Computer, KI und Delphine

Gegen die Ideologie von der Obsoletheit des Menschen

Joseph Weizenbaum ist einer der wenigen großen Kritiker der KI-Forschung und anderer Mythen des Computerzeitalters. Selbst Programmierer, Entwickler des legendären Programms "Eliza" und selbst am MIT tätig, kritisiert er seit Jahrzehnten die Fehlschlüsse der Wissensindustrien aus einem ihrer Zentren heraus.

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Den folgenden Vortrag hielt Joseph Weizenbaum in Osnabrück am European Media Art Festival am 14.9.96. Im Anschluß an den Vortrag fand eine Podiumsdiskussion statt, die in Ausschnitten am Ende des Textes ebenfalls transkribiert wurde. Der Vortrag ist leicht gekürzt. Die Zwischentitel wurden von der Redaktion eingefügt.

I. Vortrag

Kunst und die Grenzen der Sprache

Ich glaube, daß die Grundmotivation des Künstler ist, daß er etwas zu sagen hat. Der Künstler hat etwas zu sagen, es drängt ihn, etwas zu sagen, und es ist etwas Unsagbares. Das ist die Schwierigkeit, daher kommt die Kunst. Der Künstler benutzt seine Werkzeuge um die Grenzen der üblichen Sprache zu überwinden. Wenn ich jetzt Sprache sage, meine ich nicht Englisch und Deutsch, also die üblichen Menschensprachen, ich meine auch Sachen wie Mathematik. Er möchte etwas sagen, was unsagbar ist. Und um das raus zu kriegen, was ihn so drängt, versucht er die Grenzen der üblichen Sprache zu überwinden, mittels seiner Werkzeuge. Also die Grenzen zu sprengen. Und das ist ein Versuch, der muß zwanghaft versagen, es gelingt nicht. Um das ein bißchen anders zu sagen: Erstens zum Thema, was "unsagbar" ist: Ich bestehe darauf, das ist eine Grundhaltung, wir wissen viel mehr, als wir sagen können. Wir alle. Und wenn ich jetzt sage, "sagen" können, dann meine ich wirklich in irgendeiner Sprache oder Symbolsystem, Mathematik zum Beispiel oder Chemische Notation, oder Musik - was auch immer.

Wir wissen sehr viel, was wir nicht sagen können. Ich würde sogar behaupten, daß das meiste was wir wissen, unsagbar ist. Alles ist in Worten sagbar, außer die lebendige Wahrheit. Das glaube ich. Das ist interessant, ich komme dazu auch über künstliche Intelligenz zu sprechen, und dieses Thema was "sagbar" und was "unsagbar" ist, spielt dort auch eine Rolle und ich muß sagen, wenn ich so etwas sage, daß wir mehr wissen, als wir sagen können, daß Studenten in Universitäten wie Stanford oder MIT, die ja für künstliche Intelligenz sehr zu begeistern sind, und die glauben, der Mensch ist doch nichts weiter als eine Maschine usw. Die verlangen dann ein Beispiel und dann denken sie, sie haben mich. Also wie kann ich ein Beispiel für etwas geben, das unsagbar ist. Daß etwas unsagbar ist, bedeutet aber nicht, daß wir nicht darüber sprechen können. Wir können es vielleicht nicht sagen, aber wir können darüber sprechen.

