Homo symbioticus
Ein planetarer Superorganismus
Joel de Rosnay hat schon früh die Metapher vom globalen Gehirn verwendet. Als Biologe zieht er nicht nur den Vergleich des aus Menschen, Künstlichem Leben und Computernetzen gewobenen Gehirns mit einem Organismus, sondern er begreift auch die ganze Erde als den Körper des neuen Lebewesens, das er Kybiont nennt. Rosnay geht es um die schwierige Symbiose des Technosystems und des Ökosystems, um die Gefahren und die Steuerungsmöglichkeiten des entstehenden Makroorganismus. Homo symbioticus entwirft eine faszinierende Vision unserer Zukunft.
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Der Biologe und Informatiker Joel de Rosnay ist derzeit strategischer Leiter der Cité des Sciences et de l'Industrie de la Villette. Zuvor war er am Institut Pasteur als Leiter tätig und hat als Forscher am MIT im Bereich der Biologie und Informatik gearbeitet. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter "Le Macroscope" (1975), "Les Chemins de la Vie" (1983), "Le Cerveau Planétaire" (1986), "L'Aventure du vivant" (1988), "Les Rendez-vous du Futur" (1991) und "L'homme symbiotique" (1995), aus dem der von Telepolis übersetzte Text stammt und das im März im Gerling Akademie Verlag auf deutsch erscheint.
HOMO SYMBIOTICUS
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Die menschliche Gattung steht vor einer nie dagewesenen Herausforderung, nämlich von innen heraus einen lebenden Organismus zu erschaffen, der eine höhere Organisationsstufe aufweist als sie selbst. Ein Organismus, der dazu bestimmt ist, ihr symbiotischer Partner zu werden. Weder politisch noch philosophisch oder religiös ist sie auf diese gigantische Aufgabe vorbereitet worden, die sowohl die Souveränität des Menschen als auch die Tragweite seines Einflusses auf die Welt in Frage stellt.
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Um eine Vorstellung von dieser Perspektive zu vermitteln und diesen wahrscheinlich nächsten Abschnitt der Menschheitsentwicklung zu veranschaulichen, habe ich die Metapher des Kybionten gewählt, des gerade entstehenden planetaren Makroorganismus. Vieles deutet darauf hin, daß der Kybiont in seinem Urzustand bereits existiert und von seiner eigenen Dynamik lebt. Die vielfältigen gesellschaftlichen Organisationsformen, die Städte, die konzentrierten oder verstreuten menschlichen Gemeinschaften, die Maschinenpopulationen, die Kommunikations- bzw. Transportnetze sind sichtbare Makrostrukturen, die die vitalen Organe oder Geflechte des Kybionten bilden. Schritt für Schritt breitet sich dieses hybride menschliche Geflecht über die Erdoberfläche aus, indem es sich auf eine ähnliche Art ausdifferenziert und fortpflanzt wie Embryonalzellen im Entstehungsprozeß eines lebenden Organismus.
Die Metapher des Kybionten dient dazu, sich die Globalität der untersuchten Phänomene zu vergegenwärtigen. Vergleichen wir für einen Augenblick die Erde mit dem Kybionten. Unser Planet ist eine sich selbst regulierende kybernetische Maschine, deren Funktionsweise derjenigen eines Organismus gleicht. Dieses Modell, das James Lovelock Gaia getauft hat, macht es möglich, eine große Zahl von Elementen unterschiedlicher Gebiete unter einem einheitlichen Konzept zusammenzufassen.
Das, was Gaia für das planetare Ökosystem ist, ist der Kybiont für den gesellschaftlichen Makroorganismus. Aber in Wahrheit besteht er genau wie Gaia aus miteinander konkurrierenden Subsystemen. Wegen der Vielgestaltigkeit der Erde wäre es unrealistisch, die Entstehung eines einzigen planetaren Makroorganismus ins Auge zu fassen. Von einem zum anderen Ende der Erde leben die Nationen und menschlichen Gemeinschaften in unterschiedlichen Zeiten, selbst wenn sie Zeitgenossen zu sein scheinen. Gestützt auf ihren technologischen oder industriellen Vorsprung, die Tiefgründigkeit ihrer eigenen Kultur, die Originalität ihrer Traditionen und ihrer Weltsicht ist keine von ihnen auf eine andere zurückführbar. Das mehr oder weniger entwickelte Konzept der Nation basiert auf ökonomischen Kriterien, die sich nicht auf die Gesamtheit der Menschheit anwenden lassen. Infolgedessen wird es mehrere Makroorganismen geben, die die Subkomplexe des Kybionten bilden. Es wird sogar mehrere Kybionten geben, die in unterschiedlichen Zeiten leben. Vielleicht werden sie in Zukunft miteinander um das Überleben oder die Herrschaft konkurrieren.
Aus Gründen der Vereinfachung betrachte ich den Kybionten als einen einzigen planetaren Organismus. Insbesondere als die am weitesten entwickelte Form eines im Entstehen begriffenen . Hierfür gibt es mehrere Gründe. Zunächst einmal die Geschwindkeit, mit der es sich entwickelt. Die Koevolution der Kommunikationssysteme und der Informationsverarbeitungssysteme hat eine autokatalytische Reaktion verursacht, die zur Selbstauslese einer Gruppe von miteinander vernetzten Elementen führt. Hierbei gelangt ein fundamentales symbionomisches Prinzip zur Anwendung, von dem bereits die Rede war. Darüber hinaus stellt der Kybiont sowohl eine teilweise dematerialisierte als auch eine der seßhaftesten Organisationsformen der Biosphäre im jetzigen Stadium ihrer Entwicklung dar.
