Saatgutkonzerne am Weg zum Genmonopol

28.06.1998

Vom "Betriebssystem" der Nahrungsmittelproduktion

Während sich unsere fleischversessene Millenniumskultur mit dem Klonen von Schafen und BSE beschäftigte, haben weitaus wesentlichere Probleme überall auf den Ackerländern des Planeten Gestalt angenommen. Vergangenes Jahr bepflanzten nordamerikanische Farmer etwa zehn Millionen Hektar mit Nutzpflanzen, die gentechnisch verändert worden waren, um sie gegen Schädlinge oder Herbizide resistent zu machen, und der Welt dämmert es langsam, daß das nicht immer alles zum Besten geschieht. Mit Verhaltensweisen, wie sie während des vergangenen Jahrzehnts in der IT-Industrie zu beobachten waren, expandieren die in der Biotechnologie tätigen transglobalen Unternehmen in einem unglaublichen Ausmaß und werden vielleicht bald ein alarmierend hohes Maß an Macht über uns alle haben.

Bis vor etwa fünf Jahren war die Industrie der Biotechnologie, so wie sie sich damals zeigte, zutiefst dagegen allergisch Gewinne zu machen. Laut einer Umfrage des Nature Bio/Technology Journal unter 230 Firmen hatten alle Biotech-Unternehmen zusammen im Jahr 1995 beinahe 2 Milliarden US$ an Schulden. Auf Grund ihrer hohen Kosten für Forschung und Entwicklung und ihres geringen Umsatzes waren sie ein leichtes Ziel für Akquisitionen und Übernahmen. Und Übernahmen haben wahrlich stattgefunden: im Jahre 1995 investierten pharmazeutische Unternehmen ungefähr 3,5 Milliarden US$ in die Akquisition von Biotechfirmen, zusätzlich zu den 1,6 Milliarden US$, die sie an Biotechunternehmen für die Erteilung von Lizenzen oder für Verträge im Rahmen der Forschung und Entwicklung zahlten. Bis heute haben mindestens 27 Unternehmen mit einer herbizidtoleranten Pflanzenforschung begonnen, einschließlich der acht größten Pestizidunternehmen der Welt: Bayer, Ciba-Geigy, ICI, Rhone-Poulenc, Dow/Elanco, Monsanto, Hoechst und DuPont. Außerdem haben beinahe alle Saatgutunternehmen eine vergleichbare Forschungsrichtung verfolgt, und viele dieser Unternehmen sind in letzter Zeit von Chemiefirmen aufgekauft worden.

Das Patent auf Leben als neue Weltwährung

In den Jahren 1995 und 1996 hat sich in der pharmazeutischen Industrie ein massiver Umbruch ereignet. Plötzlich begannen die größeren Firmen, unzählige kleinere zu schlucken, und machten sich damit zu Monopolbesitzern. Der größte Deal, der in diesem Rahmen zustande kam, war der Zusammenschluß von Sandoz und Ciba-Geigy zu Novartis mit einem geschätzten Volumen von 27 Milliarden US$. Dies macht Novartis zum führenden agrochemischen Unternehmen der Welt, zur zweitgrößten Saatgutfirma, zur drittgrößten pharmazeutischen Firma und zum viergrößten Veterinärmedizin-Unternehmen.

Diese enormen Kapitalbewegungen haben mit der Verwirklichung einer neuen Weltwährung zu tun, die sich schon lange abgezeichnet hat: das Patent auf Leben. Ein Patent auf Leben gewährleistet das Eigentum an einem biologischen Prozeß, üblicherweise in der Form eines genetischen Codes oder einer Genmanipulation, das den Gesetzen über die geistige Urheberschaft der Ersten Welt unterliegt. Die Biotech-Industrie expandierte enorm, als das oberste Bundesgericht der USA 1980 entschied, daß Patente auf gentechnisch hergestelltes Leben legal seien, eine Maßnahme, die im Mai dieses Jahres - trotz großen öffentlichen Widerstandes - vom Europaparlament nachgeahmt wurde, das mit 432 zu 78 Stimmen dafür stimmte, Patente auf Gentechnologien und Medikamente zu erlauben.