Nicht daß es sehr viel mit dem jetzigen Thema zu tun hat, aber ich kann gerne ein Beispiel geben. Ich nehme an, daß jeder die Erfahrung gehabt hat, die ich jetzt erwähne, die Erfahrung, einen Traum zu haben, der so wunderschön ist, daß wenn man aufwacht, versucht wieder einzuschlafen, um den Traum weiter zu träumen. Das geht nicht sehr lange. Man kann nicht immer einschlafen usw. So versucht man irgendwie anders den Traum zu behalten. Es gibt verschiedene Methoden, die man vielleicht versuchen könnte. Eine ist es, es aufzuschreiben - eine andere ist es, jemand anderem zu erzählen, und die dritte ist, es sich selbst zu erzählen. So zu sagen, in seiner Sprache. Es stellt sich raus, daß jede Methode, die man hier anwendet, den Traum zerstört. So ist es einfach, der Traum ist dann zerstört. Wenn man den Traum wirklich behalten möchte, gibt es nichts anderes, als es loszulassen. Und es kann wieder kommen. Jedenfalls ist er dann nicht zerstört. Hier weiß man etwas, was man nicht sagen kann. Es ist interessant, wenn man so einen Versuch macht, daß man erzählt, wie schön etwas war und zum Schluß sagt man dann, ja weißt du, es war wirklich sehr schön, ich weiß Du kannst es nicht begreifen, daß ich es nicht sagen kann. Das ist ein Beispiel. Es gibt natürlich viele, viele andere. Und es ist gerade aus diesem Grund, daß Versuche, dem Computer künstliche Intelligenz beizubringen, zum Scheitern verdammt sind. Darüber können wir dann später reden, wenn es jemanden interessiert.

Kunst und Werkzeug

Um Kunst zu machen, muß der Künstler Werkzeuge seines Instruments, was auch immer das ist, meistern. Einer meiner Kinder wollte Klavierstunden nehmen, und sie war sehr ungeduldig. Da sind diese Scores (Tonleitern), die man immer wieder spielen muß, diese Fingerübungen, das wird sehr langweilig. Da ist der Lehrer, und man muß üben und üben, bis man es schließlich verinnerlicht hat. Wo man nicht mehr daran denkt, und man es einfach machen kann. Wir normale Menschen, daß heißt die, die Kunst nicht in sich haben, wir erfahren viele Sachen, die etwas ähnliches verlangen, z.B. mit der Hand zu schreiben, oder sogar mit der Schreibmaschine oder Auto zu fahren usw. Das sind Sachen, die wir erst mal bewußt machen müssen, und dann langsam verinnerlichen wir sie, und wir denken nicht mehr daran und jetzt können wir schön schreiben oder schön Auto fahren, die Gitarre spielen etc. Da spreche ich von den Instrumenten. Es ist doch klar, daß es für den Dichter nicht nur die Schreibmaschine oder der Bleistift als Instrument ist. Da sind auch Sprachkünste, die fast unbewußt in ihm residieren, die er verinnerlicht hat. So ist es auch mit anderen Instrumenten. Ich glaube, es ist Unsinn, zu fragen, ob Kunst mit gewissen Instrumenten möglich oder unmöglich ist. Ich nehme an, es gab eine Zeit in der es keine Pinsel gab, und der Pinsel kam, und man könnte gefragt haben, ja mit dem Hammer, dem Stein usw. kann man Bilder machen, aber doch bestimmt nicht mit dem Pinsel. Oder ist es automatisch Kunst, wenn es mit dem Pinsel gemacht wird? Das ist natürlich beides so ein Unsinn.

Der Künstler, von dem wir annehmen, daß er kreativ ist, kann eben einen neuen Gegenstand nehmen, ob es ein Stein ist oder ein Computer, und sagen, das könnte ein Instrument der Kunst sein. Jetzt habe ich das Wort fallen lassen, der Computer. Die Frage, kann man Kunst mit Computer machen, ist glaube ich keine besonders gute Frage, denn es kommt ja nicht auf den Computer an, es kommt auf den Menschen an, auf den Künstler selbst. Vor kurzer Zeit habe ich einen Künstler gesehen, der große Skulpturen macht aus Müll, aus Sachen, die er auf der Straße und am Strand findet. Was da entsteht, ist schön, so wie ich das sehe. Und ich nehme an, daß es für ihn, wenn er damit zufrieden ist, etwas ausdrückt, das er sonst, in gewissem Sinn nicht sagen kann. Und die Frage, kann man Kunst mit Müll machen, ist wie gesagt, keine gute Frage. Aber jetzt kommen wir zu dem Computer, und ich hoffe, daß sie alle nicht so "verrückt" sind, daß sie nicht wissen, daß man mit dem Computer im Namen der Kunst, oder im Namen von etwas anderem, sehr viel Unsinn machen kann. Ich glaube, daß es hier ein paar Leute hier gibt, die mir zustimmen, daß vielleicht das meiste, oder jedenfalls ein großer Teil, den man so in Veranstaltungen wie Ars Electronica sieht, zwar nicht gerade Müll oder Dreck ist, aber trivial und sollte gar nicht Kunst genannt werden. Genauso wie, wenn ich einen Pinsel und Ölfarbe nehme und irgendwo etwas male, die Tatsache, daß ich die Werkzeuge eines Künstlers benutzt habe, nicht bedeutet, daß ich Kunst produziert habe. Also wenn jemand zum Computer geht, und der Computer macht etwas, ist es nicht offensichtlich, daß es Kunst sein muß. Das ist ganz etwas anderes als zu sagen, man kann mit einem Computer keine Kunst machen. Der Computer ist ein Instrument - und es wird so oft gesagt, "ein Werkzeug" (darüber habe ich noch viel anderes zu sagen, aber nicht hier) - mit dem man auch Kunst machen kann.