Da er aus seiner Existenz als von Gaia die für sein Überleben notwendige Energie bezieht, besteht für ihn in der momentanen Situation keinerlei Notwendigkeit, sich in seiner Gesamtheit zu bewegen. Und schließlich breitet sich die aktuelle Form des Kybionten, der dazu in der Lage ist, durch die Akkumulation einer kritischen Informationsmasse die Zeit zusammenzuziehen, mittels seiner Kommunikationsnetze über unseren gesamten Planeten aus. Sowohl sein organisatorischer Einfluß als auch seine Rolle als Katalysator werden folglich immer entscheidender. Auf diese Weise entwickelt sich der Kybiont schneller als jede andere Form entstehenden Makro-Lebens.
Zahlreiche Autoren (Wissenschaftler, Philosophen, Science-fiction-Autoren, politische Visionäre) haben in ihren Büchern von der Entstehung planetarer Superorganismen gesprochen oder sie manchmal sogar sehr ausführlich beschrieben. Diese Darstellung ergibt sich von selbst, sobald man nur mit genügend Distanz die Entwicklung der gesamten Menschheit und ihrer Erfindungen, Produktionen oder Konstruktionen untersucht. Eine Darstellung, die angesichts der Disparitäten, Ungleichheiten und unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten, die die Gesellschaftssysteme unseres Planeten kennzeichnen, notwendigerweise einige Einschränkungen enthält. Zuweilen gibt es auch naive, utopische oder poetische Beschreibungen dieser Superorganismen. Trotzdem berichten auch sie, allerdings auf ihre Weise, vom makroskopischen Phänomen, deren Zeugen und Akteure zugleich wir sind. Ich möchte das Leben des Kybionten in einer nachvollziehbaren Sprache und in verständlichen Bildern beschreiben, dabei zwar latente Anthropomorphismen vermeiden, die immer eine Verkürzung darstellen, jedoch nicht vor oftmals durchaus kreativen Analogien zurückzuschrecken.
Die Lebensfunktionen auf globaler Ebene
Es stimmt, daß das Leben des Kybionten vom menschlichen Standpunkt aus nur schwer erkennbar ist. Vom Gipfel eines Berges oder durch die Luke eines Flugezeugs gewinnt man manchmal den Eindruck eines hektischen Lebens, das sich zu unseren Füßen abspielt. Es findet seinen Ausdruck im Schauspiel der allnächtlichen beleuchteten, in der Natur verteilten Stadt-Zellen und in dem nie abbrechenden Verkehr auf den großen Verkehrsadern: weiße Lichter auf der einen Seite, rote auf der anderen - wie das in den Venen und Arterien zirkulierende Blut -, die wirken, als würden sie von einer gigantischen Pumpe hin und her bewegt. Von noch weiter oben offenbart sich dank der per Satellit übertragenen Bilder die Ansicht des blauen Planeten und der Ausdrucksformen des gesellschaftlichen Lebens: Megalopolen, Straßennetze, Industrieabgase.
Diese wunderbare Ansicht von den Lichtern der Erde, die mit Leben gefüllte Karte einer künstlich hergestellten, den gesamten Planeten überdeckenden Dunkelheit, verwahre ich immer zusammen mit den vom Satelliten Meteosat gemachten Erdaufnahmen. Auf den ersten Blick lassen sie unterschiedliche Zivilisationsformen erkennen. Die drei großen Megalopolen (amerikanische Ostküste, Westeuropa, Japan) mit ihrer Lichterflut, die Lichtstreifen der großen Verkehrswege (Autobahnen in Nordeuropa, die Transsibirische Eisenbahn, das Niltal), die Gasflammen der Erdölgebiete, aber auch die kleinen Bootsflotten, die mit Laternen fischen, oder die Unzahl der Busch- und Waldbrände in den Entwicklungsländern, um die Erde urbar zu machen oder zu entwalden.
Diese Bilder sind zwar eindrucksvoll, aber flüchtig. Bei normaler Augenhöhe nimmt alles wieder seine feste und auf den Menschen bezogene Form an. Die Städte natürlich, diese Makrowelt des unmittelbar Sichtbaren, genauso wie die Straßenverkehrs-, Eisenbahn- und Elektrizitätsnetze; die großen Bauwerke, die Brücken, Talsperren, Fabriken; und vor allem auch die Landschaften, deren unendliche Vielfalt im Laufe der Jahrtausende von mit ihnen in Symbiose lebenden Menschen geformt wurde. Die Makrowelt des Unsichtbaren ist die der Ökonomie und ihrer unzähligen, gleichzeitig getätigten Geschäfte; die über Satelliten übertragenen Radio- und Fernsehwellen, die ein immaterielles Spinnennetz um die Erde legen. Auch die Welt des Geldverkehrs, der unterirdischen oder unterseeischen Erdöl- und Informationspipelines gehört dazu; die elektronischen Datenbanken, die Gesetze, Codes und zeitlich begrenzten Abkommen, mit denen die verschiedenen Aktivitäten der menschlichen Gesellschaften kontrolliert, reguliert und aufeinander abgestimmt werden.
