Die Wirklichkeit ist eine gemeinsame Halluzination

04.12.1997

Geschichte des globalen Gehirns VIII

Die künstliche Konstruktion der Wirklichkeit sollte eine Schlüsselrolle für die neue Form der globalen Intelligenz spielen, die bald bei den Menschen zur Geltung kommen wird. Wenn die "Psyche" des Gruppengehirns ein Strand mit sich verändernden Dünen und Mulden wäre, würde die individuelle Wahrnehmung einem Sandkorn dieses Strandes gleichen. Aber dieses Bild enthält einen verborgenen Haken: es gibt keine reine individuelle Wahrnehmung.

Sara Rogenhofer

Biologie, Evolution und das globale Gehirn - I
Bakterienkolonien und kollektives Gehirn - II
Vernetzung im "finsteren Mittelalter" der Paläontologie - III
Das embryonale Mem - IV
Von sozialen Synapsen zu sozialen Nervensträngen: Komplexe, adaptive Systeme im Jurassic-Zeitalter - V
Die Säugetiere und der Fortschritt des Geistes - VI
Werkzeuge der Wahrnehmung - Die Konstruktion der Wirklichkeit VII

Eine zentrale Regel bei großen Organisationen lautet: Je größer die Leistung eines riesigen Unternehmen ist, desto mehr interne Kommunikation ist nötig, um die Zusammenarbeit seiner Teile zu gewährleisten. Bei allen Pflanzen und Tieren, sieht man von den einfachsten ab, sind beispielsweise nur 5 Prozent der DNS für deren "eigentliche Aufgabe", die Herstellung von Proteinen, zuständig. Die restlichen 95 Prozent sind mit Organisation und Verwaltung, mit der Kontrolle zur Aufrechterhaltung der Körperprozesse oder sogar nur mit der Interpretation des gemeinsamen Regelbuches beschäftigt, das in Form von Gensträngen "gedruckt" ist.

Bei einer leistungsstarken Lernmaschine überwiegen die Verbindungen zwischen den inneren Teilen bei weitem die Fenster zur äußeren Welt. Bei der Großhirnrinde sind etwa 80 Prozent der Nerven untereinander vernetzt und nicht mit dem sensorischen Input der Augen oder Ohren. Es ist daher nicht erstaunlich, wenn die Individuen in der menschlichen Gesellschaft die meiste Zeit nicht damit verbringen, Pflanzen und Tiere zu untersuchen, die als Nahrung dienen könnten, sondern miteinander zu kommunizieren. Diese Verkabelung zur "Aufrechterhaltung der Bürokratie" hat einen viel größeren Einfluß darauf, was wir "sehen" und "hören", als die meisten Psychologen glauben. Sie liefert uns den Konformitätsverstärkern aus, deren Macht und Subtilität fast über unsere Vorstellungskraft hinausgehen.

Im vorhergenden Kapitel erwähnten wir, daß das emotionale Zentrum des Gehirns, das limbische System, bestimmt, welche Erfahrungen uns "auffallen" und im Gedächtnis abgespeichert werden. Das Gedächtnis ist der Kern dessen, was wir Wirklichkeit nennen. Denken Sie darüber eine Sekunde nach. Was hören und sehen wir wirklich jetzt gerade? Diesen Artikel. Die Wände und die Möbel des Raumes, in dem Sie sitzen. Vielleicht Musik oder irgendwelche Hintergrundgeräusche. Aber sie wissen genauso sicher, wie daß Sie geboren wurden, daß es eine größere Welt außerhalb des Zimmers gibt. Sie sind sich sicher, daß Ihr Zuhause immer noch da ist, wenn sie sich irgendwo anders aufhalten. Sie können sich jeden Raum vorstellen und sich daran erinnern, wo sich die meisten Gegenstände von Ihnen befinden. Sie kennen das Gebäude, in dem Sie arbeiten, seine Farben, sein Aussehen und seine Atmosphäre. Dann gibt es die Menschen, die Ihr Leben bereichern - die Familie, die Arbeitskollegen, Nachbarn, Freunde und sogar Menschen, die Sie gerne haben, aber mit denen Sie sich seit einem Jahr oder länger nicht mehr unterhalten haben. Höchstens ein paar dieser Menschen befinden sich jetzt in dem Zimmer mit Ihnen. Sie wissen auch, daß wir auf einem Planeten leben, der Erde heißt, um einen glühenden Sonnenball kreist und sich in einer vielen Galaxien befindet. Wo sind in diesem Augenblick, in dem Sie das lesen, all diese Wirklichkeiten? In Ihrem Geist. Das Gedächtnis ist in einem sehr wirklichen Sinn die Wirklichkeit. Was das limbische System zu sehen und zu abzuspeichern entscheidet, wird zu einem inneren Universum, das vorgibt, sich so weit zu erstrecken, daß es die Grenzen der Unendlichkeit berührt.