Computer Generated Poetry

Ich habe den Dichter erwähnt, und wir wissen, es gibt heute "Gedichte", die von einem Computer produziert wurden (Computer Generated Poetry). Ich denke da an einen meiner Kollegen, der weltbekannt ist, Seymour Papart, der sehr viel nachdenkt über Computer und Kinder und alles das, und ein berühmtes Buch geschrieben hat, "Mind Storms" heißt es. Ich weiß nicht, ob es auch auf Deutsch existiert, da spricht er von "Computer Generated Poetry", und daß Kinder so Programme schreiben können, die das durchaus ermöglichen. Da habe ich eine ernste Frage, und das ist die folgende. Wie ich das sehe, ist ein Gedicht der Versuch des Dichters, etwas auszudrücken das er jedenfalls in einfachen Worten nicht sagen kann. Er braucht das Gedicht, um es auszudrücken. Das bedeutet doch schließlich, daß das Gedicht eine Idee repräsentiert. Da hat jemand eine Idee und möchte diese präsentieren, und da ist ein Gedicht die Repräsentation, die er hat, er kann nicht besser, vielleicht kann er es nächstes Jahr besser. Und so frage ich mich, woher kommt die Idee zu "Computer Generated Poetry"? Ist da eine Idee im Computer? Ich würde sagen, wenn man nicht behaupten kann, daß der Computer eine Idee hatte, dann sollte man wirklich nicht von Gedicht sprechen. Und ich glaube es ist eine Art Beleidigung des Künstlers, des Dichters, anzunehmen, daß der Computer die Fähigkeit hat, Gedichte zu schreiben.

Computer, Künstliche Intelligenz und Delphine

Jedenfalls heute ist es eine Art Beleidigung. Warum sage ich heute? Haben wir die Aussicht, daß es anders wird? Na ja, da muß ich meine Grundthese über künstliche Intelligenz, nehme ich an, aussprechen und die ist die folgende: Ich sehe überhaupt keinen Weg, Intelligenz zu messen, also IQ ist ganz bestimmt nicht das richtige Instrument, die Masse der Intelligenz zu messen. Und ich glaube auch nicht, daß wir eine Methode haben, irgendwie eine Grenze zu stellen - ein Computer könnte so intelligent werden, nehmen wir an, wir haben eine Fähigkeit, das zu messen, so intelligent und nicht mehr. Da sehe ich keine Grenze, aber ich bestehe darauf, daß die Intelligenz, die ein Computer haben kann, immer ganz anders, ganz fremd von menschlicher Intelligenz sein muß. Nicht sein wird, sondern sein muß. Ich bestreite nicht, ich kann sogar das umgekehrte Argument machen, daß wir Computer haben werden, die Ideen haben, aber die Ideen werden sehr fremd gegenüber menschlichen Ideen sein. Vielleicht sollte ich noch ein bißchen mehr darüber sagen, sonst ist das zu mysteriös. Was ich meine ist, z.B. das folgende: Wir wissen, daß Delphine ein größeres Gehirn haben als Menschen - durchschnittlich. Wir wissen, daß Delphine intelligent sind, gar keine Frage. Und es ist möglich, daß wir irgendwann in die Lage kommen werden, mit den Delphinen zu sprechen. Mit irgendeinem Instrument zwischen uns und den Delphinen. Dann werden wir herausfinden, daß die Intelligenz der Delphine sehr hoch sein kann, vielleicht höher als unsere, aber die Problematik mit der sie sich beschäftigen, beschäftigen müssen oder können, ganz anders ist als die menschliche Problematik.