Wie jeder lebende Organismus sorgt der Kybiont mittels der Menschen und Maschinen für die Sicherung seiner wichtigsten Grundfunktionen: Selbsterhaltung, Selbstregulierung, Selbstreparatur. Er ernährt sich, wandelt Energie um, verdaut und entledigt sich (zwar noch unvollständig) seiner Abfälle. Seine wichtigsten Nahrungsmittel sind Öl und Kohlehydrate. Ersteres dient dazu, den Betrieb der mechanischen und elektronischen Maschinen mittels Elektrizität sicherzustellen, das zweite Ergebnis der Photosynthese und der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, dient der Versorgung der biologischen (menschlichen und tierischen) Maschinerie. Der Kybiont ernährt sich auch von anderen Energieformen (Atomenergie, Biomasse und Naturgas), aber global betrachtet sind Öl und Kohlehydrate seine Grundnahrungsmittel. Die biologischen, mechanischen und elektronischen Maschinen wandeln Energie in nützliche Arbeit um, wodurch sowohl die Aufrechterhaltung der Strukturen und Funktionen als auch die Entwicklung des Kybionten gewährleistet wird.
Die vitalen Gewebe des planetaren Makroorganismus sind entsprechend derjenigen eines lebenden Organismus differenziert. In den Städten beispielsweise bestehen die Wohngebiete in der Regel aus Wohnungen. Die ländlichen Gebiete der Erde sind gespickt mit Bauernhöfen, autarken Einheiten, die dazu in der Lage sind, Sonnenenergie und Biomasse in für das Überleben und die Entwicklung von Mensch und Tier notwendige Energie umzuwandeln. Der Bauernhof stellt in der Tat eine fortgeschrittene Form des symbiotischen Lebens zwischen Mensch und Natur dar. In den städtischen Regionen gibt es Bereiche für die Lagerung von Nahrungsmitteln, Öl, Materialien, Ausrüstungsgegenständen, Informationen und Kapitalien. Ein bis in jeden Haushalt verzweigtes Verteilungsnetz dient dem Transport von Energie, Materialien und Informationen.
Der interne Verkehr des Kybionten ähnelt dem eines lebenden Organismus. Arterien, Venen und Kapillare der Transportnetze befördern Energie, Erzeugnisse und Informationen durch die Luft, das Wasser, über Schienen und Straßen. Genau wie Zellen und Blutkörperchen ist jede bewegliche Maschine, entsprechend ihrer jeweiligen Eigenschaft und Funktion, an diesem Verkehr beteiligt. Handelswaren und Passagiere bewegen sich in einem ununterbrochenen Kreislauf von einem Land ins andere, während ganze Gewebe- und Organbereiche des Kybionten sich reparieren, heilen und erneuern.
Das Verdauungssystem des Kybionten wandelt komplexe Materialien in einfache Substanzen um, die sein Stoffwechsel verwerten kann, oder sie werden für den späteren Bedarf gelagert. Die Abwässer und Abfallprodukte werden über ein Kanalsystem entsorgt, von Reinigungsdiensten aufgefangen, von Spezialeinheiten, die die Rolle von Niere oder Leber innerhalb eines vielzelligen Organismus spielen, beseitigt, behandelt und wiederverwertet. Das Verdauungssystem des Kybionten funktioniert noch nicht im Rahmen einer symbiotischen Verbindung mit Gaia: die Abfälle werden auf Mülldeponien "verkapselt", unter freiem Himmel angehäuft oder verschmutzen ganze Erdregionen. Die kybernetischen Makro-Regelkreise sind noch nicht so geschlossen, wie sie es im natürlichen Ökosystem dank der Arbeit der zersetzenden Mikroorganismen sind.
Der Kybiont besteht aus einer Vielzahl ineinander übergreifenden Abwehrmechanismen bzw. -systemen, die die Aufrechterhaltung seiner Strukturen und Funktionen gewährleisten. Die Stadt ist ein Schutzsystem, das eine menschliche Gemeinschaft von der Außenwelt isoliert und gleichzeitig den kulturellen, politischen, industriellen und Handelsaustausch begünstigt. Ursprünglich dienten die Stadtmauern dem Schutz der Bevölkerung gegen Eindringlinge, die Güter und Ernten plündern wollten. Die Häuser sind mittels Energieverteilungstechniken, Müllsammlung und Kommunikation zu einer symbiotischen Mikro-Umwelt des Menschen mit festgelegten Funktionen geworden. Diese Form der symbiotischen Struktur erfaßt auch andere geregelte Mikro-Umwelten: Arbeit (Büros, Bürotürme); Handel (große Supermärkte, Einkaufszentren); Freizeit (Indoor-Sportarten, Parks); Kultur (Museen, Technikparks); Reisen (große Flughäfen). "Immunisierende" Abwehrnetze schützen den Gesellschaftsorganismus gegen unterschiedliche bedrohliche Gefahren oder Eindringlinge.
