Pol Pot: Das Bild und die Ethik

19.04.1998

Liberalismus oder Utopien

Pol Pot war nach Hitler und Stalin die große symbolische Schreckensgestalt des 20. Jahrhunderts, an den die Karadzics oder Husseins nicht heranreichen. Als personifiziertes Böses schien seine Gestalt zu zeigen, daß nicht nur der Kommunismus, sondern auch jede politische Utopie in den Terror mündet. Pol Pot war der Feind der "offenen Gesellschaft", der westlichen, liberalen und marktwirtschaftlichen Gesellschaft. Jetzt scheint er, schon lange machtlos und im Greisenalter, endlich tot, vielleicht gar ermordet worden zu sein. Aber Paul Treanor versucht zu zeigen, daß die Alternative Pol Pot oder marktwirtschaftliche liberale Gesellschaft tief und unausweichlich in unser politisches Denken eingebrannt ist. Braucht der Liberalismus den Völkermord?

Liberale und Neoliberale behaupten, man müsse den freien Markt akzeptieren, wenn man keinen Pol Pot und die Killing Fields haben will. Sie haben Recht. Es gibt einen Punkt, an dem man sich zwischen freiem Markt und Pol Pot zu entscheiden hat. Ist es schlimmer, wenn ein Obdachloser in einer Stadt des freien Marktes erfriert oder wenn Pol Pot zwei Millionen Menschen ermordet? Ich werde zeigen, daß man diese unerfreuliche Entscheidung nicht vermeiden kann, und formuliere dann meine Antwort darauf. Doch zunächst zwei andere Erläuterungen zu Pol Pot.

Pnom Penh nach der Evakuierung

Zunächst warne ich vor der Inkonsistenz der Propaganda. Das Fernsehen erzählt uns, daß Pol Pot böse war, weil er die Bevölkerung aus der Stadt auf das Land trieb. Aber das Fernsehen erzählte uns auch, daß Ceaucescu böse war, weil er die Bevölkerung zwang, vom Land in die Stadt zu ziehen. Intellektuelle erzählen, daß das sowjetische System die Urbanisierung des ländlichen Lettlands und Estlands erzwungen hat. Doch der Stalinist Hodscha hielt die städtische Bevölkerung von Albanien 30 Jahre lang stabil. Erst als der Kommunismus zusammenbrach, durften die Bauern nach Tirana ziehen. Zumindest war Hodscha dauernd der Kritik des Westens ausgesetzt, was nicht für Pol Pot gilt, der indirekt von den USA als Gegner Vietnams unterstützt wurde. Das dämonische Bild entstand erst später. Deswegen will ich versuchen, hinter die inkonsistente Propaganda zu blicken, um zu erkennen, was Pol Pot angeblich symbolisiert.

Zumindest das Bild von Pol Pot besitzt eine klare Funktion. Er ist das negative Beispiel für den Anti-Utopismus des europäischen Liberalismus, der in der einfachsten Version behauptet: "Wenn Menschen ein Ideal zu verwirklichen versuchen, kommt man zu den Killing Fields von Kambodscha." Für das liberale Mißtrauen gegenüber der Planung, staatlicher Macht,, Idealen, Utopien oder großer Projekte dient Pol Pot als schreckliche Warnung. Sehr viel gemäßigter spielt die ehemalige DDR im deutschen politischen Diskurs eine ähnliche Rolle. Alle Liberalen sind Utilitaristen: Sie versprechen, uns alle von bestimmten Schrecken zu bewahren. Der Liberalismus benötigt Schädelhaufen.

