Mehr Freiheit und das Heil der Selbstorganisation
Der Soziologe Ulrich Beck hat einen neuen Begriff geprägt und gleich dazu einen Sammelband herausgegeben. Die "Kinder der Freiheit" beleben für ihn den Raum der "Zweiten Moderne". Beck versucht sich in Pessimismusverweigerung und Optimimismuserzeugung. Selbstorganisation gerät zur politisch korrekten (Er)Lösungsparole, politische Freiheit zur Heilungsinstanz, Wortneuschöpfungen zur Zukunftsmacht. Nur einige gesellschaftliche Grundlagen, wie das Eigentum, bleiben seltsamerweise tabuisiert und der politischen Freiheit entzogen.
Ulrich Beck über die Zweite Moderne. Ein Gespräch
Die Kinder der Freiheit praktizieren eine hochpolitische Politikverleugnung
In der jüngsten Jugendstudie von Shell stand die Angst der jungen Menschen im Vordergrund, von Arbeitslosigkeit bedroht zu sein oder erst gar keine Arbeit zu finden, während die klassischen Probleme der eigenen Identitätsfindung keine große Rolle mehr zu spielen scheinen.
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Sie könnten mit ihrer Angst, also mit ihrer Sehnsucht nach Erwerbsarbeit, würde Ulrich Beck entgegnen, noch im alten Paradigma der Erwerbsgesellschaft gefangen sein, die unter den Bedingungen der globalisierten Ökonomie gerade zusammenbricht. Sie müssten nur umdenken, um die neuen Individuierungsmöglichkeiten zu sehen, die auch und gerade in der Erwerbsunsicherheit und Arbeitsfreiheit - das wäre auch ein schöneres Wort als das jammernde der Arbeitslosigkeit - entstehen. Aber eigentlich sind die Kinder der Freiheit Becks sowieso schon anders, Kinder der zweiten Moderne eben, die nicht mehr so stark materiell orientiert sind, die Individualismus mit Gemeinsamkeit verbinden, die Spaß haben wollen und sich neben den etablierten Organisationen engagieren. Bei manchen Beschreibungen Becks glaubt man, daß seine Kinder der Freiheit allerdings eher die Einlösung der frühen politischen Hoffnungen aus den 70er Jahren darstellen.
Aber mit Generalisierungen ist es immer schwierig. Wer einen finanziell abgesicherten Hintergrund besitzt, den schreckt Arbeitslosigkeit vermutlich nicht so sehr. Daß mit dem Verlust von Arbeit angesichts des immer stärker unterhöhlten Wohlfahrtsstaates auch der des Einkommens einhergeht, ist für den beamteten Soziologen, der in diesem Sinne kein Kind der Freiheit ist, kaum der Diskussion wert. Schließlich seien die neuen Ichlinge so gestimmt, daß sie sozialen Ausgleich mittels Engagement freiwillig und nicht mehr über die Klammer staatlicher Steuerabgaben leisten, weil es ihnen als mobilen Singles alleine zu langweilig ist. Das beseitigt die wachsende Schere zwischen den Armen und Reichen nicht, soll aber den sozialen Kitt jenseits von Religion, Krieg und Erwerbsarbeit durch Selbstorganisation herstellen.
Kinder der Freiheit, damit meint Beck jene Menschen der hoch entwickelten westlichen Gesellschaften, die nicht mehr so sehr um Freiheit und Emanzipation kämpfen müssen, sondern diese bereits "verinnerlicht" haben und in Form einer den Individuen mehr und mehr Freiheitsspielräume gewährenden Gesellschaft vorfinden. Die Organisations-, Integrations- und Machtstrukturen der alten Gesellschaft zerfallen, während die Kinder der Freiheit sich gleichzeitig aus ihnen zurückziehen, weil sie nicht mehr greifen und die anstehenden Probleme nicht mehr lösen können. Selbstorganisation, das neue Schlagwort für alle nicht mehr wirklich plan-, steuer- und in ihrer Dynamik vorhersehbaren Systeme von der Physik über die Soziologie bis hin zum Künstlichen Leben, wird allmählich auch zur politisch korrekten (Er)Lösungsparole, zumal die Vorsilbe "Selbst-" Demokratietauglichkeit, Handlungsspielraum und Abwesenheit äußerer Macht zu versprechen scheint. Selbstorganisierten wird weniger vorgeschrieben, auch wenn man nicht weiß, was dabei herauskommen wird, was allerdings langfristig sowieso keiner mehr sagen kann. Wer mehr Selbstorganisation befürwortet, nimmt auch mehr Risiken und weniger Sicherheit in Kauf und glaubt, dadurch vielleicht die Chancen für Neues zu erhöhen. Das alles gehört heute schon fast zum ideologischen Grundbestand der überall gedeihenden selektiven Anpassungstheorien, die gleichzeitig auch larvierte Theorien des Fortschritts und der Innovation und natürlich des kapitalistischen Marktes sind.
