Öffentlichkeit ist der Sauerstoff der Demokratie

Günter Wallraff im Interview

Für die einen noch heute "der Störenfried", für die anderen bereits die Ikone des deutschen investigativen Journalismus: Günter Wallraff - der Mann der bei BILD Hans Esser war, der als Türke Ali in deutschen Atomkraftwerken fast verseucht wurde, der als "mutmaßlicher Terrorist" jahrelang Abhöraktionen und Observierungen des Bundesverfassungsschutzes ausgesetzt war. Im letzten Jahr stand er aufgrund von Morddrohungen der kurdischen PKK wochenlang unter Polizeischutz - für ihn eine "verkehrte Welt".

Telepolis-Korrespondentin Christiane Schulzki-Haddouti sprach mit dem Kölner Schriftsteller über seine Aktivitäten seit dem Buch "Ganz unten" (1985), sein Verhältnis zur Öffentlichkeit, der Politik und den Journalisten.

Als Roger Willemsen in einem AOL-Chat gefragt wurde "Was macht eigentlich Günter Wallraff?", antwortete Willemsen, die Zeit der Wallraffs sei leider vorbei.

Günter Wallraff: Aber "leider" sagt er?

Ja, "leider".

Günter Wallraff: Leider seine ja auch. Im Vergleich zu den anderen Seicht-und-Soft-Talks hatte er eine Freundlichkeit und Differenziertheit, die man sonst vermisst. Offensichtlich erträgt man ihn jetzt nicht mehr. Sicher versucht man - und da hat er recht - so etwas, was ich mache, nicht mehr zuzulassen. Es ist ein Störfaktor in dieser "Schönen-Neuen-Schein-Welt. Es liegt an mir, inwieweit ich es schaffe, mich immer wieder reinzuwürgen und ein Thema daraus zu machen. Aber es geht nicht um mich, es geht um soziale Themen. Unzumutbarkeiten der Gesellschaft, letztlich immer schlimmer werdende gesellschaftliche Zustände. Für die gibt es aber immer weniger eine Lobby, die das reklamiert und zur Sprache bringt. Ich hatte jedoch zwischendurch auch gesundheitlich bedingt Lähmungen. Ich lag flach und konnte kaum gehen. Das riß mich immer wieder aus einem großen Thema heraus. Jetzt bin ich aber wieder im aufrechten Gang und hoffe eine große Sache, die ich immer wieder mit Verzögerungen angehen mußte, doch noch fertig zu bringen.

G. Wallraff

Verraten Sie, an was Sie zur Zeit arbeiten?

Günter Wallraff: Ich kann leider nicht ins Detail gehen, da ich sonst enttarnt würde. Aber es ist eine Kontinuität meiner sonstigen Arbeit und mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Es ist nicht vom Schreibtisch her zu lösen, sonst wäre es längst fertig. Aber ich arbeite nicht fiktiv, sondern mit einem komplizierten Material wie es die Realität ist, und setze mich dem noch als Versuchskaninchen aus. Aber ich hoffe, daß ich es noch erleben und zustande bringen werde.

Was machen Sie in der Zwischenzeit?

Günter Wallraff: Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Bücher herauszugeben, die keine Beachtung finden oder auch im ganz persönlichen Sinne Hilfestellungen zu leisten. Meine Frau und ich haben zum Beispiel in einem Asylbewerberheim eine Patenschaft über eine Roma-Familie übernommen. Als sie von der Ausreise bedroht waren, haben wir sie versteckt. Wir haben auch zusammen mit Asylbewerbern unsere Hochzeit gefeiert. Das war eines der schönsten Feste, die ich erlebt habe. Mit afrikanischer Musik und Sinti- und Romamusik, das war ein Gemisch von Nachbarn, Verwandten und fast 300 Asylbewerbern und Kindern. Allein dieses Fest hat in der Nachbarschaft, wo zuvor bestimmte Ängste waren, Freundschaften zustande gebracht.

Ich habe eine Stiftung "Zusammenleben", in die ich weit über eine Million Mark hineingesteckt habe. Es handelt sich um ein Wohnmodell in einem sozialen Brennpunkt in Duisburg-Neudorf. Es ist ein Arbeiterviertel, das abgerissen werden sollte, obwohl es eine sehr reizvolle alte Architektur war. Es wurde restauriert und zu Sozialmieten an Deutsche und Ausländer vermietet. Heute gibt es dort ein Zusammenleben, wo früher enorme Probleme bestanden und Aggressionen hochgingen. Gleichzeitig gibt es ein Kommunikations- und Kulturzentrum, in dem Begegnungen stattfinden, Feste gefeiert werden und auch kulturelle Veranstaltungen organisiert werden.