Das limbische System ist mehr als ein emotionaler Filter, der das Wichtige vom Beziehungslosen trennt. Es ist ein aufmerksamer Beobachter der anderen , indem es seine sozialen Fixierungen zur Neuausrichtung der Wahrnehmungen und Erinnerungen verwendet. Kurz, das limbische System macht jeden von uns zum eingebauten Bestandteil der Menge. Elizabeth Loftus

die weltweit zur Spitze der Gedächtnisforschung gehört, ist eine der wenigen, die wissen, wie stark die Gruppe das bestimmt, was wir von uns denken. In den späten 70er Jahren führte sie eine Reihe von entscheidenden Experimenten durch. Bei einem typischen Beispiel zeigte sie Collegestudenten einen Film über einen Verkehrsunfall und frage nach dem Film: "Wie schnell fuhr der weiße Sportwagen, als er auf der Landstraße an der Scheune vorbeifuhr?" Einige Tage später, als die Betrachter des Films darüber befragt wurden, was sie gesehen hatten, waren sich 17 Prozent sicher, eine Scheune gesehen zu haben, obwohl in dem Film überhaupt keine Gebäude vorkamen. In einem ähnlichen Experiment wurde Versuchspersonen ein Zusammenstoß zwischen einem Fahrrad und einem Auto gezeigt, das von einer brunetten Frau gefahren wurde. Später wurden ihnen Fragen über die "Blonde" am Steuer gestellt. Sie erinnerten sich nicht nur lebhaft an die nicht existierende Blonde, sondern konnten es kaum fassen, als ihnen die Sequenz ein zweites Mal gezeigt wurde, daß dies derselbe Unfall war, an den sie jetzt so bildlich erinnert wurden. Eine Versuchsperson sagte: "Es ist wirklich merkwürdig, weil ich noch immer das Gesicht des blonden Mädchens vor Augen habe, und das paßt nicht zu ihr (er zeigt auf die Frau auf dem Video) ... Es war wirklich komisch." Loftus kam zum Ergebnis, daß beim visuellen Gedächtnis Hinweise, die uns von Mitmenschen gegeben wurde, wichtiger als die Szene sind, deren Einzelheiten wir wirklich vor unseren Augen haben.