Jetzt aber kommen die unerfreulichen Fragen. Pol Pot, Stalin, der Gulag, die Stasi und die Berliner Mauer wurden zu negativen Legitimationsinstanzen der liberal-demokratischen Staaten - auch wenn all das, selbst wenn man es addiert, nicht an Auschwitz, das extremste negative Symbol der modernen Geschichte, heranreicht. Ich glaube, es wäre dumm, wenn man diesen politischen Sachverhalt vernachlässigen würde. Ein Großteil der europäischen Bevölkerung ist der Meinung, daß die Begrenzung der Gesellschaft des freien Marktes moralisch mit den Handlungen Pol Pots gleichzusetzen sei. Eine politische Antwort darauf ist die Untersuchung der moralischen Logik, wobei die unerfreuliche Wahrheit ist, daß sie logisch Recht haben.

Gehen wir einmal davon aus, daß ich mich zwischen folgenden Zukünften entscheiden muß: Entweder werde ich 10 Jahre in Armut leben, obdachlos sein und schließlich in den Straßen erfrieren, oder ich werde nicht erfrieren, aber die anderen Bewohner der Niederlande werden einer Diktatur wie bei Pol Pot unterworfen. Sie werden aus den Städten vertrieben, 5 Millionen werden verhungern und Hunderttausende gefoltert und erschossen. Würde ich mich für Hunger und Folterung von Millionen entscheiden, um mein eigenes Leben zu retten? Ja, natürlich. Und nicht nur das. Nehmen wir an, es gehe nicht einmal um mein Leben, sondern daß ein anderer obdachlos und erfrieren würde. Würde ich mich für den Tod und die Folterung von Millionen entscheiden, um diesen obdachlosen Menschen zu retten? Ja, und nicht nur das. Selbst wenn ich nicht erfrieren würde, selbst wenn die Zukunft für mich nur die Obdachlosigkeit bringen würde, würde ich mich für das Regime entscheiden. Und auch, um andere vor der Obdachlosigkeit zu schützen, würde ich mich für "Pol Pot" entscheiden. Es gibt obdachlose Menschen in Europa: die Entscheidung ist real.

Warum also könnte ich mich über Pol Pot beschweren? Ich bin der Meinung, daß ich nicht in den Straßen einer europäischen Stadt obdachlos sein sollte. Ich bin der Meinung, daß in den Straßen der europäischen Städte keine Obdachlosen geben sollte. Für dieses Ideal würde ich angesichts der angebotenen Zukünfte Tod und Folter akzeptieren. Es ist sinnlos zu fragen, ob das die einzige Alternative ist. Der Punkt ist wiederum: Viele in Europa gehen davon aus, daß sie die Alternative darstellen. Und logischerweise können sie eine Frage formulieren, so daß es in der Tat keine Alternative gibt.

Die ehrlichen Liberalen räumen ein, daß es auf dem freien Markt Benachteiligte gibt und daß manche sogar sterben werden. Der ehrliche Liberale fragt mich: Bist du bereit, dein Leben im freien Markt für das allgemeine Wohl der Nation zu opfern? Oder lediglich das Ideal zu opfern, daß Obdachlose nicht erfrieren sollten? Das sind konkrete Fragen. Es ist keine Entscheidung zwischen hypothetischen Zukünften. Der Liberale fragt mich letztlich, ob ich Utilitarist bin - und auf solche Fragen kann man nur mit Ja oder Nein antworten. Ich bin nicht bereit, ein solches Opfer für mich oder für andere zu leisten.

Begrüßung der Khmer Rouge bei ihrem Einzug in Pnom Penh

Daher ist es sinnlos, nach einem "dritten Weg" zwischen Pol Pot und den NATO-Staaten mit freiem Markt zu suchen. Es gibt keinen dritten Weg zwischen Liberalismus und Idealen. Alle Formen des Liberalismus schränken durch die Politik, den Diskurs und die Marktkräfte die Verwirklichung von Idealen ein. Wenn man akzeptiert, daß Menschen ihre Ideale verwirklichen können, dann hat man kein Argument mehr gegen Pol Pot. Er verwirklichte nur seine Ideale. Die Liberalen haben Recht: Wenn die Gesellschaft Ideale akzeptiert, dann droht die Gefahr von Massentötungen.