Wallraff und Rushdie

Sie haben mehrere umstrittene Bücher herausgebracht. Warum?

Günter Wallraff: Gerade als Mitherausgeber der "Satanischen Verse" habe ich aus nächster Nähe erlebt, wie in diesem Lande Leute in die Knie gehen und sich einer drohenden Übermacht unterwerfen. Der Verlag war von der Veröffentlichung zurückgetreten, die Übersetzerin in Hysterie verfallen. Als das Buch schon fertig war, hat sie über ihren Rechtsanwalt dem Verlag untersagt, ihre Übersetzung selbst unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Sie hatte Angst, daß das hätte enttarnt werden können. Das was man Zivilcourage nennt, ist hier dermaßen verkümmert, daß alles wieder möglich wird. Viel zu spät haben sich mehrere Verlage und Autoren gefunden, die es dann gemeinsam herausgegeben haben.

Aber nicht nur Verlage, sondern selbst Transportgesellschaften hatten Angst ...

Günter Wallraff: Rushdie wurde in der Öffentlichkeit in eine Fehde hineingezogen, in der ein türkischer Schriftsteller, Aziz Nesin - ein Freund von mir - gegen ihn zitiert wurde. Beide ließen sich zu Äußerungen hinreißen, die ihnen schadeten. Dabei werden sie beide verfolgt: Aziz Nesin war nur durch Zufall einem Attentat entkommen, bei dem 38 Menschen ums Leben kamen. Es lag mir daran die beiden zsammen zu bringen, damit sie sich kennenlernen und aussprechen konnten. Aber da merkte ich, daß es für die Kollegen und Freunde überhaupt nicht möglich war, normal zu reisen. Die Lufthansa weigerte sich unter Vorwänden sie zu befördern. Sie könne es den Passagieren und ihrem Personal nicht zumuten - obwohl sie andere gefährdete israelische Politiker sehr wohl befördern konnte. Aber Schriftsteller sind in der Rangfolge ganz unten. Hier habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Öffentlichkeit herzustellen und habe eine Boykottaktion mit ganzseitigen Annoncen in Tageszeitungen initiiert. Auf einer Unterschriftenliste erklärten einige tausend Geschäftsleute, Werbeleute, Anwälte, Journalisten, Schriftsteller, sie würden die Lufthansa meiden, solange sie ihrer Beförderungspflicht gegenüber Rushdie nicht nachkomme. Ich mußte dann auf eigene Kosten ein Privatflugzeug chartern, damit er überhaupt hierher kommen konnte. Der Pilot durfte nicht wissen, wen er flog und ist dann ganz erschrocken, als er sah, wen er neben sich hatte. Das war alles sehr abenteuerlich. Nachdem die Öffentlichkeit da war und es der Lufthansa ans Portemonnaie ging, haben sie sich nach langen Verdrucksungen bereit erklärt, ihn zu befördern. So kann er auch jetzt immer wieder hier Freunde besuchen, Termine wahrnehmen und ein Stück aus seiner Isolation herauskommen. So ein Terrorregime wie der Iran muß merken, daß es mit dieser Angstmache keinen Erfolg hat.

Wallraff und Cürükkaya

Ein ähnliches Motiv war bei Ihnen ja auch mit der Herausgabe des Buches von Selim Cürükkaya: "PKK - Die Diktatur des Abdulla Öcalan" verbunden.

Günter Wallraff: Man muß sich immer wieder gegen den herrschenden Trend, gegen das, was angesagt ist, querlegen. So auch bei dem Cürükkaya-Buch. Cürükkaya gehörte zu den Gründungsmitgliedern der PKK und war elf Jahre in der Türkei inhaftiert und schwer gefoltert worden. Als er zum Hauptquartier nach Damaskus zurückkam, mußte er erleben, daß die PKK zu einer Politsekte eines größenwahnsinnigen Killers verkommen war. Er durfte zu seiner eigenen Frau keinen Kontakt mehr haben. Die Ehe, die Liebesbeziehung galt als Agententum und nur der große Führer durfte sich hier bedienen. Nachdem er das erlebte, hatte er den Mut, ein Buch in türkischer Sprache im Selbstverlag per Postboxvertrieb zu veröffentlichen. Daraufhin wurde er mit einem Todesurteil belegt und auch kurdische Freunde, die im deutschen Exil leben und in dem Buch positiv erwähnt werden, wurden bedroht. Aus diesem Grund habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, für das Buch einen deutschen Verlag zu finden, damit es auch hier gelesen und diskutiert werden kann. Ich habe lange keinen Verlag gefunden, bis ich einen Lektor im Fischer-Verlag kenenlernte, der das genauso empfand. Das Buch löste in der kurdischen Öffentlichkeit ziemliche Diskussion aus. Es kommen inzwischen auch andere ehemalige Führungsmitglieder, die sich der Kritik anschließen, aber sich nicht in die Öffentlichkeit wagen, da sie um ihr Leben fürchten.

