Lust nach Laune und Leben ohne Ende

Max More, Vordenker der Extropianer, organisiert die Konferenzen der Extropianer. Und zweifellos ist es ihm auch mit Extro 3 gelungen, eine illustre Schar von Referenten zu gewinnen, die optimistisch und ohne Ressentiment in die Zukunft blicken. Um die futuristischen Themen der Extropianer ging es auch auf dieser Tagung: Die Integration des Menschen in die wuchernde Technosphäre und die Integration der neuen Technik in den menschlichen Körper, Computer-Mensch-Interfaces, Softwear und Cyborgisierung, die Manipulation des Erbgutes, der Kampf gegen Altern und Tod, Privatisierung der Weltraumfahrt und Nanotechnologie, die Eroberung des Cyberspace und Globalisierung, die Auflösung der Nationalstaaten und die Überantwortung weiter sozialer Bereiche, die diese Staatsapparate monopolisiert hatten, an den freien Markt. Gundolf S. Freyermuth hat die Konferenz der Zukunftsoptimisten besucht, Thesen, Wünsche und Diskussionen festgehalten, mit den Referenten gesprochen und ihre Vorträge zusammengefaßt.

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Texte von und über Extropianer in Telepolis:
Gundolf Freyermuth: Die Avantgarde der Evolution
Gundolf Freyermuth: Wir sind alle Cyborgs
Christoph Drösser: Unsterblichkeit im Hier und Jetzt
Max More: Vom biologischen Menschen zum posthumanen Wesen
Hans Moravec: Die Evolution des postbiologischen Lebens
Alexander Chislenko: Vernetzung im Zeitalter des Geistes

I. Stimmung und Stimmen der Zukunftstagung
II. Evolutionäre Auf- und Nachrüstung
III. Upgrade der menschlichen Sexualität
IV. Unsterblichkeit und Kryonik
V. Steuerung der Evolution
VI. Menschen, Infomorphs und Cyborgs
VII. Eine neue Aufklärung

I. Stimmung und Stimmen der Zukunftstagung

Rausch und Remmidemmi? So soll es einmal zugegangen sein, wenn Eliten sich versammelten, um die Welt ein Stück weit in die Zukunft zu schubsen. In Metternichs Wien und im Paris des zweiten Napoleons, so heißt es, soll der eine oder andere Kongreß wilde Walzer getanzt und in plüschigen Hotels und Hurenhäusern sinnenbetörende Orgien gefeiert haben. Doch damit ist es schon ein Weilchen vorbei. Von chauvinistischer Frauenverachtung zu einer Nüchternheit, die kein Geschlecht mehr kennt; von der Vergeudung wertvoller Lebenszeit zu einer Rationalität, die noch vor den lustfeindlichen Augen der Steuerprüfer Bestand hat - welch schöner Fortschritt!

Das wohl dürften die meisten denken, die sich heute zu einem Kongreß aufmachen und in kühlen, vollklimatisierten und videoüberwachten Hallen für ihre Registrierung, die laminierte Namensplakette und den unvermeidlichen Wust Gedrucktes anstehen - egal, ob der Bildungstreff nun vom BSE, dem Bund sorgenfreier Esser, veranstaltet wird oder von den Extropianern, der selbsternannten "Speerspitze der Transhumanistischen Bewegung".

Publikum Foto: Russel Whitaker

Letztere haben für ihre Jahresversammlung 1997 San Jose gewählt, das heiße Herz von Silicon Valley; und dortselbst ein Durchschnitts-Flughafenhotel. Sein Betonklotz liegt an einer Straße, die Technology heißt, vor seinen getönten Glasfronten fällt die Sonne wie Feuer über die kahlen kalifornischen Hügel, und auf dem meeresrauschenden Freeway an der Rückfront rasen die Pendler, verwirrten Zugvögeln gleich, rund um die Uhr in beide Fahrtrichtungen.

Ich klinge hier nicht so verrückt wie im Rest der Welt

Drinnen, unter tageszeitlosem Kunstlicht, kämpfen derweil "diese verrückten Unsterblichen" (O-Ton Hotelrezeption) mit den üblichen, wenig phantasmatischen Widrigkeiten: verschlampte Anmeldungen; ohrenbetäubendes Höllengedudel aus dem Nebenraum, in der zwei iranische Clans ihre bzw. die Vereinigung ihrer Sprößlinge feiern; Saalwechsel im letzten Augenblick, weil eine Spielzeugmesse doch mehr Interessenten anzulocken vermochte als futuristische Hoffnungen auf eine Designer-Menschheit und ihre unerhörte Zukunft.

