Isotype im WWW

24.07.1997

Bildstatistik nach der "Wiener Methode" und ihre Bedeutung in Zeiten der Überinformation

Der Wiener Wissenschaftsphilosoph Otto Neurath hat in seiner Eigenschaft als Leiter des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien und in Zusammenarbeit mit seiner Frau, Marie Neurath, dem Grafiker Gerd Arntz und anderen in den frühen 20ziger Jahren begonnen, eine Methode zur Darstellung statistischer Zusammenhänge in visueller Form zu schaffen, die Bildpädagogik nach "Wiener Methode". Diese beruhte auf Isotype, dem "International System of TYpographic Picture Education". Als unermüdlicher - wenn auch nicht naiver - Weltverbesserer ging es Neurath darum, soziale Beziehungen in allgemein verständlicher Form sichtbar zu machen.

Eine hervorragende Einführung zum gesellschaftlichen Kontext und theoretischen Hintergrund Neuraths liefert der komplementär zu diesem Text erscheinende Artikel "Sprechende Zeichen" von Frank Hartmann, während sich dieser Text eher auf die pragmatischen Anwendungsmöglichkeiten von Neuraths Methode in der Gegenwart und insbesondere im WWW konzentriert.

Es soll nun nicht behauptet werden, daß Neurath die Piktogramme von Grund auf neu erfunden hat. Zu der Zeit, als er das System der Isotype zu entwickeln begann, lagen die vereinfachten grafischen Formen bereits in der Luft, erschienen auf Werbeplakaten, in Zeitungsreklamen, in den ersten Ansätzen von Stadtorientierungssystemen und den Kunstgrafiken von Dadaisten und Expressionisten, im modernistischen Gestaltungswillen von De Stjil, Bauhaus und russischem Konstruktivismus. Neurath und seine Gruppe haben die Ausdruckskraft der grafischen Zeichen jedoch wesentlich voran gebracht, indem sie am konsquentesten deren Reduktion auf einer logischen Grundlage auf die minimal nötige Form verfolgten, ihre Variations- und Kombinationsmöglichkeiten erforschten und ihr volkspädagogisches Potential tatsächlich zur Anwendung brachten.

Die Isotype entstanden in der Blütephase der Moderne, als Malerei, Literatur und Theater, aber auch Gebrauchsgrafik und Reklametechniken revolutioniert wurden. Diese kulturelle Revolution ereignete sich nicht als isolierte kulturelle Errungenschaft, sondern im Zusammenspiel und unter dem Druck anderer Erfindungen, wie der Verbreitung des Telefons, der Beschleunigung des Transportwesens, der Einführung des Kinos, des Radios, der fordistischen Produktionsweise usw.. (Anm. )

Die Möglichkeit, Isotype in Anwendung zu bringen, stand aber auch in engem Zusammenhang mit dem "Roten Wien", einem sozialdemokratisch regierten Rathaus, das große Anstrengungen im sozialen Wohnungsbau, für die medizinische Versorgung, für Gesundheit und Wohlergehen der unterpriviligierten Schichten im weitesten Sinn unternahm und auch das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum finanzierte, dem Neurath vorstand.

Dieser ganze gesellschaftliche Hintergrund hat sich, wie auch F.Hartmann feststellt, grundlegend gewandelt. Piktogramme sind heute so omnipräsent, daß wir bereits von Übersättigung sprechen können. Ihre Sprachungebundenheit ermöglicht ihre Verwendung an den Knotenpunkten einer globalisierten Gesellschaft, auf Flughäfen, in Bahnhofshallen, an Busstationen, in den Touristenzonen der Innenstädte und Banken-Cities, und nicht zuletzt auf den Menüleisten von Software-Programmen und als Navigationselemente im Webdesign. Dabei funktionieren sie meist als Wegweiser im Ozean der Zeichen, als Zeichen, die uns über andere Zeichen informieren sollen.