Warum treten Sie bewußt in Minenfelder?

Günter Wallraff: Ich tu', was ich nicht lassen kann. Ich denke aber auch, man muß aus Fehlern lernen. Ich gehörte zu denen, die lange Zeit die Menschenrechtsverletzungen in sozialistischen Staaten nicht thematisierten oder nur in Einzelfällen sich engagierten oder Petitionen an die jeweiligen Regierungen richteten. Man wollte es nicht zum Thema machen, weil man befürchtete, sonst "im falschen Lager" zu sein. Dieses beschränkte Lagerdenken hat ja dazu geführt, daß diese Mauer und Barriere nicht nur geographisch, sondern auch in den Köpfen stattfand.

Ich bin einer der heftigsten Kritiker der türkischen Militärdemokratur, die auf dem Papier eine parlamentarische Demokratie darstellt, aber Unterdrückung von Minderheiten bis zur Folterung und täglichen Menschenrechtsverletzungen praktiziert. Dennoch darf man nicht verschweigen, daß die PKK, die Organisation, die sich zum bewaffneten Kampf entschlossen hat, im Grunde das gleiche Prinzip durchführt: Kurdische Freunde sagen, lieber kein freies Kurdistan als eines unter der Vorherrschaft dieser Organisation - das gibt Pol Pot.

Wallraff und die deutsche Presse

Welche Reaktionen bekommen Sie heute noch auf Ihre Bücher?

Günter Wallraff: Es hat auf die Bücher die heftigsten Reaktionen gegeben. Die BILD-Zeitung hat nicht nur einen Prozeßkrieg geführt, sondern mir auch mit ihren Verbündeten in den Medien ganze Serien gewidmet. Es gab einen Spürtrupp, der mir bis ins Privatleben hineinschnüffelte, das Telefon wurde abgehört. Doch dabei haben sie es nicht bewenden lassen. Sie haben mit Hilfe von Spezialisten des Bundesnachrichtendienstes eine Parallelschaltung hergestellt. Gespräche, die ich hier führte, konnten in der BILD-Redaktion Köln mitgehört werden. Ein BND-Vertrauensmann hat einem SPIEGEL-Korrespondenten in Düsseldorf offenbart, daß der BND sich damals einen Lauschangriff geleistet hat. Klaus Kinkel, damaliger BND-Präsident, hat das jedoch heruntergespielt und getan, als ob das mit dem Abhören ganz einfach wäre. Er hat aber verschwiegen, daß es sich um eine hochkomplizierte Parallelschaltung handelte. Derjenige, der es später als Zeuge offenbart hat, war der BILD-Redakteur, der dabei war. Man bedrohte ihn, um ihn von einer Aussage vor Gericht abzuhalten. Er sagte dennoch aus, die BILD-Täter kamen mit Geldstrafen von 8.000 und 10.000 Mark davon. Die Hintermänner vom BND sind bis heute nicht enttarnt und zur Verantwortung gezogen worden.

Dokument

Das war in der Vergangenheit so, wie ist das heute?

Günter Wallraff: Ich habe jetzt per Post mehrere Briefe mit meinen Tonbandkassetten mit Gesprächen mit Öcalan und anderen von einem Diplom-Übersetzer in Hamburg erhalten - die Kassetten waren einfach herausgerissen. Solche Stellen wie der Bundesnachrichtendienst machen sich nicht die Mühe, die Kassetten zu kopieren - sie werden einfach abkassiert. Es wurde auch immer wieder versucht, meine Arbeit zu behindern. Das sind alte Seilschaften, die sich auf mich kapriziert haben. Dabei spielt noch ein hoher Bundesanwalt mit. Es gibt einen Informanten, einen ehemaligen Chefreporter des Burda-Blattes "Super", der eine eidesstattliche Erklärung hinterlegt hat und gegenüber "Monitor" und RTL erklärt hat, daß er diesem Beamten noch zusätzlich hohe Geldsummen aus dem Burda-Konzern bezahlt per Kuvert zugesteckt hätte. Das wären keine Bestechungsgelder, sondern Gefälligkeitshonorare gewesen.

Damit der Beamte am Ball bleibt?

