Der virtuelle Schüler

Florian Rötzer 22.06.1998

Roboter im Klassenzimmer

Technischer Fortschritt geschieht oft direkt als Kompensation. Zumindest als Legitimation werden Innovationen beispielsweise für Behinderte entwickelt. die dann freilich auch für die anderen verwendet werden können. Die Firma Telbotics mit Sitz in Toronto hat sich auf Videokonferenzsysteme mit Robotern spezialisiert, die Telepräsenz ermöglichen. Das neue System Pebbles (Providing Education By Bringing Learning Environment to Students) überträgt die Idee der Teleroboter aus der Managerebene nur auf Kinder, die jetzt aus der Ferne, vertreten durch einen Roboter, an der Schule teilnehmen können sollen.

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Noch ist das System freilich nicht auf dem Markt. Eingeführt werden soll es für Kinder, die sich in einem Krankenhaus befinden, aber dennoch die Schule nicht verpassen sollen, da, wie Graham Smith, der Entwickler von Pebbles sagt, der virtuelle Schulbesuch und der Kontakt mit den Freunden den Gesundungsprozeß beschleunige. Aber vielleicht wäre das ja auch schickes Mittel für Kinder begüterter Familien, die nicht so gerne wirklich in die Schule gehen. Die Firma schätzt, daß es zu Beginn um die 120000 Dollar kosten werde. Schulen werden sich das nicht anschaffen können, und ob es sich Krankenhäuser leisten werden, ist auch fraglich, auch wenn es die Zeit im Krankenhaus möglicherweise verkürzt. Auf beiden Seiten wird ein ISDN-Anschluß benötigt.

Der einarmige Pebbles, dessen Arm sich über einen Joystick heben läßt, sitzt anstelle des Schülers auf dessen Platz. Die Mitschüler können den Abwesenden auf einem Bildschirm sehen und seine Stimme hören, während dieser, mit einem Kopfhörer und einem Mikrophon ausgerüstet, zu den Mitschülern sprechen und diese hören, aber auch seinen "Kopf" mit der Kamera drehen und natürlich alles heranzoomen kann. Vorgesehen ist überdies die Integration von einem Scanner und einem Drucker, damit Lehrer und Schüler auch Schriftliches austauschen können.

Bei Versuchen, so Smith, hatten sich Mitschüler die ersten Stunden über Pebbles lustig gemacht, aber dann wurde er akzeptiert und mit dem Namen des Kindes angesprochen: "Nach der Anfangsphase bemerkte niemand mehr, daß das Kind nicht wirklich da war." Und die telepräsenten Kinder haben angeblich genauso viel gelernt, als wären sie wirklich anwesend gewesen.

Vielleicht also werden sich bald immer mehr derartige Aliens in den Schulklassen aufhalten, während die Kinder zuhause im Bett liegen und sich zumindest den Schulweg sparen können. Noch schöner wäre freilich, wenn auch Lehrer durch solche Pebbles aus der Ferne noch die Kinder unterrichtet, deren Eltern sich ein solches System nicht leisten können. Zumindest wären die Telepräsenten vor etwaiger Gewalt in der Schule sicher, wenn denn ihr Pebble ordentlich gegen Vandalismus versichert ist. Man braucht ja auch nur ein fernlenkbares Fahrgestellt montieren, damit die Kinder auch durch ihre Fernlinge nicht nur kommunizieren, sondern auch "interagieren" und in einen anderen Klassenraum oder auf den Schulhof fahren können. Man könnte sich möglicherweise auch Pebbles, die von künftigen virtuellen Schulen oder Universitäten gestellt werden, zeitweise mieten, wenn man gerade nicht will oder kann. Und vielleicht sitzen irgendwann in elitären Schulen nur noch Pebbles herum, wenn die Pädagogen weiterhin daran festhalten, daß es nichts nur ums Lernen gehe, sondern auch um die Anwesenheit in einer Gruppe.

Virtualisierung und Kommerzialisierung der Bildung gehen Hand in Hand

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2377/1.html
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