Vögel, Flugzeuge und Raumschiffe

09.01.1997

Der Traum vom Fliegen stirbt, wenn er verwirklicht wird.

Wir können den Flug der Vögel nicht mehr erleben, wie ihn unsere Vorfahren erlebt haben: als einen unmöglichen Traum. Vögel sind nicht mehr jene Wesen, die den Raum zwischen uns und dem Himmel bewohnen, sondern sie bewohnen jetzt den Raum zwischen unseren Autos und Sportflugzeugen. Von Bindegliedern zwischen Tier und Engel wurden sie zum Gegenstand für das Studium der Verhaltensforschung. Sollten wir unsere Erfahrung mit Vögeln in die unserer Vorfahren einschliessen, werden wir sagen müssen, daß alle Vögel für uns das sind, was für jene Hühner waren: Schlecht fliegende Lebewesen. Nun, eine solche durch das Flugwesen und die Raumfahrt bedingte Veränderung unserer Einstellung in Bezug auf Vögel und auf das Fliegen hat einen bedeutenden Effekt auf unsere Weltanschauung. Wir haben eines der traditionellen Ideale der Freiheit und die konkrete Sicht auf das "Sublime" verloren.

Der Versuch, uns in den Blick unserer Ahnen auf das Fliegen einzuleben, wird durch zwei Faktoren erschwert: durch unseren eigenen Blick auf das Fliegen und durch den Mythos des Fliegens. Die zwei Schwierigkeiten zerreißen unsere Bindung an unsere Tradition auf zwei entgegengesetzte Weisen: die erste schließt uns aus der Tradition aus und die zweite läßt uns in einer ganz neuen Weise an ihr teilnehmen. Anders gesagt: Infolge des neuen Blicks auf den Flug der Vögel können wir nicht mehr verstehen, wie ihn unsere Ahnen gesehen haben. Und da wir am gleichen Mythos des Fliegens teilnehmen, verstehen wir nicht, wie unsere Ahnen den Blick auf den Flug mit dem Mythos zusammenbrachten. Die beiden Schwierigkeiten werde ich zu erklären versuchen.

Schauen wir uns drei Arten von Vogelflügen an: den des Falken, den des Kolibri und den der Schwalbe. Es bieten sich uns spontan drei Modelle an. Der Falke schwebt wie ein Segelflugzeug, der Kolibri fliegt wie ein Helikopter und die Schwalbe wie ein Jagdflugzeug. Sollten wir über die drei Modelle nachdenken, werden wir feststellen, daß ihre Beziehung zu den erfaßten Phänomenen komplex ist: die drei Flugmaschinen, die als Modell dienen, sind teilweise Kopien der Vögel selbst und teilweise Resultat der Entwicklung, die, nachdem der Vogel als Modell abgeschafft wurde, möglich wurde.

Fliegende Apparate als Modelle für Vögel sind nicht die klassische Umkehr der Beziehung zwischen Modelliertem und Modell, die so sehr unseren Blick auf die Dinge charakterisiert. Wir sehen die Arme als Hebel, weil sie das Modell für den Hebel waren, und wir sehen Spiegel wie Oberflächen von Seen, weil Seen das Modell für Spiegel waren. Vögel aber sehen wir als fliegende Apparate, obwohl solche Apparate gar nicht Vögel zum Modell hatten, sondern aerodynamische Gleichungen. In diesem Sinn sind Flugzeuge weniger natürliche Instrumente als Hebel und Spiegel: sie haben keine Dinge aus der Natur als Modell, sondern aerodynamische Gleichungen. So gesehen, sind Flugzeuge weniger "natürliche" Werkzeuge als Hebel und Spiegel: ihr Modell ist kein Ding aus der Natur. Und wenn wir den Flug von Vögeln als Modell für das Flugwesen annehmen (und wir tun das ganz spontan), denaturalisieren wir spontan das Fliegen.

