Stanislaw Lem

Exformation

30.01.1997

Die explosive Information

Gespräch mit Stanislaw Lem

Stanislaw Lem: Meine Abenteuer mit der Futurologie und Informationsbarriere

Exformation und Information

Den Begriff der Exformation gibt es nicht. Ich verwende ihn jedoch, um den Unterschied zum traditionellen Bedeutungsbereich einer INFORMATIONEXPLOSION kurz darzustellen. "Explosion" stammt vom lateinischen EXPLODO ab, was in etwa "Abstoßen" bedeutet. Im Grunde genommen geht es um eine Detonation, die sich ausbreitet und dadurch das Sprengmaterial abstößt oder auch verstreut, so daß die zu einer solchen chemischen Verwandlung fähige Substanz in Sekundenbruchteilen expandiert, um einen mehrere tausendmal größeren Raum als die Ausgangsform einzunehmen.

Das Wort "Information" ist ebenfalls lateinischer Herkunft und bedeutet "Formen" oder "Gestalten" (z.B. eines Bildes). Der Begriff der Information hat im 20. Jahrhundert eine bedeutende Karriere erlebt und ist zur Grundlage und Orientierungsrichtung der neuen und immer mächtigeren Technologien geworden. Information, so könnte man glauben, kann weder explodieren noch baut eine Explosion etwas auf, sondern sie zerstört vielmehr. Aber so ist es wohl in der Natur nicht. In ihr herrscht, würde ich sagen, gerade das Gegenteil der Zerstörung, nur haben wir uns daran gewöhnt, diesen Prozeß ganz anders zu bezeichnen und ihn außerhalb der Wissensbereiche anzusiedeln, die sich auf die menschlichen Technologien beziehen, nämlich dort, wo diese Technologien noch nicht (und vielleicht auch fast noch nicht) angekommen sind: in der Biologie.

Biologische Exformation

Die typischsten, notwendigsten und, da sie das Leben ermöglichen, hilfreichsten Explosionen geschehen überall um uns herum und - was noch merkwürdiger erscheint - in uns selbst, und, wenn jemand dies noch genauer sagen wollte, in der weiblichen Variante unserer Gattung. Das weibliche Ei hat einen Durchmesser von ungefähr 0,1 mm. Das ist ungefähr die Größe der kleinsten durchschnittlichen Zelle eines erwachsenen Körpers. Innerhalb von einigen Monaten "explodiert" die Eizelle zu einem Körper, der nach der Geburt innerlich gesteuert und geregelt die "Explosion" immer langsamer fortsetzt, um ein ungefähr neun milliardenmal größeres Volumen als das Startvolumen des befruchteten Eis zu erreichen. Wie wir bereits mit Sicherheit wissen, ist der ganze Plan des Organismus, also das Ergebnis dieser konstruktiven explosiven Expansion, bereits fertig im Eikern enthalten und aus Gründen, von denen ich hier nicht sprechen kann, weil sie unsere Ausführung sprengen würden, ist ein ähnliches, obwohl nicht ganz gleiches "Bauprojekt" im Kopf des männlichen Samens enthalten, der noch dazu, außer daß er diesen Plan in sich trägt, ein "Zünder" der Bioexplosion ist, die ich gerne "Exformation" nennen würde, da es sich hier um biochemisch berechnete INSTRUKTIONEN zur Konstruktionsausführung handelt.

Außerdem muß man die Aufmerksamkeit auf eine besondere Tatsache richten, die den größten Unterschied zwischen unseren Konstruktionstechnologien (z.B. von Autos, Computer) und Bautechnologien (z.B. von Brücken, Häusern) und der Technologie darstellt, die das Leben benutzt, wie es sich innerhalb von drei (fast vier) Milliarden Jahren des Bestehens des Planeten Erde ausgearbeitet hat.