Vielleicht sollte ich das noch anders sagen: Sagen wir ich bin auf Besuch in Japan, und ich bin bei einem Japaner zu Hause eingeladen. Dann fängt der Vater an, ein Problem zu erklären, das sie in der Familie haben, sagen wir mit dem Sohn. Ob er auf die Universität gehen soll, oder heiraten oder wer weiß was. Und er fängt an, mir dieses Problem zu erklären. Er sagt, sie sind ja ein gebildeter Mensch, sie haben viel Lebenserfahrung, können sie mir helfen. Dann sollte ich sagen, ich kann dieses Problem nicht verstehen. Ich kann es vielleicht in gewissem Sinn verstehen, ich kann die Sätze verstehen, ich könnte auch Antworten formulieren, die vielleicht auch in gewissem Sinn richtig sind, aber da ich nicht als Japanar sozialisiert bin, bin ich fremd in dieser Welt, ist meine Intelligenz, in einem gewissen Sinn, fremd zu diesen sozialen Aufgaben. Und man sollte mich nicht fragen.

Ich kann mir vorstellen, daß Delphine so weit sind, daß sie so ein Familienproblem taktisch oder logisch verstehen können, aber wir sollten Delphine nicht fragen, was wir mit unseren Kindern machen sollen. Das meine ich. Ich denke man sollte das selbe über Computer sagen. Also bin ich in der Position zu sagen, daß Computer Generated Poetry Unsinn ist. Da kommt dann vielleicht von ihnen eine Antwort: Man hat verschiedene Experimente gemacht, man hat Gedichte genommen, die von Menschen gedichtet worden sind, und andere, die der Computer "geschrieben" hat, und es stellt sich heraus, daß die meisten Menschen keinen Unterschied erkennen können. Ist das dann ein Widerspruch, bedeutet das dann, daß der Computer Kunst machen kann? Und die Antwort ist: überhaupt nicht.

Kunst als Frage der Interpretation

Noch ein Beispiel:
Man geht am Strand spazieren, und findet ein schönes Stück Holz, nimmt es mit nach Hause, rahmt es ein oder stellt es irgendwo auf, und das nennt man "Found Art" - gefundene Kunst. Wessen Kunst ist das? Da kommen wir, glaube ich, wirklich zur Frage. Ich muß mich entschuldigen, ich habe eigentlich fast kein Recht über solche Sachen zu sprechen, aber das sind meine Gedanken darüber. Damit kommen wir zu der Frage: Wer hat die Kunst gemacht, wessen Kunst ist es, was ist Kunst überhaupt? Da gibt es Bibliotheken voller Antworten auf diese Fragen, oder Abhandlungen. Was ich darüber sagen möchte ist ganz einfach, daß Kunst so wie ich es sehe in diesem Zusammenhang eine Art von Selektion ist. Man sieht dieses Stück Holz und findet es schön, und da sind tausend andere Stücke von Holz an diesem Strand und die nimmt man nicht, es ist der Mensch der diese Selektion gemacht hat. Der hat die Kunst gemacht. Okay?

So ist es mit dem Dichter, er hat diese Worte ausgewählt, diesen Rhythmus ausgewählt usw. Das ist die Kunst. Es kann wohl sein, daß, wenn ich ein Gedicht von einem bestimmten Dichter lese, daß ich es nicht verstehen kann, warum denken Leute daß es schön ist, oder Kunst ist. Das hat mit mir zu tun, daß ich eben nicht genug Übung oder Einsicht habe, um das zu erkennen. Wenn also hier Computer Generated Poetry betrachtet wird, und jemand sagt, das ist schön, das hat sicherlich ein Mensch gemacht, dann hat er die Schönheit gesehen, hat er die Selektion gemacht, nicht der Computer hat ausgewählt in dem Sinn wie ich das hier meine.