Die Hochkonjunktur der grafischen Zeichen beinhaltet aber auch bereits wieder ihre Baisse, ihre Sinnentleerung durch arbiträren Gebrauch. Spätestens dann, wenn Piktogramme in der Werbegrafik als reine Schmuckelemente ohne Informationswert eingesetzt werden, ist klar, daß jeder Versuch, eine einheitliche kohärente Universalsprache von visuellen Zeichen zu schaffen, zum Scheitern verurteilt ist.
Insbesondere die digitale Bildschirmkommunikation hat eine Flut neuer Zeichen gebracht, ja ganzer Zeichensysteme, die alles andere als universell sind. So bietet praktisch jede Web-Site, inklusive der auf der Sie sich gerade befinden, ein eigenes Navigationssystem an, das erst gelernt werden muss. Und auch fast jede neue Software mit grafischer Benutzeroberfläche erfordert das Erlernen einer neuen Zeichensprache. Die Stadt ist, wie Volker Grassmuck festgestellt hat, zur Benutzeroberfläche geworden. Da es erstaunlich wenig Bemühungen seitens der Hersteller gibt, ihre Zeichensprachen in Übereinklang zu bringen, herrscht in der "Stadt als Terminal" (und auf den Terminals in der Stadt) babylonische Verwirrung. Ähnliche Zeichen können in verschiedenen Programmen verschiedene Bedeutungen haben, andere Funktionen auslösen. Das Erlernen einer Sprache macht es nicht unbedingt leichter, eine andere Sprache intuitiv zu verstehen. (Anm. )

Doch auch Printmedien und Fernsehen tragen mit einer Flut von "Charts" zur Verwirrung bei. In einer zahlengeilen Welt, besessen von Rekorden, Profitraten, Ranglisten usw., sind sie voll von entsprechenden Darstellungen, welche "Ergebnisse" nicht bloß in Form von Zahlen oder Prozenten angeben, sondern auch leser-/seherfreundlich visualisieren wollen. Das Magazin Focus verdankt seinen Erfolg zu großen Teilen der Reduktion von Text zugunsten von Grafiken, die Zahlenverhältnisse zum Ausdruck bringen. Doch auch hier waltet dasselbe Mißgeschick. Jeder Sender/Verlag ist stolz auf die Errungenschaften der eigenen Grafikabteilung und so hat jedes Medium seine eigenen Darstellungsformen. Oft wechseln die Darstellungsformen auch innerhalb ein und desselben Mediums. Das Publikum, von so viel falsch verstandener (und mißverständlicher) Nutzerfreundlichkeit gar nicht begeistert, blendet den Erkenntnisgehalt aus.

Neurath im Digitalzeitalter

Derartige Mißstände beklagte Otto Neurath bereits vor mehr als siebzig Jahren. Doch eine durchgängige "Entbabylonisierung der Zeichen" erscheint heute um so aussichtsloser. Und wer würde sich wohl eine solche diktatorische Macht - und sei es auch eine monopolistische Marktmacht (Microsoft?) - herbeiwünschen, die alle zur Verwendung der gleichen Zeichen zwingen kann? Der Ansatz kann also nicht in einer rigorosen Durchforstung des Zeichenwaldes liegen, mit zwangsweiser Lichtung aller Unterhölzer, sondern im in Anwendung bringen von Elementen der "Wiener Methode", die Neurath schuf, um Inseln im Chaos zu schaffen und durch das gute Beispiel vielleicht andere anzustecken (ein Neurath-Meme?).

Neurath formulierte 1925 die Aufgabe des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums folgendermaßen:

Es sollen im "Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum" soziale Erscheinungen durch Symbole erfaßt werden, leicht überblickbare Anordnungen von Linien, Flächen, Körpern sollen gesellschaftliche Zusammenhängedarstellen. Statistisch erfaßte Tatbestände sollenlebendig gemacht werden.

Otto Neurath

In einem anderen Text über die Aufgaben des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums schreibt Neurath:

Die moderne Demokratie verlangt, daß breite Massen der Bevölkerung sachlich über Produktion, Auswanderung, Säuglingssterblichkeit, Warenhandel, Arbeitslosigkeit, Bekämpfung der Tuberkulose und des Alkoholismus, Ernährungsweisen, Bedeutung des Sports, Schulformen, Verteilung der Schulen auf die Bewohner, Volkswohnungsbau, Gartenstädte, Kleingarten- und Siedlungsanlagen, Standorte der Industrien unterrichtet werden. Schulunterricht kann nur die Grundlagen hiefür liefern, Zeitungen, Vorträge usw. bringen fallweise Ergänzungen; notwendig ist eine Stelle, diedauernd soziale Aufklärung verbreitet.