Günter Wallraff: Der war aus politischen Gründen sowieso am Ball, dazu brauchte es das Geld nicht. Mein Rechtsvertrauen ist dermaßen erschüttert, daß ich nur denke: "Das kann es nicht geben, das darf es nicht geben." Das geht auch den Redaktionen so, die diese Erklärung vorliegen haben. Der ehemalige BILD-Redakteur Heinz Willmann, der sich als Zeuge für die Abhörredaktion angeboten hatte, wurde vor dem Prozeß mehrfach bedroht und zusammengeschlagen. Man hat ihm ein Ticket nach Brasilien mit 100.000 Mark angeboten, darauf hat er sich nicht eingelassen. Als er nicht nachkam, wurde er in seiner Kölner Wohnung heimgesucht, bedroht, seine Antiquitätensammlung wurde vor seinen Augen zertrümmert. Man konfrontierte ihn mit Fotos, die zeigten, daß er mit mir noch Kontakt hätte. Schließlich wurde er tot in seiner Wohnung in einer Blutlache aufgefunden. Eine Untersuchung hat kein Fremdverschulden ergeben. Man weiß jedoch, daß es exotische Giftstoffe gibt, mit denen man jemanden verbluten lassen kann, ohne dass sich das Gift nachweisen läßt. Auch wird in der toxikologischen Reihe nur das gefunden, nachdem man sucht. Der Mann war CSU-Mitglied und hatte auch eine Zeitlang als Zuträger für den BND gearbeitet. Er war damals dabei, ein Buch über seine Erfahrungen über das Zusammenspiel von Bundesnachrichtendienst und Zeitungen zu schreiben. Vorübergehend hatte er sich im Haus meines Kölner Verlegers am Starnberger See versteckt. Er vermißte jedoch die Kneipenszene in Köln und kehrte unter Bodyguard-Schutz zurück. Dann war er leichtsinnig. Es ist ein ungeklärter Fall, der zu den Akten gelegt wurde. Das, was geklärt ist, ist die Abhöraktion der BILD-Täter, bewerkstelligt durch Spezialisten vom BND.

Der BILD-Prozeß führte noch zu einem spektakulären Urteil, das zu einer Stärkung der Meinungsfreiheit führte.

Günter Wallraff: Die BILD-Zeitung hatte einen sehr freundlich eingestellten Richter, der alles zensierte, was der Springer-Konzern nicht veröffentlich haben wollte. Nachdem er seine Arbeit getan hatte, wurde seine einzige Tochter als BILD-Zeitungsredakteurin eingestellt. Jahre später gelang es vor dem Bundesgerichtshof, die Passagen wieder frei zu bekommen. Es gibt jetzt ein BGH-Grundsatzurteil, in dem die BILD-Zeitung als "Fehlentwicklung des deutschen Journalismus" bezeichnet wird. Allein bei der Schilderung der Redaktionskonferenz wurde gesagt, die Konferenz müsse ein "geschützter Bereich bleiben - es sei denn, es werden kriminelle Sachen verhandelt. Aufgrund der vorgenommenen Rechtsgüterabwägung wurde damals erstmals die Meinungsfreiheit höher angesiedelt als der wirtschaftliche Bereich. Das gilt jetzt nicht nur für mich, sondern für jeden Journalisten und jeden Angestellten, der über schwerwiegende Mißstände oder kriminelle Machenschaften in seinem Betrieb berichten will.

Eigentlich müßten ihnen jetzt alle Journalisten dankbar sein.

Günter Wallraff: Es gibt durchaus viele, die das auch so einschätzen. Selbst bei der BILD-Zeitung gibt es Aussagen, es gäbe eine Zeit "vor Wallraff" und eine Zeit "nach Wallraff", es sei ein "heilsamer Schock" für sie gewesen. Man muß sagen, daß sie sich in ihren Rufmordgeschichten inzwischen verbessert haben. Ich kenne ein Dutzend Fälle, in denen sich Menschen nach verleumderischen BILD-Geschichten umgebracht haben. Jetzt vor kurzem gab es noch einmal einen Fall, als sich der Schauspieler Harmsdorf das Leben nahm. Die BILD-Zeitung hatte völlig falsch berichtet, er sei in monströser Art mit aufgerissenen Pulsadern durchs Dorf gelaufen und hätte die Bevölkerung geschockt. Es wurden Ärzte und Polizeibeamte als Zeugen aufgeführt, die das jedoch bestritten. Das war jetzt nochmal ein Rückfall, ansonsten sind sie zivilisierter, vorsichtiger und politisch auch nicht dermaßen reaktionär festgelegt - es sei denn es ist gerade Wahlkampf.

Wallraffs "Ganz unten"

Können Sie auch über positive Folgen ihrer Arbeit berichten?

