Das Paradies: Verbesserte Neuauflage

24.07.1997

Ohne die Verführung durch die Schlange ist der Sturz in die Welt auch nicht erträglicher.

Unsere Erkenntnisse schreiten voran. Einst glaubte man, daß damit alles besser werde. Sieht man die Dinge, zum Beispiel das Paradies, nüchtern, also wissenschaftlich, braucht man keine Vertreibung mehr und auch keine Schlange. Für das Böse gibt es keinen Bedarf mehr. Aber werden wir durch die Aufklärung mit schöneren Geschichten versorgt. Der Philosoph Vilém Flusser beschreibt das Paradies, das durch die Aufklärung neu aufgelegt wurde.

Seit der Genesis wissen wir es (wie vieles andere) besser: Wir wissen, wo das Paradies lag, wie es dort ausgesehen hat, und wann und warum wir von dort vertrieben wurden.

Hier eine kurze Schilderung der Sache: Es war ein spärlich mit einzelnen Baumgruppen ausgestattetes Grasland, und es lag zwischen den Gletschern der Alpen und jenen der Pyrenäen. Pferde, Kühe, Mammuts und andere große Grasfresser weideten dort in unübersehbar großer Zahl und waren mühelos jagdbar. Um dies noch paradiesischer zu gestalten, gab es dort Schakale, welche die eßbaren Grasfresser geradezu in den Mund der menschlichen Paradiesbewohner trieben. Das Menü war jedoch nicht auf Innereien von großen Wiederkäuern beschränkt, sondern Beeren und Pilze, gelegentlich Austern und Schnecken, vervollständigten die Gerichte. Nach solch reichlichen Gelagen versammelten sich die Leute in warmen und gemütlichen Höhlen um ein flackerndes Feuer, deren Flammen großartige Wandgemälde beleuchteten, und lauschten dem Gesang mythenerzählender Barden. Diese "Son-et-lu-mieére"-Festivale währten Tausende von Jahren, bis eine ökologische Katastrophe über die Urmenschheit einbrach.

Vilem Flusser

Es wurde wärmer, die Gletscher schrumpften, und Bäume überwucherten die paradiesische Landschaft. Der Wald, dieser Todfeind der Menschheit, vertrieb die großen Grasfresser, und die übriggebliebenen kleinen (wie etwa Rehe und andere Ziegen) waren zwischen den Bäumen schwer jagdbar. Um nicht auszusterben, sahen sich die Leute gezwungen, an Stelle von Grasfressern selbst Gras zu essen. So etwa mag es, nach unserem gegenwärtigen besseren Wissen, mit dem Paradies ausgesehen haben.

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Man sieht, daß sich das in vielen Punkten mit der biblischen Schilderung deckt. Aber es gibt zwei grundsätzliche Abweichungen. Die eine besteht darin, daß in der verbesserten Neuauflage keine Rede vom Sündenfall ist, und dies wird später bedacht werden müssen. Die zweite besteht darin, daß (näher betrachtet) einige ganz unparadiesische Züge im Paradies festgestellt werden müssen. Drei davon sollten hier zu Wort kommen, denn sie sind problematischer als die unparadiesische Schlange.

Die Menschen im Paradies aßen Eingeweide. Um jedoch bis zur Büffelleber vorzudringen, muß man sich dorthin durchgebissen haben. Dabei zeigt es sich, daß unser Gebiß nicht so ist, wie es sein soll. Es ist nämlich kein Fleischfressergebiß, sondern eines von vor-adamitischen pflanzenfressenden Baumbewohnern. Also stellt man Faustkeile her, künstliche Gebisse. Das heißt, man stellt etwas Künstliches dem Natürlichen entgegen. Man weiß, daß nicht alles so ist, wie es sein soll, man hat ein "unglückliches Bewußtsein", und deshalb wird man Künstler. In diesem Fall Fabrikant von künstlichen Gebissen. Das ist unparadiesisch.