Otto Neurath

Was wäre eigentlich naheliegender, als diesen Ort der dauernden sozialen Aufklärung, als den Neurath das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien sah, heute im WWW anzusiedeln? Das Web besteht ja eigentlich hauptsächlich aus derartigen Schautafeln (bloß daß deren Zweck höchst selten die Aufklärung der Bevölkerung über soziale Zusammenhänge ist, sondern Ablenkung und Zerstreuung).

Die "Wiener Methode" der Bildpädagogik weist einige Eigenschaften auf, welche sie in verblüffender Weise für das WWW geeignet erscheinen lassen.

Größenverhältnisse
Eine der wichtigsten Grundregeln ist, daß Größenverhältnisse nicht durch Zeichen unterschiedlicher Größe, sondern durch Wiederholung ein und desselben Zeichens darzustellen sind. Wollte man z.B. das Verhältnis der deutschen Handelsflotte zur englischen darstellen, dann würden wohl die meisten Illustratoren für die Engländer ein ziemlich großes Schiff und die Deutschen ein relativ kleines zeichnen. Neurath wandte sich energisch gegen diese Darstellungsform, da es mit freiem Auge nur schwer ersichtlich ist, um wieviel größer das englische Schiff als das deutsche ist. Nach der Wiener Methode sehen die englischen und die deutschen Schiffe gleich aus und sind gleich groß. Die größere Zahl von Bruttoregistertonnen wird durch mehr Schiffe symbolisiert.

Hintergründe
Weitere Regeln betrafen, wie die einfachen Zeichen, z.B. für Mann und Frau, durch Vorder- und Hintergrundfarben variiert und damit aussagekräftiger gemacht werden können. Damit können, z.B. in einer Schautafel über die erwerbstätige Bevölkerung in Österreich, Proportionen zwischen Selbständigen und unselbständig Beschäftigten alters- und geschlechtsbezogen übersichtlich dargestellt werden, ohne zusätzlichen grafischen Ballast aufbieten zu müssen.

Kombinationen
Eine weitere Variante ist die Kombinatorik von Zeichen. Aus ein und demselben Zeichen für "Mann" wird, mit einer Aktentasche in der Hand, ein Büroangestellter, mit einem Hammer ein Handwerker usw. Anstatt nun z.B. für die Darstellung der Bevölkerungszahl und die Darstellung der Verbreitung von Berufsgruppen zwei Schautafeln aufbieten zu müssen, lassen sich diese in einer Tafel zusammenfassen.

Interessanterweise läßt sich die "Wiener Methode" sehr vorteilhaft auf das WWW übertragen, da eine Darstellung in ihrem Sinn besonders Speicher- und Bandbreiten-schonend ist. (Ganz zu schweigen vom heute so beliebten "Funktionalismus-Schick" im Web-Design, siehe z.B. www.etoy.com oder www.jodi.org). Die Darstellungsform der Wiener Methode wird von Eigenschaften des Web unterstützt. Gab es vielleicht eine geheime Konspiration zwischen Neurath und Tim Berners-Lee?

Ein GIF-Bild, das neben JPEG am häufigsten für die Darstellung im Web benutzte Bilddatenformat, ist ein indiziertes Bild, das heißt, daß jeder auftretenden Farbe ein fester Wert zugewiesen ist. Je weniger Farben ein Bild hat, um so weniger Speicherplatz benötigt es. Die neurathschen Isotype, wie die Piktogramme auf Flughäfen schattenrissartig auf Konturen und Flächen ohne Farbverläufe reduziert, benötigen im Web sehr wenig Speicherplatz und Übertragungszeit.

Die Methode, Größenverhältnisse nicht durch größere Symbole sondern durch Aneinanderreihung desselben Symbols zu zeigen, kommt dem Web-Design in HTML ebenfalls sehr entgegen. Denn dasselbe Bild braucht nicht soundso oft Mal auf die Festplatte des Servers gespielt werden, es genügt, wenn es einmal da liegt und es muß nur, ebenso oft, wie es gezeigt werden soll, mit dem HTML-Befehl "IMG SRC=Adresse" adressiert werden. Der Browser braucht nur unmerklich länger, ein Bild einmal oder viele Male zu zeigen, die Verzögerung hängt eigentlich hauptsächlich von der Grafikkarte für die Bildschirmdarstellung ab.

In dieselbe Kerbe schlagen auch die Vorteile, die durch die Kombination von Symbolen und die Variation durch unterschiedliche Hintergrundfarben gegeben sind. Schicke, graphisch reduzierte, datenmäßig schlanke, schnell übertragbare und aussagekräftige visuelle Web-Statistiken lassen sich so erstellen.