Die mit Computern verbundenen planetaren Kommunikationssysteme bilden die Vorstufe für das Nervensystem und das Hirn des Kybionten. Immaterielle Datenströme, Steuerungsbefehle, Unterhaltungen, Bilder und Töne sind in einem ununterbrochenen Reigen im Umlauf. Sie benutzen Drähte, Kabel, Glasfaserkabel, elektromagnetische Wellen, Satelliten, Radio- und Fernsehsender bzw. -empfänger, Computerbildschirme, Telefone, die Presse . . . Das Funktionieren der menschlichen Gesellschaft in den Netzen erreicht ein solches Maß an Komplexität und entwickelt sich derartig schnell, daß dieses symbionomische Phänomen besondere Aufmerksamkeit verdient.
Das Nervensystem und das Hirn des Kybionten kontrollieren und regulieren die Systeme des materiellen Austauschs und Transports, die ihrerseits den Stoffwechsel des Gesellschaftsorganismus bilden und seine Selbsterhaltung gewährleisten. So ist die Koppelung von Elektronik und Mechanik eine hybride Form interner Energieregulierung der Informations- und Materialströme oder der großen Beziehungszyklen mit Gaia, dem planetaren Ökosystem. Makro-Schnittstellen verbinden jedes menschliche "Neuron" mit den großen Stoffwechselfunktionen des Kybionten, und zwar mittels flutartiger Verbreitung auf den Güter- und Dienstleistungsmärkten, in den weltweiten Reservierungssystemen für Flugzeugplätze oder im Geldverkehr durch Kreditkarten und Geldautomaten; oder mittels der Verkehrsleitsysteme per Satellit, der Netze für die zwischenmenschliche Kommunikation per Computer, der elektronischen Meinungsumfrage (TED), der Indizes für die wirtschaftliche Lage . . . Das planetare Auge und das planetare Ohr der audiovisuellen Medien, die Meßfühler für das Wetter und die Fernmessung werden Schritt für Schritt zu echten "Sinnesorganen" der Erde.
Im Wahnsinn der Märkte, in den Zuckungen der Börse und im Schwanken der Wechselkurse offenbart sich das Leben des Kybionten auch von seiner hektischen und schnellebigen Seite. Der Markt entspricht einem parallelen Supercomputer, der die Entscheidungen und das Vorgehen einer Vielzahl von Agenten einbezieht, die nach einfachen Regeln handeln: Preise, Prozentsätze, Indizes . . . Die Börse ist ein lebendes Ökosystem. Dank des Computers, der Kommunikationsnetze und der Zeitunterschiede funktioniert sie beinahe unablässig in Echtzeit. Ihre graphisch festgehaltenen Schwankungen sind chaotisch und haben fast biologischen Charakter. Sie ähneln den Langzeitdiagrammen der Lebensparameter wie Herzschlag, Atemrhythmus, Veränderung des Blutdrucks oder der Hormonkonzentration im Blut. Auch ohne einem naiven Animismus anzuhaften, offenbart die Börsen- und Weltmarktbeobachtung doch, daß man es hierbei mit einem lebenden Ökosystem zu tun hat. Diese regulative Makro-Schnittstelle hat ihre eigene "Psychologie". Die Kommentatoren beschreiben die Stimmungen der Börse in bildhafter Sprache: Die Stimmung ist niedergeschlagen, euphorisch, mürrisch, fiebrig; die Börse verharrt in Wartestellung oder eilt den Ereignissen voraus. Diese Beschreibungen sind uns so vertraut geworden, daß man ihren makroskopischen Charakter vergißt: die Börse ist nichts anderes als ein unmittelbar wahrnehmbares Zeichen für das Leben des Kybionten.
Ich könnte diese analoge, isomorphe oder metaphorische Lebensbeschreibung des Kybionten noch seitenweise fortsetzen, indem ich ihn mit einem biologischen Organismus vergleiche. Das ist jedoch nicht mein Ziel, und die Grenzen einer solchen Beschreibung würden schnell spürbar. Mein eigentliches Interesse gilt dem Menschen, und in erster Linie dem symbiotischen Menschen. Wie wird er angesichts der sich aus dem Leben des Kybionten ergebenden Zwänge seinen Aktivitäten und seiner Freiheit Geltung verschaffen? Welchen Nutzen wird er andererseits aus der geregelten und harmonischen Funktionsweise des gesellschaftlichen Makroorganismus ziehen?
Zwei grundlegende Lebensfunktionen des Kybionten bieten mir die Möglichkeit, eine Antwort auf diese Frage zu suchen. Einmal handelt es sich um die Funktion der Selbsterhaltung durch die Koppelung von Ökologie und Ökonomie. Zum anderen um die der eigenen Selbstwahrnehmung des Kybionten mittels der Entstehung einer kollektiven Intelligenz und eines kollektiven Bewußtseins. Im Rahmen dieser beiden Funktionen - die eine ist ökosphärisch, die andere noosphärisch - entsteht, entwickelt und beschleunigt sich jetzt im Augenblick die symbiotische Beziehung zwischen dem kreativen und handelnden Menschen einerseits und dem Kybionten andererseits.
Navigieren im Cyberspace
Das planetare Hirn des Kybionten ist im Entstehen begriffen. Wie das Beispiel Internet gezeigt hat, funktioniert es mittels Menschen-Neuronen, die durch Computer und Kommunikationsnetze miteinander verbunden sind. Die Datenautobahnen sind die großen Achsen des planetaren Nervensystems, und die immer kleineren und allgegenwärtigeren Personalcomputer seine "Gliazellen", die es den Neuronen ermöglichen, zu funktionieren und Schnittstellen zu bilden. Durch die weltweit miteinander verbundenen privaten, öffentlichen, kommerziellen, militärischen und lokalen Netze oder Netze von Netzen entstehen unwiderruflich die Maschen einer neuen Form von kollektivem Gehirn. Ein hybrides, biologisches und elektronisches (bald auch biotisches) Gehirn, dessen Verarbeitungsleistung unvergleichlich größer ist als die unserer Abermilliarden Neuronen und die der im Vergleich dazu schon leistungsfähigeren einzelnen Computer.