Die einzig sichere Möglichkeit, die negativen Folgen von Idealen zu vermeiden, ist das Verbot. Man darf keine Ideale mit Ausnahme des Anti-Idealismus, keine Utopien mit Ausnahme einer von Utopien freien Welt und keine Werte mit Ausnahme der Abwesenheit von Werten haben. Das ist, in anderen Worten, eine perfekte liberale Gesellschaft: nur Prozeß, nur Fluß, nur Interaktion. Über eine derartige Gesellschaft lassen sich moralische Fragen stellen. Ist es moralisch akzeptabel, einige Menschen zu fragen, ob sie sich zugunsten anderer für den freien Markt opfern? Ist es moralisch akzeptabel, Ideale für das allgemeine Wohl der Nation zu opfern?

Aber man kann die Entscheidung nicht vermeiden. Eine solche Gesellschaft ist an sich eine absolute und exklusive Kategorie: Man ist entweder für oder gegen sie. Es ist absolut wahr, daß es in einer vollkommen liberalen Welt keine Killing Fields geben wird. Menschen werden vielleicht getötet, aber nicht aus ideologischen Gründen. Meist werden sie durch die Marktkräfte umkommen - an der Schwelle, an der die medizinischen Kosten ihr Einkommen überschreiten. Tony Blair oder Gerhard Schröder können diese absolute Kategorie nicht umgehen: sie können dieser unerfreulichen Entscheidung nicht ausweichen.

Die liberale Gesellschaft wurde, wie man sich in Erinnerung rufen möge, geformt, um Pol Pot aufzuhalten, lange bevor es ihn gegeben hat. Die klassische liberale Theorie war eine Reaktion auf die Religionskriege in Europa. Selbst heute betrachtet John Rawls noch die interne Stabilität als das Ziel des politischen Liberalismus und den Fanatismus als seinen Feind. Man frage Blair oder Schröder, ob die Gesellschaft so gestaltet sein sollte, daß sie einen Pol Pot verhindert, und sie werden mit Ja antworten. Auch sie sind Utilitaristen.

Haben Sie die Pol-Pot-Moralität, den egoistischen Idealismus? Oder wollen Sie Pol Pot vermeiden? Dann werden Sie Ideale zu dem Zeitpunkt aufgeben müssen, an dem ihre Verwirklichung zu Konflikten mit der liberalen Gesellschaft führt. Dann werden Sie, um es anderes zu formulieren, Ihre Ideale als persönliche Präferenzen und nicht als Prinzipien behandeln. Sie werden akzeptieren, daß sie dem allgemeinen Wohl der Nation unterworfen werden müssen. Sie werden akzeptieren, daß es sich bei ihnen nur um eine persönliche Präferenz handelt, selbst wenn Sie nicht wollen, daß Obdachlose erfrieren. Sie können darauf hoffen, daß die liberale Gesellschaft mit dieser persönlichen Präferenz übereinstimmen wird, aber dafür besteht keine Garantie. Sie werden nicht versuchen, in den liberale Prozeß einzugreifen.

Sie werden folglich akzeptieren, daß möglicherweise manchmal andere Menschen für das allgemeine Wohl erfrieren, um uns vor Pol Pot zu bewahren. Das ist traurig. Aber das geschieht nicht oft, und es werden nicht viele sein, bestimmt keine zwei Millionen. Und sie werden nicht wie bei den Khmer Rouge gefoltert, bevor sie erfrieren. Überdies sind das oft Alkoholiker oder Drogensüchtige, die gesundheitlich schlecht beinander sind und keine Arbeit haben. Und sie können keinen großen Beitrag für New Britain oder den Standort Deutschland oder den entstehenden Markt von Kambodscha leisten. Daher werden Sie wegen dieser Menschen nicht an Schlaflosigkeit leiden.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer

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