Der Forscher als Publicity Stuntman

Armin Medosch 26.08.1998

Chip im Arm II - Die Hintergrundstory

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Sie betreten das Bürogebäude Ihres Arbeitgebers. Die Tür schwingt automatisch auf und eine freundliche Stimme begrüßt Sie mit den Worten "guten Morgen Herr Müller, Sie haben 5 neue Emails und um 11.30 möchte Sie der Gruppenleiter in seinem Büro empfangen".
So könnte schon in naher Zukunft der Büroalltag vieler Menschen aussehen, zumindest wenn es nach den Forschern des Instituts für Kybernetik an der Universität von Reading geht. Solche und ähnliche "wissenschaftliche Erkenntnisse" hatte das Institut in einer groß aufgemachten Pressekonferenz am Dienstag verkündet.

(Anm.: Lesen Sie auch die erste News-Meldung zu dieser Story von Florian Rötzer)

Doch der Reihe nach: Schon vor mehreren Wochen war ein geheimnisvolles Fax in der Telepolis-London Außenstelle eingelangt. Am 25.August werde Prof. Kevin Warwick an der Universität Reading eine wissenschaftliche Weltneuheit präsentieren. Weitere Details könnten naturgemäß noch nicht verraten werden, doch man solle sich den Termin schon einmal freihalten. Wenig später erfolgte dann die tatsächliche Einladung zur Pressekonferenz, klarerweise wieder ohne detaillierte Informationen, welche wissenschaftliche Sensation nun vor dem staunenden Auge der Presse enthüllt werde.

Nach langer Fahrt mit U-Bahnen und Vorortezügen endlich am Institut für Kybernetik der Universität Reading angekommen, eröffnete Grant Foster, Projektleiter der Forschungsabteilung über Intelligente Gebäude die Pressekonferenz.
In den letzten Jahren sei sehr viel von der Informationsrevolution die Rede gewesen. Meistens würde dieser Begriff auf Internetanwendungen und LAN/WAN Netzwerke angewendet werden. Parallel dazu würde sich eine stille Informationsrevolution ankündigen, die auf der Verwendung wesentlich kleinerer Computer, der Microcontroller und deren Vernetzung, basiere. Die immer leistungsfähigeren, vernetzten und in die Struktur von Gebäuden integrierten Chips würden ein "Infranet" bilden, ein Netzwerk, das die Infrastruktur von Gebäuden zusammenhält.

Grant Foster sprach davon, wie solche Infranets im Zusammenspiel mit Smartcards zahlreiche neue Anwendungsmöglichkeiten eröffnen würden:

Smartcards, die zunächst einfachen Zwecken dienen sollten, wie z.B. der Speicherung von Kunden-Loyalitätspunkten bei Supermarkt-Club-Mitgliedsprogrammen, würden - wegen des "function creep" Phänomens - mit immer neuen Funktionen bestückt werden. Von der Bankinformation über die Krankengeschichte bis hin zu biometrischen Daten könnten alle möglichen Daten darauf Platz finden. "Kontaktlose" Smartcards geben diese Informationen nicht erst ab, wenn sie durch ein Lesegerät gezogen werden, wie die altmodischen Magnetstreifenkarten, sondern ihr Datengehalt kann aus einigen Metern Entfernung von Sensoren aufgefangen werden.

Damit sind z.B. Anwendungen wie "Hot Desking" denkbar. Mr. X nähert sich einem unbesetzten Arbeitsplatz in einem neuen, offenen Bürosystem ohne fest zugeteilte Arbeitsplätze, das System liest die Daten auf seiner Smartcard aus und fährt den Rechner sofort mit der Mr.X entsprechenden Konfiguration hoch.

Nach dieser Aufwärmrunde betrat schließlich Prof. Kevin Warwick das Podium. Scheinwerferlicht umgab ihn mit einer Popstar-Aura. Er werde nun von den eher abgründigen Anwendungsmöglichkeiten der neuen Technologien sprechen.

"Im Vergleich zu Smartcards", so Warwick, "können Chip-Implantate als dauerhaftere Form der Identifizierung betrachtet werden." Auf einem Chip-Implantat können Informationen zur Personenidentifizierung gespeichert sein. Zusätzlich würden aber auch Kreditkarteninformationen Platz finden. Eine Reihe von Anwendungen sei vorstellbar, von relativ harmlos und nützlich wirkenden Ideen, bis hin zu den sinistren Seiten der Technologien, wie z.B. Zwangsimplantate für Strafgefangene.

Big Brother wirft seine Schatten voraus

Der Büromensch der Zukunft würde vielleicht nicht mehr seinen Computer starten, sondern sich beim Betreten des Gebäudes virtuell einloggen. In der Gebäudesicherheit würde es dann drei Sorten von Leuten geben. Solche mit Implantaten, welche das höchste Vertrauen genießen, weil diese Informationen fälschungssicher seien, solche mit Smartcards, die immerhin noch einen gewissen User-Status erhalten könnten, und solche ohne jede technische Identifikation (bei denen dann gleich die Sicherheitssysteme hochgefahren werden).

All das, so Warwick, "stinkt nach dem Großen Bruder. Mit einem Implantat weiß die Maschine immer ganz genau, wo sich ein Individuum im Gebäude aufhält. Individuen sind dann möglicherweise nichteinmal mehr in der Lage, die Toilette aufzusuchen, ohne von der Maschine die Erlaubnis dazu zu erhalten. Ist es das was wir wollen?"

