Online schreibt jeder, wie er will.

Maria Benning 06.07.1998

Ein "Mensch ärgere dich nicht" für Schreibnormierer

Während sich Rechtschreibexperten noch immer um die Neufassung von Regeln bemühen, gilt im Netz längst: "Sag's mit eigenen Worten" und: "Schreib, wie du sprichst". Internet-Nutzer formulieren pragmatischer, sie schrecken vor Abkürzungen, Artikellosigkeit und Wortneuschöpfungen nicht zurück. Vieles, woran sich die Diskussion über die Rechtschreibreform gerieben hat, wird online unspektakulär angewandt - etwa die radikale Kleinschreibung: "Wenn ich maile, dann schreibe ich alles klein, nicht nur die persönliche Anrede", sagt der Wiener Germanist Peter Andreas Plener. Klein statt gross - eine Demonstration flacher Hierarchien, die aber kaum mehr als antiautoritäre Geste verstanden wird.

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Auch im globalen Dorf treffen sich Leute zum Schwatzen. Die elektronische Variante des Dorftratsches geht über Mails, interaktive Websites, und sie findet in Chat-Kanälen statt:

Falloutgirl: hallo ihr zammen. schenk euch eine @--))--
Holygäähn: hin & wech lächel@falloutgirl :-)
FordPerfekt: was machtn ihr?
Falloutgirl: die schule studieren - friedhofsgärtnerin könnt ich auch sagen
SchönEr33: hab und bin scho alles / hi euch und einen Gruss an die Technik
Holygäähn: technik? is des ned wuascht, die technik? Du reds wien talg-master
SchönEr33: I ess koi wuascht nit, ohne technik hammer sofort fertich
Holygäähn:: wuff Wege-Terrier

"Eine neue sprachkreative Schriftkultur hat sich entwickelt", erklärt Annette Tra-bold vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim: "Internet-Sprache ist schriftliche Mündlichkeit".

Obwohl sie sich ständig um die Schreibnorm bemüht, schreibt die Sprecherin des Instituts für deutsche Sprache selbst auch "Mehl" statt "mail" und "nix" statt "nichts", wenn sie privat online kommuniziert. "Die Schnelligkeit der neuen Medien lässt einfach keine Zeit für den Duden", kommentiert sie. "Neue Schreibbedingungen führen zu einer neuen Schreibkultur, insofern ist das Netz wie Gutenbergs Erfindung", weiss Jürgen Rolshoven, Spezialist für Sprachinformation an der Uni Köln, für den Online-Schriftlichkeit ein zukunftsweisender Schreib-Trend ist.

Täglich gehen Surfer ins Netz, um via Tastatur und Technik zu sprechen. Lisa Grassow, eine Nachtschwester aus Oberhausen, unterhält sich nächtens im Chat-Kanal, wenn sie nichts zu tun hat. Reimund Heerster, Student aus Wuppertal, mailt täglich mit seinem Freund aus Amsterdam hin und her. Nicht alle im globalen Dorf verwenden die gleiche Sprache, geschweige denn den gleichen Dialekt. Aber alle kennen Strategien, um Missverständnisse zu vermeiden. Sie treffen sich an Plätzen, die jeder kennt und die so gestaltet sind, dass sich jeder zurecht findet, ähnlich den Windows- oder Netscape-Masken. Deren Ästhetik ist zum Kulturkennzeichen geworden, und in diesem Rahmen haben sich neue Zeichen gebildet: Etwa die schräggestellten Satzzeichensymbole, die Icons oder Emoticons genannt werden.

mousepad: leisefragwerda
lunaslover: freu dass er/sie mich bemerkt hat :-))
schaltraum: bye to all cu & a kiss 4 all of U
mac-hardcore: alles harmoniesüchtige tippfehler: Sach mal postbote ohne O, schaltraum, das könnte das richtige mantra für dich sein
lunaslover: *grins
mousepad: mac hardcore ist ein intellektueller briefträger und ich find: wenn die Sonne einen b(e)rät, dann muss man sich Schatten backen

Die Erfahrungswelten online bilden einen Sog. Er zieht immer mehr Netzsurfer an - damit hört die Dörflichkeit der Internetsprache auf und der Ballungsraum beginnt. Die darin vorherrschenden Assoziationswelten sind - wie das Leben der meisten User auch - urban, sie unterliegen Moden und sind schnelllebig. Hinsichtlich der Sprache im Netz konkurrieren viele Sprachkonzepte miteinander. Zwar existiert ein quasi dörflicher Vorrat an kulturellen Codes und Zeichen, der rudimentäre Verständlichkeit ermöglicht. Aber wie in einem städtischen Ballungsraum, der schnell wächst, ist nicht mehr alles einheitlich - etwa per Duden - geregelt. Und so kann es passieren, dass nämlich wirklich ohne h - nämlic - geschrieben wird.