Das hat die Biotechnologie zu der neuen Wachstumsindustrie gemacht, eine Industrie, deren Machenschaften diejenigen von Unternehmen wie Microsoft in den Schatten stellen werden. Schließlich geht es hier um Nahrungsmittel - ein Produkt, das zumindest im Augenblick einen etwas höheren Konsumentenkreis umfaßt als jenen für digitalisierte Information. Laut einem Bericht der Environmental Health Perspectives über veränderte Lebewesen (living modified organisms - LMOs Quelle ) lassen sich folgende Hauptklassen bei veränderten Lebewesen unterscheiden, die sich derzeit in Produktion befinden:

  1. Herbizidresistente Nutzpflanzen (wie etwa neue Mais-, Sojabohnen- und Kartoffellinien), in die neue Gene überführt werden, um die Anfälligkeit der Pflanze für chemische Herbizide zu verringern oder um die Herbizide weniger giftig zu machen;
  2. Insektenresistente Nutzpflanzen (wie etwa neue Mais-, Sojabohnen- und Kartoffellinien), bei denen die überführten Gene, die zumeist aus dem Bacillus thuringiensis (Bt) stammen, bestimmte Schädlinge vernichten, die den Bt aufnehmen, ohne daß dabei toxische oder anderweitig schädliche Effekte bei Arten auftreten, die nicht zur Zielgruppe gehören;
  3. Krankheitsresistente Nutzpflanzen (wie etwa Luzerne, Kürbis, Mais und Kartoffel), bei denen die neuen Gene einen Schutz gegen Pilzbefall und andere Abwehrmechanismen gegen Pflanzenpathogene bilden;
  4. Produktgenerierende Nutzpflanzen, bei denen es die neuen Gene der Pflanze ermöglichen, nahrhaftere oder attraktivere Nahrungsmittel (die FlavrSavr-Tomate von Calgene), Seren und Impfstoffe (die veränderten Kartoffeln und Tabakpflanzen von W. R. Grace) sowie Öle für den industriellen Bedarf (neue Rapslinien) zu erzeugen;
  5. Biopestizide, die sich bislang übertragungssveränderter Formen des Bt im Freiland bedienen, um eine Zielgruppe von Schädlingsarten wie den europäischen Maiszünsler und den Colorado-Kartoffelkäfer zu vernichten, und die vielleicht bald virulente Linien von Bakuloviren umfassen werden;
  6. Produktivitätssteigernde Bakterien wie etwa stickstoffbindende (zur Erhöhung der Fruchtbarkeit des Bodens) und frosthemmende Bakterien;
  7. Tierwachstumshormone für die Produktion magereren Fleisches für gesundheitsbewußte Konsumenten oder produktiverer Tiere (zum Beispiel der Einsatz von Rindersomatotropin zur Steigerung der Milchproduktion); und
  8. Transgene Tiere, die durch die Überführung fremder DNS in befruchtete Eier erzeugt werden, um magereres Fleisch herzustellen, menschliche Krankheiten im Rahmen der medizinischen Forschung auszutragen oder als Bioreaktoren im "Pharming" für therapeutische Produkte zu dienen (wie etwa die Ziege von Genzyme Transgenics, die BR-96 zu produzieren vermag - ein sich in Test befindliches Medikament gegen Krebs).

Zum Beispiel Monsanto

Jeder einzelne dieser Bereiche ist selbst so außergewöhnlich, daß es anfänglich schwerfällt, sich wirklich darüber klar zu werden, was derartige Entwicklungen bedeuten, egal ob auf individueller, sozialer, politischer oder wirtschaftlicher Ebene. Um einen klareren Blick zu gewinnen, müssen wir sie angesichts des Vorgehens der darin tätigen Unternehmen betrachten, wofür Monsanto und sein Produkt Roundup eine perfekte Fallstudie abgibt.