Menschen-Neuronen, elektronische Autobahnen, Computer und Megaspeicher bilden die Grundlage für den Cyberspace, die neue elektronische Umwelt, die das kollektive Denken des Kybionten umgibt. Der Cyberspace verkörpert die aus den zwischen den Menschen in den Kommunikationsnetzen ausgetauschten Informationen hervorgehende virtuelle Welt. Er macht es möglich, sich unendliche Hypertext- und audiovisuelle Umgebungen vorzustellen, die mit der Frequenz und der Dichte des Informationsaustauschs koevoluieren. Die Welt des Internet ist ein Cyberspace. Sie schafft die Voraussetzungen für eine neue elektronische Staatsbürgerschaft, eine neue Form der zwischenmenschlichen Beziehungen, der kulturellen, kommerziellen und wissenschaftlichen Zweckmäßigkeiten. Noch aber ist der Cyberspace ein Dschungel mit tausenderlei Gefahren, in dem man sich verlieren kann. Ein digitales Far West, wo es von Piraten und Gaunern nur so wimmelt. Der Cyberspace ist ein unendlicher Ozean, eine terra incognita, auf die man sich mit nur unvollständigem Kartenwerk, ohne zuverlässiges Navigationswerkzeug und geleitet von nur begrenzt wirksamen Verfahren begibt. Es muß noch eine intellektuelle Ergonomie erfunden werden, um den Zutritt zu und die Bewegungen in diesem Wissens-, Schaffens- und Freizeitraum zu erleichtern.
In den elektronischen Hyperräumen und Hypermedien geht es in der Tat um Bewegung und Navigation. Welches sind die Grundregeln der Navigation? Diejenigen der Seefahrt sind wohlbekannt. Der Navigator hält seinen Kurs, um den Hafen in der vorgesehenen Zeit zu erreichen. Beim Steuern berücksichtigt er die äußeren Gegebenheiten wie Stärke und Richtung des Windes, Strömungen, Riffe oder andere Schiffe. Er navigiert mit Hilfe von Instrumenten wie Kompaß, Sextant, Karten, Radar und Sonar und läßt sich von Seetonnen und Leuchttürmen leiten. Beim Autofahren benutzt man Karten, Führer und liest die Hinweisschilder. In einem Buch orientiert man sich an den Kapitelüberschriften, ihrer Zählung, am Inhaltsverzeichnis. Die Analogie zwischen Autofahrt und Buch ist deshalb nützlich, weil sich mit ihrer Hilfe die Tragweite der Revolutionierung durch den Cyberspace erfassen läßt. Das Buch steht für den individuellen und freien Zugang zum angesammelten Wissen. Das Auto für die Freiheit des Zugangs zum Raum. Der Computer, das Werkzeug für die "Fortbewegung" im Cyberspace, vereinigt und koppelt die Funktionen der Freiheit von Buch und Auto. Er ist das individuelle Mittel für den Zugang zu und die Navigation in den Hypermedien, Verbindungsstück, Führer, Karte, Kompaß, Radar und Sonar in einem.
Es scheint mir jedoch angebracht, die erst skizzenhaft sich abzeichnende "Psychologie" des Kybionten etwas eingehender zu beschreiben. Mit anderen Worten, den Entstehungsprozeß dessen, was sich aus der introspektiven Bewußtwerdung des "Geistes" des kollektiven Gehirns ergibt und von mir als Introsphäre bezeichnet wird.
Bei dieser Beschreibung ist der Zeitfaktor nur von untergeordneter Bedeutung. Die Vorhersagen auf der Grundlage der Extrapolation linearer Kurven sind häufig falsch. Viel eher als das Datum für das Auftauchen einer bestimmten Praxis, eines bestimmten Werkzeugs oder Verfahrens möchte ich die wahrscheinliche Konvergenz koevolutiver Prozesse in der Form beschreiben, als würden sie sich heute ereignen. Deshalb stelle ich im folgenden die innere Funktionsweise der Schnittstellen zwischen dem Kybionten und dem "computergestützten" Gehirn des symbiotischen Menschen in erzählender Form dar.
Reise ins Innere der Introsphäre
Zwei Welten bieten sich unter den vielen Möglichkeiten für unsere Forschungsreise in die Introsphäre an. Eine virtuelle Welt digitaler Räume, Gemeinschaften, Klone und Roboter, die mittels Werkzeugen der virtuellen Realität zugänglich wird. Und eine reale Welt lebender biologischer Wesen, die durch ein dichtes Computernetz miteinander verbunden sind, was die Intelligenz der Organisationen, in denen sie leben und arbeiten, vervielfacht. Die beiden Welten koexistieren auf sich ergänzende Weise entsprechend des jeweiligen Entwicklungsstandes der Anwendungsmöglichkeiten.