Unsere Ahnen haben andere Modelle zum Begreifen der drei Flugarten haben müssen. Der Falke mußte wahrscheinlich wie eine Wolke fliegen, der Kolibri wie ein Kuss, die Schwalbe wie ein Pfeil. (Und andere Modelle werden von der Literatur entworfen, die die Quelle für unser Verständnis des Blicks unserer Ahnen ist). Für uns aber ist ein solcher traditioneller Blick auf das Fliegen notwendigerweise poetisch verkitscht, d.h. sentimental falsch. Wer heute vom Kolibri behauptet, daß er Blumen küßt (und nicht, daß er sich vertikal über der Blume hält), ist unaufrichtig, weil er ganz spontan das Modell eines Helikopters vor sich hat. Den Vogelflug so zu sehen, wie ihn unsere Ahnen gesehen haben, bedeutet, das Fliegen verkitschen zu wollen - und das zeigt die erste Schwierigkeit.

NASA

Der Mythos des Fliegens, so wie er sich in unzähligen Mythologien und Träumen manifestiert und wie er unzählige Träumer inspiriert hat, vom Schneiderlein von Ulm und von Leonardo bis zu Jules Verne und der N.A.S.A., ist in uns ebenso lebendig wie in unseren Ahnen. Und überhaupt ist die These, daß Mythen ewige "Projekte" sind, die die Geschichte entwerfen, aber von der Geschichte nicht überholbar sind, in der Psychologie ebenso wie in der Soziologie gut fundiert. Der gleiche Mythos hat für diejenigen, die mit dem Fliegen Erfahrung haben, eine ganz andere Bedeutung als für unsere Ahnen, denen das Fliegen ein unmöglichen Traum war. Beim Fliegen mit einem Düsenflugzeug aus Sao Paulo nach Paris werden wir von einer ambivalenten Sensation erfasst: Einerseits wissen wir, daß wir viel "besser" als Falken fliegen (höher, weiter und schneller), daß folglich unsere Wirklichkeit unseren Mythus überholt, und andererseits fühlen wir, daß das Fligen in einem Düsenflugzeug keine " Botschaft" eines Mythos ist und daß es nicht das hat sein können, was Icarus und Leonardo inspirieren konnte. Nachdem der Mythos aufgehört hat, ein unmöglicher Traum zu sein, wurde er ein unträumbarer Traum, der weiter besteht. Wenn einer der fundamentalen Thesen des Marxismus lautet, daß verwirklichte Träume tote Träume sind, ist die Dialektik einer solchen These vergessen: Tote Träume bestehen weiter. Es ist klar, wir können fliegen und wir können "besser" fliegen, als es Leonardo träumte, doch zugleich ziehen wir Leonardo's Traum unserer Realität vor. Es nützt nichts, daß der Flugplatz von Fiumicino (diese Vulgarität ist für die Realität unserer Flüge charakteristisch) "Aeroporto Leonardo da Vinci" heißt.

Die Beobachtung des Flugs des Falken, des Kolibri und der Schwalbe war für unsere Ahnen die Vorstellung eines unmöglichen Traums. "Wenn ich ein Vöglein wäre und zwei Flügel hätte, würde ich bis zu dir fliegen" sagt ein Volkslied, das heute nicht mehr ehrlich gesungen werden kann. Unsere Ahnen projizierten den Mythos vom Flug auf die Vögel und taten es spontan, weil die Vögel am Ursprung des Mythos stehen. Wir können es aber nicht mehr, weil unsere Wirklichkeit des Fliegens den Flug der Vögel überholt hat, ohne den Mythos überholt zu haben. Das ist das Beispiel für die zweite Schwierigkeit.