Roundup - im wesentlichen eine Chemikalie mit dem Namen Glyphosat - ist das meistverkaufte Herbizid der Welt; 1996 verdiente Monsanto damit 1,5 Milliarden US$. Das Patent für Roundup wird jedoch im Jahre 2000 erlöschen, und wahrscheinlich werden Monsantos massive Gewinne bald danach zurückgehen. Der Konzern ist darauf jedoch bestens vorbereitet. Während des vergangenen Jahrzehnts hat das Unternehmen eine Reihe von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen hergestellt, die gegen Glyphosat resistent sind - Nutzpflanzen, die ausschließlich Monsanto produzieren kann, dank US-amerikanischer und europäischer LMO-Patentgesetze (1996 und 1997 erstand Monsanto Anteile an Saat- und Biotechnologiefirmen im Wert von mehr als zwei Milliarden US$). Die erste Roundup-Ready-Pflanze, die auf den Markt kam, war eine gentechnisch veränderte Sojabohne (mehr als 50 Prozent aller haltbar gemachten Nahrungsmittel enthalten Soja - was also einen enormen potentiellen Markt bedeutet).

Roundup ist ein sogenanntes "Breitbandherbizid", was bedeutet, daß es so ziemlich alles vernichtet. In der Vergangenheit mußte es auf Unkräuter vor dem Keimen der Nutzpflanze aufgebracht werden. Sind aber die Nutzpflanzen gentechnisch verändert und daher resistent gegen Glyphosat, so kann Roundup nach dem Keimen verwendet werden, und dies - so die Befürworter - ermöglicht es den Landwirten, die "Erfordernisse des Unkrautmanagements" zu verringern, indem sie vor und nach dem Keimen der Nutzpflanzen nur ein einziges Pestizid einsetzen (Sie haben es erraten: Roundup).

Bevor wir uns nun den unzähligen Problemen widmen, die sich bei einem zu hohen Einsatz eines einzigen Herbizids ergeben, werfen wir einen Blick darauf, was der Anbau von Roundup-Ready-Soja bedeutet. Beabsichtigt man, das Saatgut von Monsanto zu kaufen, verlangt das Unternehmen vorab die Unterzeichnung eines "Anbauvertrages". Dies verpflichtet Sie zu versichern, das Saatgut nur in einer Erntesaison zu benutzen (die übliche kostensparende Praxis, die Bohnen des Vorjahres aufzusparen, um sie im nächsten Jahr erneut zu pflanzen, wird damit untersagt) und es nicht weiterzuverkaufen oder anderweitig für die Forschung, den Nachbau oder irgendetwas anderes zu verwenden. Nicht nur das, Sie werden auch über drei Jahre nach dem ursprünglichen Kauf des Saatgutes dafür verantwortlich gemacht, für die Einhaltung dieser Vorschriften bei denjenigen zu sorgen, denen Sie Ihre Ernte verkaufen. Das allein ist unerhört genug und scheint darauf abzuzielen, Monsanto die Möglichkeit einzuräumen, sich im Schadensfall in weiterer Folge großer Flächen von Ackerland zu bemächtigen.

Damit aber noch nicht genug: Der Anbauvertrag verpflichtet Sie, einzig und allein Glyphosat in Form von Roundup auf Ihre Nutzpflanzen aufzubringen - eine unerhört monopolistische Praktik. Und schließlich müssen Sie auch darin einwilligen, Inspektoren von Monsanto Zutritt auf Ihr Land zu gewähren, um diese Praktiken jederzeit bis zu drei Jahre nach Kauf des Saatgutes zu überwachen, egal ob Sie dabei anwesend sind oder nicht.

