Vom Risiko, aus der Haut zu fahren

17.09.1997

Warum Dermatologie noch nicht Anthropologie ist

Der Wunsch verbreitet sich, die Hülle des Menschlichen hinter sich zu lassen, in die Evolution einzugreifen oder zum Cyborg zu werden. Aber es gibt Probleme mit der möglichen Metamorphose.

Gelegentlich hat man Lust, aus der Haut zu fahren. Zum Beispiel, wenn man fernsieht und liest, was im befreiten Mittel- und Osteuropa vor sich geht. Dort ist ein Versuch, den Menschen zu ändern, kläglich gescheitert, und der alte Mittel- und Osteuropäer ist dort auferstanden. Aber bei uns Wirbeltieren ist das Aus-der-Haut-Fahren-Wollen kein gutes Programm, falls eine Veränderung, eine Metamorphose damit gemeint ist.

Selbst wenn wir aus der Haut fahren könnten, wir hätten nicht viel mehr erreicht als der gescheiterte Kommunismus. Wir würden nach der Häutung in alter Form wieder auferstehen. Das sieht man zum Beispiel an Schlangen (soweit bei ihnen von Stehen, Erstehen und Auferstehen die Rede sein kann). Wir müßten schon eher so vorgehen wie Herr Samsa bei Kafka. Wir müßten versuchen, Kerbtiere zu werden. Das sind Tiere, die einer tatsächlichen Metamorphose fähig sind, die tatsächlich aus der Haut fahren, um anders zu werden. Aber auch das hat Probleme (nicht nur der Kommunismus), und diese Probleme wollen bedacht sein.

Die alte Ameise

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In vieler Hinsicht sind Insekten, insbesondere Hautflügler, ein Höhepunkt der Lebensentwicklung. Es ist noch keineswegs ausgemacht, wer: ob Ameisen oder wir, den Sieg im Kampf um das Festland davonträgt. Falls man den Ameisenhaufen (oder den Bienenstock) als Organismus und nicht als Gesellschaft ansieht, dann hat er eine mit unserem Körper vergleichbare Größe und eine unsere eigene übertreffende Gehirnmasse. Ameisen besitzen Organe (zum Beispiel Antennen), die auf eine Empfindlichkeit schließen lassen, vor der wir nur neidisch erblassen können, und sie verfügen über Codes (zum Beispiel über mit Speichel gesättigte Brösel), die für uns unfaßbare Informationen übertragen. Vor allem aber ist ihr Panzer ein unserer eigenen Haut weit überlegenes Werkzeug. Sein Material, Chitin, schützt und stützt den Körper und ist zugleich den Einflüssen der Umwelt offen.

Es wäre jedoch voreilig, unseren Humanismus einem Hymenopterismus zu opfern, um im Sinn Darwins fortschrittlich zu bleiben. Hymenoptera wie Ameisen fahren aus ihrer Panzerhaut, nicht nur, um sich zu ändern, sondern auch, um überhaupt wachsen zu können. Im Zwischenstadium sind sie eine etwas unförmige schleimige Masse. Würden sie unsere Körpergröße erreichen wollen, dann würden sie in den Zwischenstadien von der Schwerkraft plattgedrückt werden. Sie sind vom Chitin her verurteilt, im Vergleich zu uns winzig zu bleiben und sich mit einem absolut kleinen, wenn auch relativ großen Gehirn zu begnügen.

Angenommen, es gelänge uns (zum Beispiel dank gezielter genetischer Operationen), unsere eigene Haut durch Chitinpanzer zu ersetzen. Primitive Ansätze in dieser Richtung sind nicht nur Taucher- und Astronautenkleidung, sondern sie können auch auf Motorrädern beobachtet werden. Das würde nicht nur das Skelett überflüssig machen (vor allem das nicht mehr funktionelle Rückgrat), sondern es würde Metamorphosen (neue Formen des Daseins) mittels Panzerwechsel gestatten. Die Frage ist und bleibt: Was ist zu tun, um in den Zwischenstadien das Plattdrücken der rückgratlosen Masse durch die Gravitation zu vermeiden? Es gibt Strategien, zum Beispiel das Verpuppen oder das Hinausschießen in den schwerelosen Raum, und ihnen ist nachzugehen. Aber selbst dann sind noch nicht alle dermatologischen Probleme behoben.