Wir können also den Flug der Vögel nicht mehr auf die gleiche Weise erleben wie unsere Ahnen. Eine solche Unmöglichkeit erlaubt uns andererseits besser, als sie es konnten, zu verstehen, welche Bedeutung der Vogelflug für sie hatte. Sie glaubten vielleicht, daß "wie ein Vogel zu fliegen" und die Welt von oben zu sehen bedeute, alle unüberbrückbaren Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Entfernung ist folglich Freiheit. Eine solche "Sublimation" und Freiheit ziehen uns nicht an: Wir wissen, was sie bedeuten. Es gibt aber im Traum "wie ein Vogel zu fliegen" etwas mehr, das unsere Ahnen zwar spürten, ohne es deutlich zu betonen. Die Zweidimensionalität wird überholt. Die Tatsache, daß wir Gefangene der Zweidimensionalität sind, ist uns im Allgemeinen nicht bewußt. Wir haben die Illusion, daß wir uns in drei Dimensionen bewegen. Die Wirklichkeit verurteilt uns indessen zu unserer Erdgebundenheit, zur Fläche (zur Erdoberfläche). Nur unsere Hände erlauben uns eine Öffnung in die dritte Dimension, in das "Erfassen", "Festnehmen" und "Bearbeiten" von Körpern. Wie ein Vogel zu fliegen, heißt, den ganzen Körper so zu benützen, als wäre er die Hand und als ob er sich ganz im Raum bewegen könnte. Dieser Aspekt des Mythos des Fliegens wird erst nach Verwirklichung des "Aufsteigens" und des "Überholen von Grenzen" ersichtlich.

Beim Beobachten des Vogelflugs sind wir in Gegenwart von Körpern, die sich frei in den drei Dimensionen des Raums bewegen und in allen ihren Gesten eine dreidimensionale Einstellung einnehmen. Nicht nur weil "hinauf" und "hinunter" das gleiche ist wie "nach hinten", "nach vorne", "nach rechts", "nach links", sondern daß "den Flügel neigen" das gleiche ist wie "um eine Ecke biegen". Wir sind in Gegenwart von Wesen, die in jeder Situation viel mehr Entscheidungen treffen müssen als erdgebundene Wesen: die Diagonalen, die sich bei Angriff und Flucht einem Vogel bieten, sind nicht Kreise, sondern Sphären. Der fliegende Vogel ist nicht wie ein erdgebundenes Tier Zentrum einer vitalen Struktur ineinandergreifender Kreise, sondern ineinandergreifender Sphären. Die Formationen wandernder Vögel befolgen Regeln der dreidimensionalen Geometrie, und der "mysteriöse" Orientierungssinn der Vögel ist für uns mysteriös, weil sich die Vögel in drei Dimensionen orientieren. "Wie ein Vogel zu fliegen" würde bedeuten, sich in der Dreidimensionalität entscheiden, organisieren und orientieren zu können.

Den erdgebundenen Tiere und insbesondere dem Menschen fehlt die Öffnung zum offenen Raum nicht ganz. Aber die "dritte" Dimension ist nichts als auf dem Boden übereinanderliegende Epizyklen. Die Bewegung der Beine, Hälse und Schwänze sind von der Ebene in die dritte Dimension gewandt. Und die Sinne, ganz besonders der Gesichtssinn, sind Organe, die Informationen aus den drei Dimensionen über der Ebene sammeln. Für die erdgebundenen Tiere, zu denen auch der Mensch gehört, ist der Raum ein Ozean, der die ebene Insel, die sie bewohnen, umspült. Deshalb die Ähnlichkeit zwischen dem Vogel und dem Fisch: beide sind Bewohner des Ozean-Raumes. Vögel schwimmen in der Luft, so wie Fische im Wasser fliegen. Der einzige Unterschied zwischen ihnen ist, daß der Flug des Vogels die Freiheit der Bewegung im Raum betont, wogegen das Schwimmen des Fisches die Betonung auf die Bedingtheit legt. Das Klima des Mythos des Fisches ist ein anderes als das Klima des Mythos des Fliegens.

Der Mensch unterscheidet sich von den anderen erdgebundenen Tieren durch seine aufrechte Haltung: dadurch, daß sich der ganze Körper zum offenen Raum hin wendet. Eine solche Position erlaubt dem Menschen, von der Ebene aus "den Raum zu erobern" (Der Vogel braucht den Raum nicht zu erobern, er ist in ihm). Die aufrechte menschliche Haltung führt nicht zur Befreiung des ganzen menschlichen Körpers in die Richtung des Raumes. Sie eröffnet nur verschiedenen Körperteilen den Parameter der dreidimensionalen Bewegungen und ermöglicht den Händen die dreidimensionale Manipulation von Körpern.