Saatgutmonopolismus hat Geschichte

Wenn dies aber alles so ungeheuerlich ist, warum wollen dann so viele Landwirte unbedingt Roundup-Ready-Soja anbauen? Teilweise deshalb, weil es solche Praktiken schon sehr lange gibt. In den USA wurde gleichzeitig mit der offiziellen Öffnung der Grenze gegen den Westen im Jahre 1862 ein Landwirtschaftsministerium eingerichtet, um Saatgut für Nutzpflanzen zu sammeln, zu vermehren und zu verteilen. Bald darauf waren Universitäten und landwirtschaftliche Forschungsstationen damit beschäftigt, Pflanzen durch Inzucht zu vermehren - vor allem Mais -, um sie für industrielle Landwirtschaftsverfahren zugänglicher zu machen. Eine derartige Inzucht machte die Pflanzen jedoch in einem Maße anfälliger, in dem sie sie auch kräftigte, aber "1905 hatte man bereits eine neue Technik entwickelt, um dies wettzumachen: die Kreuzung zweier unterschiedlicher Inzuchtlinien von Mais sorgte für eine Bewahrung 'erwünschter' Eigenschaften in der Nachkommenschaft, während einige der unerwünschten Eigenschaften eliminiert wurden, [ein] Prozeß, [der] das hervorbrachte, was als 'Hybridmais' bekannt werden sollte." (Quelle ).

1944 wurden beinahe 90 Prozent des amerikanischen Maisgürtels mit Hybridmais bepflanzt.

Die Erträge stiegen dramatisch, diecorn power zeigte sich erfolgreich . . . Nur diejenigen, die die Mutterlinien und die Zuchtfolge von Hybridmais kannten, wußten, wie man diesen ertragreichen Bastard - was man in Geschäftskreisen als 'geschlossenen Stammbaum' bezeichnet - herstellte, und dieses Wissen war gesetzlich als Staatsgeheimnis geschützt. Vom geschäftlichen Standpunkt aus gesehen war es aber wichtiger, daß die Landwirte das hybride Saatgut nicht aufsparen und damit im folgenden Jahr auch nicht wiederverwenden konnten, um denselben Ertrag zu erzielen, da sich die 'Lebenskraft des Bastards' bei wiederholtem Einsatz desselben Saatgutes verschlechtern würde. Die Landwirte mußten auf die Saatgutfirmen zurückkommen, um jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen.

Jack Doyle, Altered Harvest: Agriculture, Genetics and the Fate of the World's Food Supply, S. 42

Genetische Fenster verschaffen Parasiten und Krankheiten freien Zutritt

Dies - und nicht das Schaf Dolly - ist das Klonieren, das die größten Auswirkungen auf unser Leben gehabt hat und weiterhin haben wird. Wenn 80 Prozent einer bestimmten Maispopulation virtuell gegenseitige Klone sind, so wie dies im Maisgürtel nach dem Krieg der Fall war, werden große "genetische Fenster" geschaffen, die Parasiten und Krankheiten einen freien und weitreichenden Zutritt gewähren, wenn diese einmal ausgemacht sind. Eine Epidemie dieser Art war 1970 ausgebrochen, durch einen Pilz, dessen Wachstum durch ungewöhnlich warmes und feuchtes Wetter begünstigt wurde, wodurch die USA beinahe die gesamte Maisernte dieses Jahres verloren. Nichtsdestotrotz wird jedoch die genetische Homogenisierung unserer wichtigsten Nutzpflanzen vorangetrieben, "und die daraus resultierende genetische Einförmigkeit hat viele Industrienationen zu 'gen-armen' Ländern gemacht, die nun mit Neid auf die genetischen Ressourcen ihrer 'genreichen' unterentwickelten Nachbarn blicken." (Quelle ).

Andererseits besteht kein Zweifel darüber, daß die Gentechnik die Ernteerträge beträchtlich erhöht und den Lebensstandard in der gesamten Welt enorm beeinflußt hat. Ertragreiche Pflanzen haben vorübergehend den Nahrungsmittelvorrat von Ländern wie Mexiko, Indien und den Philippinen dramatisch vergrößert. Jedoch benötigten diese Nutzpflanzen für die Erlangung ihrer hohen Produktivität gewaltige Mengen an chemischen Düngemitteln, und als die Preise für Düngemittel in den frühen 70ern dramatisch stiegen, als die OPEC begann, den Ölpreis zu erhöhen, war diese grüne Revolution an ihrem Ende angelangt. Ferner dominierten jetzt Klone der Pflanzen die lokalen Genpools, und eine Menge an Genmaterial von traditionellen Sorten (die keine Düngemittel benötigten) war verlorengegangen, was es sehr schwer machte, die Uhr wieder zurückzudrehen.