Günter Wallraff: Es gab auch Positives nach dem Buch "Ganz unten": Arbeitsplätze wurden verbessert. Der damalige Arbeits- und Sozialminister Heinemann in NRW gründete eine Einsatzgruppe, die mit allen Mitteln ausgestattet wurde, die man sonst nur gegen Terroristen anwandte. Kontrollbesuche wurden abgestattet, gegen die Konzerne Thyssen und Mannesmann wurden Bußgelder von 1 und 1,2 Millionen Mark verhängt. Sicherheitsingenieure wurden eingestellt. Seitdem gibt es auch die mörderischen 16- bis 24-Stunden-Schichten nicht mehr, und Arbeitsschuhe sowie Sicherheitshelme wurden zur Verfügung gestellt. Der ehemalige Menschenhändler, die Hauptperson in dem Buch "Ganz unten", Vogel alias Adler sitzt heute im Knast, da er nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Drogen handelte. Er hat Ecstasy im großen Stil eingeführt. Aber er ist nur einer von Tausenden schrägen Vögeln in diesem Gewerbe.

Bundesweit hat sich die Situation verschlimmert. Das Gewerbe boomt: In Berlin ist jeder dritte Bauarbeiter ein Illegaler ohne Rechte, der dort verschlissen wird. Die neuen Pyramiden in Berlin werden von modernen Sklavenarbeitern aufgebaut. Staatsanwalte, die zum Teil Kontakt mit mir suchten, gestanden, daß sich bei ihnen die Akten türmen. Sobald es zur Anklage kommt, wird die Firma schon von neuen Strohmännern geleitet. Es müßte Gesetze gegen diesen Menschenhandel geben. Das fordern die Gewerkschaften, das ist jedoch politisch derzeit nicht durchsetzbar.

Würden Sie behaupten, daß die Maßnahmen von Innenminister Manfred Kanther, der entschlossen gegen Menschenhandel und Organisierte Kriminalität vorgeht, nicht greifen?

Günter Wallraff: Er kriminalisiert die Opfer und geht nicht an die Wurzeln. Indem er den Menschen das Einwanderungsrecht bestreitet, nehmen diese kriminellen Formen eher noch zu. Wenn es eine geregelte Einwanderungsmöglichkeit gäbe, dann würde es nicht so viele Illegale geben. Dann müßte es auch ähnlich wie in Frankreich Amnestien gegenüber denen geben, die sich jahrelang versteckt hielten und daher von diesen Menschenhändlern abhängig sind. Dann würde solchen Firmen das Handwerk gelegt werden. Hier wird an den Symptomen herumgedoktert, aber das Hauptproblem wird vertuscht. Die Opfer werden letztlich zu Tätern gemacht.

Wallraff über Journalismus

Wie definieren Sie die gesellschaftliche Aufgabe eines Journalisten?

Günter Wallraff: Ich erwarte da gar nicht viel. Es reicht schon, wenn jemand unabhängig ist. Wenn sich jemand nicht an den Trögen der jeweiligen herrschenden Parteien oder Konzerne mästen läßt und - im doppelten Sinne des Wortes - abspeisen läßt. Wenn die Spitzenpolitiker ihre Reisen unternehmen, bewegen sich alle im Troß. Das ist doch erbärmlich. Wir haben weitgehend einen Hofberichtserstattungsstil. Es zeigt doch das Dilemma, wenn ein sehr kompetenter Journalist eines Magazins sagt, daß er seine Kontakte auf höchster Ebene verlieren würde, wenn er sich kritisch verhalten würde. Falls jemand dieses ungeschriebene Stillhalteabkommen, die Freundlichkeits- und Unterwerfungshaltung durchbricht, ist er weg vom Fenster. Dann ist er sogar in der Branche unten durch.

Befinden sich Ihrer Ansicht nach alle Journalisten in dieser Lage?

Günter Wallraff: Es gibt auch den anderen Typus von Journalist. Ich rede nicht von mir, da das, was ich mache, eine Besonderheit ist. Das kann man auch niemandem anraten oder abverlangen. Das ist meistens mit Prozessen und Kampagnen verbunden - das ist wenig ermutigend und deshalb machen es auch so wenige. Es gibt jedoch auch genug Gegenbeispiele wie zum Beispiel den Prantl von der Süddeutschen oder den früheren Korrespondenten der Frankfurter Rundschau, Eckhart Spoo, den jetzigen Herausgeber von "Ossietzky". Das Gros der Journalisten ist jedoch in irgendeiner Weise indirekt abhängig. Man muß sie auch nicht bestechen. Das läuft anders: Wenn ein Konzern irgendein Produkt vorstellt, ist das zum Beispiel mit einer Reise in irgendein attraktives Urlaubsgebiet verbunden. Es gibt "Arbeitsessen", besondere Geschenke und sonstige Einladungen und Begünstigungen. So banal sieht das aus.

Begreifen Sie sich als gesellschaftspolitischen Journalisten?