Doch dann kann es losgehen. Extropianer-Häuptling Max More steht rotblondgezopft und in einen weißen Anzug gehüllt, der nur notdürftig die bodygebuildeten Schwellungen seines Körpers verbirgt, vor dem provisorischen Bücherstand am Eingang zum Tagungssaal. "Wir bringen hier erstklassige Wissenschaftler und Theoretiker zusammen", sagt der promovierte Philosoph und Propagandist einer Neuen Aufklärung. "Die Teilnehmer kommen aus aller Welt, aus Schweden und Australien, aus Deutschland und Großbritannien." Max hat die extropianische Bewegung vor bald zehn Jahren ins Leben gerufen; er leitet das Extropy-Institute im südkalifornischen Marina del Rey, er ist Chefredakteur des Extropy-Magazins, er hat das Grundgesetz der Bewegung verfaßt, die extropianischen Prinzipien, er organisiert die Konferenzen der Extropianer. Und zweifellos ist es ihm auch diesmal gelungen, eine illustre Schar von Referenten zu gewinnen.

Da ist Kevin Kelly, Autor von Out of Control: The Rise of Neo-Biological Civilization und Chefredakteur von Wired, dem selbsternannten und ungemein erfolgreichen Zentralorgan der digitalen Revolution. Da ist Eric Drexler vom Institute for Molecular Manufacturing, Verfasser der Nanotechnologie-Bibel Engines of Creation und jüngst von Newsweek zu einem der 200 einflußreichsten Zukunftsmänner gekürt, die unser Leben nach dem Jahre 2000 bestimmen werden.

Da ist Ralph Merkle, Mit-Erfinder der Public-Key-Kryptographie und Nanologe am legendären Xerox Parc in Palo Alto, aus dem einst das graphische Interface, die Computermaus und der Laserwriter über die Welt kamen.

Und da ist Marvin Minsky. Der "Vater der künstlichen Intelligenz" ist gleich doppelter Lehrstuhl-Inhaber: Professor für Informatik und Elektrotechnik sowie für Medienwissenschaft am Media Lab des MIT. Bereits in den fünfziger Jahren konstruierte er die ersten lernfähigen neuronalen Netze und ebenso die erste mechanische Robot-Hand, die fühlen konnte, wonach sie griff. Minsky hält zahlreiche Patente für Erfindungen im Elektronikbereich, er ist der Verfasser bahnbrechender wissenschaftlicher und futuristischer Schriften, sein KI-Buch The Society of Mind gilt als Klassiker. Kurzum: Der Mann ist eine lebende Legende - und der bedeutendste Fürsprecher, den die Extropianer haben.

"Das ist ein Haufen extrem kluger und aufregender Leute", sagt der unkonventionelle Professor in der gesteppten, olivgrünen Survival-Weste. "Mit den meisten diskutiere ich seit Jahren im Internet. Wir haben nicht mehr viele intellektuelle Salons, so wie es sie früher gab. Die Extropianer sind die moderne Variante davon."

Und in der Tat unterscheidet sich die Extro 3 von der epidemischen, auf spesengefederte Selbst-Promotion versessenen Kongresserei in einem wesentlichen Punkt: Honorare werden den Vortragenden nicht gezahlt; die meisten tragen gar ihre eigenen Reisekosten. Die Experten und Wissenschaftler, allesamt bedeutende Protagonisten der digitalen Revolution, treffen sich hier eben nicht als kühlkalkulierende Profis, sondern als Gläubige, Idealisten im Wortsinne: Menschen, die einem Ideal nachstreben, einem Ziel, dem sie selbst näherkommen wollen.

"Es ist einfach schön, unter so vielen Leuten zu sein, die in dieselbe Richtung denken", sagt etwa Minsky-Schüler Alexander "Sasha" Chislenko, ein aus Rußland in die USA emigrierter Mathematiker und Informatiker, dessen futuristische Essays in der Extropianer-Szene zur Standardlektüre gehören. "Ich klinge hier nicht so verrückt wie im Rest der Welt."

Man ist zu 90 Prozent weiß, zu 80 Prozent männlich, und man gehört fast ausnahmslos der High-Tech-Intelligenz an

Gleich jedem Salon hat eben auch die Extro eine Doppelfunktion. Sie dient hochkarätigem intellektuellen Austausch, und sie dient ebenso der psychischen Selbstvergewisserung von Menschen, deren ungewöhnliche Ideen sie außerhalb dieses Salons zu isolierten Außenseitern machen. Was wie der übliche Kongreß aufgezogen ist, ähnelt daher eher einer Großfamilienfeier - oder, wie Wired News in der Ankündigung der Veranstaltung schrieb, einem Hootenanny (Cyborg Wannabes to Hold Hootenanny); halb Sängertreffen, halb Stammestamtam.

Mit knapp 300 Teilnehmern fällt es dieses Jahr erheblich größer als zuvor. Geblieben allerdings ist die soziale Zusammensetzung. Man ist zu 90 Prozent weiß, zu 80 Prozent männlich, und man gehört fast ausnahmslos der High-Tech-Intelligenz an - Programmierer, Webmaster, Systemadministratoren, aber auch Mathematiker, Physiker, Mediziner, Robotiker und ein Satellitentechniker der NASA. Verantwortlich für den Zuwachs an Fußvolk, den die Extropianer verzeichnen, sei vor allem zweierlei, meint Max More: die gesteigerte Verbreitung der extropianischen Ideen und ihre zunehmende Akzeptanz.