Wie De Landa so lakonisch bemerkt, können wir hier "Verfahren [beobachten], die angewandt werden, um Mikroparasiten [egal ob es sich dabei um Unkräuter, Krankheiten oder Insekten handelt] vom urbanen Strom der Biomasse abzuhalten, dazu benutzt werden, Makroparasiten (besonders gegen den Markt gerichtete Institutionen) die Möglichkeit einzuräumen, sich an vielen Stellen in die Nahrungskette einzuschalten" (Quelle ).

(Mit gegen den Markt gerichteten Institutionen sind monopolistische kapitalistische Unternehmen wie Monsanto oder Microsoft gemeint.)

Und für den Fall, daß Sie meinen sollten, dies wäre nur reines akademisches Theoretisieren, hat Robert Fraley, der Leiter der Ceregen-Abteilung von Monsanto, die Ziele der Gesellschaft in der Ausgabe des Farm Journal vom Oktober 1996 in genau denselben Begriffen formuliert (natürlich aber mit einer etwas anderen Unterton):

"Was wir vor uns haben, ist nicht nur eine Konsolidierung von Saatgutunternehmen, sondern tatsächlich eine Konsolidierung der gesamten Nahrungskette. Unternehmen wie das unsrige, das weiterhin in der Herstellung von Nahrungsmitteln und von Tiernahrung tätig sein will, versuchen allesamt, sich ihren Platz an dieser Kette zu sichern."

Erst vergangenes Monat wurde dem Landwirtschaftsministerium der USA und einem Saatgutunternehmen in Mississippi, der Delta and Pine Land Company, ein Patent für eine Technik gewährt, die die Sterilisierung der Saatgutes der meisten landwirtschaftlichen Nutzpflanzen erlaubt (New Scientist, 28. 3. 1998). Diese sogenannte "Terminator-Technologie" stellt sicher, daß niemand das "geistige Eigentum" des in ihr tätigen Saatgutunternehmens "stehlen" kann, und wahrscheinlich werden alle großen Saatgutunternehmen innerhalb der nächsten fünf Jahre diese Technik übernehmen. Nun aber ist die Hälfte aller Landwirte der Welt zu arm, um sich ein neues Saatgut für jede Saison leisten zu können. Diese Landwirte können nur überleben, wenn sie das Saatgut einer Saison aufsparen, um es in der nächsten Saison wieder zu pflanzen.

Reklamefeldzüge für gentechnische Produkte

Wir stehen hier also am Beginn des Kampfes des Kapitals um die Herrschaft über die Nutzpflanzen der Welt, der im Vergleich dazu den parallelen Kampf um die Herrschaft über die Betriebssysteme von Computern und über das globale Satellitenfernsehen unwichtig erscheinen lassen wird. So überrascht es daher nicht, daß die Industrie angesichts des Einsatzes von solch enormen Kosten eine Art der Reklamemache entwickelt hat, die ebenso idealistisch und allumfassend ist wie jene, die das Magazin Wired am Beginn des "digitalen Zeitalters" in den frühen 90ern in die Welt gesetzt hatte.

Demgemäß findet sich die folgende Ankündigung in Farm Bureau, eine Online-Zeitschrift und selbsternannte "Stimme der Landwirtschaft":

"Die Farmer der USA sehen die biotechnischen Fortschritte als die neuesten Resultate einer beständigen landwirtschaftlichen Forschung. Das ist nur ein weiterer Schritt in der Produktion von mehr und besseren Nahrungsmitteln."

Trotz der Tatsache, daß der erste Satz keinen Sinn macht und der zweite unbestimmt bleibt, fügt Farm Bureau hinzu:

"Unserer Ansicht nach bietet die Biotechnologie beträchtliche Möglichkeiten, um die Sicherheit und die Qualität von Nahrungsmitteln sowie die Produktivität von Landwirten zu erhöhen."