Die biotechnologische Exformation, in der Biologie Ontogenese oder einfacher die Fötalentwicklung genannt, entwickelt sich scheinbar bedeutend langsamer als eine einfache Detonation unserer Sprengstoffe, aber wenn man sogar die der Vernichtung entgegengesetzte Wirkung der Embryonenbildung außer Acht lässt, da sie schafft und nicht vernichtet, stehen die Phänomene der Proliferation von lebendigen Organismen den blitzartigen Explosionen verschiedener Sprengstoffe im Verhältnis nicht nach. Das Endvolumen der Sprengstoffe ist, im Vergleich zum Anfangsvolumen, höchstens eine millionmal größer, bei uns aber und bei anderen Lebewesen, die sich aus einem Ei entwickeln, ist es mehrere MILLIARDENMAL größer. Das Volumen stellt einen millionenfachen Unterschied zugunsten des Lebens dar. Wenn man demnach die Verschiedenheit des Anfangs- vom Endzustand berücksichtigt, ist die Konstruktion in den Lebensprozessen nicht weniger "explosiv" als in den verschiedenartigen Techniken des "In-die-Luft-Sprengens".

Unterschied zwischen technischer und biologischer Konstruktion

Das mag vielleicht für uns keine große Bedeutung haben, so daß die angeführten Vergleiche als ein wenig gekünstelt angesehen werden könnten. Dann wäre es tatsächlich eine belanglose Andersartigkeit der hier und dort verwendeten Beschreibungssprache. Aber es geht darum, daß wir in Zukunft diese exformative Technologie des Lebens übernehmen und nicht nur für biologische Zwecke einsetzen werden können.

Der Unterschied zwischen der Konstruktion eines Technikers und dem Aufbau eines Organismus beschränkt sich nämlich nicht nur auf die obige Differenz. Der wesentlichste Unterschied besteht nicht darin, daß wir einmal eine chaotische Explosion, welche die Entropie gewaltsam vergrößert, und einmal eine reproduktive Explosion beobachten, die durch eine für uns unerreichbaren Präzision gesteuert wird und die in der Leibesfrucht enthaltene Entropie auf Kosten ihres Wachstums an einer anderen Stelle verringert. Der für die Technologie wichtigste Unterschied besteht darin, daß wir in unseren Technologien immer mit Material und Werkzeug, mit dem, was bearbeitet wird, und dem, was bearbeitet, mit dem Baustoff und dem Bauherrn, mit dem Operierten und dem Operateur, mit dem Fahrzeug und dem Fahrer, mit dem Stoff und dem Werkzeug zu tun haben, während die Lebenserscheinungen diese grundlegende Dualität nicht zeigen. Das Lebendige "baut sich selbst auf", gestaltet sich selbst, regelt sich selbst, schafft sich selbst, und daraus ergibt sich diese, der Kürze und nicht der Wortbildungsliebhaberei wegen angenommene und vorgeschlagene "Exformation" als verblüffende Erscheinung bei der "Planung der Nachkommen" oder der "Konstruktion der Kinder". Die Konstrukteure dieses Projekts wollen dies vielleicht gar nicht und wissen nie, welche Zusammensetzung als Baby sich aus der Permutation und Kombination ihrer Gene ergibt ... Das ist das Merkwürdigste, und das wird mit Sicherheit für eine technologische Übernahme am schwierigsten sein ...

