Europäische (Trans)Visionen

17.06.1998

Von einem Treffen der Transhumanisten oder: Wie lebe ich ein transhumanes Leben?

Transhumanismus ist die Idee, das von der natürlichen Evolution nicht immer in zufriedenstellender Weise entworfene Design des Menschen mit Hilfe moderner Wissenschaft und Technologie weiterzuentwickeln. Sein Ziel ist also, unser Schicksal als Gattung in die eigenen Hände zu nehmen. Der Transhumanismus ist in Kalifornien schon beinahe arriviert, zumindest in Kreisen der technischen Intelligenz. In Europa hingegen gelten Zukunftsangst und Technophobie weiterhin als normal, und ökologische Weltuntergangsszenarien erfreuen sich großer Beliebtheit.

Um so erfrischender schien die Gelegenheit, drei Tage lang mit Gleichgesinnten Wege und Möglichkeiten zu diskutieren, um der Alten Welt etwas Optimismus und Zuversicht einzuhauchen.

Die erst kürzlich gegründete niederländische Transhumanisten-Vereinigung Transcedo hatte vom 5.-7. Juni 1998 zur "TransVision '98", der ersten europäischen Transhumanismus-Konferenz, nach Weesp, einem kleinen Städtchen südöstlich von Amsterdam, eingeladen. Knapp 30 Teilnehmer hatten sich angesagt; die meisten kannten sich bis dahin nur aus diversen Mailing Lists (transhumanism@transhumanism.com, exi-euro@extropy.com) und durch ihre Homepages und trafen nun hier zum ersten Mal physisch aufeinander. Wie sofort festgestellt wurde, hätten Namensschilder mit charakteristischen Email-Adressen die Wiedererkennung beträchtlich erleichtert.

Die Tagesordnung war bewußt zwanglos und informell gehalten; es war nicht geplant, die globalen Probleme der Menschheit zu lösen. Als überwiegend rational orientierte Menschen - Abiturienten, Studenten, Physiker, Informatiker etc. - waren sich die Anwesenden der Tatsache bewußt, daß es keine einfachen Antworten auf komplexe Fragestellungen gibt. Das Treffen sollte in erster Linie dem gegenseitigen Kennenlernen und dem Ausloten von Organisationsmöglichkeiten einer breiten europäischen Transhumanismus-Bewegung dienen. So zog sich das erste Abendessen dann auch über mehr als drei Stunden hin, während allseits lebhafte Diskussionen über verschiedenste Aspekte des Transhumanismus geführt wurden. Ein naheliegendes Thema war das kontrovers diskutierte Prinzip der Kalorienreduktion, das möglicherweise zur Verlängerung des Lebens beitragen könnte, gegen das an diesem Abend aber ausnahmslos verstoßen wurde ...

Der Samstag begann mit der "offiziellen" Eröffnung der TransVision durch Berrie Staring, der als Mitorganisator der Konferenz und Gründungsmitglied von Transcedo einen Überblick über dessen Entstehungsgeschichte, die nationale Besonderheiten und Vorstellungen in Hinblick auf eine Integration in europäische und weltweite Projekte gab.

Die Ideen der "World Transhumanist Association" (WTA), die als eine Art Dachorganisation verschiedener transhumanistisch orientierter Einrichtungen (wie Transcedo, das Extropy Institute, ja sogar das vom Nanotechnologie-Pionier Eric Drexler gegründete Foresight Institute) geplant ist, wurden von ihrem Initiator Nick Bostrom präsentiert. Er begann seinen Vortrag mit einer etwas kultisch anmutenden Visualisierungsübung, die jeden persönlich dazu anregte, sich die Zukunft als positive Verstärkung der besten Momente der Vergangenheit vorzustellen - und die eindrucksvoll bewies, daß die Fähigkeit zu effektiver Selbstmotivation in den meisten Menschen bedauerlich unterentwickelt ist.

Den ersten Teil des Tages beschloß eine rational und konstruktiv geführte Diskussion der Transhumanistischen Deklaration, gewissermaßen der Leitlinien des Transhumanismus. Ziel ist es, diesen von einseitigen politischen, religiösen etc. Statements freizuhalten (z.B. finden die radikal libertären Ideen, die von vielen Extropianern vertreten werden, in Europa wenig Anklang, und auch ethisch basierter Vegetarismus hat hier keinen Platz) und ihm den Weg zu einer (auch akademisch) akzeptierten Philosophie (mit deutlich aktionsorientierter Ausrichtung) zu ebnen. Im Sinne der von den Extropian Principles her bekannten Versionsnumerierung wurde Version 2.4 verabschiedet.