Eine Gentechnik, die uns vom Skelett befreit, uns Chitinpanzer liefert und uns trotzdem gestattet, problemlos zu wachsen und dabei immer wieder die Form zu verändern, wäre noch immer nicht die Antwort auf unseren Wunsch, beim Fernsehen aus der Haut zu fahren. Um dies zu können, müßte die Gentechnik auch das Design all jener Formen liefern, die wir nach jeder Häutung einnehmen können. Es hat ja nicht viel Sinn, aus der Haut zu fahren, um die gegenwärtige Daseinsform abzustreifen, ohne zu wissen (oder zumindest zu futurisieren), welche alternativen Formen zur Verfügung stehen.

Man hat es aus verständlichen Gründen satt, nach all dem im zwanzigsten Jahrhundert Geschehenen als Mensch herumzulaufen, und will sich ändern. Es ist nur allzu verständlich, daß einem nicht wohl in der eigenen Haut ist. Aber, nach Abstreifen dieser Haut, als nunmehr rückgratlose, amorphe, schleimige Masse, in welche Form soll man sich krümmen? Was soll aus einem werden, der keine Lust mehr hat, angesichts der jüngsten Vergangenheit Mensch zu bleiben? Vielleicht ist die Gentechnik, und die Technik überhaupt, nicht kompetent für eine Antwort auf solche Fragen.

Die Inkompetenz ist vielleicht für das klägliche Scheitern des Kommunismus (dieser eigenartigen Gentechnik) verantwortlich zu machen. Es ist vielleicht technisch nicht machbar, Alternativen zum Menschsein zu entwerfen. Die gegenwärtige Gentechnik würde, nach Abstreifen der Haut zugunsten Chitinpanzer, eine ameisenförmige Alternative ausarbeiten können. Also eine ziemlich perfekte Gesellschaft mit kollektivem Eierstock und genetisch programmierter Arbeitsteilung. Keine begeisternde Alternative nach Auschwitz. Und die sich im Grunde von der eben gescheiterten kommunistischen Variante nur durch ihre Verankerung im Biologischen statt im Ökonomischen unterscheidet. So also ist nicht aus der Haut zu fahren. Und doch ist das Bedenken der Dermatologie von einigem Nutzen.

Der neue Mensch

Die eben in Mittel- und Osteuropa gescheiterte Utopie war der Ansicht, daß sich der Mensch selbst verändert. Daß er, wenn er die Natur humanisiert, sich selbst naturalisiert, und daß dadurch ein neuer Mensch herauskommt. Die auf Gentechnik beruhende Dermatologie scheint sagen zu wollen, daß es beim Wunsch, sich selbst zu verändern, unnötig ist, den langen Umweg über die Weltveränderung einzuschlagen.

Eine besserer Strategie ist, die Hand an die eigene Haut anzulegen und alle Weltveränderungen (falls noch erwünscht) Automaten zu überlassen. Wenn ich einen neuen Menschen will, dann ist es ein Unsinn, zu diesem Zweck etwa an der Welt und an der Gesellschaft zu arbeiten, sondern es ist geboten, unmittelbar am Menschen selbst (etwa an seinem Erbgut) Veränderungen vorzunehmen. Nur das ist ein tatsächliches Befreien von der Bedingung der Umwelt. Nur leider: Die gentechnisch verankerte Dermatologie kann uns kein neues Menschenbild liefern.

Das Bedenken der Dermatologie ist von einigem Nutzen, und sei es nur, um zu zeigen, daß keine Dermatologie für eine Anthropologie ausreicht. Es genügt nicht, aus der Haut zu fahren, um sich zu ändern.

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