Während die gedruckte Vereins-Zeitschrift Extropy, die seit 1988 für das exklusive Sammelsurium futuristischer Ideen wirbt, bestenfalls 5000 Käufer findet, vorwiegend an Universitäten und in den kalifornischen High-Tech-Zentren, vervielfachte sich in den vergangenen zwei, drei Jahren die Zahl der Websurfer aus aller Welt, die sich bei den Extropianern über den Weg in die Übermenschlichkeit informieren. Neben der Website des Extropy Instituts existieren zudem zahlreiche "inoffizielle" Homepages: Sasha Chislenkos Seiten und die des Stockholmer Informatikers Anders Sandberg etwa, Natasha Vita Mores Transhumanist Art Center oder die verführerische Site der Ex-Apple-Programmierin Romana Machado. Sie wirkt auch als Model und bietet neben Traktaten zur transhumanistischen Selbsthilfe Pin-Ups und Akte, die den sichtbaren Beweis dafür liefern, wie die Enddreißigerin per extropischer Körper-Pflege Alter und Verfall in Schach hält.

Hat so einerseits die Cyberspace-Propaganda die Verbreitung der extropianischen Ideen gefördert - jedenfalls in den High-Tech-Subkulturen und in anderen, eher intellektuellen und politisch libertären Zirkeln -, so verdankt sich ihre zunehmende Akzeptanz dem simplen Umstand, daß das Sein nun mal das Bewußtsein bestimmt: So manche der extropianischen Hoffnungs-Techniken und sozialen Utopien, die noch vor einem Jahrzehnt, als Max More und seine Freunde die Bewegung ins Leben riefen, in den Ohren des Mediennormalverbrauchers wie pure Science Fiction klangen, albern, abstrus, irreal, dringen nun in den Alltag.

Die Integration des Menschen in die wuchernde Technosphäre und die Integration der neuen Technik in den menschlichen Körper, Computer-Mensch-Interfaces, Softwear und Cyborgisierung, die Manipulation des Erbgutes, der Kampf gegen Altern und Tod, Privatisierung der Weltraumfahrt und Nanotechnologie, die Eroberung des Cyberspace und Globalisierung, die Auflösung der Nationalstaaten und die Überantwortung weiter sozialer Bereiche, die diese Staatsapparate monopolisiert hatten, an den freien Markt - das alles waren vor wenigen Jahren noch Themen, mit denen die libertäre High-Tech-Avantgarde bei der Mehrheit der Menschen Unverständnis und Kopfschütteln auslöste. Heute hingegen gehört dergleichen zu den halbverstandenen Schlagworten, die durch die Talkshows und Leitartikel geistern.

Das extropianische Denken selbst ist damit natürlich nicht viel populärer geworden. Erklärungsbedürftig ist schon das Kunstwort Extropie, gebildet als Gegenbegriff zu Entropie, dem Verlust der Energiedifferenzen und dem damit einhergehenden Zerfall an Ordnung. Und weitgehend unbekannt blieben auch zentrale Ideen des extropianischen High-Tech-Zukunftssammelsuriums wie selbstreplizierende Nanomaschinen, Uploading oder das Erreichen der Singularität.

II. Evolutionäre Auf- und Nachrüstung

Von alledem, vom High-Tech-Optimismus und der evolutionären Aufrüstung, von der Überwindung des gegenwärtigen Menschseins, vom Trans- und Posthumanismus, wird während der zweitägigen Extro die Rede sein, versichert Max More in seiner kurzen Begrüßungsansprache.

Gregory Stock, Foto: Russel Whitaker

Für einen gelungenen Auftakt sorgt dann Gregory Stock mit einem Vortrag über die bevorstehende Umprogrammierung des genetischen Codes. Die Menschheit, behauptet der Biophysiker und Evolutionsexperte mit kaum unterdrückter Begeisterung, werde es als einheitliche Spezies bald nicht mehr geben. Die Zukunft gehöre schlicht denen unter uns, die das bessere Programm haben. Und zwar nicht in der Glotze, sondern in den Genen; nicht im Computer, sondern in den Chromosomen.

Umweg über Gregory Stocks Vortrag: Umprogrammierung des Menschen

Umweg über Max Mores Vortrag: Das verbesserte Tier

Max More, Foto: Russel Whitaker

Max More, der als nächster vors erwartungsvolle Publikum tritt, beschäftigt sich mit unser aller Verwandlung in "mind morphs", mit der technischen Verfeinerung menschlicher Emotionen, der High-Tech-Modulation von Charakter und Persönlichkeit und den Identitätsproblemen, die sich damit stellen.

"Das Schöne an der Posthumanität wird sein", sagt er, "daß wir frei wählen können, wer und wie wir sein wollen. Wir werden nicht nur unsere Körper verbessern, wir werden auch die Art unserer Gefühle steuern und einzelne Charakterzüge unserer Persönlichkeit nach Lust und Laune ändern können."

Wie lange aber bleibt, wer sich so aufrüstet und umprogrammiert, noch er-sie-es selbst?

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