"Wie lebe ich ein transhumanes Leben?" Diese praktisch relevante Frage beleuchtete Anders Sandberg in seinem von vielen mit Spannung erwarteten Vortrag. Anders, bekannt für sein enzyklopädisches Wissen, seine geist-reichen Diskussionsbeiträge und seine unergründliche Homesite, führte viele praktische Beispiele dafür an, wie wir unser Leben schon heute, mit den zur Verfügung stehenden (technischen, psychologischen, chemischen, ...) Mitteln, effektiver und angenehmer gestalten könn(t)en: Gedächtnis- und Lerntechniken, Mind Maps, Stressmanagement, Motivationstraining usw. Seine unbedingt positive Ausstrahlung machte seinen Vortrag zu einem definitiven Highlight der Konferenz.

Das offizielle Tagesprogramm wurde beschlossen von einer etwas kontroversen Diskussion, in der Arjen Kamphuis, Transcedo-Mitglied und passionierter Bergsteiger, darlegte, warum für ihn, im Gegensatz zur Mehrheit der versammelten Transhumanisten, ein Kryonik-Vertrag, d.h. die Aufbewahrung des verstorbenen Körpers (bzw. nur des Gehirns) in flüssigem Stickstoff zum Zwecke des Wiederauftauens und der Reparatur in der Zukunft, nicht in Frage kommt.

Kryonik, diese in der Öffentlichkeit umstrittene, weil vielfach unverstandene Technologie soll Transhumanisten helfen, nach ihrem Tod quasi zu überwintern, bis entsprechende Technologien (Nanomedizin) zur Verfügung stehen, die dem Menschen eine prinzipiell unbeschränkte Lebensdauer versprechen. Garret Smyth, gemeinsam mit Max More einer der ersten Europäer, die einen Vertrag mit der amerikanischen Kryonik-Stiftung Alcor abgeschlossen haben, berichtete am dritten Tag von seiner Motivation zu diesem Schritt und vom gegenwärtigen Stand der Möglichkeiten, Zellschädigungen beim Tieffrieren biologischen Gewebes zu vermeiden (ein zentrales Argument der Kryonik-Skeptiker). Passenderweise trug er dazu ein von Transcedo überreichtes T-Shirt, das Beavis & Butthead hüfthoch in Eisblöcken unter dem Slogan "Cryonics is cool" zeigte. Die bekannte Weisheit, daß, wer in der Lotterie gewinnen will, auch ein Los kaufen müsse, hieß hier sinngemäß: wenn du Unsterblichkeit willst (ein implizit im Transhumanismusgedanken enthaltenes Ziel), mußt du alles tun, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.

Neben, nach und zwischen den geplanten Vorträgen wurden natürlich auch Themen von praktischer Relevanz nicht vernachlässigt. Dazu gehören die Gründung weiterer nationaler (deutscher, französischer, belgischer) Organisationen, die Wirkung über das Internet hinaus, in dem sich zur Zeit fast alle Aktivitäten abspielen) und der Aufbau eines europäischen Kryonik-Netzwerkes unter Ausnutzung liberalerer Gesetzgebung in einigen Ländern. Die Bewerbung um die Austragung der nächsten Konferenz vom 4. bis 6. Juni 1999 ging einstimmig an die schwedische Aleph-Gruppe. Die während der TransVision '98 gesammelten Eindrücke, die Inspiration und Motivation werden sicher bei den meisten Teilnehmern bis zum nächsten Mal vorhalten.

Um dem Eindruck vorzubeugen, hier sei nur bierernst über technische Dinge diskutiert worden, muß betont werden, daß alle Beteiligten großen Spaß an der ganzen Sache hatten (wovon Ausflüge ins Nachtleben von Amsterdam zeugen) und sich einig waren, daß Transhumanismus auch genau so nach außen präsentiert werden sollte - und sei es in Form transhumanistischer Witze ...

Gundolf Freyermuth: Lust nach Laune und Leben ohne Ende
Max More: Transhumanismus
Max More: Europäische Ursprünge - amerikanische Zukunft

Frank Prengel

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