Europa ohne Universitäten?

Paul Treanor 17.09.1997

Universitäten sind eine der letzten Relikte des Mittelalters.

Von all den großen Institutionen des Mittelalters - den Ritterorden, den Klöstern, dem Feudalismus, dem Heiligen Römischen Reich - sind nur die katholische Kirche und die Universitäten übriggeblieben. Im Unterschied zur Kirche erhalten die Universitäten riesige Geldsummen vom Staat. Warum sollte Europa für diese alten Institutionen weiter Geld aufbringen? Das historische Geheimnis ist, wie es dazu kam, daß diese mittelalterlichen Institutionen eine zentrale Rolle in modernen Gesellschaften spielen. Was boten sie an, was Klöster und deutsche Ritter hatten? Um diese Frage zu beantworten, sollte man an das Ziel einer Universität denken. Universitäten besitzen eine grundlegende Ethik, die sich so zusammenfassen läßt: sie suchen nach Wissen und Erkenntnis über Werte, sie suchen nach der Wahrheit durch die Diskussion gelehrter Menschen, sie wählen aus. Wenn man es so darstellt, dann erkennt man die Antwort: das moderne Europa unterscheidet sich letztlich nicht sehr viel vom mittelalterlichen Europa. Wenn Tony Blair oder Wim Kok aus Großbritannien oder Holland "Wissensgesellschaften" machen wollen, dann wiederholen sie eine klassische Lehre der mittelalterlichen Kirche. Sie ist noch immer eine Doktrin der Katholiken und der meisten Christen: "Es ist besser, sich in einem Zustand des Wissens als des Unwissens zu befinden."

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Aber was ist Wissen? Wissen ist ein Gottesdienst für das Existierende. Ein "Wissen" vom Nichtexistierenden ist kein Wissen, sondern Spekulation. Wissen betrifft das Sein, nicht das Sollen. Der Wert des Wissens ist in sich konservativ, aber das ist leider ein zentraler kultureller Wert in Europa. Eine innovative Gesellschaft würde keine Wissensgesellschaft sein, sondern eine spekulative, imaginative oder kreative Gesellschaft. (Wahrscheinlich wäre sie überhaupt keine Gesellschaft.)

Um Wissen vom Existierenden zu erlangen, praktiziert die Universität eine soziale Ethik des Mittelalters: eine kleine elitäre Gruppe, die sich gegenseitig überwacht. Das ist heute in Form von komplexen Selektionsprozessen, von Kritik durch Kollegen vor der Publikation und von Bewertung der Forschungsprojekte institutionalisiert. Außenseiter haben in diesen Verfahren wenig Chancen, vor allem wenn sie kein Geld haben. (Das ist eine allgemeine Wissenschaftskritik, aber der Großteil der modernen Wissenschaft findet in der Universität statt.) Die gelehrten Menschen diskutieren auf komplizierte Weise miteinander, aber sie sind noch immer eine Elite der gelehrten Menschen. Und die meisten sind Männer.

Daher besitzt Europa eine grundlegende, seit Jahrhunderten unveränderte Ethik des wahren Wissens und der Suche nach diesem. Aber es ist der dritte Faktor, der das explosive Wachstum der Universitäten in der Moderne und besonders seit den letzten hundert Jahren erklärt.

Ein modernes Ausbildungssystem basiert auf der Selektion: es ist primär ein Mittel zur sozialen Selektion. Die höchste Stufe in dieser Selektion ist die Universität. Das ist der Kern der Position der Universitäten: alle Angehörigen der Elite des modernen Staates, alle Entscheidungsträger waren fast ohne Ausnahme auf der Universität. Das ist für jede Entscheidung im Staat, in der Wirtschaft und in der Kultur eine Grundvoraussetzung. Wenn man keinen Universitätsabschluß besitzt, dann wird man niemals selbst irgendeine der wichtigen Entscheidungen über das eigene Leben treffen. Das macht man für einen.

Aber so müßte es nicht sein. Es könnte eine moderne Gesellschaft geben, in der Ausbildung und Selektion getrennt wären. Doch in Europa hat sich das anders entwickelt. Hier ist das Ausbildungssystem durch die Geschichte identisch mit dem Selektionssystem geworden. Und das hat bedeutet, daß man, wenn man für seine Kinder einen gesellschaftlichen Status will, vor allem für ihre Ausbildung sorgen muß. Generationen bürgerlicher Familien wurden um dieses Ideal herum gebildet. Jetzt ist das für nahezu alle Familien der Fall. Und an dieser Stelle spielt ein neuer Faktor herein, denn selektive Ausbildungssysteme übertragen völlig konsistent die Ungleichheit von einer Generation auf die andere.