Es war fast sicher nicht so, wie es sich Marx vorgestellt hat, daß die Arbeit den Menschen erschaffen und seine Evolution von den Hominiden bewirkt hat, aber ganz bestimmt war die Hand der Prototyp jedes beliebigen Werkzeuges unseres Zeitalters. Ohne die Befreiung der ausgestreckten Hand von unterstützenden Funktionen, also ohne unserer Zweibeinigkeit und die aufgerichteten Körperstellung, würde es mit der Entstehung der Manufaktur (also der Handarbeit) und der gegenwärtigen Automatik sehr schlecht stehen. Der Eolith, also die Benutzung eines unbearbeiteten Steines, das Paläolithikum, also viele Jahrhunderte des Spaltens und Behauens von Steinen, der Beginn des Neolithikums und so weiter wären ohne die bis zum heutigen Tag gültige Trennung von dem, was bearbeitet wird, und von dem, womit es bearbeitet wird, unmöglich. Selbstverständlich verliert ab dem Zeitpunkt, als das mehr oder weniger "domestizierte" Leben in den Bereich unserer Bedürfnisse Einzug hält, diese Teilung, jedoch nur teilweise, ihre Richtigkeit. Der Bauer denkt sich wohl nicht die Konstruktion der Samenkörner aus, aus denen das Getreide wächst, aber auch er braucht Werkzeuge für die Bodenbearbeitung. Dasselbe gilt für jede Züchtung, z.B. des Schlachtviehs oder von Haustieren wie den Hunden.

Exformative Technologien

Aber das ist eine Selbstverständlichkeit, über die sich nicht zu sprechen lohnt, wenn wir in die Zukunft blicken. In meinen SF-Erzählungen entstehen (weil sie aufwachsen) aus den gepflanzten Samen Videorecorder oder Möbel, aber so wird es nicht gehen können. Wir wissen nicht, in welchen Formen es zu einer Vereinigung der Maschine und des zu bearbeitenden Materials kommen wird. Doch wenn das Leben diese Kunst beherrschen konnte, sehe ich auch keine unüberwindbaren Hindernisse auf dem Weg, auf dem wir vielleicht bereits im 21. Jahrhundert schnell lernen werden, ähnliche Technologien einzusetzen.

Man muß nicht gleich die Phantasie überborden lassen und glauben, daß aus einem Samen, der, mit irgend etwas begossen, in den Boden hineinwächst, ein glänzendes Auto herauswachsen würde. Es geht um eine grundsätzlich ernste Sache. Die Produktionskosten werden nicht sofort auf Null wie die Wachstumskosten der Unkräuter oder der Gräser absinken, aber sie werden sich als ungeheuer niedrig im Vergleich mit den gegenwärtigen erweisen. Und weil wir nicht wissen, auf welchem Wege und mittels welcher Methoden sich diese größte wissenschaftlich-technische Revolution verwirklicht, ähnlich wie wir auch bis heute nicht wissen, wie sie sich vor Milliarden von Jahren auf der Erde verwirklicht hat (also einfach, wie das Leben entstanden ist), sollte man nicht allzu voreilig in die unbekannte, aber in Bezug auf das, was es zum Entdecken und/oder Erfinden gibt, fruchtbare Zukunft hineinstürmen, weil dies weder eine wirkliche Entdeckung noch eine umwälzende Erfindung sein wird.

Das irdische Leben hat sich diese Technologie vor so langer Zeit und so umfassend ausgedacht und verwirklicht sie so erfolgreich, wobei es nebenbei auch uns selbst geschaffen hat, daß man diese Ingenieurmethode nicht für unmöglich halten sollte. Deswegen habe ich mich daran auch in den Jahren 1962-64 orientiert, als ich das Buch Summa Technologiae verfaßte. Ich habe hier sogar über eine "reine Informationszüchtung" geschrieben, also über eine Züchtung, die zwar nicht dem Leben dienen würde, aber uns als Ertrag wissenschaftliche Theorien liefern sollte. Aber das ist ein schwieriges, breites und ganz anderes Thema.