Potentielle Gefahrenquellen

Was das Magazin mit Bestimmtheit unterschlägt, sind manche Nachteile der Biotechnologie. Sehen wir uns einige davon an. An erster Stelle steht das Problem des Gentransfers, wobei die neuen Gene, die in Nutzpflanzen überführt werden, um Insekten-, Krankheits- oder Herbizidresistenz zu gewährleisten, auf verwandte Wildpflanzen und Unkräuter übertragen werden und dabei die genetische Verbesserung effektiv nutzlos machen. Wie sich im Labor nachweisen ließ, ereignet sich ein derartiger Gentransfer innerhalb von vier Generationen (im Reich der Pflanzen und Bakterien ist der Gentausch extrem häufig, wo Teile der DNS regelmäßig zwischen Organismen mit Hilfe von Virusvektoren und ähnlichem ausgeschnitten und eingefügt werden). Biotech-Unternehmen argumentieren damit, daß man solche Gentransfers durch eine bedachte Auswahl des Anbaugebietes und durch die Schaffung von Pufferzonen und ähnlichem verhindern könne, aber erst im April 1998 hat das Advisory Committee on Releases to the Environment (ACRE) eine Liste von Unternehmen und Forschungslabors veröffentlicht, die sich nicht an die Bedingungen ihrer Erklärungen halten konnten, biotechnische Feldexperimente durchzuführen, ganz zu schweigen von der Ausübung gewerblicher Landwirtschaft. An oberster Stelle auf dieser Liste fand sich - welche Überraschung - unser alter Freund Monsanto.

Dieses spezielle Problem wird von der Tatsache verdeckt, daß es zum Vorteil der Biotech-Unternehmen gereicht, die Vorschriften zu mißachten und ihre veränderten Pflanzen in die Wildnis entkommen zu lassen. So können sie behaupten, daß trotz der Ängste der Öffentlichkeit gentechnisch veränderte Pflanzen bereits in der Umwelt vorkommen, so daß man ihren Gebrauch nicht zu beschränken braucht. Entsprechend haben sich in den vergangenen Monaten in europäischen Häfen verschiedene "Unfälle" im Zuge des Be- und Entladens von Getreidetankern ereignet, die zu einer Vermengung von gentechnisch veränderten Saatbeständen mit unverfälschten Ladungen geführt hat. Trotz des Aufschreis von Umweltschutzverbänden hat sich der Nachweis als unmöglich erwiesen, daß diese Ereignisse vorsätzlich herbeigeführt worden waren, obwohl deren Auswirkungen auf weite Sicht klar zum Vorteil der involvierten Gesellschaften gereichen.

Das zweite Risiko liegt klarer auf der Hand. Es betrifft den möglichen Schaden, den gentechnisch veränderte Pflanzen an Arten anrichten können, die nicht zur Zielgruppe gehören, wie zum Beispiel Vögel, nützliche Insekten wie Marienkäfer und natürlich Menschen. Wie Mae-Wan Ho in ihrem Buch Genetic Engineering: Dream or Nightmare (Gateway Books) bemerkt, wissen Wissenschaftler heute wahrscheinlich ebenso wenig um die Risiken der Gentechnik wie in den 50ern um die Risiken der Radioaktivität, und wir kennen alle den Preis, den wir heute für dieses Nichtwissen zahlen müssen - und auch weiterhin werden zahlen müssen, so lange wahrscheinlich wie es Menschen geben wird. Es gibt auch eine begleitende Angst vor lawinenartigen Auswirkungen auf Ökosysteme, die extrem komplex sein können - Schädlinge und Unkräuter vermögen nicht nur Resistenzen gegenüber biotechnologischen Giften zu entwickeln, sondern Blattläuse sind auch dazu imstande, wie Ergebnisse aus Studien in Schottland nahelegen, diese Gifte tatsächlich aus gentechnisch veränderten Nutzpflanzen zu extrahieren, um sie dann zur Bekämpfung ihrer Hauptfeinde einzusetzen. Es muß nicht betont werden, daß sich derartige Effekte weder vorhersagen noch unter Kontrolle bringen lassen.

