Die Menschen werden immer intelligenter

25.02.1998

Oder sind sie nur anders kognitiv verdrahtet?

Neue Medien wurden stets von der Generation, die mit ihnen im Erwachsenenalter konfrontiert wurden, skeptisch betrachtet. Allzugern glaubte man, daß, angefangen von der Schrift über die Malerei und den Buchdruck bis hin zum Computer, die neuen Kulturtechniken die Menschen beeinträchtigen, lebensuntauglicher, einsamer oder vielleicht gar dümmer machen. Das ist nur eine Version des altbekannten Vorurteils gegenüber der nächsten, gerade heranwachsenden und sich zur Ablösung der "Alten" anschickenden Generation, von der man glaubt, sie liege stets irgendwie hinter den Standards und Normen zurück. Natürlich sind in den letzten Jahren nach dem Fernsehen vor allem die Computerspiele unter Beschuß geraten, die die Kinder von der Realität entfremden und zu geistigen Krüppeln machen sollen.

James Flynn, ein Wissenschaftler aus Neuseeland, hat bereits in den 80er Jahren eine seltsame Beobachtung gemacht: er hat einen Trend festgestellt, daß bei Menschen aus verschiedenen hochindustrialisierten Ländern die Werte, die sie bei Intelligenztests erzielten, kontinuierlich zunahmen. Wenn man die Messung aus Intelligenztests nicht mit dem Durchschnitt der aktuellen Gruppe, sondern mit dem Durchschnitt für eine Vergleichsgruppe einer oder mehrerer Generationen früher vergleicht, so läßt sich ein durchschnittliches Wachstum des Intelligenzquotienten in einem Jahrzehnt von 3 Prozent feststellen. In Holland werden achtzehnjährige Männer jedes Jahr einem Test über ihre Kapazität des abstrakten Denkens unterzogen. Hier stieg die jährliche Zunahme sogar um sieben Punkte pro Jahrzehnt an.

Dieser sogenannte ""Flynn-Effekt" wurde mittlerweile von anderen Untersuchungen bestätigt. Die Zunahme scheint sich sogar in jüngster Zeit zu beschleunigen. Für den sogenannten WAIS-Test oder den Raven-IQ-Test konnte Flynn Daten finden, um die Entwicklung während eines ganzen Jahrhunderts zu verfolgen. Wer vor 100 Jahren, so Flynn, zu den besten 10 Prozent gehört habe, würde jetzt zu den schwächsten und "dümmsten" 5 Prozent gerechnet werden. Alte Menschen sind also möglicherweise nicht nur deswegen oft intellektuell unbeweglicher, weil ihre Gehirne unter dem Alter leiden, sondern weil die Intelligenz - oder das, was mit solchen Tests gemessen wird - der jüngeren Menschen im Vergleich zu der ihren zunimmt. Wenn aber die Generation vor 100 Jahren schon eher ziemlich dumm war, was ist dann mit den Menschen vor 1000 Jahren, wenn der Flynn-Effekt nicht erst mit der Existenz von IQ-Tests einsetzen würde? Natürlich, IQ-Tests messen nicht die Intelligenz, sondern bestimmte Fertigkeiten, die sich überdies eintrainieren lassen. In einer Umgebung, in der ähnliche Aufgaben wie in IQ-Tests oft gestellt werden und die Menschen überdies motiviert sind, diese zu lösen, werden die Ergebnisse automatisch besser ausfallen. Aber völlig wegerklären läßt sich der Flynn-Effekt wohl doch nicht.

Allerdings verdankt sich die Zunahme überwiegend der Fähigkeit, besser und schneller abstrakte Muster zu erkennen, sich räumlich zu orientieren, eine Entscheidungsauswahl zu treffen und abstrakte Probleme zu lösen. Bei jenen Testaufgaben, die sich auf "kristallisiertes" Wissen bezogen, das man in der Schule lernt (Vokabular, Arithmetik oder allgemeines Wissen) , konnte hingegen keine signifikante Verbesserung festgestellt werden. Die erstaunlich schnelle und daher kaum genetisch bedingte Zunahme scheint sich also nicht um das Gedächtnis, sondern um kognitive Wahrnehmungs- und Handlungsfähigkeiten zu drehen. Möglicherweise also "wissen" wir vielleicht weniger als die Menschen vor 100 Jahren, aber können uns schneller etwas Neues aneignen. Dafür haben wir ja unsere künstlichen Gedächtnisse zuhauf, die wir zudem immer besser mit uns führen können.