Paul Sappler, Sprachhistoriker aus Tübingen, spricht bei dieser individualisierten Schreibe von einer "Schreibkultur mit Verfallsdatum". Mit der zeitlich begrenzten Haltbarkeit ihre vielen Wortneuschöpfungen gleiche sie einer Geheimsprache. "Chat-Insider wollen sich ständig von Outsidern abgrenzen", erklärt auch der Reutlinger Marcel Heyne, der Chat-Konzepte für deutsche Gesprächs-Kanäle zusammenstellt. Dazu gehören die amtlichen Regeln für Netz-Kommunikation, die sogenannte netiquette oder Nettikette.

Deren Hauptregel heisst: "Seid nett zueinander." Rechtschreibkorrekturen online sind verpönt, jeder schreibt, wie er möchte. Ein Grund dafür ist, dass die Netzplauderei wie das Internet aus den USA stammt. Dort geht es multisprachlich zu. Italiener, Mexikaner und Russen, sie alle hacken ihr Englisch in den Computer. Das Neue der Sprache im Netz besteht eben vor allem darin, dass die Anwenderperspektive akzeptiert werden muss, sie ist der Massstab, und nicht ein Regelwerk. Die Anwender bringen die Sprachnorm ins Wanken, indem sie ihrer je eigenen Sprachlogik folgen. Experimentierlust ohne Debatte über richtig und falsch, das Netz eröffnet und verteidigt diesen Freiraum.

Das virtuelle Land Internet ist damit ausgeschert aus der Reihe der Rechtschreib-Reformländer. Was für die Schule gilt, muss nicht auch im Internet so sein. Denn hier ist die Sprache eingebettet in andere Informationsträger: Farbe, Bild, Ton, Musik und Bewegung. Auf Websites sind die textsprachlichen Mittel nur ein Bestandteil der Kommunikation. Deshalb reicht oft ein Stichwort oder eine bildreiche Assoziation aus, um ganze Zusammenhänge verständlich zu machen. Zur neuen Schreibkultur haben auch veränderte Layout Bedingungen beigetragen: Netz-Typographie steht immer im Fenster, nicht isoliert. Ihre Wirkung ist davon abhängig, wie weit der Anwender sein Bild aufzieht. In diesem Rahmen erscheint Schrift auf dem Schirm. Damit wird eine neue Ästhetik kreiert, die einfacher und schneller daherkommt.

Umstritten ist, ob dies immer einen ästhetischen Mehrwert darstellt. Sicher aber ist: Das Netz ist für Surfer, sie bewegen sich wellenreitend auf etwas zu und - wenn es nicht mehr fesselnd genug ist - auch wieder weg. Auf diese Art der Fortbewegung muss sich auch die Sprache im Netz einlassen. Und so prägt die Perspektive der Netzsurfer die Online-Sprachkultur und ihre offenen Regeln: Attraktiv und rasch verstehbar muss diese Sprache sein, sonst findet sich der Sprecher im Selbstgespräch wieder. Sprache im Netz ist service-orientierter, und je deutlicher sie diesem Zweck entspricht, desto wohler fühlt sich der Surfer. Da darf keine Langeweile aufkommen, immer muss etwas Besonderes dabei sein.

Das Besondere ist meist etwas Persönliches. Sprache wird zum Erlebnisraum. Jeder erzählt von sich. Diese Koppelung an emotional besetzte Events schafft die Individualität des Ausdrucks. Sprache kann damit zu einer ungeahnt spielerisch haptischen Erlebniswelt werden. Doch gibt es auch Kritiker dieser Entwicklung: In Chatcity, dem grössten deutschen Chat-Kanal, beschweren sich Chatter schon über plumpe Knuddel-Kanäle.