Der Programmierer hat die Regeln gewählt, nach denen der Computer schreibt. Wenn ich großzügig bin, kann ich sagen, o.k. der Programmierer ist ein Künstler, und die Kunst ist, daß er die Programme ausgewählt hat. Aber er hat das Gedicht nicht gedichtet. Man kann also immer noch fragen, was ist die Idee, die hier ausgedrückt wird. Da sind Worte, die in unserer Sprache etwas hervorrufen....sagen wir das Wort Nebel, dieses Wort hat eine emotionale Last, zumindest für mich.

Ob jetzt der Programmierer ein Lob verdient, weil er gerade diese Bearbeitungsregeln ausgesucht hat, das weiß ich nicht. Das kommt drauf an, wieviel das Lob kostet, würde ich sagen. Jedenfalls sollte er nicht sagen, davon bin ich ganz überzeugt, der Computer dichtet. Es geht mir nicht nur um Gedichte, es können auch Essays sein. Da gibt es Experimente, man kann Worte klassifizieren, also Hauptwort, Verb, Adjektiv und man hat grammatische Regeln. Man kann dem Computer dann Worte geben aus irgendeinem Wortschatz, und es geht los. Was jetzt publiziert wird ist in der Tat Sprache, Grammatik, Satzbau ist korrekt. Aber ich würde nicht sagen, daß der Computer eine gute Idee dabei gehabt haben kann.

Vom Verschwinden des Menschen

Ich habe jetzt schon mehrmals Künstliche Intelligenz erwähnt, und ich weiß, daß das ziemlich nah ist zu manchen der Themen, die bei Veranstaltungen wie dieser bearbeitet werden. Ich glaube sogar, das ist eine Art Verschwörung, wobei die deutsche Bedeutung nicht ganz die selbe ist, wie im Englischen, aber hier paßt so was ähnliches. Daß in einem gewissen Sinn, das merke ich sehr stark hier, diese Computerkunst und Bilder, Grafiken und Computerdichtung, alles das und künstliche Intelligenz und alles was ich hier gehört habe, eine Art Verschwörung ist, die schließlich darauf abzielt, den Mensch zu demystifizieren, ganz bestimmt, aber ich gehe soweit zu sagen, am Ende sogar zu vernichten. Das ist eine schwere Anklage. Das ist nicht trivial. Ich sage es ganz bewußt. Ich denke da an die Veranstaltung, die ich gestern gesehen habe, den Herrn Stelarc.

Ist Gott ein mittelmäßiger Ingenieur?

Ja, es ist interessant, daß er die gleichen Worte benutzt, die gleichen Sachen mit den gleichen Worten sagt, wie die führende Elite im Bereich der Künstlichen Intelligenz, an den amerikanischen Universitäten, ich denke hier ganz besonders an meine Kollegen, z.B. Marvin Minsky, Hans Moravec. Bestimmt kennen viele Leute Marvin Minsky, vielleicht aber nicht Hans Moravec. Darüber muß ich ein Wort sagen. Hans Moravec ist so die führende Figur an der Carnegie Mellon Universität (CMU), das ist in Pittsburgh. Ich muß hinzufügen, daß es in Amerika drei Haupt-Universitäten in Sachen künstliche Intelligenz gibt, CMU, Stanford und MIT. Er beschäftigt sich mit "Robotics" und hat ein Buch geschrieben ist jetzt schon 4 - 5 Jahre alt und heißt "Mind Children". Es existiert auf Deutsch, der Titel ist immer noch "Mind Children", aber der Text ist deutsch. Ich empfehle das Buch sehr dringend. Ich würde sie alle bitten, in eine Buchhandlung zu gehen, das Buch zu nehmen, den Prolog zu lesen, das sind 8 oder 10 Seiten, und dann können sie das Buch ruhig zurückstellen, weil das sagt alles. Wenn ich ihnen sage, was er da sagt, dann würden sie mir das ja sowieso nicht glauben, da sollten sie wirklich erst das Buch lesen. Und dann werden sie es auch nicht glauben, daß er es ernst meint, aber dann müssen sie sehen, daß er eine führende Figur in dieser wichtigen Universität ist, und daß das Buch von der Havard-University-Press herausgegeben worden ist. Die sind nicht daran gewöhnt, "silly" Bücher zu verlegen. O.K. das ist interessant, daß dort mit den selben Worten, die gleichen Ideen ausgedrückt werden. Ganz besonders die Haltung, die Minsky und Moravec teilen, Minsky ja schon viel länger, weil er älter ist und schon viel länger in dieser Sache ist, nämlich daß der Mensch eine Fehlentwicklung ist, oder wie manchmal gesagt wird, Gott war oder ist ein mittelmäßiger Ingenieur, und hat eben ein ziemlich mittelmäßiges Werk an dem Menschen getan, und wir sind jetzt in der Lage das viel besser tun zu können.