Die Schnittstellen mit dem Kybionten werden fortwährend verbessert und ähneln zunehmend denen der biologischen Netze. Man benutzt Hybriden, die aus Personalcomputern, Telefonen und Fernsehgeräten bestehen. Da sie nicht mehr über Kabel an das Telefonnetz bzw. elektronische Natz angeschlossen sind, sind sie mobil, tragbar und werden immer kleiner. Ihre starken Batterien gewährleisten tagelange Unabhängigkeit. Die Kommunikation mit diesen Maschinen geschieht mittels Sprache. Man spricht die Sätze ganz normal und ohne besondere Pausen zwischen den Wörtern aus. Die Maschinen reden wahlweise mit männlicher oder weiblicher Stimme mit uns. Zwei- oder dreidimensionale bewegte Gesichter erscheinen auf dem Bildschirm, um den Umgang zu personalisieren. In Form kleiner dreidimensionaler Figuren (holographische virtuelle Klone oder Projektionen anpassungsfähiger optischer Systeme) verlassen sie zuweilen den Bildschirm. Die Maschinen lesen selbst undeutliche Handschriften auf einem weichen elektronischen Block, der einem Blatt Papier ähnelt. Sie erkennnen sogar Physiognomien und Gesichtsausdrücke, Gesten und Körperbewegungen. Sie können auch Gerüche, Duftstoffe wahrnehmen und sie als zusätzliche Informationsquelle nutzen.
Die tragbaren Ausführungen dieser leistungsfähigen Maschinen sind nicht größer als eine Brieftasche. Sie kommunizieren sehr diskret mit uns, indem sie uns, schnurlos, etwas ins Ohr sprechen; aber auch mittels Induktion, Radiowellen oder Texten und Bildern, die auf dem virtuellen Bildschirm einer leichten Brille in unserem Gesichtsfeld zu schweben scheinen. Die Schnittstellen der virtuellen Realität sind einfach und kaum hinderlich. Die Helme sind durch 3-D-Sichtbrillen mit schnurlosen Hörern ersetzt worden. Die Handschuhe mit Kraftrückführer weichen Sensoren, die am Handgelenk oder an anderen Gliedern angebracht sind. Diese Sensoren registrieren bioelektrische Impulse, die von den Nerven an die Muskeln übertragen werden. Einfache und leichte Systeme leiten die Kraftrückführungen weiter. Je nach Wunsch ist es jederzeit möglich, dank einer angepaßten intellektuellen Ergonomie in die virtuelle Welt einzutauchen.
Die Netze sind also dauernd mit diesen Gehirnprothesen verbunden. Folglich sind leistungsstarke Computer jederzeit zugänglich und erhöhen so die Verarbeitungsleistung der Personalcomputer. Die Netze der Netze in der Art des Internet sind hochentwickelte Versuchsfelder für das Funktionieren des Kybiontenhirns. Die Anwender-Schnittstelle des Internet ist beachtlich verbessert worden: die Schnittstellen Mosaic und Netscape (mit deren Hilfe man durch das Anklicken von Symbolen oder Textzeilen von Computer zu Computer in der ganzen Welt navigieren kann) werden ersetzt durch Gesichter intelligenter Agenten oder Roboter, mit denen man sich unterhält oder denen man Bilder, Texte oder Graphiken zeigt. Das digitale Radio ist in den Netzen genauso verfügbar wie das interaktive Video. Hiermit lassen sich nicht nur Videokonferenzen abhalten, sondern auch die Telepräsenz wird möglich, mit deren Hilfe Vorgänge oder Handhabungen über große Entfernungen hinweg in der virtuellen Realität durchführbar sind. Die manipulierbaren Räume erleichtern Begegnungen. Ihren Ursprung haben sie in den Arbeiten der Forscher am Xerox Palo Alto Research Center (Parc). Dort hat man "gegenstandsorientierte Programme für mehrere Anwender" entwickelt, dies es gestatten, daß eine große Zahl von Anwendern über große Entfernungen hinweg in vertrauten Räumlichkeiten miteinander interagieren: Konferenzräume mit Gemälden, Schreibtischen, Schubladen und Kaffeemaschinen. Mittels einfacher Befehle treten die Benutzer dieser Räume miteinander in Audio- oder Videokontakt und wirken in Echtzeit auf dieselben Gegenstände ein.
Die Cyberspaces ermöglichen den Zugriff auf Laborarbeiten, gemeinsame Experimente und riesige Bibliotheken. Man greift auf sie zu und hat dabei den Eindruck, sich physisch zwischen den Bücherregalen zu bewegen. Durch Anklicken des Buchrückens schlägt man in ihnen nach: ihre Typographien und die Farbbilder sind mit denen echter Bücher identisch. Das gleiche gilt für die Suche in virtuellen Supermärkten und Geschäften, für das Nachschlagen von Katalogen, die Vorführung von Gegenständen, die Manipulation von Molekülen, die Bewegung innerhalb von Mikroräumen usw.
Die Schnittstelle mit den Netzen der Netze hat sich durch die allgemein verbreitete Steuerung mit Hilfe der Stimme, der automatischen Verbindungen allgegenwärtiger Mikros und der intelligenten Agenten grundlegend verändert.