Bei einem sind sich die Selbstorganisateure jeder Couleur mit ihrem anti-staatlichen Effekt einig, nämlich daß Eigentum und Erwerb von Eigentum mit allen juristischen und staatlichen Mitteln ebenso geschützt werden müssen wie vertragliche Vereinbarungen. Nach dem unisono akzeptierten "Scheitern" jeder sozialistischen Spielart, braucht man darüber offenbar nicht mehr zu sprechen. Diese Heiligsprechung hat zwar wenig mit der zweiten Moderne zu tun und ist auch Tabu für alle selbstorganisierten Umtriebe, aber man kann sich doch nur schwer vorstellen, wie heute noch eine gesellschaftliche Integration ohne Teilhabe oder eine wie auch immer illusionäre Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand zustande kommen könnte, die bislang Wohlfahrtsstaat im Negativen und Erwerbsarbeit dargestellt haben, selbst wenn der Abstand zwischen Reichen und Ärmeren innerhalb der entwickelten Länder stetig zugenommen hat. Der Entzug von dem, was man dauernd um die nächste Straßenecke oder auch nur im Fernsehen sieht, hat wahrscheinlich schon die kommunistischen Regime zusammenbrechen lassen und wird sicher zunächst "individualisiert" und lokal ausagiert, in Grenzen durch Polizei und private Sicherheitsdienste gehalten. Irgendwann aber sind die "politische Freiheit", die "aktive Bürgergesellschaft" und die Selbstorganisation in bestimmten Rahmen dann nicht mehr so entscheidend, wenn sie einen Großteil der Menschen vom Wohlstand und der durch ihn vermittelten Sicherheit abkoppeln. Wie dann umverteilt wird, wissen wir. Gleichwohl ist es aber heute - "Jenseits von Links und Rechts" - nicht schick, darüber auch nur zu sprechen, sofern es nicht darum geht, wie man mehr Freiheit, also weniger staatlich organisierte Umverteilung schafft.
Wenn also die Verfechter der Selbstorganisation die Parole "Mehr Freiheit" gegen alle Besitzstandswahrer, Ängstlinge und Rückwärtsorientierten auf ihre Fahnen schreiben, dann gibt es für sie doch auch unhinterfragbare Regeln, deren Einhaltung oder Auflösung man nicht dem Zufall überlassen will. Will man diese Regeln in Frage stellen, dann gefährdet man den Standort, kommt man also auf die Zwänge - der Globalisierung, des Kapitalismus, der menschlichen Natur, der bürgerlichen Gesellschaft etc. - zurück, die der Freiheit entzogen sind. Beck postuliert die "Schlüsselbedeutung politischer Freiheit, also einer aktiven Bürgergesellschaft für den Zusammenhalt und die Selbstverantwortlichkeit der Demokratie jenseits der Arbeitgesellschaft", was natürlich gut klingt, wenn es dann überdies noch zu "institutionellen Reformen" kommt. Aber ob sich das Ende der Erwerbsgesellschaft, der nicht nur die festen Arbeitsplätze ausgehen, nur durch die "schöpferische Ungewißheit der Freiheit" begegnen läßt, ohne an die Fragen des Eigentums und der Umverteilung zu stoßen, ist doch mehr als fraglich.