Ich lese vor hier, von Stelarc, was er schreibt: "Der Körper ist weder eine sehr effiziente, noch sehr haltbare Struktur. Er versagt oft und ermüdet schnell. Seine Leistungskraft wird durch sein Alter bestimmt. Er erkrankt leicht und ist zu einem sicheren und frühen Tod verdammt. Seine Überlebensvorräte sind sehr schwach, er kann nur ein paar Wochen ohne Nahrung, ein paar Tage ohne Wasser, ein paar Minuten ohne Sauerstoff leben. Das Fehlen einer modularen Gestaltung des Körpers, also wir wissen das viel besser, und sein überaktives Immunsystem machen es schwierig, schlecht funktionierende Organe zu ersetzen."
Das ist ein Teil der Conspiracy von der ich spreche, wir sind schließlich eine Maschine, die Teilchen hat, und erst einmal können wir sie alle verstehen und wir können sie alle ersetzen. Das Ersetzen kommt hier...

"Es könnte der Höhepunkt der Verwirklichung des Menschen (oder der logischen Verrücktheit?) sein, den Körper als veraltet anzusehen, denn nur wenn sich der Körper seiner aktuellen Position bewußt ist, kann er seine postevolutionären Strategien entwerfen."
Postevolutionäre...Ich habe eine Faustregel, daß fast alle Worte, die mit "post-" anfangen, Unsinn sind.

"Es geht nicht mehr darum," sagt Herr Stelarc und er hat es auch gestern gesagt, "die menschliche Rasse durch Reproduktion zu vermehren, sondern darum, den männlich/weiblichen Geschlechtsverkehr durch eine Menschen/Maschine Schnittstelle zu verbessern. Der Körper ist überholt, wird sind am Ende der Philosophie und der menschlichen Physiologie. Menschliches Denken entschwindet in die Vergangenheit des Menschen."

Der Mensch als Menge von Setup-Funktionen

Das sagt Stelarc. Warum er dann nicht sofort verhaftet wird, weiß ich nicht. Wenn jemand jetzt predigen würde, daß die Juden unser Unglück sind und wir sie ausrotten müssen, dann würde man im heutigen Deutschland sicherlich verhaftet. Und hier wird gesagt, der Mensch ist unser Unglück und wir müssen ihn ausrotten. Und das ist genau das, was Moravec, ich weiß, sie glauben mir nicht, gehen sie ruhig in den Buchladen, das ist genau das, was Moravec sagt. Er schreibt ganz ernst, daß die Roboter in 40 Jahren, jetzt sind davon nur noch 35 übrig, erkennen, daß sie besser ohne uns auskommen können, und das würde dann der Anfang vom Ende der Menschheit sein. Minsky ist da ein bißchen großzügiger, er sagt es kann sein, daß sie uns als Schoßtiere behalten. Moravec spricht von einer "postbiologischen Zukunft" in der der Mensch keine Funktion mehr hat, wenn die Welt voller Roboter ist. Das meint er ernst, ganz ernst. Es ist auch möglich, den einzelnen Menschen per "download" in die Maschine zu füttern und dann ist die Maschine dieser Mensch. Nicht daß es sich um eine Simulation handelt oder so. Da der Mensch dann ein Programm in einer Maschine ist, kann sie beliebig oft dupliziert werden, und das bedeutet, daß wir es endlich geschafft haben, den Menschen unsterblich zu machen. Es ist immerhin sein Verdienst, daß er im Buch selbst sagt, daß diese Haltung davon abhängt, was man glaubt, daß das Wesentliche am Menschen sei. Diese Frage stellt er, und er soll sie stellten und beantwortet sie. "Der Mensch ist eine Menge von Setup-Information. Das ist das Wesentliche am Menschen. Der Körper ist Gelee, dessen Funktion es ist, diese Informationskette zusammen zu halten."