Vor dreizehn Jahren wandte sich die Polnische Akademie der Wissenschaften an mich mit der Bitte um eine Prognose der Entwicklung in der Biologie, und ich habe sie geschrieben. Als Grenze habe ich das Jahr 2060 angenommen, weil es ungefähr eine Verdoppelung des Zeitraumes war, seitdem Crick und Watson den DNA-Code, ein für alles irdische Leben universelles Codierungssystem, entdeckt hatten. Diese Prognose hat in Polen das Licht der Welt nicht erblicken können, da sie in die stürmischen Zeiten der (ersten) Solidarnosc samt ihrem Kriegszustand gefallen ist. Ich habe diese Prognose dann in Deutschland in einer SF-Anthologie veröffentlicht (vielleicht, sogar mit Sicherheit, war dies dumm) und festgestellt, was ich später und an einem anderen Ort veröffentlicht habe, daß man eine Information (hier: die Prognose), wenn man sie vor der ganzen Welt so verbergen will, daß sie auf eine vollkommene Weise allen aus den Augen verschwindet, nicht in Tresoren, nicht in Verliesen, nicht hinter Chiffren und nicht durch das Vergraben um Mitternacht auf einem Friedhof zu verstecken braucht: es reicht, sie in einer sogar millionenfachen Auflage als Science Fiction zu veröffentlichen. Dann wird auch der Teufel sie nicht entdecken, und auf diese hervorragende Weise wird sie verborgen bleiben.

Von der zis- und transbiologischen Technologie

In der Prognose hatte ich also ungefähr das geschrieben, was ich zuvor zusammengefaßt habe, nur war es fachlicher ausgedrückt, weil ich beim Schreiben Fachempfänger im Sinne hatte. Überdies fügte ich hinzu, daß sich aus der technologisch oder auch biotechnisch durchschnittlichen Biologie sowohl die zis- als auch die transbiologische Domäne entwickeln wird. Dies sollte bedeuten: Wir werden zuerst den Erkenntnisstand des durchschnittlichen oder einfach durch die Nachahmung des Lebens erworbenen Wissens erlangen, und erst später, wie ich meinte, nach 2060, werden wir in den "transbiologischen" Bereich übergehen.

Die Unterschiede sah ich, um es ganz einfach auszudrücken, folgendermaßen: die Zisbiotechnologie ist das, was das Leben einfach zugunsten der Prokreation macht (daraus kann z.B. das mikrochemische Konstruieren von allerlei Arzneimitteln entstehen, die so auf die Ursache der Krankheiten ausgerichtet sind wie ein Geschoß auf sein Ziel. Heutzutage betreten diesen Weg solche, vor allem amerikanische Konzerne wie GENTECH, obwohl die Ergebnisse zur Zeit noch bescheiden sind). Als Transbiologie habe ich hingegen die Produktionstechniken bezeichnet, die überhaupt nichts unmittelbar mit den Lebensprozessen gemeinsam haben, abgesehen davon, daß sie aus den Methoden hergeleitet werden, mit denen das Leben arbeitet, d.h. welche es für den Bau der Genome verwendet, um die spezifischen Arten der Pflanzen und Tiere festzulegen, was heutzutage den Projekt- und Montagebestimmungen der Fernsehapparat und Fahrzeugtypen entsprechen würde, um diese Gattungen für den Fall einer Beschädigung beispielsweise mit der Fähigkeit zur Selbstreparatur zu versorgen (d.h. mit einer Selbstheilungspotenz, wie zum Beispiel der Vernarbung bei Verletzungen). Kurz, ich habe vorgeschlagen, daß wir uns innerhalb des biologischen Bereichs konstruktiv wie zu Hause fühlen werden, und später auch jenseits von ihm. Mit einem höherem Kenntnisstand werden wir in die höchste Klasse der "Plagiatoren" eintreten (daraus sind diese "Zis" und "Trans" als bestimmende Zusätze entstanden). Eine solche Reihenfolge der kreativen Arbeiten schien grundsätzlich wahrscheinlich zu sein.

Ich nehme an, der scharfsinnige Leser weiß Bescheid, warum ich in meiner Summa technologiae, die einer breit verstandenen Informationspraxis gewidmet ist, das hier ausgeführte Thema erwähnt habe. Es geht um die Aneignung der kostbarsten und raffiniertesten INFORMATION (in diesem Text Exformation genannt), die man sich überhaupt vorstellen kann. Und man kann sich diese vorstellen, weil sie in der irdischen Biosphäre allgemein existiert und seit Milliarden von Jahren funktioniert.