Obwohl diese Forschungsrichtung vor den Diskussionen über "wiedererweckte" Erinnerungen an sexuellen Mißbrauch zu Beginn der 90er Jahre nur eine geringe öffentliche Aufmerksamkeit erhielt, wurde sie mindestens bereits vor zwei Generationen aufgenommen. 1956 veröffentlichte Solomon Ash eine klassische Reihe von Experimenten, bei denen er und seine Kollegen Studentengruppen Karten mit Linien unterschiedlicher Länge zeigten. Zwei Linien waren genau gleich lang und zwei ganz deutlich nicht. Die Abweichungen hoben sich ähnlich deutlich heraus wie Basketballspieler in einer Versammlung von Kleinwüchsigen. Bei einem typischen Experiment baten die Wissenschaftler neun Freiwillige zu behaupten, daß zwei äußerst ungleiche Linien in Wirklichkeit genauso lang und die gleich langen völlig verschieden seien. Dann kam der bösartige Teil des Experiments. Die Wissenschaftler führten einen unwissenden Studenten in den Raum mit den Eingeweihten und taten so, als ob die bereits Anwesenden genauso wenig von dem wußten, was jetzt geschehen sollte, wie er selbst. Dann reichte eine Psychologie mit einem weißen Kittel die Karten herum. Er bat die eingewiesenen Unschuldslämmer einen nach dem anderen, laut zu sagen, wie die Linien aussahen. Jeder gab gewissenhaft an, daß die zwei ungeheuer ungleichen Linien perfekte Paare seien. Als schließlich der Wissenschaftler den ahnungslosen Neuling aufforderte, sein Urteil abzugeben, stimmt dieser normalerweise mit der falschen Behauptung der Masse überein. Asch führte das Experiment immer wieder durch. Als er seine Opfer eines reinen Gruppendrucks befragte, stellte sich heraus, daß viele weit mehr gemacht hatten, als damit zurechtzukommen, mit den anderen auszukommen. Sie hatten ihre Wahrnehmung wirklich auf die Übereinstimmung ausgerichtet - nicht mit der Wirklichkeit vor ihnen, sondern mit dem Konsens der Mehrheit.

Um die Massentäuschung zu verarbeiten, wurden viele von jenen, deren Wahrnehmung sich nicht verdreht hatte, zu Kollaborateuren, die des Kaisers neue Kleider anpriesen. Manche taten dies wegen ihres Selbstzweifels. Sie waren überzeugt, daß der von ihren Augen aufgenommene Sachverhalt falsch sei, daß die Masse Recht habe und daß eine optische Illusion sie nur etwas anderes sehen ließ. Andere erkannten ganz deutlich, welche Linien gleich waren, aber hatten nicht den Mut, eine andere Meinung als die Masse zu äußern. Konformitätsverstärker hatten alles von der visuellen Verarbeitung bis hin zur öffentlichen Verlautbarung geformt und einen Mechanismus offenbart, die eine Menschenmasse in einen irrigen Glauben einhüllen und einschließen kann.

Ein weiteres Experiment zeigte, wie tief eine soziale Suggestion in die neuronale Verdrahtung eindringen kann, durch die wir glauben, harte und stabile Tatsachen zu sehen. Studenten mit einer normalen Farbwahrnehmung wurden blaue Dias gezeigt, aber ein Handlanger im Raum behauptete, die Dias seien grün. Nur 32 Prozent der Studenten stimmten schließlich mit dem lautstarken, aber falschen Vertreter der Behauptung überein, etwas Grünes zu sehen. Später wurden den Versuchspersonen einzeln blaugrüne Dias gezeigt, und sie sollten sie hinsichtlich ihres Grün- und Blautons einordnen. Sogar die Studenten, die sich geweigert hatten, ein Grün zusehen, wo es im ersten Experiment keines gegeben hatte, ließen erkennen, daß die insistierenden "Grünen" im Raum ihre Wahrnehmung gefärbt hatten. Sie ordneten die neuen Dias stärker der Farbe Grün zu, als sie dies sonst getan hätten. Wenn sie gebeten wurden, die Farbe des von ihnen gesehenen Nachbildes zu beschreiben, sagten die Versuchspersonen oft, es sei rot-violett gewesen - die Färbung eines Nachbildes, das von Grün verursacht wird. Die Worte eines überzeugten Sprechers ist in die innersten Heiligtümer des Auges und des Gehirns eingedrungen.

Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Soziale Erfahrung gestaltet buchstäblich die Morphologie des Gehirns. Sie bestimmt die Verdrahtung des Gehirns während der Jahre des menschlichen Geistes, in denen sich dieser am stärksten formbar ist und legt unter anderem fest, welche Areale des Denkorgans sich vergrößern und welche schrumpfen.

