführt wurde. Die "universellen" Religionen (ich spreche nicht nur von den monotheistischen Religionen, sondern auch beispielsweise vom Buddhismus) sind allesamt auf Texten begründet. Wenn ich zum Islam konvertieren will, kann ich das in Paris, New York oder Mexiko machen. Doch wenn ich die Religion der Bororo ausüben will (unterstellt sei, daß dieses Vorhaben überhaupt sinnvoll wäre), dann gäbe es keine andere Lösung, als zu den Bororo zu ziehen und mit ihnen zu leben. Die Riten, Mythen, Überzeugungen und Lebensweisen der Bororo sind nicht "universell", sondern lokal und abhängig vom Kontext. Sie beziehen sich in keiner Weise auf geschriebene Texte. Diese Aussage beinhaltet ganz offensichtlich kein ethnozentrisches Werturteil: ein Bororo-Mythos gehört zum Erbe der Menschheit und kann virtuell jedes Denken beeinflussen.
Im Universellen, das von der Schrift begründet wurde, darf die Bedeutung nicht durch Interpretationen, Übersetzungen, Übertragungen, Aussendungen oder Speicherungen verändert werden. Das Universelle ist unabtrennbar vom Ziel einer semantischen Schließung. Sein Versuch einer Totalisierung kämpft gegen die offene Pluralität der Kontexte, die von den Botschaften durchquert werden, gegen die Verschiedenartigkeit der Gemeinschaften, die sie zirkulieren lassen. Aus der Erfindung der Schrift folgen die sehr spezifischen Zwänge der Dekontextualisierung des Diskurses. Seitdem ist für uns die umfassende Herrschaft über die Bedeutung, der Blick auf das "Ganze", der Versuch, an jedem Ort dieselbe Bedeutung (oder, für die Wissenschaft, dieselbe Exaktheit) herzustellen, mit dem Universellen verwoben.
Massenmedien und Totalität
Die Massenmedien - Zeitungen, Radio, Kino und Fernsehen - verfolgen mehr oder weniger in der klassischen Art die kulturelle Tradition des totalisierenden Ganzen, wie sie von der Schrift begründet wurde. Da die mediale Botschaft von Millionen weit verstreuter Menschen gelesen, gehört oder gesehen wird, gestaltet man sie so, daß sie auf den kleinsten gemeinsamen mentalen Nenner der Adressaten abgestimmt ist. Sie strebt bei den Empfängern das Minimum ihres Interpretationsvermögens an.
Hier ist nicht der Ort, alle Unterschiede zwischen den kulturellen Folgen der elektronischen Medien und der Drucktechnik herauszuarbeiten. Ich will nur eine Ähnlichkeit hervorheben. Die in einem Raum ohne Interaktion zirkulierende mediale Botschaft kann sich nicht des spezifischen Kontextes des Rezipienten bedienen. Sie negiert dessen Einzigartigkeit, seine sozialen Verankerungen, seine Mikrokultur, seinen Augenblick und seine besondere Situation. Es ist diese gleichzeitig reduktive und beherrschende Struktur, die eine undifferenzierte "Öffentlichkeit", die "Masse" der Massenmedien erzeugt. Aus Berufung universalistisch, totalisieren die Medien alles auf dem kleinsten gemeinsamen kognitiven Nenner als zeitgenössisches Spektakel oder als Parteipropaganda, die für die klassischen totalitaristischen Systeme bezeichnend war: für den Faschismus, den Nazismus und den Stalinismus.
Deswegen ist den elektronischen Medien noch eine zweite Tendenz zu eigen. Sie schwanken zwischen der Dekontextualisierung, die sie in uns hervorrufen, und der Schaffung eines ganzheitlichen, fast tribalistischen Kontextes, der aber viel umfassender ist als der der mündlichen Kulturen. Diese Art eines dynamischen Makrokontextes auf der Ebene einer Gesellschaft ist typisch für die mediatisierten Kulturen und insbesondere hinsichtlich der Phänomene des "Direkten". Erst McLuhan beschrieb erstmals dieses Phänomen.