Günter Wallraff: Wenn man "politisch" in einem ganz ursprünglichen Sinne sieht. Das hat nichts mit Politik zu tun, das lehne ich ab. Ich wollte auch Klaus Staeck, den ich ansonsten schätze, davon abhalten, sich in dieser SPD-Politkampagne zu engagieren, wo er Künstler, Schriftsteller, Prominente dem Schröder als Wahlkampffutter zum Fraß vorwirft. Ich schätze ihn in seinen frühen künstlerischen Aussagen. Seine künstlerische Unabhängigkeit hätte er unter Beweis stellen können, wenn er zum Beispiel Schmidt seinerzeit, oder Scharping, oder aktuell Schröder auch mal ein angemessen despektierlich-satirisches Plakat gewidmet hätte. Wenn er das versäumt, bleibt er ein angewandter Künstler, der letztlich doch ein Parteisoldat ist.

Meinen Sie, es liegt an der Persönlichkeit eines Journalisten oder Schriftstellers, ob er kritisch distanziert bleibt ? Oder liegt es auch am Umfeld, das keinen wirklich offenen Diskurs erlaubt?

Günter Wallraff: Hier kommt sehr vieles zusammen, man muß das individuell beurteilen. In der Regel sind Schriftsteller sehr einsame Menschen, die sehr wenig Außenkontakte haben. Oft geben sie sich aus einem Zustand der Beschädigung, der Isolation dem mühseligen Handwerk der Einsamkeit des Schreibens hin - was wieder oft zusätzliche Isolation bedeutet. Wenn dann eine Förderung der meist sehr ungesicherten Existenz von bestimmten Organisationen, Parteien oder vom Staat kommt, ist es sehr leicht möglich, daß so jemand versöhnt und milde gestimmt wird. Selbst diejenigen, die ursprünglich zu den Kritischsten gehören, schließen in einem bestimmten Lebensabschnitt - das Alter spielt eine Rolle, das Mürbewerden - ihren faulen Frieden. Es kann niemand ständig in der Opposition sein. Aber es gibt diese unbestechlichen, unbeugbaren Charaktere - Jürgen Fuchs gehört dazu, der in der DDR kritisch war und dafür ins Gefängnis ging. Er kritisierte kürzlich als Beirat der Gauck-Behörde diesen "kafkaesken", bürokratischen Verwaltungsapparat, der von den Geheimdiensten mißbraucht wird. In seinem Roman "Magdalena" beschreibt er das hochliterarisch und unabhängig. Hier ist plötzlich jemand, der diesen Scheinfrieden durchbricht und sich nicht als Mitspieler einbinden läßt. Aber die Versuchung ist groß.

Wallraff über sich

Was sind Sie?

Günter Wallraff: Ich bin so ein Pendler zwischen Einsiedler und Einzelkämpfer, der aber dann, wenn es darauf ankommt wieder alles riskiert. Aber zwischendurch ziehe ich mich zurück, habe auch tiefste Depressionen, weil ich merke: Das ist ein gesellschaftlicher Zustand - eine Form der Unverbindlichkeit, des Entertainments - in der ein Verdauungsapparat einer verschlingenden Mediengesellschaft alles ganz schnell, auch die Kritiker, absorbiert, vereinnahmt und sie gefügig macht. Die meisten stellen sich allzugerne als Mitspieler zur Verfügung, da es ja auch mit Verlockungen verbunden ist. Ganz wichtig ist jedoch: Dem eigenen Gewissen folgend sich nicht instrumentalisieren zu lassen.

Wie sehr hat Sie Ihre Entscheidung den Wehrdienst zu verweigern geprägt?

Günter Wallraff: Ich bin von meiner Herkunft her Berufsverweigerer. So hat meine Kriegsdienstverweigerung begonnen. Zehn Monate habe ich standgehalten - damals noch fast von einem halbfaschistischen Apparat mit Nazis und Revanchisten durchsetzt - und hatte aus christlichen Prinzipien mich geweigert, ein Gewehr in die Hand zu nehmen. Das hat mich geprägt. Ich war damals eher ein Träumer. Ich habe damals in mein Tagebuch geschrieben, Wolf Biermann hat es später vertont:

"Ich träumte
das Leben sei ein Traum
und wachte auf davon
und da war das Leben
gar kein Traum
und da schlief ich nie wieder ein.

Das war genau das Schockerlebnis, das daraus resultierte. Und das hat angehalten. Weil ich nicht nachgab und den Antrag nicht zurückzog, damals noch von Böll ermutigt wurde, wurde ich zuguterletzt in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie im Koblenzer Bundeswehrlazarett eingeliefert. Sie verliehen mir dann den einzigen Ehrentitel, den man mir damals vergeben konnte: "Abnorme Persönlichkeit, für den Krieg und Frieden untauglich." So wurde ich in die Freiheit entlassen.

Was bedeutet Verweigerung für Sie?