Das Gehirn eines Kindes wird von der Kultur, in die es hineingeboren wurde, geformt. Sechs Monate alte Säuglinge können jeden Ton fast jeder menschlichen Sprache von sich geben und unterscheiden. Doch innerhalb von nur vier Monaten werden nahezu zwei Drittel dieser Fähigkeit weggeschnitten. Das Abtragen der Kapazität wird von schonungslosen Veränderungen im Großhirngewebe begleitet. Gehirnzellen werden an die Anforderungen der physikalischen und interpersonalen Umgebung angeglichen. Die 50 Prozent der als nützlich geltenden Neuronen gedeihen. Die anderen 50 Prozent, die ungenutzt bleiben, werden buchstäblich in den Tod getrieben. So wird der angelegte Grundriß des Geistes vor Ort der bestehenden Struktur der Gemeinschaft angepaßt.

Kaum aus der Gebärmutter heraus werden Babies an eine große Quelle sozialer Signale gefesselt. Neugeborene bis zum Alter von vier Monaten schauen eher Gesichter als alles andere an. Linda Caporael weist auf die "Mikrokoordination" hin, wie sie es nennt, durch die ein Baby den Gesichtsausdruck seiner Mutter und diese wiederum die des Babys nachahmt. Da der Psychologe Paul Ekmkan, wie wir später genauer sehen werden, daß der Gesichtsausdruck unsere Stimmung umformt, lernt das Baby, wie es eine Gefühle mit denen einer sozialen Gruppe zusammenschließt. Gefühle bestimmen, wie wir bereits erfahren haben, unsere Sicht der Wirklichkeit. Aber es gibt noch andere Zeichen, durch die Babies in einem erstaunlich frühen Alter ihre Gefühle mit den sie umgebenden Menschen synchronisieren. Mitgefühl , das uns eng zusammenbindet, entsteht bereits früh. Kinder unter einem Jahr zeigen, wenn sie ein anderes Kind leiden sehen, alle Anzeichen dafür, daß sie dieselben Schmerzen erleiden.

Kinder von Tieren und Menschen üben sich darin, indem sie sich weiter in eine gemeinsame Wahrnehmungsform pressen, das zu sehen, was andere sehen. Ein vier Monate altes Menschenkind schaut das an, was seine Eltern betrachten. Ein Schimpansenbaby macht dasselbe. An ihrem ersten Geburtstag haben die Kinder ihre Inputaufnahme auf Gleichaltrige erweitert. Wenn sie bemerken, daß die Augen eines anderen Kindes einen Gegenstand fixieren, schauen sie zurück, um die Richtung des Blicks des anderen Kindes herauszubekommen und sicher zu sein, daß es alles richtig mitbekommen hat. Wenn ein Baby auf etwas zeigt, das seine Neugier erregt hat, schauen die anderen Kinder, um was es sich handelt.

Einjährige zeigen noch auf andere Weise , wie sie den sozialen Zwang aufsaugen. Man stelle eine Tasse und etwas Unvertrautes vor ihnen auf, dann werden sie durch ihre natürliche Neigung den neuen Gegenstand untersuchen wollen. Aber man wiederhole das Wort "Tasse" und das Kind wird pflichteifrig seinen Blick auf das Trinkgefäß richten. Kinder richten sich selbst bei dem, was ihnen schmeckt, nach der Herde. Als Wissenschaftler zwei- bis fünfjährige Kinder mit anderen Kindern zusammen essen ließen, die liebten, was jene verabscheuten, vollzogen die Kinder mit dem Widerwillen eine 180 Grad Wendung und aßen jetzt begeistert, was wie zuvor ablehnten. Die Vorliebe hielt sogar noch Wochen an, nachdem der Druck durch die Gleichaltrigen aufgehört hatte.

Mit sechs Jahren sind Kinder davon besessen, von der Gruppe akzeptiert zu werden, und sind unglaublich empfindlich gegenüber Verletzungen der Gruppennormen . Sie werden von einem weiteren Konformitätsverstärker ergriffen, der ihre Wahrnehmungen mit denen der anderen zusammengehen läßt.