Genauso wie man im Zeitalter des Wegwerf-Stiftes noch seinen Füllfederhalter benutzt, gebraucht man ebenso den Personalcomputer. Allerdings entpersonalisiert er sich, um in der Umwelt zu verschwinden. Die Verringerung der Kosten, die Leistungsstärke und die Miniaturisierung machen aus ihm einen in jedem Büro in Form von intelligenten Notizblöcken, Magnetstreifenkarten und "post-its" Dutzende Male vervielfältigten Gegenstand. Der Computer braucht nicht mehr transportabel sein, da er Bestandteil der Umwelt geworden ist. Er wird wie Mark Weiser, der Forschungsleiter am Xerox Parc, sagt, zu einem ubicomp, einem allgegenwärtigen, fast wegwerfbaren Computer. Er ist überall, erkennt uns dank unserer interaktiven Magnetkarte. Durch Radio- oder Infrarotverbindungen kommuniziert er schnurlos mit den Computern in den Netzen und mit den anderen "ubicomps" seiner unmittelbaren Umgebung. Um zu erfahren, ob man eine Nachricht in seinem elektronischen Briefkasten empfangen hat, ist es nicht mehr notwendig, sich anzuschließen: der Agent benachrichtigt einen und liest sie auf Wunsch ab.
In Organisationen mit vielen Beschäftigten tragen die Mitarbeiter aktive Magnetkarten, die ihre Bewegungen überwachen. Kameras zeichnen die Bewegungen der Personen und Dokumente auf. Es werden jederzeit von den Benutzern überprüfte Verfahren angewandt, um den Schutz des Privatlebens eines jeden zu gewährleisten. Die gesamte Organisation funktioniert demzufolge wie eine Unterstützung zur Speicherung von Fakten, Ereignissen, Transaktionen und Versammlungen, die deren Nutzung und Einordnung erleichtert. Im Laufe der Versammlungen, Konferenzen und Seminare nehmen die Computer die gehaltenen Reden auf und bereiten Zusammenfassungen vor, die jederzeit in den Netzen verfügbar sind. An Videokameras angeschlossene elektronische Notizblöcke werden ebenfalls benutzt. Wenn man einen zuvor notierten Satz anklickt, hat man unmittelbar Zugriff auf die digitalisierte Sequenz, die genau diesem Moment entspricht.
Das Ziel dieser kollektiven Kommunikations- und Speichertechniken liegt darin, die Intelligenz von Organisation zu vergrößern. Früher waren die Mittel und Werkzeuge auf das Individuum ausgerichtet, um dessen Leistungsfähigkeit und Produktivität zu steigern. Heute konzentrieren sie sich darauf, die Intelligenz der Organisation selbst zu vergrößern. Von einer statischen Informationsstruktur verändert sie sich zu einer dynamischen Ökologie der Kommunikation, von der John Selly Brown, der Direktor von Xerox Parc, sagt, sie würde sich zu einer "Raffinerie des Wissens" entwickeln.
Die Seele des Kybionten
Gaia und Kybiont, das sind die beiden symbiotischen Partner. Der eine mit seinem ursprünglichen Stoffwechsel, der die Selbsterhaltung und die Entwicklung (die Wirtschaft) ermöglicht, der andere mit seinem noch im Anfangsstadium befindlichen planetaren Hirn (dem denkenden Netz).
In lebenden Organismen wird der Energieverbrauch durch Information kontrolliert. Es ist vorstellbar, daß in der Beziehung zwischen Gaia und Kybiont das planetare Hirn Schritt für Schritt die "natürliche" Homöostase Gaias ersetzt. Eine bewußte Makroregelung sowohl der ökonomischen und energetischen Flüsse als auch der Bedingungen für die dynamische Stabilisierung der Umwelt könnten auf diese Weise von der Menschheit ausgehen. Dies ist bereits der Fall bei der Luftverkehrsregelung sowie den informatischen Leitsystemen für die Auto- und Lastwagenströme auf den Autobahnen und in den Städten (intelligente Mautstellen, Projekte für Verkehrsleitsysteme und car systems mittels Lichtschranken und eingebauter Relais, Positionsbestimmung durch Satellit).
Gleiches gilt für das computerüberwachte Sortieren von Postsendungen, Frachtstücken und Paketen, die von der Post oder von Transportunternehmen weiterbefördert werden; oder für die weitverbreitete Nutzung der elektronischen Zahlungssysteme, bei denen die Immaterialität der Elektronik mit der Materialität des Geldes, der Güter und Dienstleistungen gekoppelt wird. Bedauerlicherweise gibt es im Zusammenhang mit dem Energieverbrauch keinerlei Regulierungsmöglichkeiten durch die Endverbraucher. Die Energieunternehmen verfügen über kein wirkliches Energiesparkonzept und tendieren im Gegenteil sogar dazu, den Verbrauch zu steigern.
Das aus den individuellen Gehirnen und dem Verbundsystem von Computern und Kommunikationsmitteln bestehende denkende Netz funktioniert auf eine chaotische Art und Weise. Verbindungen entstehen genauso schnell wie sie wieder verschwinden. Es kommt zur Bildung von Einheiten, die die Rolle dynamischer Speicher übernehmen und neue Verbindungen mit anderen Einheiten eingehen. Der Verbindungen zwischen einzelnen Knoten werden enger, während die zwischen anderen sich auflösen. Es entstehen Formen, gedankliche Assoziationen, dynamische Ströme für den Nachrichtentransport, Turbulenzen; mal kommt es zur Stabilisierung, mal zur Tilgung . . . Das Hirn des Kybionten ist flüchtig und nimmt fortwährend eine andere Gestalt an. In dieser Beziehung ähnelt es dem Immunsystem - einem wirklich mobilen Hirn - und dem je nach Anforderungsprofil in sich selbst geschlossenen Nervensystem.