Daher versuchen Eltern, ihre Kinder auf die Universität zu schicken. Und je reicher und mächtiger sie sind, desto stärker ist dieser Wunsch. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn die Universitäten größer geworden sind. Wenn die gesamte gesellschaftliche Macht auf die Mitglieder von Tennisclubs verteilt wäre, dann würden diese zu einer zentralen Institution der Gesellschaft werden. In Europa brachte sich historisch, vielleicht ganz zufällig, die Universität in diese Position. Und von Europa aus verbreitete sich diese Institution auf der ganzen Welt.

Wenn ich hier also die Abschaffung der Universitäten vorschlage, dann nehme ich den Kindern von Wim Kok und Tony Blair die Karriereleiter für ein gutes Leben weg. Dasselbe würde für alle Eliten in Europa zutreffen. Die Eliten geben ihren Kindern ihre Position durch die Universitäten auf eine anscheinend neutrale und objektive Weise weiter. Sie können das als Ergebnis des "Talents" und der "Leistung" rationalisieren. Die Verbindung mit Werten wie "Wissen" und "Wahrheit" verleiht einem grundsätzlich nepotistischem Prozeß eine sakrale Würde.

Die Funktionen der Universitäten

Was machen Universitäten in modernen Gesellschaften? Ihre primäre Funktion ist ganz offensichtlich die Selektion, aber es gibt noch weitere Funktionen. Die Selektion geht von zwei grundlegenden Kategorien aus, denn die Universitäten sind die Institutionen, die offiziell Kategorien bilden. Die Menschen sind ganz einfach begabt oder unbegabt, und die Ideen sind akademisch oder nicht-akademisch. Normalerweise werden nur die Studenten hinsichtlich ihrer Begabung kategorisiert, aber die Kategorisierung der Ideen reicht über die Universitäten hinaus.

Würde jemand für sie stimmen, wenn es keine Universitäten geben würde und in Europa eine Volksbefragung über deren Gründung stattfände? Wer würde dafür stimmen, daß der Staat den Professoren dafür hohe Gehälter zahlen sollte, die Bürger als unbegabt zu bezeichnen - insbesondere wenn dies den tatsächlichen Ausschluß aus der Politik bedeuten würde? Wer würde für eine Institution stimmen, die Ideen durch ihre Kategorisierung als nicht-akademisch aus der ernsthaften Diskussion ausschließt? Aber es gibt die Universitäten bereits, und wir können uns nicht entscheiden.

Daher beginnt die Universität mit der Unterstellung, daß einige der Studenten unbegabt seien und daß sie daran gehindert werden müssen, einen Abschluß zu erlangen. Die Selektion der Studenten erfolgt durch wiederholte Prüfungen. Studenten machen Prüfungen, die nur zu weiteren Prüfungen führen. Wahrscheinlich übertragen deshalb Universitäten die Ungleichheit zwischen den Generationen: je besser die Ausgangsposition ist, desto bessere Ergebnisse wird man bei den weiteren Prüfungen haben.

Die gesellschaftlichen Folgen der Selektion liegen im Arbeitsmarkt und besonders bei den "guten Jobs" auf der Hand. Universitäten als Institutionen sind sich dessen zunehmend bewußt und werden zunehmend in die Auswahl der Angestellten integriert. Früher sah der Arbeitgeber den Studenten nach dem Universitätsabschluß zum ersten Mal und las sein Diplom. Jetzt bewerten die Arbeitgeber den ganzen Weg der Studenten durch die Universität, und die Universitäten passen sich daran an.