Doch das Web bietet noch weitere Vorteile, die zu Neuraths Zeiten noch nicht denkbar waren und hier nur angerissen werden sollen. Neurath schränkte sich bezüglich ergänzender Texte bei den Tafeln ziemlich ein, die unmittelbare Wirkung der Grafik sollte durch ein Übermaß an Text nicht beeinträchtig werden. So gibt es meist nur eine Überschrift und eine kurze Zeichenerklärung (rot=xxx, blau=yyyy).
Durch Hyperlinks könnten ergänzende Informationen in Textform eingebracht werden, ohne den Bildaufbau und die ästhetische Geschlossenheit zu stören. Jedes Zeichen kann anklickbar sein, auf eine Erklärung, Quellenangabe oder andere Annotation (z.B. Jahresangabe der Statistik) verweisen.
Hypertext kann aber auch verwendet werden, um multilinguale Schautafeln im Web zu gestalten, ohne nun gleich Bildlegenden in allen Sprachen mitliefern zu müssen. Arbeit, die einmal getan ist, kann verschiedenen Sprachgruppen zugute kommen.
Und nicht zuletzt: Die Schaubilder können von jedem Punkt auf der Welt, sofern Internetzugang gegeben ist, aufgerufen werden.

Ein "Ausstellungsrundgang" von einem Schaubild zum anderen kann nichtlinear, d.h. nach Nutzerauswahl hergestellt werden. Nichtlinearität ist, wie Neurath selbst bemerkte, den Unterschied zwischen Schautafeln und Film herausstellend, für Forschung und Lehre besonders vorteilhaft, da je nach Diskussionsgegenstand andere Seiten aufgerufen werden können.

Da sich Statistiken, je nach ihrem Charakter, in verschiedenen Abständen verändern, kann bei schnell wechselnden Zahlenverhältnissen auch Automatisierung über Scripts sinnvoll eingesetzt werden. Für versierte Programmierer ist es sicherlich kein Problem, z.B. ein Perl-Script aufzusetzen, das Daten aus einer beständig aktualisierten Datenbank zur Generierung von HTML-Seiten heranzieht, die damit immer auf dem neuesten Stand sind.

Doch bei aller Begeisterung soll nicht verhehlt werden, daß mit der Wiener Methode zur bildstatistischen Darstellung und den genannten Möglichkeiten zur Übertragung auf das Web noch längst nicht alle Probleme gelöst sind. So sind z.B. die zu Neuraths Zeiten geschaffenen Isotype längst nicht so universell, wie er geglaubt hatte. Zeichen, auch wenn sie noch so reduziert sind, haben in einem sich wandelndem kulturellem Umfeld ein relativ kurzes Ablaufdatum. Nicht umsonst verpassen Großunternehmen ihren Logos ca. alle 10 - 15 Jahre ein kaum merkliches Redesign, mit dem die Marke für den veränderten Zeitgeschmack fit gemacht wird. Die von Neurath verwendeten Zeichen für Personengruppen, Geschlechts- und Rassenunterschiede entsprechen heute kaum mehr dem verbreiteten Konsens von politischer Korrektheit. So würden sich sicherlich viele Frauen dagegen verwehren, als Berufstätige in einer Art Hausfrauen-Schürzenkleid gezeigt zu werden, während die Männer einen Anzug tragen. Und auch Asiaten hätten wohl heute ein Problem damit, durch einen kegelförmigen Strohhut - dem typischen Reisbauernemblem - charakterisiert zu werden. Dies wirkt heute manchmal peinlich oder, je nach Gemütslage, unfreiwillig komisch. Ein behutsames und seriöses Redesign wäre angebracht.

