Über die totalitäre Interaktivität

25.10.1996

Beobachtungen vom Volksfeind

Ganz gefangen in der Ideologie der vermeintlichen digitalen Revolution, wird im Westen die Computertechnologie mit ihren Möglichkeiten der Interaktion als Emanzipation des ehemals passiven Zuschauers eines Kunstwerks gefeiert. Im "befreiten" Osten empfinden die postkommunistischen Menschen diese Technik oft diametral anders - als stalinistische Technik der Überwachung und Manipulation mit anderen Mitteln. Der aus Moskau stammende und jetzt im Heimatland der digitalen Revolution lebende Computerwissenschaftler, Künstler und Medientheoretiker Lev Manovich hat noch Schwierigkeiten, in den Optimismus der neuen digitalen Welt einzustimmen und führt einige Argumente gegen die Parole "Arbeiter der Welt, vernetzt euch!" an.

In Art, Power, and Communication schreibt Alexei Shulgin:

"Wenn man sich eine sehr populäre Form der Medienkunst wie die 'interaktive Installation' ansieht, dann frage ich mich immer, warum Menschen (Betrachter) von dieser neuen Möglichkeit, sie zu manipulieren, begeistert sein können. Anscheinend ist Manipulation die einzige Kommunikationsweise, die sie kennen und schätzen. Sie folgen glücklich den wenigen, ihnen von den Künstlern angebotenen Optionen: Drücke den linken oder rechten Knopf, spring oder sitze. Ihre Künstler-Manipulateure verwenden die Verführungen der neuesten Technologien (Die Zukunft jetzt!), um Menschen in ihre pseudo-interaktiven Spiele hineinzuziehen, die ganz offensichtlich auf dem banalen Willen zur Macht basieren. Doch man kann so viele schöne Worte über all das hören: Interaktion, Interface zum Selbstausdruck, Künstliche Intelligenz, sogar Kommunikation. Die Heraufkunft der Medienkunst ist der Übergang von der Repräsentation zur Manipulation."

Alexei Shulgin hat Recht, wenn er das Phänomen der interaktiven Kunst und der interaktiven Medien als einen Übergang von der Repräsentation zur Manipulation bezeichnet. Interaktive Computerinstallationen stellen in der Tat eine fortgeschrittene Form der Publikumsmanipulation dar, indem das Subjekt einer Struktur ausgesetzt wird, die der Versuchsanordnung in einem psychologischen Laboratorium oder einer High-Tech-Folterkammer des CIA oder KGB ähnlich ist, wie man sie oft in den Spionagefilmen aus dem Zeitalter des Kalten Krieges gesehen hat.

Genau deswegen, weil ich, geboren in Moskau und dort während der Ära Breschnew aufgewachsen, nur allzu gerne Shulgins Schlußfolgerungen zustimme, erkenne ich jedoch auch die Grenzen dieser Analyse oder, besser, deren kulturelle Eigenart. Nur ein postkommunistischer Menschen kann interaktive Kunst und interaktive Medien so sehen. So ist es auch nicht überraschend, wenn ein anderer Postkommunist, der Kunstkritiker Boris Groys, mit dem ich letztes Jahr sprach, interaktive Computerinstallationen auf ganz ähnliche Weise analysierte.

Die Erfahrungen im Westen und Osten legen fest, wie man jeweils die neuen Medien wahrnnimmt. Im Westen ist Interaktivität ein perfektes Mittel für die Ideen der Demokratie und Gleichheit. Im Osten ist sie eine andere Form der Manipulation, in der der Künstler fortgeschrittene Technologie einsetzt, um seinen totalitären Willen den Menschen aufzuzwingen. Über den modernen Künstler als totalitären Herrscher hat Boris Groys geschrieben.

Westliche Medienkünstler nehmen die Technologie normalerweise sehr ernst und sind verzweifelt, wenn sie nicht funktioniert. Postkommunistische Künstler erkennen hingegen, daß es das Wesen der Technologie ist, nicht zu funktionieren, ständig zusammenzubrechen, niemals so zu arbeiten, wie sie dies tun soll ... Als beispielsweise der Moskauer Konzeptkünstler und Dichter Dimity Prigov während der ISEA '94 eine Aufführung machte, in der er Übersetzungsprogramme für Geschäftsleute einsetzte, um ein berühmtes russisches Gedicht aus dem 19. Jahrhundert von Puschkin aus dem Russischen ins Finnische und von dort ins Englische übersetzte, bezeichnete er die Fehler in der Übersetzung als neues Kunstwerk.

Ein westlicher Künstler sieht das Internet als ein perfektes Mittel, um alle Hierarchien einzureißen und die Kunst zu den Menschen zu bringen (während er es in Wirklichkeit meist nur als Hypermedium benutzt, um seinen Namen bekannt zu machen). Als Postkommunist kann ich das Internet hingegen nur als öffentliches Zimmer aus dem Zeitalter Stalins sehen - keine Privatheit, jeder spioniert jedem nach, ein jederzeit offener Zugang zu privaten Orten wie dem Klo oder der Küche. Oder ich kann es als einen gigantischen Müllplatz der Informationsgesellschaft sehen, auf den jeder seine gebrauchten Produkte der intellektuellen Arbeit wirft und es niemanden gibt, der aufräumt. Oder als ein neues Massenpanoptikum, das bereits in den kommunistischen Gesellschaften verwirklicht wurde - vollständige Durchsichtigkeit, jeder kann jeden anderen beobachten.

Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie verrückt mache. Ich verspreche, daß ich folgendes solange auf die Tafel schreibe, bis die Kreide zu Ende geht:

Das Internet ist gut für die Menschen!
Das Internet ist gut für die Menschen!
Das Internet ist gut für die Menschen!

Nieder mit dem Museum!
Nieder mit dem Museum!
Nieder mit dem Museum!

Arbeiter der Welt, vernetzt euch!
Arbeiter der Welt, vernetzt euch!
Arbeiter der Welt, vernetzt euch!

Ich verspreche, in glücklichen Reihen zu marschieren und Parolen zu brüllen, während sich auf meinem Gesicht die leuchtenden Pixel der neuen Version des Netscape Browsers spiegeln. Ideologie, Geschichte und Klassenkampf sind endgültig vorbei, ersetzt durch den Krieg zwischen Microsoft und Netscape und die Java-Objekte. Lang lebe die digitale Revolution!

Doch bevor ich aufgebe, würde ich Ihnen gerne noch einen weiteren Gedanken mitteilen, den letzten Download vom "Volksfeind", eine weitere Behauptung über Interaktivität als eine totalitäre Kunstform. Die gesamte klassische und um so mehr die moderne Kunst war bereits "interaktiv", da sie einen Zuschauer voraussetzte, der fehlende Information (beispielsweise Ellipsen in der literarischen Erzählung, fehlende Teile eines Gegenstands in der modernen Malerei) ersetzte und seine Augen (die Komposition in der Malerei und im Film) oder seinen ganzen Körper (für die Wahrnehmung von Skulptur und Architektur) bewegen mußte. Die interaktive Computerkunst versteht "Interaktion" wörtlich, indem sie diese auf Kosten der psychischen Interaktion mit einer rein physikalischen Interaktion zwischen einem Benutzer und einem Kunstwerk (das Drücken eines Knopfes) gleichsetzt. Die psychischen Prozesse des Ausfüllens, der Hypothesenbildung, der Erinnerung und Identifizierung, die von uns für jedes Verständnis eines Textes oder Bildes abverlangt werden, identifiziert man fälschlicherweise zu eng mit einer objektiv existierenden Struktur von interaktiven Links.

Diese wörtliche Deutung läßt sich als weiteres Beispiel für den weiterreichenden modernen Trend begreifen, das mentale Leben zu externalisieren , worin Medientechnologien wie Fotografie, Film und Virtual Reality eine entscheidende Rolle gespielt haben. Einerseits hören wir Behauptungen von Benutzern und Theoretikern der neuen Medientechnologien - von Francis Galton (dem Erfinder der zusammengesetzten Fotografien) bis zu Hugo Munsterberg, Sergei Eisenstein und zuletzt Jaron Lanier -, daß diese Technologien des Geist externalisieren und objektivieren. Andererseits vergleichen moderne psychologische Theorien des Geistes - von Freud bis zur Kognitionspsychologie - die mentalen Prozesse mit externen, technisch hervorgebrachten visuellen Formen.

Interaktive Computermedien passen perfekt in diesen Trend. Mentale Prozesse der Reflektion, des Problemlösens, der Erinnerung und Assoziation werden externalisiert und mit dem Vorgang gleichgesetzt, einem Link zu folgen, zu einem neuen Bild zu gehen, eine neue Szene oder einen neuen Text auszuwählen. Das eigentliche Prinzip der neuen Medien - die Links - objektiviert tatsächlich den Prozeß menschlichen Denkens, das Ideen, Bildern und Erinnerungen miteinander verbindet. Mit den interaktiven Medien werden wir aufgefordert, auf das Bild auf einem Bildschirm zu klicken, um zu einem anderen Bild auf dem Bildschirm zu gehen und so weiter, anstatt auf ein Gemälde zu schauen und geistig unseren eigenen, persönlichen Assoziationen mit anderen Ideen, Bilder und Erinnerungen zu folgen. Folglich werden wir dazu aufgefordert, vorprogrammierten, objektiv existierenden Assoziationen nachzugehen. Kurz, wir werden dazu aufgefordert, was sich als eine neue, verbesserte Version von Althussers "Interpolation" verstehen läßt, die Struktur des Geistes von jemanden anderen mit der unseres eigenen Geistes zu verwechseln.

Das ist eine neue Art der Identifikation, die dem Informationszeitalter der kognitiven Arbeit angepaßt ist. Die Kulturtechnologien einer Industriegesellschaft - Kino und Mode - forderten uns auf, uns mit dem Körperbild einer anderen Person zu identifizieren, die interaktiven Medien legen es nahe, uns mit der mentalen Struktur einer anderen Person zu identifizieren.

Lev Manovich lehrt gegenwärtig am Visual Arts Department der University of California, San Diego.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer

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