Die zweite wichtige Funktion der Universität ist ihre Funktion als "Haus der Intellektuellen". Was treiben all diese Leute? Warum schreibt jemand in den Zeitungen, daß die NATO die Büchereien in Banja Luka schützen sollte, warum verfaßt jemand Deklarationen der europäischen Identität oder berichtet über die "globale Herausforderung"? Die Antwort ist normalerweise, daß sie in einer Universität oder einer mit ihr verwandten Institution arbeiten. Leider sind sie noch immer Intellektuelle in Europa, im schlechtesten Sinne dieses Wortes. Universitäten bezahlen sie. Die Universität dient als Reservearbeitgeber für die Mitglieder Elite, die nicht direkt an der Regierung beteiligt sind. Die Universität ist der traditionelle Arbeitgeber für Exminister, Expolitiker und Exdiplomaten. Das weitet sich zunehmend auch auf die Wirtschaft aus: Manager, Politiker und Professoren tauschen ihre Positionen, zumindest in den wichtigen Disziplinen.

Die dritte wichtige Funktion ist Forschung, die stets auf der strengen Unterscheidung zwischen akademischer und nicht-akademischer Forschung beruht. Hier ist die Selektion der Ideen am stärksten. Wenn jemand nicht anerkannt wird, findet keine Forschung statt. Das ist jedoch das allgemeine Problem der geschlossenen Wissenschaft, und die Universität ist lediglich der Ort, an dem dies geschieht.

Schließlich vermitteln die Universitäten Wissen oder zumindest Information. Das aber ist nicht die Arbeit der Universitätslehrer, wie jeder Student weiß. Für einen Studenten ist eine Universität in Wirklichkeit die Universitätsbibliothek. In vielen Ländern treffen die Studenten vor ihrer Abschlußprüfung nicht einmal "den Professor". Das läßt die Frage entstehen, ob dann, wenn eine Universität zerstört würde, aber die Bibliothek unversehrt bliebe, die Vermittlung von Informationen an die Studenten wirklich beeinträchtigt sein würde. Wahrscheinlich nicht.

Innerhalb der Universitäten

Das ist die Funktion der Universitäten, aber was geschieht innerhalb der Institution? Die Universität geht davon aus, daß manche Menschen und Ideen nicht "wertvoll" sind. Deswegen ist sie eine sehr negative Institution. Universitäten diskriminieren vom Beginn bis zum Ende auf konsistente Weise in verschiedenen Kulturen und unterschiedlichen Ländern. Der Zugang zu den Universitäten und der Erfolg ist für die Benachteiligten schwieriger: für ethnische Minderheiten, arme Menschen, Kinder von armen Menschen, Kinder von Arbeitern, Arbeitslose, Behinderte und, fast überall in Europa, Frauen. Man sagt ihnen, sie seien "unbegabt" und besäßen nicht den "akademischen Standard" - falls man ihnen dies nicht schon in der Schule sagt.

Ungleichheit ist das Wesen der Universität. Mit der Ethik einer Universität ist Egalitarismus nicht kompatibel. Jede Schicht, die in Europa benachteiligt wurde, wurde auch von den Universitäten so behandelt. Und das wird nicht besser. In Holland stammen 80 Prozent der Studenten aus den 20 Prozent der Familien mit den höchsten Einkommen. 99 Prozent der Kinder aus der untersten sozialen Schicht gelangen nicht einmal bis zur Aufnahmeprüfung einer Universität. Welche Ungleichheiten es in der Gesellschaft auch immer gibt, so werden die Universitäten sie trotz einer Regierungspolitik weiter vertiefen, die seit 50 Jahren den Zugang zu erleichtern versuchte.

Umgekehrt trifft dies auch zu. Universitäten züchten eine elitäre Einstellung heran, weil sie für die Elite sind. Europäische Universitäten sind der traditionelle Ort für elitäre Verbindungen junger Menschen. Die traditionellen Studentenclubs - die Burschenschaften - werden durch neue Äquivalente ersetzt. Sie sind international ausgerichtet und haben neutrale Namen wie beispielsweise "ERASMUS student network", aber noch immer werden mindestens 95 Prozent der Menschen dieser Welt nicht angehören. Die meisten Menschen kennen noch nicht einmal diese Verbindungen oder ihre Bedeutung für den Zugang zu sozialen Eliten.