Günter Wallraff: Es ist auch eine Aktion der Selbstvergewisserung. Das was später als Kunstform sich feierlich zelebrierte - Happening -, das habe ich nicht als Kunstform deklariert, sondern gelebt. Das hat damals Staeck gut erkannt, als ich 1974 die Griechenlandaktion machte. Ich habe mich damals auf dem Syntagma-Platz in Athen angekettet und mit Flugblättern für die Freilassung von politischen Gefangenen und die Meinungsfreiheit demonstriert - mit der Absicht in die Rolle eines politischen Gefangenen zu kommen. Das war Zweck der Übung, kein Selbstzweck. Wenn ich damals zum nächsten Flugzeug geleitet worden wäre, wäre es eine läppische, banale Aktion gewesen. Ich habe extra zuvor meine Kleider in griechische Kleider ausgetauscht, mein ganzes Gepäck in der Botschaft deponiert mit dem Hinweis "Bitte bis zu meiner Rückkehr aufbewahren - wird einige Zeit dauern". Die politische Polizei hat mich dann zusammengeschlagen, ich wurde bei den Verhören gefoltert und inhaftiert. Ein griechisches Militärgericht hat mich dann zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt.

Das Ganze ist auch ein Spiel. Ohne diese spielerische Haltung wäre ich vielleicht heute ein verbitterter, verhärmter Mensch. Ich setze manchmal auch mein Leben aufs Spiel. Ich habe auch ein Motto daraus entwickelt: "Wer sich nicht in Gefahr begibt, läßt sich und andere verkommen und erstickt letztlich an sich selbst." Wer sich auf die Zufälligkeit seiner Geburt, seiner Erziehung, seiner Umgebung ein für alle mal verläßt und daran nicht rüttelt, der ist sehr früh festgelegt, kann nicht mehr über den Rand blicken und beraubt sich so vieler Chancen. Egal in welcher Kultur, egal in welchen Zusammenhängen jemand lebt. Es gibt einen Satz des jüdischen Gelehrten Ben Shoma: "Wer ist weise? Der von allen lernt, selbst von denjenigen, denen man eher mit Skepsis begegnet."

An dem desorientierten Zustand unserer Gesellschaft sehe ich auch etwas Positives: Es ist eine Auflösung erstarrter Formen. Die Chaoslehre zeigt uns, daß hier neue Ordnungen, neue Strukturen enstehen können. Es wird eine neue soziale Frage geben, die Verhältnisse verlangen danach. Nur zur Zeit hält die Lobby das nieder.

Wallraff über die "Informationsgesellschaft"

Haben Sie sich eigentlich mal mit den Fragen der Informationsgesellschaft beschäftigt? Mit Fragen der Globalisierung, dem Neoliberalismus?

Günter Wallraff: Nicht auf einem abstrakten Niveau. So schrecklich diese Sekte Scientology ist, ist das die Religion unseres endkapitalistischen Zeitalters. Es ist eine adäquate Ersatzreligion. Da gilt nur der Erfolg, der Reichtum, die Effektivität und eine Erbarmungslosigkeit gegenüber Schwächeren und Abweichlern. Das was Huxley in "Brave New World" beschreibt, exerziert diese Sekte.

Aber es geht gar nicht um diese Sekte - wenn man sich bestimmte Konzernstrukturen ansieht, dann wird das Prinzip dieser Sekte bereits vollkommen praktiziert. Da braucht man nicht erst Mitglied von Scientology werden. Hier sollten die Behörden einmal sehen, ob das, was hier an Mobbing und Gehirnwäsche tagtäglich praktiziert wird, nicht den Artikel 1 des Grundgesetzes verletzt: Nämlich. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Es ist ein amerikanisches Prinzip, was durch deutsche Ordnungs- und Gründlichkeitsrituale noch verschärft wird. In bestimmten Konzernetagen, Banken und Versicherungen, tobt sich das erbarmunglos aus. So wie sich die Kapitalströme internationalisiert haben, so wie die Gewerkschaften nur auf nationaler Ebene Schadensbegrenzung versuchen, hat man den Eindruck, daß die Gewerkschaften versuchen die Flut des Turbokapitalismus nur noch mit einigen Sandsäcken auzufhalten. Die Verhältnisse schreien danach, daß eine neue soziale Bewegung entsteht. Sie wird sich anders definieren und organisieren müssen und die neuen technischen Möglichkeiten nutzen.

Wie wichtig ist es, über offene Informationen verfügen zu können? Sollten behördliche Informationen per Gesetz jedem Bürger zur Einsicht offen liegen?