Um Faustkeile (künstliche Gebisse) herzustellen, muß man sich darüber einigen, was sein soll. In diesem Fall: Steine sollen wie Zähne beißen. Um sich zu einigen, kodifiziert man einige Luftschwingungen, die von spezifischen Körperorganen hervorgerufen werden, zu Phonemen. Diese bedeutungsvoll gewordenen Töne ordnet man nach spezifischen Regeln, das heißt, man redet miteinander. Die derart erzeugte Software ist Vorbedingung zur Faustkeilerzeugung, zur Hardware. Denn erst wenn man das Design des Faustkeils mündlich programmiert hat, kann man es handlich in die Wirklichkeit (in den Stein ) setzen. Erst im Gespräch entwirft man die zu verwirklichenden Formen, "Werte", und das heißt, daß die Welt erst einen Wert hat, wenn sich die Menschen darüber einig werden. Das ist unparadiesisch.

Die Menschen im Paradies aßen Eingeweide und Pilze. Das heißt aber nicht, daß ihnen der "foie truffé" schon fertig serviert worden wäre. Sondern die Männer jagten nach der Leber, und die Frauen (und Kinder) sammelten die Pilze. Diese Arbeitsteilung ist noch immer nicht überwunden (siehe womenŽs lib.). Laut materialistischer Erkenntnistheorie können wir nur erkennen, was wir selbst hergestellt haben, und alles andere ist für uns von Ideologien vernebelt. Daher kennen die Männer nur Tiere und die Frauen nur Pflanzen, und diese beiden Kenntnisse sind gegenseitig unübertragbar. Die damaligen Familienverhältnisse müssen daher gespannt gewesen sein (voller Mißverständnisse), und tatsächlich kann man die Spannung zwischen Mann und Frau und zwischen Kindern und Eltern noch immer konstatieren. Das ist unparadiesisch.

Im Vergleich zu diese drei Schönheitsfehlern (unglückliches Bewußtsein, Wertlosigkeit der Welt und zwischenmenschliche Inkommunikabilität) ist die biblische Schlange geradezu als ein paradiesisches Tierchen anzusehen. Allerdings sieht es so aus, als ob die verbesserte Neuauflage des Paradieses durch Auslassen der Erbsünde eine optimistischere Sicht auf die nachparadiesische Situation öffnen würde. Leider ist dies ein Irrtum. Als der Wald eingebrochen war, zeigten die Menschen, was für sonderbare Tiere wir sind: Wir können Katastrophen die Stirn bieten, indem wir die Welt behandeln, um uns selbst zu verändern. Die Natur humanisieren, um uns selbst zu naturalisieren. In diesem Fall begann man, Bäume zu verbrennen, künstliche Lichtungen herzustellen, dort künstlich Gras zu pflanzen und es zu essen. Man verwandelte den Wald zu Feldern, um sich selbst aus Jäger in Bauern zu verwandeln. Das klingt doch ganz anders als Sündenfall und Paradiesvertreibung? Aber näher betrachtet ist es auch nicht besser.

Um Grießsuppe oder Pizza anstatt foie truffé zu essen, muß man Grassamen in die Erde setzen und warten. Dabei muß man sich hinsetzen (seßhaft werden), schon weil Tiere oder Menschen die Saat vernichten könnten. Man muß sein Eigentum bewachen, und daraus entstehen Kriege. Damit das Gras wachse, muß man es bewässern, und das ist an Flußufern am besten. Aber Flüsse können austrocknen oder über ihre Ufer treten, also muß man kanalisieren. Man muß sich Sorgen machen (voraussehen), und daraus entstehen Regierungen, Gesetze, Polizei und Steuern. Kurz: Das Grasessen führt notwendigerweise in die traurige Geschichte der zivilisierten Menschheit. Der langsame, klägliche Niedergang aus dem Paleolithikum über das Mesolithikum ins Neolithikum und von dort in Bronze und Eisen, also der Niedergang von foie truffé zu MacDonald, ist noch entsetzlicher als der Sündenfall, denn es gibt daraus keine ersichtliche Erlösung.

Die verbesserte Neuauflage des Paradieses ist dank unserem besseren Wissen in Sache Ursprung der Menschheit notwendig geworden. Aber ist es tatsächlich ein besseres Wissen?

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