Ein Beispiel für diese verborgene Welt sind die neuen "Begabtenstipendien" in Holland. Der "Rector Magnificus" der Universität von Amsterdam hat die 36 besten Studenten der holländischen Universitäten ausgesucht. Eine Studentin aus Amsterdam, Marcia Valkenhof, gab der Universitätszeitung ein Interview. Sie will ihr Stipendium zum Besuch der elitären Europauniversität in Belgien verwenden und über die Außenpolitik der EU promovieren. Zuvor war sie durch ein Austauschprogramm in San Francisco und besuchte eine Sommerschule über Friedensforschung in Norwegen. Dann hatte sie für die Atlantische Kommission in Den Haag und darauf bei der Delegation der EU bei der UN gearbeitet. Menschen wie sie haben im Alter von 25 Jahren eine Welt betreten, die für normale Menschen völlig verschlossen ist. Die Universität ist die Tür für diese Welt, aber nur für wenige.

Universitäten sind nicht nur elitär, die Elite selektiert sich auch selbst. Es gibt ein traditionelles Privileg der Universitäten, das auch ein Erbe des Mittelalters ist. Die "akademische Freiheit" scheint notwendig zu sein, aber in der Praxis ist sie eine Lizenz zur Diskriminierung. Universitäten benutzen die akademische Freiheit, um die Kontrolle von außen auszuschließen, besonders was die Auswahl der Angestellten betrifft. Ein elitärer Club, der sich selbst selektiert, ist eine Gefahr, wenn er die Macht besitzt, andere gegen ihren Willen auszuschließen. Das ist fast schon eine Garantie für den Mißbrauch. Die 68er Studenten veränderten diese Situation nicht, sie übergaben die Macht höchstens von den Professoren zu den Kindern von Professoren.

Im Wesen einer Universität liegt es, daß sich all diese Auswirkungen verstärken. Weil die Grundlage der Universitäten die Selektion durch Konkurrenz und ein Kult der "höchsten Standards" ist, neigen die Normen dazu, sich zu verstärken. Universitäten stehen in Konkurrenz miteinander, woraus eine Hierarchie entsteht. Ganz an der Spitze befinden sich die Eliteuniversitäten der Welt und die internationalen Schulen für die Postgraduierten. Es gibt eine Hierarchie der akademischen Zeitschriften, der Fachbereiche von Fakultäten und der Fakultäten jeder Universität. Der allgemeine Trend geht stets zu einer stärkeren Selektion.

Auf diese Weise verstärken sich die sozialen Folgen der Universitäten. Geht man von der europäischen Demographie aus, dann schrumpft die Menge möglicher Studenten. Anstatt diese Entwicklung zu benutzen, um die Universitäten zu öffnen, stabilisieren sich allgemein die Studentenzahlen und wählen die Universitäten am Beginn des Studiums stärker aus. Für die benachteiligten Gruppen bedeutet das einen "rasenden Stillstand".

Die Folgen

Universitäten sind ein Fluch für Europa. Universitäten sind das größte Hindernis für soziale Mobilität. Diese bedeutet normalerweise Mobilität zwischen Generationen, d.h. sie ist ein Hinweis darauf, wie unbeweglich europäische Gesellschaften sind. Wenn die Kinder der Arbeitslosen auf die Universität gehen können, nennt man das "soziale Mobilität". Offensichtlich ist in Europa jede Hoffnung verschwunden, daß die Arbeitslosen selbst in die Universität kommen können. Und selbst diese beschränkte "soziale Mobilität" ist eine Illusion. Von allen Bestandteilen des modernen Ausbildungssystems begrenzen die Universitäten die Mobilität am meisten. Die Folge ist Stagnation.

Universitäten verstärken die schlimmsten Aspekte der Eliten: die Selbstbefriedigung, die Selektion durch sich selbst, die Überschätzung ihres eigenen Wertes. In Europa stellen sie das primäre Hindernis für den Zugang zur Elite dar, weil die universitäre Ausbildung die Mindestvoraussetzung ist. Universitäten sind für die de facto politische Hierarchie entscheidend. Ein Universitätsabschluß garantiert nicht politische Macht, aber wenn man keinen Abschluß besitzt, hat man garantiert keine Macht. Für alle Mißstände der europäischen Eliten sind die Universitäten besonders verantwortlich.