Aneignung der biologischen Exformation

Ich habe jedoch folgende Aufteilung hinzugefügt. Wie man heute in der Wissenschaft allgemein annimmt, weist der Lebensprozeß Leistungsfähigkeit in mindestens zwei Bereichen auf. Er hat sich selbst entwickelt. Man nimmt im allgemeinen nicht an, daß irgendwelche freundliche Urastronauten auf die Erde Lebenskeime gebracht und eingepflanzt haben. Und deswegen hat sich herausgestellt, daß das Leben spontan auf der Erde entstanden ist. Es hat sich zuerst in ihren Ozeanen vermehrt, ist nach Millionen von Jahren auf die Kontinente gekommen, hat die Atmosphäre verändert, sie mit Sauerstoff für die zukünftigen Tiere aufbereitet und innerhalb der Umhüllung des Planeten mit einem riesigem Evolutionsbaum an Gattungen so gefüllt, daß sie bis heute 10 Kilometer (oder etwas mehr) dick ist (wenn man vom Meeresgrund bis zur Stratosphäre, bis zu welcher manchmal Vögel fliegen können, mißt).

Diese Zweikomponenten-Potenz, die spezifisch für das Leben ist, muß NICHT vom Menschen kopiert oder übernommen werden, weil "das Leben nicht anders konstruieren konnte" (wenn es nicht SELBSTÄNDIG entstehen würde, könnte es auch nichts "in Fortsetzung" schaffen, weil NIEMAND irgend etwas in Organismen hätte organisieren können). Wir Menschen dagegen können uns von der Annahme verabschieden, daß wir abwarten müssen, bis etwas selbständig entsteht, und dann dank der Selbsterschaffung lernen werden, "was damit weiter zu machen wäre". Wir werden unserem biotechnischen Stoff ein solches Doppelkönnen nicht implantieren müssen, da der Stoff nicht "selbständig" entstehen muß: WIR können ihn nach unserer Art synthetisieren und mit der Fähigkeit einer Entwicklung in die FÜR UNS NÜTZLICHE RICHTUNG ausstatten.

Das Moos, die Flechten oder die Dinosaurier sind wohl nicht FÜR UNS entstanden, wir dagegen als Herrscher der Biotechnologie werden in der Produktion daran interessiert sein, was UNS so dient, wie heute beispielsweise die Molkereiprodukte. Abstrakter gesagt ist die Menge aller möglichen "Bauelemente", die mit der Fähigkeit einer Weiterentwicklung und eines selbständigen, geplanten (wie in einem Ei) und programmierten Bauens versehen werden können, aller Wahrscheinlichkeit nach größer als die Menge solcher "Elemente", die erstens sowohl ohne irgendeine technologischen Hilfe von außen ein Keimmaterial bilden und folglich, zweitens, aus diesem eine Evolution der Geschöpfe in der Art von Flora und Fauna einleiten. Die zweite Aufgabe soll selbständig entstehen und selbst das Entstandene mit einer universellen Ausdehnungs- und Kreationsfähigkeit versehen, die ihm das Leben auf der Erde und in den Meeren ermöglicht. Das ist sicherlich SCHWIERIGER als das erste, als nur das zu synthetisieren, was zwar verschiedene Kreationspotentiale besitzt, aber nicht spontan entstehen kann.