Schließlich drohen die landwirtschaftlichen und soziopolitischen Strukturen, die Konzerne wie Monsanto und Novartis durchsetzen, die biologische Vielfalt im großen Umfang zu vernichten, vor allem in Entwicklungsländern, die sich aufgrund des wirtschaftlichen Drucks leicht dazu verleiten lassen, landwirtschaftliche Verfahren, die sich der Fruchtfolge bedienen, durch eine effektive (und eine effektiv unbewiesene) Monokultur zu ersetzen.

Was auch immer die Geschäftsgrößen behaupten mögen, wir sind sehr, sehr weit entfernt, ein klares Urteil über die Sicherheit oder die langfristige Effizienz der Biotechnologie und der Gentechnik abgeben zu können. Und doch leben wir bereits mit diesen Produkten, die sich in unseren Geschäften und in vielen unserer täglichen Nahrungsmittel finden. Gefechtslinien werden gezogen, während Umweltschutzgruppen Protestgruppen zusammentrommeln und transnationale Unternehmen hinter den Kulissen um die Herrschaft darüber kämpfen, was man die "Betriebssysteme" der künftigen Landwirtschaft nennen könnte. Laut einer Umfrage, die im Guardian [17. 9. 1997] veröffentlicht wurde, besetzen Forscher und Rechtsanwälte von Monsanto bereits wichtige Posten in der Ernährungsbehörde (FDA) der USA, die "einige der umstrittensten Produkte des Unternehmens gebilligt hat, einschließlich des künstlichen Süßstoffes Aspartame und eines impfbaren Wachstumshormons für Rinder." Im selben Artikel steht zu lesen, daß "Biotech-Firmen gerade die Welthandelsorganisation dazu überreden wollen, die Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel zu verbieten."

Allein dieser letzte Punkt zeigt, wie sehr diese Unternehmen die öffentliche Meinung fürchten. Der beständige Widerstand von Landwirten und Konsumenten hat dazu geführt, daß zwei Linien gentechnisch veränderter Tomaten, "FlavrSavr" und "Endless Summer", in den USA vom Markt zurückgezogen wurden. In Großbritannien haben Supermarktketten bereits damit begonnen, Produkte von den Regalen zu nehmen, die gentechnisch verändertes Material enthalten. Außerdem stellt die landwirtschaftliche Forschung immer wieder "organische" Techniken zur Bekämpfung von Unkräutern und Schädlingen vor - so hat man beispielsweise kürzlich entdeckt, daß sich der Anteil von Unkräutern bei Nutzpflanzen dramatisch verringern läßt, wenn man die Felder in der Nacht bepflügt und das Saatgut also kein Licht bekommt, das es zum Keimen benötigt. Aber die Landwirte in der Ersten Welt sind bekannt dafür, daß sie nur ungern von chemischen Problemlösungen ablassen. Es könnte sein, daß allein breitgefächerte Aktionen von Konsumenten sie zu überzeugen vermögen.

Weiterführende Literatur:

Mae-Wan Ho, Genetic Engineering: Dream or Nightmare (Gateway Books).

Jack Doyle, Altered Harvest: Agriculture, Genetics and the Fate of the World's Food Supply (New York: Viking, 1985).

Sheldon Krimsky and Roger Wrubel, Agricultural Biotechnology and the Environment (Tufts University).

Michio Kushi and Alex Jack, Humanity at the Crossroads: Dietary and Lifestyle Guidelines for the Age of Cloning, EMFs, AIDS, Mad Cow Disease, Microwave Cooking, and Global Warming (One Peaceful World Press, 1997, $10.95).

Richard Rhodes, Deadly Feasts: Tracking the Secrets of a Terrifying New Plague (New York: Simon & Schuster, 1997, $24.00).

Laurie Garrett, The Coming Plague (New York: Penguin Books, 1996, $14.95).

R. C. Lewontin, Biology as Ideology: The Doctrine of DNA (New York: Harper Perennial, 1991, $10.00).

Ruth Hubbard and Elijah Wald, Exploding the Gene Myth (Boston: Beacon Press, 1993, $12.95).

Jane Rissler and Margaret Mellon, The Ecological Risks of Engineered Crops.

Übersetzung: Thomas Hartl

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