Dann zeigte Warwick einen Mikrochip-Transponder. Dieses Ding ist außen aus Glas, 22 mm lang und mißt 3 mm im Durchmesser. Im Inneren befindet sich eine Spirale und eben besagter Chip. Wenn der Träger des Chips durch ein elektromagnetisches Feld geht, lädt sich die Spirale auf und der Chip sendet ein Signal mit einer (heute) 64 bit Zeichenkette ab. Größere Speichermengen seien aber schon bald mit kleineren Chips erzielbar.

Daraufhin erfüllten unhörbare Trommelwirbel den Raum, Prof. Warwick krempelte seinen linken Hemdsärmel hoch und zeigte, am Unterarm, knapp unterhalb der Ellbogensenke, eine frisch verarztete Operationsnarbe.

"Seit gestern, 16.00 Uhr bin ich technisch gesehen ein Cyborg, denn gestern wurde mir dieser Chip, den Sie hier sehen, implantiert".

Die Operation hatte Dr. George Boulos vorgenommen, bei nur örtlicher Betäubung. Wie mehrfach beteuert wurde, ist Kevin Warwick damit der erste Mensch mit einem Chip-Implantat. Auf die Nachfrage, ob man sich dessen so sicher sei, kam die Antwort, Mitarbeiter des Instituts und des BBC hätten diesbezüglich umfangreiche Recherchen im WWW (!!?) angestellt. Da das Verhalten des Chips im Körper, z.B. seine Robustheit gegen Stöße, nicht bekannt sei, würde Prof. Warwick ein großes Risiko eingehen.

Das Gebäude des Instituts für Kybernetik wurde mit einem umfassenden Netz ausgestattet, das von nun an für eine Woche - dann wird der Chip entfernt - jede Bewegung von Prof. Warwick registrieren wird. Türen werden sich automatisch öffnen, Alarmlampen werden angehen, Computer-Terminals hochgefahren und eine metallische Stimme wird sagen, "guten Morgen Prof. Warwick, Sie haben 7 neue Emails."

Fakt oder Fiktion?

Wie sich Prof. Warwick immer wieder festzuhalten bemühte, sei all dies nun nicht mehr "Science Fiction sondern Science Fact". Eine Demonstration an der sensorbestückten Eingangstür des Instituts bestätigte dann auch, daß der Chip funktionierte (und eben jene schnarrende Computerstimme losging, was im Zeitalter der 32-bit Stereosoundkarten etwas verwunderlich stimmt).

Bei der folgenden Befragung wiederholte Prof. Warwick, daß es ihm darum ginge, eine Diskussion über ethische Aspekte der neuen Technologien anzuregen, indem er zeigt, was heute schon möglich ist. Bei den daran anschließenden Schilderungen möglicher Weiterentwicklungen (Chips zur Erhöhung der menschlichen Gehirnkapazität, damit die Menschen den Maschinen überlegen bleiben) geriet jedoch genau die Grenze zwischen Science Fiction und Science Fact wiederholt durcheinander.

An einer Stelle war sich Prof. Warwick auch nicht zu gut, sich mit jenen Ärzten im 19.Jahrhundert zu vergleichen, die sich mit Bakterien ansteckender Krankheiten absichtlich infizierten, um die Wirkung neuer Impfstoffe zu erproben.

Prof. Warwicks Aktion mag von lauteren Intentionen getragen sein. Sicherlich ist es begrüßenswert, wenn ein Forscher die Diskussion um ethische, gesellschaftliche Implikationen neuer Technologien anregen will. Andere Kybernetik-Forscher arbeiten stillschweigend für den militärisch-industriellen Komplex, ohne je einen Gedanken an moralische Implikationen zu verschwenden.

Doch eines hatte Prof.Warwick letzten Dienstag ganz sicherlich nicht anzubieten, die angekündigte wissenschaftliche Neuerung. Chips dieser Art gibt es seit längerer Zeit. Letztlich handelt es sich um ein Stück Glas - und wieviele Leute, Unfallopfer z.B., laufen nicht unfreiwillig mit Glas im Körper herum. Auch das verwendete Feldbusnetzwerk (LonBuilder) ist nicht gerade eine wissenschaftliche Weltneuheit.

So blieb letztlich vor allem der fade Nachgeschmack hängen - "eine Mischung aus Enttäuschung, Schlafmangel, Adrenalin und aufgebrochenen Metaamphetaminketten" würde es in einer Cyberpunktstory a la Gibson wahrscheinlich heissen - , daß sich hier ein Wissenschaftler in die Rolle eines Publicity-Stuntmen begeben hat, um seinem Institut wieder ein wenig Presse und zusätzliche Fördergelder zu verschaffen. Da kann es einem schon schön langsam unheimlich werden, in Blairs Großbritannien, wenn sich auch die "harte Wissenschaft" plötzlich wie ein Teil der "kreativen Industrie" verhält. Und sollte das Institut für Kybernetik wieder einmal eine "wissenschaftliche Weltneuheit" ankündigen, so könnte es gut sein, daß nur eine sehr dezimierte Journalistenschar antanzt, denn die hängenden Mundwinkel waren nicht nur beim Autor dieses Berichts zu verzeichnen.

Lesen Sie auch die erste News-Meldung zu dieser Story von Florian Rötzer.

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2448/1.html
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