Selbst der Rhythmus bringt die Menschen in subtilsten Formen zusammen. William Condon vom Western State Psychiatric Institute in Pennsylvania analysierte Filme mit Gesprächen zwischen Erwachsenen und stellte einen seltsamen Prozeß fest. Unbewußt begannen die Gesprächspartner ihre Fingerbewegungen, das Blinzeln ihrer Augen und ihr Nicken zu koordinieren. Auf dem EEG war noch etwas Erstaunlicheres zu sehen, denn auch ihre Gehirnwellen näherten sich einander. Neugeborene zeigen bereits diese zeitliche Übereinstimmung. Ein gerade geborenes amerikanisches Kind wird seine Körperbewegungen genauso glücklich jemandem anpassen, wenn er chinesisch spricht, als wenn er auf Englisch redet. Mit zunehmendem Alter binden diese unbemerkten Synchronizitäten immer größere Gruppen zusammen. Ein Student, der unter der Leitung des Anthropologen Edward T. Hall arbeitete , versteckte sich in einem abgestellten Auto und filmte Kinder, die zur Pause in den Schulhof einfielen. Sie schrien, lachten, rannten und sprangen und schienen alle auf den ersten Blick ihre eigenen Absichten zu verfolgen. Doch eine sorgfältige Analyse ergab, daß sich die Gruppe auf einen vereinigenden Rhythmus zu bewegte. Ein kleines Mädchen, das viel aktiver als die anderen war, bezog den ganzen Schulhof in ihr Spiel ein. Hall und sein Student erkannten, ohne es zu wissen, daß sie der "Direktor" und "Dirigent" war. Dann entdeckten die Forscher eine Melodie, die zur schweigsamen Kadenz paßte. Als sie diese zusammen mit dem Film abspielten, sah es genau so aus, als würden die Kinder zu dieser Melodie tanzen. Doch im Schulhof hatte es keine Musik gegeben. "Ohne es zu wissen", sagte Hall, "bewegten sich alle nach einem Rhythmus, den sie selbst erzeugten." William Condon kam zu dem Schluß, daß es keinen Sinn mache, Menschen als "isolierte Entitäten" zu betrachten. Und Edward Hall trieb dies noch ein Stück weiter und sagte: "Eine unbewußte Unterströmung einer synchronisierten Bewegung band die Gruppe" zu etwas zusammen, was er eine "gemeinsame Organisationsform" nannte.

Daher ist es kein Wunder, wenn der Input von der Herde so stark unsere Weltsicht färbt. Man gab Studenten am MIT die Biographie eines Gastprofessors. Der Hintergrundtext der einen Gruppe beschrieb den Vortragenden als kalt, während das Papier der anderen ihn wegen seiner Warmherzigkeit anpries. Beide Gruppen waren beim Vortrag des Redners anwesend. Aber diejenigen, die gelesen hatten, daß er kalt sei, fanden ihn distanziert und unnahbar, während die anderen, denen man den Hinweis gegeben hatte, er sei warmherzig, ihn als freundlich und zugänglich beurteilten. Bei der Einschätzung eines Mitmenschen hatten die Studenten einen externen Sachverhalt durch einen sozial übermittelten Input ersetzt.

Die Signale, die die Herdenwahrnehmung ausrichten, kommen in vielen Formen. Die Soziologinnen Janet Lynne Enke und Donna Eder entdeckten, daß beim Tratschen eine Person mit einer negativen Bemerkung über jemanden außerhalb der Gruppe beginnt. Wie der Rest der Gruppe auf das Thema eingeht, hängt völlig von der zweiten geäußerten Meinung ab. Wenn der zweite Mitredner auch findet, daß der Außenseiter verabscheuungswürdig ist, wird fast jeder mit einer ähnlich lautenden Meinung einschalten. Wenn der zweite Kommentator aber entgegnet, daß der Außenseiter positive Qualitäten habe, wird die Gruppe mit einer weit geringeren Wahrscheinlichkeit das Ansehen des Fremden wie eine Herde von Hyänen Stück für Stück in den Dreck zu ziehen.