Ahojbrouser: Knuddel
Peterle: wer schon willen sprechen vernünftig re-Knuddel **
AnsCar: ALLE Knuddel *lächel ahojbrouser zu **
Ahojbrouser: istsichniesicherwarumergeliebtwird :-O
Peterle: hauptsach es is so
Alpenspitz: immerweitersoundso
BlenDaxIndex: frechgrinz - hiermit verbinde ich allen die knuddelmünder und -umarm-arme ist ja schröcklich
Ahojbrouser: ihr seit eine sozial-inkompetente gesprächs WehGeh
Peterle: knuddelnknuddel hoch zehn hihi

Assoziieren und Improvisieren sind zwei für die Genese der Online-Lexik wichtige Prozesse. Schreiber greifen auf Dialekte, Regionalismen, Gruppen- und Fachsprachen sowie Anglizismen zurück. Speziell ist auch, dass Gesten ausgedrückt werden, zum Beispiel "umarm", "lächel", "rüttel", "sich abwend" und, durch die Sternchen *, die Gesten unterstreichen.

Die Hemmungen, schriftlich so zu agieren, sind gering, weil das Netz erfahrbar macht, was es heisst, mit verschiedenen Identitäten aufzutreten. Häufig agieren die Surfer anonym, oder sie nehmen einen selbstgewählten Spitznamen an. "Schon dieses vermeintlich anonyme Auftreten", meint Informationswissenschaftler Jürgen Rolshoven, "verführt zum hemmungslosen Schreiben". Das Internet verändert mit der Möglichkeit, die Identität zu wechseln, das Verständnis von Gemeinschaft, auch von Sprachgemeinschaft. Schon deshalb hat sich der Duden als allgemeines Regelungswerk überlebt. Zurecht betonen viele Sprachexperten deshalb, sie seien nur noch für die Schul- und Behördensprache zuständig.

Unternehmen wie Netscape und Yahoo haben viele Sympathien, denn sie stehen mit ihrer Erfolgsgeschichte für Möglichkeiten und Freiheiten im Netz. Eine feste Ordnung und Verbindlichkeit von Regelwerken ist angesichts dieser Aufstiegsgeschichten fragwürdig geworden. Das Fragmentarische wird nicht nur toleriert, sondern geradezu begrüsst. Was im Netz ankommt, ist nicht in erster Linie korrekt, sondern attraktiv, und das heisst oft spielerisch.

So spielt das Internet "Mensch ärgere dich nicht" mit den Schreib-Regel-Experten. Gerhard Augst, Vorsitzender der zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission, lässt sich dadurch nicht provozieren. Er hält den Schreibstil im Internet für "eine Lockerungsübung, die der verkrampften Normdiskussion gut tut." Und auch er findet es "einfach entspannend, so zu schreiben, wie man spricht". Die Rechtschreibreform habe versucht, der Schreibregel, "Schreib, wie du sprichst", mehr Geltung zu verschaffen, doch die wilde Schreibpraxis im Netz gehe weit über alle Reformvorschläge hinaus.

Inge Nordendorf, Sonderschul-Lehrerin in Leverkusen, findet die Online-Schreibstrategien schon jetzt offline wieder: "Die Schreibleistung vieler Jugendlicher ist davon beeinflusst, die individuell naheliegendste Schreibung zu wählen." Viele Pädagogen befürchten, dass eine solche Schreibkultur letztlich "picture kids" heranziehe: Die globale Dorfschule unterstütze Analphabetentum, denn Kinder könnten sich nur noch mit bewegten Bildern beschäftigten und nicht mehr differenziert ausdrücken. Für Inge Nordendorf ist das nicht zwangsläufig so: "Eher geht eine Ermutigung für die Schreibschwächeren von dieser Entwicklung aus".

Die Wiener Absichtserklärung zur Rechtschreibreform tritt für die "Wahrung einer einheitlichen Rechtschreibung im deutschen Sprachraum" ein, und die Rechtschreib-Kommission "beobachtet die künftige Sprachentwicklung", um Neuregelungen zu schaffen. Doch längst ist die einheitliche Rechtschreibung passé. Wird sich die künftige Sprachentwicklung an der Internet-Schreibkultur orientieren, dann ist die Schlacht um die einheitliche Schreibung schon jetzt verloren.

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2391/1.html
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