An einem einfachen Beispiel kann man sich das vor Augen führen. Wir produzieren keine Pferde und können sie aus den Elementen nicht herstellen. Hingegen waren irgendwelche "Urpferde" die Vorahnen der Pferde in ihrer heutigen Vielfalt. Uhren, im Gegensatz zu Pferden, konnten selbstverständlich nicht selbst entstehen (ich meine "künstliche" Uhren, die wir auf den Rathaustürmen sehen oder an den Handgelenken tragen, und nicht die "natürlichen" wie Atomschwingungen oder Umlaufbahnen der Planeten). Wir haben uns also Uhren ausgedacht und sie gebaut. Und mit den ersten Uhren bildeten sich "Evolutionsradiationen" und sogar "Gattungen" heraus, entstand also eine Evolution der Arten, weil die Aufgabe (die Zeitmessung) für eine Klepsydra mit Sand und für eine Quarzuhr die gleiche ist, aber sie sich ihrem Bau nach, jeder wird dies doch bestätigen, nicht weniger unterscheiden wie eine Mücke von einem Pferd. So ist auf der Erde natürlich nur das entstanden, was SELBSTÄNDIG, ohne äußeren Eingriff, als Startprodukte der natürlichen Evolution entstehen konnte; und sicherlich ist die Vielfalt der verschiedenen und für die Entstehung des Lebens notwendigen Bedingungen, die erfüllt werden müssen, weil sonst das Leben nicht hätte entstehen können, viel größer als die Zahl der Bedingungen, die für das nicht selbständig Gewordene erfüllt sein müssen, das wir aber auf den weiteren Weg der für uns notwendigen Spezialisierung bringen. Übrigens sind unsere ganzen Technologien vom Schmelzen der Metalle bis hin zur Konstruktion der Raumfähre nichts anderes als ein "Anstoßen" und "In-Bewegung-Setzen" von bestimmten, am Anfang sehr elementaren, unzuverlässigen, stark durch Unfälle beeinträchtigten Techniken. Der technische Fortschritt verringert (unter anderem) die Unzuverlässigkeit und vergrößert die Parameterbündel, die WIR brauchen. Es geht also um einen riesigen Fluß nicht ganz neuer Prozesse, die es aber ermöglichen, die Fähigkeiten des Lebens zu übernehmen, um ähnlich wie das Leben zu konstruieren, auch wenn es sich natürlich um "nicht-lebendige" Geschöpfe handelt.

Das erste "Nicht-Lebendige", das mir in den Sinn kommt, ist der COMPUTER. Wir könnten bereits, beginnend mit dem Rechenbrett, einen riesigen Stammbaum immer leistungsfähigerer Computer aufzeichnen, die alle Informationen verarbeiten, ähnlich wie auch die natürliche Evolution Informationen verarbeitete und verarbeitet. Die Evolution hat "für sich" gearbeitet und die Computer tun etwas ähnliches, aber ausschließlich "für uns". Mit einem Wort, ich habe eine potentielle Existenz von zwei Mengen von "Geräten", was man wie in der Logik darstellen könnte: ein größerer Kreis schließt das ein, was nicht selbständig entsteht, aber was nach der Entstehung "sich vermehren" und etwas Vorgegebenes "konstruieren" kann; und ein kleinerer Kreis innerhalb des ersten größeren "kann" sowohl selbständig entstehen (unter günstigen Umweltbedingungen natürlich) und darüber hinaus irgendeine Evolution in Gang bringen: auf der Erde eine biologische aus DNA mit Eiweiß, aber anderswo vielleicht eine andersartige Evolution.

Und das ist alles, was man sich zum konstruktiven Schaffen ausdenken kann, OHNE sich (und das ist eine unabdingbare und feststehende Bedingung) auf irgendwelche Vitalkräfte, auf Urastronauten, auf Zauberkräfte oder auf grüne Männchen zu berufen...