Massen von leisen Stimmen flüstern in unsere Ohren und verändern das, was wir sehen und hören. Das Seltsamste kommt von den Chören der Toten, von den kulturellen Vorfahren, deren Hinterlassenschaft sich erheblich auf unsere Wirklichkeitssicht auswirkt. Man nehme beispielsweise die Auswirkung von geschlechtlichen Stereotypen, von Vorstellungen, die über viele Hunderte von Generationen entstanden sind, zu denen während des langen Marsches der Menschheit durch die Zeit Milliarden ihren Beitrag geleistet, die sie ausgeschmückt und weiter gegeben haben. In einer Untersuchung wurden Eltern gebeten, ihre Eindrücke von ihren gerade geborenen Kindern zu geben. Neugeborene sind, abgesehen von den Knospen der Geschlechtsorgane zwischen ihren Beinen, völlig ununterscheidbar. Die Größe, die Gestalt und das Verhalten der Neugeborenen beider Geschlechter sind dieselben. Dennoch beschreiben Eltern übereinstimmend Mädchen als weicher, kleiner und weniger aufmerksam als Jungen. Die Massen in uns formen unsere geschlechtlichen Vorurteile immer wieder. Zwei Gruppen von Versuchspersonen wurden aufgefordert, denselben Text einzustufen. Einer Gruppe sagte man, der Autor sei John McKay, und der anderen, es sei Joan McKay. Selbst Studentinnen bewerteten den Text besser, wenn sie dachten, er wäre von einem Mann.

Die stärkste Quelle des Herdeneinflusses ist die Sprache: ein Mittel, das nicht nur den Einfluß derjenigen kondensiert, mit denen wir einen Wortschatz gemeinsam haben, sondern das die Wahrnehmungsformen von vielen aufhäuft, die bereits gestorben sind. Jedes von uns gebrauchte Wort trägt die Erfahrung der aufeinanderfolgenden Generationen von Menschen, Familien, Stämmen und Nationen in sich, die auch ihre Einsichten, ihre Werturteile, ihr Unwissen und ihre religiösen Glaubensvorstellungen enthält. Experimente

zeigen, daß Menschen jeder Kultur feine Unterschiede zwischen Farben sehen können, die nahe nebeneinander angeordnet wurden. Aber nur die Gesellschaften, die Namen für zahlreiche Färbungen besitzen, können den Unterschied erkennen, wenn zwei Farbmuster getrennt sind. Bis zur Jahrhundertwende verfügten die Chukchee über nur sehr wenige Begriffe für Farben. Wenn man sie bat, gefärbte Fäden zu sortieren. gelang ihnen das nur schlecht. Doch sie besaßen über 24 Begriffe für verschiedene Verstecke von Rentieren und konnten diese besser klassifizieren als ein durchschnittlicher europäischer Wissenschaftler, dessen Vokabular ihm dafür keine angemessenen Mittel zur Verfügung stellte.

Der Physiologie und Ornithologe Jared Diamond stellte in Neuguinea zu seinem Leidwesen fest, daß die Eingeborenen trotz seiner eigenen Universitätsausbildung viel besser die Vögel unterscheiden konnten. Diamond lehrte in seinen Zoologiekursen eine Reihe von wissenschaftlichen Kriterien. Die Eingeborenen besaßen etwas Besseres: Namen für jede Tierart und eine Menge von Assoziationen, die Merkmale beschreiben, wie sie von Diamond niemals gelehrt wurden: angefangen von den Verhaltensbesonderheiten eines Vogel bis hin zu seinem Geschmack, wenn man ihn über einem Feuer grillt. Diamond hatte Ferngläser und eine Taxonomie auf dem höchsten Stand der Wissenschaft, doch die Eingeborenen von Neu-Guinea lachten über sein Unvermögen. Sie besaßen ein Vokabular, in dem jedes Wort die Erfahrung ganzer Armeen von Vorfahren enthielt, die Vogeljäger waren.