Die Hände sind ganz spezifisch menschliche Organe, die dank der aufrechten Haltung des Körpers möglich wurden und sich im Raum nahezu frei bewegen können. Hände leben in einem strukturell ähnlichem Klima wie fliegende Vögel. Der fliegende Vogel ist eine fliegende Hand, eine vom Körper befreite Hand, ein Körper, ganz Hand geworden. Die Handbewegung ist Wahrnehmung, Verständnis, Begreifen und Veränderung in die "Tiefe", in den Raum hinein. Das ist der Mythos des Fluges: Freiheit, um wahrzunehmen, zu verstehen, zu begreifen und zu verändern.

Für unsere Vorfahren war der Vogel das Bindeglied zwischen einem Tier und einem Engel. Nicht ganz Engel, weil er der Anziehungskraft der Erde unterworfen ist. Er erhebt sich von der Erde, konzentriert sich auf die Erde, kehrt zur Erde zurück und baut auf ihr sein Nest. Der Engel ist eine Hand, die durch einen unsichtbaren Arm an den Körper der Erde gebunden ist. Der Engel ist ein außerirdischer Vogel. Er konzentriert sein Interesse auf den Raum und wohnt im Raum. Er ist eine vom Körper befreite Hand. Der Mythos des Geistes als Taube. Der Engel ist ein Wesen, das wahrnimmt, versteht, begreift und verändert: reiner Geist. Eine vom Körper befreite Hand ist reiner Geist. Ihr Modell ist der Vogelflug.

Die Flüge mit einem Düsenflugzeug von Sao Paulo nach Paris übertreffen Leonardo's Traum, doch erreichen sie die befreiende Dimension des Mythos nicht. Sie sind zweidimensional, sie verbinden zwei Städte auf einer flachen Landkarte. Die Flüge per Düsenflugzeug von Tokio nach Paris verbinden zwei Städte über den Pol und entwerfen eine neue, flache Projektion der Erdkugel. Sie sind "geistiger", weil sie den projektiven Charakter der Fläche veranschaulichen, aber weiterhin Fläche sind. Die Experimente mit dem Raumschiff weisen außer auf den Vogel in die Richtung des Engels. Die Astronauten bewegen sich in der Schwerelosigkeit bewegen, gehen durch den Raum und versuchen, ihren Körper in Hände zu verwandeln. Es fehlt eine phänomenologische Schilderung ihrer Erfahrungen. Der marxistische Ausspruch, daß die Träume sterben, wenn sie verwirklicht werden, dauert an. Zu einem Vogel, einer Hand, einem Engel werden, bedeutet, das Wesen des Vogels, der Hand, des Engels zu töten. Denn sobald der Traum von der Freiheit und des Sublimen verwirklicht wird, enthüllt er die Beschränkung als die Bedingung der Freiheit und das Alltägliche als Gegensatz des Sublimen. Das bezieht sich ebenso auf die Astronauten (die technologischen Engel) wie auf die kommunistische Gesellschaft (die Gesellschaft der Engel). Mythen werden verwirklicht und getötet, sie werden aber nach ihrer Verwirklichung als eine tote Last fortdauern.

Wir können den Vogelflug nicht mehr genauso wie unsere Ahnen erleben: als einen unmöglichen Traum. Wir erleben ihn als einen zu verwirklichenden Wunsch, der zum Teil schon verwirklicht ist und zum Teil beginnt, in von unseren Ahnen vorgeträumten Ausmaßen verwirklicht zu werden: der Vogelflug als Entfernung, als Überholung von Grenzen und auch als Vergeistigung durch Dreidimensionalität.

Wenn wir den Flug als zu verwirklichenden Wunsch erleben, entmystifizieren wir ihn, ohne uns vom Mythos zu befreien. Wir können keine unmöglichen Träume mehr haben. Was uns bleibt, ist der unmögliche Wunsch, wir mögen Unmögliches wünschen. Ist das ein apokalyptischer Blick - oder gehört er wesentlich zu unserem Blick auf die Vögel im Flug?

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