Doch der wirkliche Bruch mit der von der Schrift eingeleiteten Kommunikationspraxis konnte noch nicht mit dem Radio oder dem Fernsehen eintreten, denn diese Instrumente für eine massenhafte Aussendung ermöglichten weder eine wirkliche Reziprozität noch transversale Interaktionen zwischen den Teilnehmern. Der von den Medien geschaffene globale Kontext befindet sich außerhalb der Reichweite derjenigen, die nur passiv und isoliert die Sendungen konsumieren können, anstatt daß sie aus den lebendigen Interaktionen von einem oder mehreren Gemeinschaftsangehörigen hervorgehen.
Die Komplexität der Totalisationsweisen
Viele aus der Schrift stammenden Kulturformen berufen sich auf die Universalität, aber jede totalisiert mit einem anderen Attraktor: die universellen Religionen mit dem Sinn, die Philosophie (auch die politische Philosophie) mit der Vernunft, die Wissenschaft mit der wiederholbaren Genauigkeit (die Sachverhalte), die Medien mit der Fesselung durch ein verblüffendes Spektakel, das man "Kommunikation" tauft. Und es gibt ebensoviele Versionen der Identität von Bedeutung. Diese kulturellen Maschinen versuchen jede auf ihre Weise auf der von ihnen erfundenen Realtitätsebene eine Koinzidenz zwischen ihnen und den Kollektiven, die sie versammeln, herzustellen. Das Universelle? Ein Teil stammt von hier und jetzt, von der virtuellen Menschheit. Diese Maschinen zur Produktion des Universellen zerlegen, auch wenn sie in eine Versammlung durch einen Aspekt ihrer Wirkung münden, eine Vielzahl von kontextuellen Mikrototalitäten: heidnische Überzeugungen, Meinungen, Traditionen, empirisches Wissen, kollektive und künstlerische Übermittlungen.
Das Lokale wird nicht vollständig zerstört, denn die Produkte der universellen Maschinen sind ihrerseits fast immer Phagozyten, die sich relokalisieren und mit den Partikularismen vermischen, die sie überschreiten wollen. Obwohl das Universelle und die Totalisierung (d.h. die semantische Schließung, die Einheit der Vernunft, die Reduktion auf den kleinsten gemeinsamen Nenner etc.) bereits immer teilweise verbunden gewesen sind, entwickelt ihre Verschmelzung starke Spannungen und schmerzhafte Widersprüche, die in der neuen, durch den Cyberspace polarisierten Ökologie der Medien vielleicht aufgelöst werden können.
Eine solche Lösung, das sei mit allem Nachdruck gesagt, ist in keiner Weise garantiert noch geschieht sie automatisch. Die Ökologie der Kommunikationstechniken eröffnet Möglichkeiten, aber es sind die Menschen, die letztlich bewußt oder im Halbbewußtsein der kollektiven Wirkungen über das von ihnen gemeinsam erzeugte kulturelle Universum entscheiden. Sie müssen die Möglichkeit einer neuen Entscheidung wahrnehmen.
Die Cyberkultur oder das Universelle ohne Totalität
Das große, durch den Cyberspace angekündigte Ereignis ist die Entkopplung dieser beiden gesellschaftlichen Kräfte oder abstrakten Maschinen der Universalität und Totalisierung, die mehr als nur Begriffe sind. Der Grund dafür ist einfach: der Cyberspace löst die Kommunikationspraxis auf, die seit der Erfindung der Schrift das Universelle und die Totalität miteinander verbunden hat. Er führt uns in dem Maße, in dem die Verknüpfung und die Dynamik in Echtzeit der vernetzten Speicher es wieder ermöglichen, Anteil am selben Kontext, am selben riesigen Hypertext, der von den Kommunikationspartnern ins Leben gerufen wird, zu haben, wieder in die Situation vor der Schrift zurück - aber auf einer anderen Ebene und in einer anderen Laufbahn.