Für die meisten Angehörigen der Elite hat die Universität ihre Einstellung zur Gesellschaft bestimmt. Universitäten sind schlecht für Studenten, selbst für diejenigen, die Erfolg haben. Studenten lernen, Konformität als "Erfolg" zu betrachten und in Konformität kreativ zu sein. Die Universität ist immer mehr ein "Testzentrum" für künftige Arbeitnehmer und mit der psychologischen Abteilung vergleichbar, die Manager testen. Wenn die Studenten einer Reihe von Prüfungen unterzogen werden, um ihr Leben zu bestimmen, werden sie beginnen, ihr Leben auf diese Weise zu betrachten. Studenten betrachten ihr Leben als ein Curriculum Vitae, als eine geordnete Folge von Tests und Erfolgen. Dieser "CV-ismus" ist prinzipiell mit Moral nicht kompatibel. Für Europa ist es nicht gut, von Menschen geführt zu werden, die Europa als "Karrieremöglichkeit" sehen. (Man spreche nur einmal mit Studenten eines internationalen Kurses für "europäische Integration" und man wird sehen, daß das nicht übertrieben ist: für sie bedeutet Europa "Karriere".)

Universitäten haben einen weiteren Defekt dieser Elite geschaffen: ihren Sprachgebrauch. Sie haben Englisch zur Kontaktsprache der Eliten in Europa gemacht. Die internationale Universitätsausbildung wird zu einem englischsprachigen Monopol, was wiederum Englisch zu einer Selektionsinstanz werden läßt. Welche Sprache auch immer die offizielle Sprache der Universität ist, so müssen Studenten, wenn sie zur internationalen Elite der Studenten gehören wollen, Englisch sprechen, besonders wenn man für die EU arbeiten will. Universitäten und nicht MTV sind dafür verantwortlich, wenn Englisch zur europäischen Amtssprache werden wird.

Nach der Universität

Welche Reformen notwendig wären, läßt sich leicht sehen. Man muß lediglich die angeführten Eigenschaften in ihr Gegenteil verkehren: keine Ideologie des Wissens im Ausbildungssystem, keine Wissensgesellschaft, die Beendigung der gesellschaftlichen Wertschätzung von Gelehrten, die Trennung des Ausbildungssystems vom Selektionssystem. Wenn Arbeitgeber ein Prüfungssystem wollen, dann laßt sie selbst dafür zahlen.

Eine Beendigung der Selektion würde wahrscheinlich zum Aufhören der Institution "Universität" führen. Ein unbegrenzter Zugang würde ihren elitären Charakter zerstören. Dieser Charakter ist so spezifisch und traditionell, daß jede große Reform tatsächlich ihr Ende bedeuten würde. Ein Gebäude, in dem jeder einen Abschluß für 100 Euros wie ein Bahnfahrkarte kaufen könnte, ist keine Universität mehr. Wäre das falsch? Eisenbahngesellschaften selektierten niemals Menschen danach, ob sie "beförderungswert" sind. Die Welt überlebte das. Europa kann auch ohne Universitäten überleben. Wer Wissen erwerben will, für den können die Bibliotheken offen bleiben.

Universitäten sollten einem Gut und nicht dem Wissen dienen. Die Abschaffung der Universitäten ist Bestandteil eines Kontextes, d.h. der Beendigung der Unterscheidung zwischen dem Wissen auf der einen Seite und der Kreativität, dem Design und der Innovation auf der anderen. Das aber sind zweifellos ethische Entscheidungen. Manche Menschen sehen einen Wert im Wissen, und das ist, wie gesagt, für viele in Europa ein religiöser Glaube. Viele Menschen wollen aus moralischen Gründen das existierende System und sehen keinen Wert in Kreativität, Design oder Innovation.

Das ist, noch einmal gesagt, ein Kampf zwischen verschiedenen Visionen über die Zukunft Europas. Man muß sich zwischen Europa mit und ohne Universitäten entscheiden. Das Europa mit Universitäten ist das bestehende Europa. Ein Europa ohne Universitäten wäre eine Innovation. Zweifellos werden die Universitäten behaupten, das sei ein Rückfall in die Barbarei. Aber die Wahrheit ist, daß die Verteidiger der Universität 800 Jahre der Tradition, des Vorurteils, des Snobismus, des Rassismus und der Elite verteidigen und die Unausgebildeten, die Armen und die Frauen verdammen. Sie verteidigen eine Institution des Mittelalters im schlechtesten Sinne. Kein guter Mensch sollte Universitäten verteidigen. Europa würde ohne sie besser sein.

Die Sprachen der Universitäten
Werde ich einen Universitätsabschluß erhalten? - ein Test für Studienanfänger in englischer Sprache.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2175/1.html
Kommentare lesen (1 Beiträge)
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