Können Maschinen denken?

Florian Rötzer 12.03.1998

Das Cambridge Quintett oder: Ein Science Fiction der etwas anderen Art von John L. Casti

Charles Snow lädt in Cambridge im Jahre 1949 zu einem Dinner ein. Er ist Physiker und später mit seiner Warnung vor der Spaltung in zwei Kulturen bekannt geworden. Snow wurde von der britischen Regierung gebeten, sich bei wissenschaftlichen Koryphäen kundig zu machen, ob mit den gerade erst gebauten Computern es tatsächlich irgendwann möglich sein werde, denkende Maschinen zu bauen, die ebenso intelligent wie Menschen oder gar noch klüger sein werden als diese. Kann mithin die menschliche Gattung sich selbst durch von ihr gebaute Maschinen transzendieren?

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Gastgeber Snow hat, da die Forschungsrichtung der Künstlichen Intelligenz noch nicht entstanden war und die entscheidende Dartmouth-Konferenz erst im Jahre 1956 stattgefunden hat, bei der sich die Anhänger des Top-down-Ansatzes gegen die eher am biologischen Gehirn orientierten Konnektivisten durchsetzten und Intelligenz fortan als regelgeleitetes Verarbeiten von Symbolen einer weitgehend "weltfremden" und einsamen Maschine verstanden wurde, einige illustre Gäste vor der Zeit des Schismas geladen.

Natürlich steht der legendäre Alan Turing mit seiner Theorie der Universalmaschine und mit seinem Vorschlag im Zentrum, die künftigen intelligenten Computer einem Test zu unterziehen, um entscheiden zu können, wann ihr kommunikatives Verhalten von dem eines Menschen ununterscheidbar wird. Aber da gibt es auch den Genetiker John. B. S. Haldane, einst Kommunist, aber nach der Lyssenko-Affäre sich von dieser Haltung distanzierend, der die Biologie ins Spiel bringt. Erwin Schrödinger, der wegen seiner Arbeiten über die Quantenmechanik den Nobelpreis erhielt und mit seiner Vortragsreihe "Was ist Leben?" als Physiker einen wichtigen Anstoß zur Ausbildung der Molekularbiologie, also einer auf der genetischen Information basierenden Biologie gab. Und schließlich fand sich noch Ludwig Wittgenstein, einer der philosophischen Stars dieser Zeit, ein, der als Vertreter der geisteswissenschaftlichen Kultur den notwendigen Gegenpart zum technischen und wissenschaftlichen Überschwang der anderen zu spielen hatte.

Dieses Treffen fand selbstverständlich niemals statt. John Casti, der als Mathematiker am Santa Fe Institute, dem berühmten Mekka der Komplexitätsforschung, arbeitet und bereits eine ganze Reihe von hervorragenden populärwissenschaftlichen Büchern über grundlegende wissenschaftliche Fragen geschrieben hat, erfand die Begegnung, um in einer etwas anders gearteten Science Fiction die theoretischen Grundlagen der Künstlichen Intelligenz und die unterschiedlichen Einwände gegen diese Forschungsrichtung zu diskutieren. Dabei spielt historische Wahrheit nicht unbedingt eine entscheidende Rolle. Beispielsweise vertritt Wittgenstein gegen Turing, der behauptet, daß Maschinen denken können, das Argument vom "Chinesischen Zimmer" des Philosophen John Searle, oder Haldane bringt die linguistischen Ansätze von Chomsky ins Spiel. Casti aber geht es nicht um die Authentizität der Personen, sondern um die diskursive Klärung des Problems, was Intelligenz und/oder Denken heißt - und inwiefern und ob letztlich ein regelgeleiteter Mechanismus dazu in der Lage sein kann.

Der Rückgriff Castis auf die alte Darstellungsform des Dia- oder vielmehr des Polylogs ist zwar manchmal etwas bemüht, weil die Diskutierenden nicht wirklich als Personen heraustreten, aber es ist dennoch immer noch eine geschickte und faszinierende Methode, aus den Zwängen des monologischen Argumentierens herauszutreten und unterschiedlichen Positionen ohne Zwang zu einer "großen" Lösung bestehen zu lassen. Viele der angeschnittenen grundsätzlichen Probleme mit denkenden Maschinen sind schließlich weiterhin umstritten, auch wenn man heute, wie Casti im Nachwort einräumt, von der Absicht abkommt, den menschlichen Geist imitieren zu wollen und eher andere Intelligenzen zu konstruieren anstrebt, die sich überdies erst in Analogie zur Evolution nach und nach entwickeln sollen und nicht schon alles "gefroren" im vernagelten Expertenkopf haben. Zudem ist der Polylog auch eher die Form, mit der man heute aus der Perspektive der Biologie und der Komplexität Intelligenz angeht: als Interaktion von vielen Agenten, die sich durch den "Dialog" mit ihrer Umgebung verändern und womöglich einen neuen Systemzustand erreichen.

Casti hat ein wunderbares philosophisches Buch geschrieben - Warum nur sind die Philosophen selbst heute dazu unfähig? - , das mit bewundernswerter Einfachheit und in genau der richtigen Kürze auch komplizierte Sachverhalte verständlich macht. Wer erstmals Zugang zu den Fragen erhalten will, wird davon ebenso profitieren wie derjenige, der hier dicht zusammengezogen die wesentlichen Argumentationsstränge wieder entdeckt. Und es ist eine gelungene Form der klassischen ästhetischen Maxime, daß Wissen oder Bildung vergnügen oder Spaß machen soll, was man heute infotainment nennt, aber meist wohl anders versteht und damit mißversteht.

John L. Casti: Das Cambridge Quintett. An einem verregneten Abend unterhalten sich Snow, Wittgenstein, Turing, Haldane und Schrödinger bei einem guten Dinner über künstliche Intelligenz. Eine wissenschaftliche Spekulation. Berlin Verlag. 207 Seiten

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2289/1.html
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