Welche Botschaft auch immer kommen mag, so ist sie stets mit anderen Botschaften, Kommentaren und Bemerkungen in einer permanenten Evolution verknüpft, mit Menschen, die sich dafür interessieren, mit Foren, in denen man sie diskutiert. Es ist ganz egal, welcher Art Text das Fragment ist, das man vielleicht im beweglichen, es einhüllenden Hypertext übersieht, immer ist es mit anderen Texten verknüpft und dient als Vermittlung oder als Umgebung einer wechselseitigen, interaktiven, ununterbrochenen Kommunikation.
Unter der klassischen Herrschaft der Schrift ist der Leser dazu verdammt, den Kontext unter großen Mühen wiederherzustellen oder sich den Werken der Kirchen, Institutionen oder Schulen zuzuwenden, die hartnäckig die Bedeutung wiederbeleben und sichern. Heute gibt es technisch, dank der ungeheuren Vernetzung aller Maschinen der Erde, fast keine Botschaften "jenseits des Kontextes" mehr, die von einer aktiven Gemeinschaft losgelöst sind. Alle Botschaften sind virtuell in einem Kommunikationsbad eingetaucht, das voller Leben ist und die Menschen selbst einbezieht, denen der Cyberspace mehr und mehr als ihr Herz erscheint.
Die Post, das Telefon, die Presse, der Verlag, die Radiosender, die unzähligen Fernsehkanäle stellen seit kurzem
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Der allgemeine Zusammenhang, die minimale Utopie und der primäre Motor des wachsenden Internet, entsteht als neue Form des Universellen. Aber Vorsicht! Der Prozeß des weltweiten Zusammenhangs verwirklicht wohl eine neue Form des Universellen, aber es ist nicht mehr derselbe wie bei der Schrift. Das Universelle bringt sich nicht mehr durch eine semantische Schließung zum Ausdruck, wie sie von der Dekontextualisierung gefordert wird. Dieses Universelle totalisiert nicht mehr die Bedeutung, sondern beruht auf dem Kontakt, auf der allgemeinen Interaktion.
Das Universelle ist nicht das Planetarische
Man könnte einwenden, daß es sich hier nicht wirklich um das Universelle, sondern um das Planetarische handelt, um den einfachen geographischen Sachverhalt der Ausweitung der Transport- und Informationsnetze, um die technische Bilanz des exponentiellen Wachstums des Cyberspace. Ist es nicht unter dem Deckmantel des Universellen schlicht die "Globalisierung" der Wirtschaft und der Finanzmärkte, um die es geht? Das neue Universelle enthält sicherlich einen großen Anteil am Globalen und Planetarischen, aber es beschränkt sich nicht darauf. Das durch den Kontakt entstehende Universelle ist immer noch und im tiefsten Sinn ein Universelles, weil es von der Idee der Menschheit nicht gelöst werden kann.
Selbst die ungeselligsten Mitbewohner des Cyberspace sind sich dessen bewußt, wenn sie zurecht bedauern, daß die überwiegende Mehrheit von ihm ausgeschlossen oder daß Afrika kein Bestandteil seiner ist. Was zeigt die Forderung nach einem "Zugang für alle"? Sie offenbart, daß die Teilnahme an diesem Raum, der jedes menschliche Wesen mit allen anderen verbindet, der eine Kommunikation innerhalb und zwischen den Gemeinschaften ermöglicht, der Sendemonopole verhindert und jedem gestattet, das zu versenden, was ihn bewegt oder interessiert, ein Recht enthält und auf gewisse Weise einen moralischen Imperativ.
Der Cyberspace gestaltet, um es zusammenzufassen, eine neue Art des Universellen: ein Universelles ohne Totalität. Es handelt sich noch immer um das Universelle, das von allen Resonanzen begleitet wird, die man mit der Philosophie der Aufklärung verbindet, weil es eng mit der Idee der Menschheit verbunden ist. Der Cyberspace läßt keine Kultur des Universellen entstehen, weil er überall ist, sondern weil seine Form oder seine Idee ein Recht für die Gesamtheit der Menschen impliziert.