Da muß man sich vorstellen, was eine CD ist. Nehmen wir so eine Musik wie das Mozart-Requiem, das wird dann von Karajan dirigiert und von den Berliner Philharmonikern aufgenommen und schließlich auf eine CD gepreßt. Und was es dann ist, das meine ich ganz ernst, ist eine Zahl. Die ganze Performance wurde in eine Zahl verwandelt und die Zahl ist auf diesem Material. Und das Material ist so konstruiert, daß die Zahl genau so zusammen gehalten wird. Und dann haben wir eine Maschine, den CD-Spieler, die diese Zahl lesen kann und die Informationen der Instrumente des Requiem weitergeben. Aber es ist wichtig, das zu erkenne, was auf dieser CD ist, ist nicht nur eine Analogie, es ist eine Zahl. Deswegen kann man auch eine CD endlos kopieren, bis zu 100.000 Mal, und die letzte Kopie wird so gut sein wie die erste. Weil man ja nur eine Zahl kopiert, das ist etwas ganz anderes als eine Langspielplatte. Da kommt auch die Idee her, daß dieser Mensch dann unsterblich ist. Also das ist der Mensch und der Körper hat die Funktion, die ich eben erwähnt habe. Ich glaube nicht, daß es so ist, weil ich meinen Körper ganz anders erlebe.

Ich wollte noch etwas zum "Downloading" sagen:
Das Prinzip, wenn man es so nennen könnte, ist so ungefähr - bitte nicht lachen - so wie in Startreck. "Beam me up, Scottie", das heißt der Mensch stellt sich in diese Maschine und ist in wenigen Sekunden 10 Lichtjahre entfernt. Was da passieren soll, der Mensch wird auseinander genommen, ein Atom ums andere. Die Architektur, wie diese einzelnen Atome zueinander stehen usw.,. die werden von dem großen Computer gespeichert, und, wenn die Atome dort ankommen, wird die Reihenfolge/Struktur der Atome übergeben, und dann wird der Mensch wieder hergestellt. Natürlich aus anderen Atomen, aber das macht nichts. Das ist das, was hier passieren sollte.

Die beiden Aussagen haben den gleichen Sinn, es ist jetzt an der Zeit, wir sind jetzt in der Lage in die Evolution einzugreifen. Das bedeutet, die biologische Evolution aufzuhalten, und statt dessen, unser neues Modell, sozusagen, in die Natur einzuführen. Das bedeutet eine Verachtung und Intoleranz des Menschen. Es ist interessant, als Stelarc das gestern auf der Bühne gesagt hat, da gab es ein wenig Gelächter. Der Körper ist obsolet, hat er gesagt. Das ist nicht lächerlich, ich muß sie daran erinnern, es tut mir leid das sagen zu müssen, aber so ist es glaube ich. Damit sich Menschen ermorden können, muß man glauben, daß der andere Mensch kein Mensch ist. Die Juden wurden damals als Ungeziefer identifiziert. Das war das Wort. Nur dann, wenn man das glaubt, und verinnerlicht hat, kann man morden. Und ich sehe leider, in der Entwicklung, die wir jetzt sehen, die Verbindung von Computer und Kunst, sehe ich die selbe Haltung, die in diesem Fall die gleiche Idee verbreitet. Und da möchte ich die Community wirklich warnen, sie sollen sich das überlegen, ob sie wirklich in diese Richtung gehen möchten oder nicht.

Computer, KI und Delphine

II. Diskussion

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2058/1.html
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