Im Jahre 1949 hat Donald O. Hebb, Neurophysiologe an der MacGill-Universität in Montreal, in seinem Buch The Organization of Behaviour eine revolutionäre Theorie des psychologischen Verhaltens veröffentlicht. Seiner Meinung nach betreibt das Gehirn fortwährend eine Umgestaltung der Synapsen, die die Übertragung der Nervenleitung gewährleisten. Die der chemischen Wirkung aktivierender oder hemmender Hormone unterworfenen Synapsen programmieren sich in Abhängigkeit von den verschiedenen Wahrnehmungen, Reizen und Stimuli um. Durch die fortwährende Stimulierung von Verbindungen und Nervenbahnen werden ganze Bereiche, die aus Tausenden von Neuronen bestehen, aktiviert, verbinden sich und bilden Untereinheiten, die durch Verstärkung von Eindrücken (Formen, Farben, Töne, Wörter) lernen. Diese Untereinheiten bilden dynamische Netze neuronaler Interaktionen, Bausteine für die Gehirninformationen.
Ich schlage vor, sich die Bildung und Funktionsweise des Kybiontenhirns in ähnlicher Weise vorzustellen. Die Menschen, eine Vielzahl chaotisch interagierender Agenten, sind die Neuronen des Hypernetzes. Ihre mittels Computer (und auf eine noch direktere Weise mittels biotischer Schnittstellen) hergestellten Verbindungen führen zu einer bewußten Vorstellung vom "geistigen" Funktionieren des Kybionten. Es handelt sich um ein reflektiertes globales Bewußtsein in der Introsphäre. Die genannten Verbindungen lassen sich wieder auflösen und sind Verstärkungen oder Hemmungen ausgesetzt. Es kommt zur Bildung autokatalytischer Phänomene, die die Entstehung neuer Konzepte, Lösungen und Lösungsvorschläge nach sich ziehen. Das Internet veranschaulicht dies gegenwärtig auf eine aufschlußreiche Art und Weise.
Der symbiotische Mensch übernimmt innerhalb dieses Hypernetzes die Funktion eines Knotenpunktes. Er stellt gleichzeitig die Gesamtheit des Netzes und eines seiner Elemente dar. Er existiert durch das Netz, und das Netz existiert nur durch ihn. Knoten und Verbindungen bilden eine Einheit im Rahmen einer auf sie zurückwirkenden globalen Funktionsweise. Das Ganze existiert nur durch das bewußte Funktionieren der Elemente, und jedes Element wird seinerseits durch das Funktionieren des Ganzen durchblutet und belebt (und sein intellektuelles Potential vergrößert).
Einstmals fand der Mensch in den Städten das gesellschaftliche Netz vor, mit dem er seine physischen, intellektuellen und kulturellen Fähigkeiten erweiterte. Die negativen Wirkungen, die aus dem Zusammenstoß mit den wirtschaftlichen, soziologischen und ökologischen Zwängen resultierten, haben ihn dazu veranlaßt, andere, ergänzende und dematerialisierte Netze für die Verstärkung seiner Anlagen zu suchen. Das elektronische Dorf, das die Netze der Netze verkörpern, ist eine der möglichen Lösungen. Die Kombination aus individuellen Gehirnen, intelligenten Agenten und der Seele des Kybionten begründet ein Informations-Ökosystem, dessen Entwicklung nunmehr unumkehrbar zu sein scheint. Die beschriebene Funktionsweise führt zur Bildung einer kollektiven Intelligenz, und aus dieser Symbiose entsteht ein nach und nach sich seiner selbst bewußtes Bewußtsein.
Der Übergang vom gesellschaftlichen Individuum, vom homo oeconomicus, zum symbiotischen Menschen birgt - wie jede Form von Symbiose - offensichtliche Vorteile, aber auch neue Risiken in sich. Wollen wir diese Zukunft? Welche Vorteile bringt der Menschheit die Existenz des Kybionten? Wie muß die Entwicklung gesteuert werden, um in diese neue Phase eintreten zu können?
Es scheint angebracht, im gegenwärtigen Stadium Handlungsregeln für die Steuerung der komplexen Systeme zu erarbeiten, deren integrale Bestandteile und verantwortliche Akteure wir zugleich sind. Diese Regeln gelten sowohl für die herkömmliche Politik als auch für Industrie, Wirtschaft und für die Lebenswerte, die der Mensch zur Achtung vor der Gemeinschaft benötigt.
Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Verlages dem Buch "Homo symbioticus" entnommen: Joel de Rosnay: Homo symbioticus. Einblicke in das 3. Jahrtausend. 416 Seiten, Leinen, Fadenheftung. DM 58,-. Erscheinungstermin: März 1997.
http://www.heise.de/tp/artikel/2/2091/1.html- Zur Kontrastrierung ! ein Link zu einem anderen Posting und eine Weiterführung (5.12.2011 0:53)
- Re: Superorganismus Kybiont (4.12.2011 18:40)
- Gehirn abschalten für die höhere Instanz (21.1.2003 16:57)
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