Eine weitere "Falle" die sich auftut, ist der heute so verbreitete Wunsch nach Automatisierung. Diesem Thema widmet sich z.B. die 1991 herausgegebene Publikation "Otto Neuraths Bildpädagogik im Computerzeitalter" von Karl H.Müller. In diesem, trotz höchst "wissenschaftlichem" Anspruch, etwas wirr zusammengewürfeltem Buch (von Kleists Marionettentheater zu Searles chinesischem Raum "alles drin" was die KI-Gemeinde seit 40 Jahren bewegt) scheint es um die Frage zu gehen, ob aus der Wiener Methode mit Hilfe von Computertechnik und KI-Programmiermethoden ein automatisch generatives System erstellt werden könne, das (zum Unterschied von dem von mir oben vorgeschlagenem, eher simplen Perl-Script) nicht nur die Ausgabe von Bildschirmseiten auf Grund vorgegebener Methoden dem Computer überläßt, sondern auch die Zusammensetzung der Bildsymbole selbst und die Auswahl von Daten und Symbolkombinationen übernimmt, auf der Basis wahrnehmungstheoretischer Grundlagen, etc., etc.. Hier zeigt sich eher der Niedergang der positivistischen Philosophie als ihr Fortschritt mittels Digitalisierung. Der Glaube an die Maschine und die alleinige Relevanz symbolischer Operationen wird zum allumfassenden Dogma. In diesem Buch werden, bei aller Intelligenz und Wissen, die dem Autor nicht abgesprochen werden sollen, einfach die falschen Fragen gestellt. Eine sich rational gebende Wissenschaftsmetaphysik, die sich fälschlicherweise in der Tradition Neuraths wähnt.

Ein weiteres ungelöstes Problem liegt in der Übersetzbarkeit von sprachlichen Ausdrücken in visuelle Zeichen. Viele Begriffe sind äußerst schwer symbolisierbar. Während das bei ca. der Hälfte der Substantive, die im Wortschatz von BASIC-English vorkommen, noch möglich scheint, ist die visuelle Darstellung in ikonographischer Form bei Eigenschaftsworten schon wesentlich schwieriger und mißlingt fast immer bei Worten, die Operationen bezeichnen.

Ein weiteres Problem ist das Zahlenmaterial, auf das zurückgegriffen werden kann. Gute statistische Darstellungen im Web sind rar und auch in Form gedruckter Publikationen schwer aufzuspüren und oft nicht gerade billig. Der Plan der EU, Datenbanken grundsätzlich als geistiges Eigentum zu begreifen und unter Urheberrechtsschutz zu stellen, weist hier in eine völlig falsche Richtung.
Ist diese Hürde aber, an Zahlen zu gelangen, erst einmal genommen, tun sich noch weit schwerwiegendere Probleme auf. Welche Zahlenverhältnisse sind überhaupt darstellenswert im Sinne eines aufklärerischen Ansatzes, welche Zahlen lassen soziale Beziehungen sichtbar werden? Die meisten Statistiken sind, nicht nur im Resultat, sondern schon im Ansatz ihrer Fragestellung, ideologisch eingefärbt, z.B. von Marktforschungsinteressen geprägt oder vorinterpretiert. Zahlenmaterial, das sehr in die Tiefe geht, ist wiederum oft schwer interpretierbar, es muß daraus erst jene Metaebene synthetisiert werden, die sich in bildlicher Form darstellen läßt.

Bei aller gebotenen Skepsis läßt sich zumindest sagen, daß hier noch ein weites, und weithin unbeackertes Feld gegeben ist, in dem die von Neurath und seiner Gruppe erarbeiteten Ansätze brauchbare Ausgangspunkte liefern können. Das Dilemma an der heutigen Neurath-Rezeption ist, daß sein Ideengut hauptsächlich konservierend behandelt wird. Bei allem Respekt vor der Geistesgröße Neurath sei deshalb empfohlen, den Staub aus der "Wiener Methode" zu schütteln und die Web-Tauglichkeit der Isotype auf den Prüfstand zu stellen.

Literatur:
Alle Neurath-Zitate aus: Otto Neurath, "Gesammelte bildpädagogische Schriften", herausgegeben von Rudolf Haller und Robin Kinross, Verlag Hölder Pichler Tempsky, Wien 1991, ISBN 3-209-00863-9
Diese Publikation ist, wie der Titel schon sagt, eine Sammlung von Schriften. Dadurch ergibt sich eine gewisse informationelle Redundanz. Doch auch wenn die - chronologisch geordneten - Texte immer wieder den selben Gegenstand behandeln, offenbaren sie immer wieder neue Einsichten, die Neurath im Lauf der Zeit gewann; viele dieser Einsichten bringen auch Neuraths menschenfreundiche Gesinnung zum Ausdruck, seinen erfrischenden Antidogmatismus; eine empfehlenswerte Publikation für alle, die am Weiterdenken und der Transformation von Neuraths Ansatz interessiert sind.

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