Linnda Caporel vom Rensselaer Polytechnique Institute weist darauf hin, daß wir selbst dann, wenn wir auf unübliche Weise handeln, schnell die ungewohnten Feinheiten vergessen und unsere erinnerte Wahrnehmung umbauen, so daß sie mit den Mustern übereinstimmen, die von der sprachabhängigen Gewohnheit diktiert werden. Ein gutes Beispiel stammt aus dem Amerika des 19. Jahrhunderts, als es eine Gschwisterrivalität gab, die es aber nach der Theorie nicht geben durfte. Die Experten waren für diesen Sachverhalt blind, wie man aus dem völligen Fehlen in Familienaufzeichnungen schließen kann. Aus der Sicht der Experten und der Allgemeinheit gab es zwischen Bürdern und Schwestern nur Liebe. Doch Briefe von Mädchen aus der Mittelschicht enthielten ungeahnte Bösartigkeiten und Eifersüchteleien.

Die Geschwisterrivalität begann erst seit 1893 aus der Dunkelheit des Ungesehenen hervorzutreten, als der künftige Professor für politische und soziale Ethik Felix Adler auf die namenlose Vorstellung in seinem Handbuch zur "Moralischen Kindererziehung" hinwies. Während der 20er Jahre zog die Idee der Eifersucht zwischen Jungen und Mädchen schließlich in das Repertoire bewußter Begriffe ein, erschien in zwei vielfach zitierten Publikationen der Regierung und wurde 1926 zum Kern eines Kreuzzuges der Child Study Association of America. Der zuvor nicht existierende Dämon wurde für das Leiden der Erwachsenen, für scheiternde Ehen, Kriminalität, Homosexualität und weiß Gott alles verantwortlich gemacht. In den 40er Jahren enthielt fast jeder Ratgeber für die Kindererziehung Kapitel über dieses Ex-Nichts. Eltern, die an größere Zeitschriften schrieben, entdeckten das zuvor unsichtbare Gefühl fast überall.

Die abgespeicherte Wahrnehmungssprache kann auch den Unterschied zwischen Leben und Tod beeinflussen. Es wurde berichtet, daß in einem namenlosen Stamm in der jeder Hungersnot Mütter, Väter und Kinder verhungern ließ, obgleich es in der Nähe einen Fluß mit Fischen gab. Ihr Problem war, daß sie Fische nicht als Nahrung betrachteten. Wir könnten leicht dasselbe Schicksal erleiden, wenn wir uns in der Wildnis verirren, nur weil unsere Kultur uns auch sagt, daß eine reichhaltige Nahrungsquelle ungenießbar sei: die Insekten.

Der Einfluß der Menschenmassen, die vor uns gelebt haben und die mit uns leben, kann erschütternd sein. Als es die ersten Universitäten während des Mittelalters gab, wurde ein jedes Jahr ein ansässiger Barbier/Arzt gerufen, um einen Leichnam für aus ganz Europa kommenden Studenten zu sezieren. Ein Lehrer auf einer erhöhten Plattform berichtete, was sich vor den Augen der Studenten enthüllte. Auf unveränderte Weise würde der gelehrte Doktor ein Netz Schädelblutbahnen beschreiben, das nirgendwo gefunden werden konnte. Er würde eine Form der Leber schildern, die sich radikal vor derjenigen unterschied, die auf den blutgetränkten Händen des Chirurgen herumrutschte. Er würde mit Worten Kieferknochen vorstellen, die keinen Bezug zu jenen hatten, die auf dem Tisch vor ihm vorgezeigt wurden. Doch er änderte niemals seine Erzählung, um sie den Tatsachen anzupassen. Und auch die Studenten und der Chirurg fielen niemals in die Rede ein, um die in der Welt der Bücher eingetauchten Autorität zu verbessern. Warum? Der Gelehrte gab die "Tatsachen" wieder, wie man sie in tausend Jahre alten Büchern fand, in den Werken des römischen Meisters Galen, dem Begründer der "modernen" Medizin.

Aber Galen hatte seine Erkenntnisse nicht aus sezierten menschlichen Körpern, sondern aus der Untersuchung von Schweinen und Affen gewonnen. Schweine und Affen haben im Gegensatz zu Menschen tatsächlich die merkwürdigen Merkmale, die Galen beschrieb. Aber das hinderte die Professoren des Mittelalters nicht daran, das zu sehen, was es nicht gab.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer

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