Natürlich gibt es keine Einigkeit über die Ursache oder die Gründe der Zunahme. Viele Faktoren können dabei eine Rolle spielen: eine längere Schulausbildung, weniger Kinder in einer Familie und daher höhere Aufmerksamkeit auf die Kinder und ihre Bedürfnisse, bessere Ernährung und medizinische Versorgung wären solche möglichen Gründe. Dann könnte natürlich eine immer komplexere und dynamischere Lebenswelt eine Rolle spielen, die Menschen von jung auf zwingt, sich schnell Neuem anzupassen. Dazu würden auch Spielzeuge oder Spiele, die manchmal Aufgaben wie in IQ-Tests anbieten, und vor allem die Medien gehören, wobei dadurch sich aber der Zuwachs beim IQ vor der Zeit etwa des Fernsehens und vor allem des Computers nicht erklären ließe. Francis Heylighen etwa meint, ein allgemeiner Faktor dafür sei, "daß die Gesellschaft als ganze auf einer höheren intellektuellen Ebene laufe und dem neugierigen Kind mehr Informationen, mehr intellektuelle Herausforderungen, mehr komplexe Probleme, mehr Beispiele zum Nachmachen und mehr Denkmethoden zum Anwenden anbiete. Allein die Benutzung alltäglicher Apparate wie Videokameras, Mikrowellenherde und Thermostate verlangt ein abstrakteres Denken, zu dem die ältere Generation nicht imstande ist. Die gestiegene Komplexität des Lebens könnte eine steigende Komplexität des Geistes stimulieren. Die zunehmende Benutzung von Computern im frühen Alter beim Lernen und Spielen könnte vermutlich allgemeines Wissen, abstraktes Denken und intellektuelle Beweglichkeit weiter fördern."

Neue oder andere Intelligenz?

Das ist zumindest, was mehr und mehr Wissenschaftler heute vermuten - und was natürlich der Ideologie der computerbasierten Informations- und Wissensgesellschaft am besten entspricht. Man nimmt an, daß beispielsweise Computerspiele - oft im Gegensatz zum passiven Fernsehen - die Visualisierungs-, Konzentrations- und Problemlösungsfähigkeiten verbessern und natürlich die Kinder insgesamt auf ihre Arbeit in einer mit Computern ausgestatteten Informationsum- und -arbeitswelt vorbereiten, schließlich braucht man häufig dieselben Fertigkeiten in Computerspielen und Programmumgebungen, mit denen man arbeitet. Andererseits sind zum erfolgreichen Bestehen von Computerspielen andere Leistungen wie etwa zum Lesen und Schreiben eines Buches, von irgendwelchen handwerklichen Fertigkeiten ganz zu schweigen, erforderlich. Das Schreiben von Programmen setzt allerdings immer noch einige der "alten" Fertigkeiten voraus.

Mittlerweile scheint es just in jenen Staaten, in denen die Zunahme des IQ beobachtet wurde, auch zu einem Rückgang der Informationsspezialisten zu kommen. In den USA etwa sinkt der Stand des mathematischen und wissenschaftlichen Wissens im Vergleich zu anderen hoch entwickelten Ländern und die Computerindustrie sucht fieberhaft nach Spezialisten, weswegen sie die Regierung drängt, mehr Arbeitsgenehmigungen und Visas auszustellen als bisher. Im nächsten Jahrzehnt werden, so das Wirtschaftsministerium, mindestens 1,3 Millionen oder jährlich an die 140000 neuer Spezialisten für Informationstechnologien benötigt, und schon jetzt gibt es nach der Information Technology Association of America etwa 350000 freie Stellen, d.h. 10 Prozent aller Jobs für Programmierer, Techniker und Systemanalytiker sind unbesetzt. Hinzufügen muß man, daß sicherlich ein Teil der "freien" Stellen darauf zurückzuführen ist, daß die Firmen lieber billige und junge Kräfte aus dem Ausland anheuern, als sich mit den teuren einheimischen Spezialisten zu belasten. Sprechen aber die permanenten, oft nur rhetorischen Bildungsoffensiven, in denen die Politiker schwelgen, um ihrem Land den Anschluß an die Wissensgesellschaft zu sichern, wirklich von einer allgemeinen Zunahme des IQ - oder müssen wir heute doch so viel "schlauer" bzw. so viel anders "intelligenter" als die Menschen der vorherigen Jahrhunderte sein?

Der vielleicht deutlichste Wandel im 20. Jahrhundert in der Umgebung des menschlichen Intellekts verdankte sich der wachsenden Aussetzung an visuelle Medien. Von Bildern an der Wand über Kinofilme, Fernsehen und Videospielen bis hin zu Computern wurde jede Generation mit mehr optischen Darstellungen konfrontiert, als die jeweils vorhergehende Generation ... Patricia Greenfield von der University of California in Los Angeles behauptet, daß Kinder, die diesen Medien ausgesetzt sind, spezifische Fähigkeiten zur visuellen Analyse entwickeln, in denen sie normalerweise ihre Eltern übertreffen. Der Glaube, daß Kinder einen Videorekorder besser programmieren können als ihre Eltern, ist bereits zu einem Klischee der amerikanischen Gesellschaft geworden, das die Anerkennung eines wichtigen Generationenwandels zeigt.