Je universeller, desto weniger totalisierbar
Durch die Vermittlung der Computer und der Netze können die unterschiedlichsten Menschen in Kontakt treten und sich überall auf der Erde die Hand reichen. Das neue Universelle bewährt sich durch Immersion, nicht indem es die Identität einer Bedeutung erzeugt. Wir befinden uns alle im selben Gehirn, in der derselben Kommunikationsflut. Es geht nicht mehr um eine semantische Schließung oder um Totalisierung. Wir haben bereits gesehen, daß die Versuche der Totalisierung praktisch unmöglich geworden sind oder zu offensichtlich als Mißbrauch erscheinen.
Um den Cyberspace organisiert sich eine neue Ökologie der Medien. Wir können jetzt dessen zentrales Paradox formulieren: Je universeller (größer, interaktiver, vernetzter) er ist, desto weniger ist er totalisierbar. Jede zusätzliche Verbindung fügt Heterogenes, neue Informationsquellen, neue Fluchtlinien hinzu, so daß die globale Bedeutung zunehmend weniger lesbar und immer schwerer abzugrenzen, zu schließen oder zu beherrschen ist.
Dieses Universelle eröffnet sich einem weltweiten Vergnügen, einer kollektiven Intelligenz auf der Ebene der Gattung. Es läßt uns intensiver an der lebendigen Menschheit teilnehmen, aber - ohne daß dies ein Widerspruch wäre - mit einer Vervielfältigung der Singularitäten und einer Zunahme der Unordnung.
Noch einmal: Je mehr sich das neue Universelle konkretisiert und verwirklicht, desto weniger ist es totalisierbar. Man könnte dazu verführt sein, daß es sich hier um das eigentliche Universelle handelt, weil es sich nicht mit dem Lokalen oder mit dem unterstützten Export von Gütern einer bestimmten Kultur vermischt. Ist es eine Anarchie? Eine Unordnung? Nein, diese Begriffe spiegeln nur die Nostalgie einer Schließung wieder. Wenn man akzeptiert, eine bestimmte Form der Herrschaft zu verlieren, dann eröffnet man sich die Chance, dem Wirklichen zu begegnen. Man muß noch die Karten und die Navigationsinstrumente für diesen neuen Ozean erfinden, aber dazu ist jeder aufgerufen. Man muß eine von Natur aus flüssige und veränderliche Landschaft nicht zur Erstarrung bringen, sie a priori strukturieren oder sie zubetonnieren: ein exzessiver Wunsch nach Herrschaft würde, wie so oft, nur zur Erblindung und zur Zerstörung führen.
Moderne, Postmoderne, Cyberkultur
Warum sollte man ein "Universelles ohne Totalität" erfinden, wenn wir bereits über ein reichhaltiges Konzept der Postmoderne verfügen? Weil es sich nicht genau um dieselbe Sache handelt. Die postmoderne Philosophie hat den Zerfall der Totalität begrifflich gut beschrieben: das Ende der großen Erzählungen, um die bekannte Formulierung Lyotards aufzugreifen. Die Vielfältigkeit und das Gewirr der Epochen, Sichtweisen und Begründungen, das Merkmal der Postmoderne, wird durch den Cyberspace deutlich betont und verstärkt. Doch die postmoderne Philosophie hat das Universelle und die Totalisierung miteinander verschmolzen.
Das Universelle ist die (virtuelle) Präsenz der Menschheit für sich selbst. Die Totalität ist die stabil gemachte Einheit des Sinns einer Verschiedenartigkeit (des Diskurses, der Situation, der Gesamtheit der Ereignisse etc.). Diese Identität kann organisch, komplex, dialektisch oder irgendwie anders sein. Die Cyberkultur aber zeigt genau, daß es eine andere Weise gibt, die virtuelle Selbstgegenwart der Menschheit zu begründen als durch die Identität des Sinns (durch die Totalität).