Das faustische Schicksal der Menschen

Zum Schluß komme ich zur Gegenwart zurück. In letzter Zeit hat man sehr viel über die Bedrohungen geschrieben, die aus der Gentechnologie, aus dem Human Genome Project, aus dem Klonen entstehen. Vor allem letzteres rief ein Donnern aus dem Vatikan hervor. Aber die zwei amerikanischen Wissenschaftler haben keine Klone geschaffen. Klonen bedeutet, aus dem lebendigen Körper eine Zelle zu entnehmen und einen Zwillingsorganismus (wie aus einem befruchteten Ei) zu züchten. Sie haben dagegen nur das gemacht, was jetzt möglich ist. Sie nahmen ein menschliches Ei, das irrtümlich nicht von einem, sondern von zwei Spermien befruchtet wurde (was solche Eier immer zu einer anfänglichen "Inkraftsetzung" der Teilung und dann zum Tode verurteilt, weil mit Sicherheit nichts aufgrund einer Doppelbefruchtung entstehen kann). Anschließend haben sie mit einem Enzym die sogenannte ZONA PELLUCIDA aufgelöst (was man bereits bei Eiern von Tieren macht), die das in zwei Teile geteilte Ei umhüllte. Wenn diese zwei Zellen durch nichts mehr gehalten werden, beginnt jede von ihnen einen eigenen Entwicklungsweg ( und stirbt dann schnell wieder ab - ich erinnere an den fatalen Fehler der "Pseudoempfängnis", der am Anfang geschehen war). Das ist alles. In meinen Augen war dies kein Klonen, sondern eine Überprüfung des noch nicht bestätigten Wissens, daß nach der Befruchtung die Entwicklung des menschlichen Eis sich in nichts von der Entwicklung der Eier aller anderen Tiere unterscheidet.

Das kann jemanden gefallen oder nicht, aber über Tatsachen kann man sinnvoll keinen Streit führen. Sicherlich, der informative Inhalt, und dadurch die prospektive Potenz (so würde der alte Driesch sagen), ist eine andere bei den menschlichen als bei den Eiern von Kühen, aber das wird von niemanden - um Gottes willen - in Frage gestellt. Ob solche Experimente nötig waren? Darüber kann man verschiedener Meinung sein! Als Lilienthal in seinem Segelflugzeug vor einhundert Jahren flog, hat er sich das Genick gebrochen. War dies nötig? Blanchard hatte früher mit Ballons unangenehme Abenteuer. War dies nötig? Ich sehe erste Schritte - oder eher ein Kriechen - in die Richtung, in der sich verbirgt, was ich zuvor mit den für Langzeitprognosen typischen Mühen versucht habe zu beschreiben. Weil es die prognostizierten und unbekannten Phänomene einstweilen NICHT GIBT, fehlen die Begriffe, fehlt die Sprache für ihre Beschreibung. Es gab und es wird kleine Schritte in diese Richtung geben, und falls ich irgend etwas über die menschliche Erkenntnis weiß, dann dies, daß den Menschen auf diesem Wege - ob zum Gutem oder Bösem - keine Ermahnung, keine Verdammung und kein Gesetz aufhalten wird.

Das ist unser "faustisches" Schicksal. Abber auf die Beurteilung des Menschen, der sich unerbittlich in die Zukunft begibt, möchte ich mich hier nicht einlassen, weil ich nicht bewerte und weder Lob noch Mißbilligung ausspreche, sondern ausschließlich das wiedergebe, was im Schoß der Zukunft verborgen ist. Sicher können verschiedene Regierungen Gesetze mit der Kraft von Verboten erlassen. Beispielsweise sollte vor 160 Jahren vor einem mit der Geschwindigkeit eines Fußgängers fahrenden Zug ein mit der roten Fahne winkender Wachmann gehen. Wenn der Zug mit der Geschwindigkeit von 40 km/h fahren könnte, würden alle Fahrgäste, wie man verkündete, den Verstand verlieren. Irgendwie wurde das gesetzliche Verbot aufgehoben - und wenn Menschen auch heute (wie in Kiew in Bezug auf "das Ende der Welt") verrückt werden, dann ist das eine ganz andere Geschichte...

Aus dem Polnischen übersetzt von Ryszard Krolicki

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