Ulrich Beck will gegen die Verdrossenheit und die Untergangsstimmung, gegen die Angst vor dem Absturz und die Sehnsucht nach Sicherheit angehen, das Beste aus dem Status quo herausholen, mit der Vergangenheit, wo es ihm notwendig erscheint, abschließen, ohne in die vielen aufgespannten Fallen zu tappen. Gegen die europäische Müdigkeit will er ein wenig, wenn auch europäisch abgedämpft, den amerikanischen Traum in die Alte Welt - und wohl auch in seine eigene Skepsis - einträufeln. Das ist richtig und wichtig, allerdings auch gegenwärtig Mode. Überdies wurde noch nirgendwo mit Fatalismus und Skeptizismus Politik gemacht, sondern stets mit der Beschwörung von Ängsten und dem Anbieten von allheilenden Pharmaka. Ulrich Beck freilich stellt sich nicht wie so viele andere naiv und schreibt billige, weil neue Allheilmittel aus, sondern sieht und benennt auch die neuralgischen Punkte, verleugnet die Gefahren nicht - dennoch wirkt seine Geste eines entschlossenen Optimismus nicht überzeugend. Sein Denken ist ungebrochen dialektisch, marxistisch oder, wenn man will, messianisch, nämlich daß die Krise kein Untergang sei, sondern die Mittel zu ihrer Bewältigung und die Ankunft eines Neuen mit hervorbringe. Aber neben diesem alten Zauberstab überzeugt sein Vorstoß vielleicht deswegen nicht, weil Beck meint, daß es vor allem darauf ankomme, unsere Beschreibungen der Wirklichkeit zu ändern, was darauf hinausliefe, Begriffe und Situationen einfach wie weiland der Philosoph mit dem Hammer umzudeuten oder umzuwerten.
Politik ist sicher abhängig von der Sprache und soziale Zusammenhänge werden in hohem Ausmaß sprachlich geschaffen und getragen, aber Beck entwickelt daraus in einer Zeit, in der demokratische Willensbildung in den bislang geschaffenen Formen der Repräsentation und territorialen Bindung gegenüber den durch die Globalisierung freigesetzten wirtschaftlichen Kräften an Bedeutung verliert, ein Rezept, das ein wenig an all die geläufigen Heilsstrategien des positiven Denkens erinnert. Deren geheime Attraktion scheint darin zu liegen, durch konsequentes Ausblenden des Negativen und durch Umbenennung des Erfahrenen die Verhältnisse zu seinen eigenen Gunsten nicht nur auslegen, sondern auch zwingen zu können. Die Austreibung der bösen Geister war gesellschaftlich und individuell immer wichtig und wirksam, aber sie wird nicht allein durch die Manipulation von Worten ermöglicht, sondern vor allem durch Rituale und Inszenierungen. Das sind Techniken, die viel mit Stil zu tun haben, auch Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft durch ausgeklügelte Selbsttäuschungen stiften, aber sich weder in Sprache erschöpfen noch frei sind von sanktionierten Regeln, die mit Gewalt durchgesetzt werden.
Stilfragen sind die Schlüsselfragen der zweiten Moderne. Wer neue Kraftfelder des Handelns schaffen will, muß den autosuggestiven Bann der leitenden Kategorien zerbrechen, die Worte in ihrer im Alten verwurzelten Bedeutung öffnen, um die Suggestivwirkung der Sprache auf die veränderte Lage einzustellen. Reformation der Demokratie setzt Reformation der Sprache der Demokratie voraus.
Vielleicht ist Beck nur der neue Soziologenhegel, nach dem wieder irgendein Marx kommen wird, der die Verhältnisse, nachdem sie lange genug interpretiert wurden, vom Kopf auf die Füße stellen will. Oder aber Beck hat nur verinnert, was die Mediengesellschaft zusammenhält: die Magie von Attraktionen, die die Aufmerksamkeit fesseln. Schon einmal gab es unter dem Eindruck der Nationalsozialisten und ihrer offenbar kollektiv ansteckenden Rituale ein von Intellektuellen gegründetes Collège de Sociologie (u.a. Bataille, Leiris, Caillois, Kojève) das versuchen wollte, der Massenansteckung ebenfalls einen Virus entgegenzusetzen, der die Menschen begeistern und mitreissen sollte ... Man plante ein Menschenopfer, fand auch einen Freiwilligen, ließ es aber dann doch sein und arbeitete weiter an Begriffsverschiebungen, während die wirklichen Demagogen die Welt mit Krieg überzogen und Opferorgien entfesselten.
http://www.heise.de/tp/artikel/2/2146/1.html- Die Ideologie von der Illusion der Freiheit (19.11.2002 23:35)
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