Wie auch immer: Reaktionsgeschwindigkeit und Visualisierungsleistungen sind in der Kultur des alphanumerischen Zeitalters ebensowenig entscheidend gewesen wie räumliche Orientierung oder die spezifische Auge-Hand-Koordinierung und ihre Feinmotorik. Die Intelligenz könnte sich also nur verschieben - und damit auch die wissenschaftliche Ausrichtung und der technische Trend. Ob damit auch die neue Informationsumgebung komplexer wird, ist schwierig zu beantworten, leichter zu sehen ist allerdings, daß die Menschen dieses Jahrhunderts sich immer schneller neuen Umgebungen und Techniken anpassen und so selbst flexibler werden müssen. Das haben schon Simmel und Benjamin etwa für das Leben in den modernen Großstädten mit ihren Menschenmassen, dem Verkehr und den auf die Menschen einstürmenden Zeichenfluten gemeint. Schon allein die Geschwindigkeiten, mit den wir durch die Städte und die Landschaft rasen, erfordern natürlich Anpassungsleistungen, was man in den Texten über die ersten Eisenbahnfahrten noch aufscheinen sieht. Und dieser Trend zur Beschleunigung der Wahrnehmungsumgebung spiegelt oder verstärkt sich in Computerspielen und immer schnelleren Schnittfolgen der Filme, aber selbstverständlich auch in der Arbeitsumgebung, in der Leerzeiten immer mehr ausgefiltert werden, um die Produktivität zu steigern.

Was Technikenthusiasten gerne positiv als Zuwachs der Intelligenz auslegen, der durch Technik und durch die von ihr geprägte Lebenswelt entstehe, hat freilich auch andere Seiten, denn gleichzeitig klagt man über steigende Konzentrationsschwierigkeiten, sinkende motorische Beweglichkeit und wachsende Probleme bei der Beherrschung der Grundfertigkeiten Lesen, Scheiben und Sprechen. Vielleicht schauen sich diese Kinder nur die falschen Filme an und spielen die ungeeigneten Spiele? In der Schule stehen oft soziale Probleme im Vordergrund und scheitern die angebotenen traditionellen Lernmethoden am Unwillen der Kinder. Zwischen Schule als Ort des Lernens und Familie haben sich - das bekannte und berüchtigte "Montags-Syndrom" - sicherlich die Medien ganz massiv geschoben und die Wahrnehmungs- und Erwartungshaltungen der Menschen beeinflußt. Medien sind nichts anderes als Maschinen zur Erregung und Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit. Kinder können oft besser als ihre Eltern mit neueren technischen Apparaturen umgehen, sind schneller und aufmerksamer bei Dingen, die damit zusammenhängen, haben aber vielleicht eine gegenüber früher gestörte Körperpräsenz und sind in manchen Hinsichten "wahrnehmungsschwach", weil sie mehr sitzende Tätigkeiten ausüben und durch die schnell wechselnden und "grellen" Medienreize, denen sie täglich über Stunden ausgesetzt sind, eine andere Aufmerksamkeitsschwelle besitzen.

Zumindest belegt der "Flynn-Effekt" jedoch, daß die Entwicklung der Menschen nicht zu einem Stillstand gekommen ist. Natürlich ist nirgendwo eine explosionsartige Zunahme der Gehirngröße zu erkennen, wie sie in der Evolution des Menschen geschehen ist. Evolutionäre Veränderungen bringen allerdings auch oft anatomische Veränderungen mit sich. Möglicherweise geschieht die kognitive Weiterentwicklung des Menschen heute nicht mehr auf der rein biologischen Ebene, sondern durch die Produktion neuer sensorischer und motorischer Apparate und Datenverarbeitungstechniken, die er heute noch äußerlich benutzt, die aber irgendwann wie Neurotechnologien in den Körper der Menschen einziehen und zum Bestandteil seiner dann biotechnischen Anatomie werden. Das ist gewissermaßen der Traum der Cyborgisten. Andererseits könnten sich die Techniken freilich auch vom Zweig des Menschen abspalten und womöglich eine neue Art bilden, die sich vom Menschen löst und sich selbständig (re)produziert und weiter verbessert: der Traum oder das Trauma von der Machtablösung durch die Roboter. Wenn sich mit den Maschinen aber auch die maschinenförmige Intelligenz der Menschen Flynn-gemäß steigert, haben sie - und damit auch die Biologie - wenigstens noch nicht ausgedient, wie manche im technischen Überschwang schon behaupten.

James R. Flynn: The mean IQ of Americans. massive gains. New York: Harper and Row 1984
James R. Flynn: Massive IQ gains in 14 nations: what IQ tests really measure. Psychological Bulletin 101: 171-191, 1987

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