Im Unterschied zur postmodernen Idee des Verfalls der Ideen der Aufklärung glaube ich, daß die Cyberkultur als legitimer Nachfolger des Projekts der Aufklärung betrachtet werden kann. Sie befürwortet in der Tat die Teilnahme an einem offenen Raum des Zusammenhangs, in dem sich die Angehörigen von Gemeinschaften einrichten und sich ihr Einflußbereich erweitert. Sie unterstützt eine fundamentale Reziprozität. Sie hat sich ausgehend von einer Praxis entwickelt, die auf dem Austausch von Informationen und Wissen beruht. Und doch würde sie nicht postmodern sein, sondern genau in der Kontinuität des revolutionären und republikanischen Ideals der Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit stehen. Nur schreiben sich in der Cyberkultur diese "Werte" in konkrete technische Strukturen ein. Im Zeitalter der elektronischen Medien verwirklicht sich die Gleichheit durch die Möglichkeit jedes einzelnen, zum Sender für alle zu werden. Die Freiheit objektiviert sich in verschlüsselten Programmen und im alle nationalen Grenzen überschreitenden Zugang zu den vielen virtuellen Gemeinschaften. Die Brüderlichkeit kommt schließlich durch den weltweiten Zusammenhang zur Geltung.
Eine marxistische oder situationistische Informatik - eher Probleme als Lösungen
Der Cyberspace kann, weit entfernt davon, postmodern zu sein, als eine technische Materialisierung moderner Ideen erscheinen. Besonders die gegenwärtige Evolution der Informatik ist eine erstaunliche Verwirklichung des marxistischen Ziels einer Aneignung der Produktionsmittel durch die Produzenten.
Heute besteht die "Produktion" vor allem darin, Simulationen zu schaffen, Information zu bearbeiten, Botschaften zu erzeugen und zu versenden, Wissen zu erlangen und zu verbreiten, sich in Echtzeit zu koordinieren. Seitdem geben die PCs und die digitalen Netze den Individuen die wichtigsten Mittel einer wirtschaftlichen Aktivität in die Hände. Wenn das Spektakel (das mediatisierte System), wie für die Situationisten, überdies der Gipfel der kapitalistischen Herrschaft ist, dann bringt der Cyberspace eine wirkliche Revolution mit sich, da er jedem erlaubt - oder erlauben wird -, den Platz des Senders, des Herausgebers, des Produzenten oder des Verteilers einzunehmen. Im Gegensatz zu den Fernsehkonsumenten, die nicht antworten können und isoliert sind, bietet der Cyberspace die Möglichkeiten einer interaktiven und kollektiven Kommunikation an.
Die gewissermaßen technische Verwirklichung der Ideen der Moderne läßt unmittelbar ihren zwar nicht lächerlichen, aber doch partiellen Charakter offenbar werden. Es ist klar, daß weder der PC noch der Cyberspace, soweit beide auch in der Menschheit verbreitet sein mögen, allein durch ihre Existenz die wichtigen Probleme des gesellschaftlichen Lebens lösen werden. Sie verwirklichen zwar sicherlich praktisch neue Formen der Universalität, der Brüderlichkeit, der Gemeinschaftlichkeit, der Wiederaneignung auf der Grundlage der Produktions- und Kommunikationsmittel, aber gleichzeitig destabilisieren sie mit großer Geschwindigkeit und oft in gewalttätiger Weise die Wirtschaftssysteme und die Gesellschaften. Indem sie die alten Mächte zerstören, haben sie Teil an der Schaffung von neuen, die weniger sichtbar und instabiler, aber nicht geringer sind.
Die Cyberkultur scheint die Probleme der vorherhergehenden Epoche teilweise zu lösen, aber sie bringt ein riesiges Feld neuer Probleme und Konflikte mit sich, für deren Lösung sich keine klare Perspektive aufzeigen läßt. Die Beziehung zum Wissen, die Arbeit, die Beschäftigungsformen, das Geld, die Demokratie und die Stadt werden neu erfunden, um nicht zu sagen, daß manche gesellschaftlichen Strukturen wieder brutal zur Geltung kommen. Bevor wir uns auf Lösungen stürzen, die am Schreibtisch entworfen wurden, sollten wir mehr als jemals aufmerksam die sozialen Bewegungen und die kulturellen Strömungen beobachten, deren Ausdruck der Cyberspace ist.
Die Schrift und das Universelle
Der Cyberspace ist das Produkt einer sozialen Bewegung
Wie die Cyberkultur das kritische Denken bedroht
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