Günter Wallraff: Ich bin selbst Betroffener: Immer wieder versuchten Geheimdienstkreise mit gefälschtem Geheimwissen eine Kampagne gegen mich zu lancieren und Rufmord zu betreiben. Man versucht meine Arbeit, die immer wieder subversiv ist, aber auf einer ganz bestimmten demokratischen Grundlage beruht - den Menschenrechten - zu diskreditieren.

Beispiel: Immer wieder Telefonabhöraktionen, die aufgrund von falschen Verdachtsmomenten veranlaßt wurden. Ein Gefälligkeitstelegramm wurde aus dem Bundesnachrichtendienst in Pullach an einen Kölner Oberstaatsanwalt geschickt, der selber ein glühender Strauß-Verehrer und Rechtsradikaler ist. Weil er keine Handhabe gegen mich hatte, wurde ihm dieses gefälschte Material geschickt. Da stand drin: "Einer unbestätigten Information vom Jahre 1969 zufolge soll W. Verbindungen zu spanischen Terroristen, die anarchistischen und trotzkistischen Gruppen angehören, haben. Angeblich versorgt er diese Gruppe mit Waffen und Sprengstoff." Das zu einem Zeitpunkt, zu dem ich noch nie in Spanien war, und niemandem eine Patrone geben würde, da ich überzeugter Pazifist bin. Das hatte zur Folge, daß der Staatsanwalt aus den "unbestätigten Informationen "Erkenntnisse" machte und mich wieder einmal drei Monate lang abhören ließ. Wenn sich herausstellt, daß nichts verwertbares dabei ist, wird man - wenn man Glück hat - später darüber unterrichtet.

Ein anderer Fall beruhte auf einer wahnsinnigen Konstruktion: Ich hätte Jahre zuvor eine Terroristin, Margret Schiller, unter subversivsten Umständen auf einem Bahnsteig getroffen. Jemand, der so aussah wie ich, hätte ihr ein Buch vorgehalten, sie hätte im Gegenzug genickt, wäre ausgestiegen und sie seien zusammen ein Stück weitergefahren und wieder ausgestiegen. Ein Beamter wurde dann - laut Aktenlage - gefragt, was für ein Buch es gewesen sei. "Irgendwas mit "ihr da oben, wir da unten". - "Wallraff?" - Es wurde mein Foto vorgelegt - "Ja, ist er!" - Dann hieß es: "Typ linker Rechtsanwalt, Schnauzbart." Und schon war wieder ein neuer Verdacht konstruiert und ich wurde über Monate abgehört. Als ich davon erfuhr, habe ich sofort den besten Anwalt kontaktiert, der mir bekannt war - Professor Rädecker in Bonn -, und ihn um eine Vertretung gegen das Innenministerium gebeten. Er sagte "Moment, 10 Sekunden Bedenkzeit", ich hörte, wie er am anderen Apparat das Innenministerium anruft, dann sagt er "Tut mir leid, aber ich vertrete die Gegenseite - das Innenministerium". Jahre später habe ich den damals zuständigen Innneminister, Gerhard Baum (FPD) kennengelernt, und ihn darauf angesprochen. Er sagte "Wissen Sie überhaupt, unter welchem Druck ich stand? Sie haben es mir zu verdanken, daß Sie überhaupt informiert wurden. Es gab da Geheimdienstkreise, die Sie lebenslänglich unter Verdacht halten wollten" - um mit immer neuen Vorwänden neue Abhöraktionen starten. Ich habe dann Aufklärung verlangt, was dran ist. Dann kam diese dürftige Geschichte. In diesem Zusammenhang bin ich mit einem Spiegelredakteur zu der Frau gefahren. Ich war ganz erleichtert: Margret Schiller war über 1,90 groß und ich war mir sicher, ich hätte sie nie zuvor, auch nicht in einem anderen Zusammenhang, getroffen.

Drittes Beispiel: Es gibt da auch einen Bundesanwalt, der mir andichtet, ich hätte einen geheimdienstlichen Kontakt zur Staatssicherheit unterhalten und unter dem Deckname WALKÜRE gearbeitet. Statt mich dazu anzuhören, lanciert er das dem SPIEGEL und der BILD-Zeitung. Er fädelte es in die Anklageschrift von Wolf ein, um mich als Zeugen vorzuführen. Ich habe damals in einem ZDF-Interview erklärt: "Sollte dieser Irrsinn fabriziert werden, erkläre ich hiermit verbindlich, daß ich das nur als Satire auffassen kann. Ich werde dann im Walkürekostüm vor Gericht erscheinen - mit Wagnermusik im Kassettenrekorder. Nachdem ich das verbindlich erklärt hatte, hat man mir diesen Gefallen nicht getan. Es gab ein Komplott einiger "Super"-Journalisten im Zusammenspiel mit Geheimdienstleuten, die einem ehemaligen, alkoholkranken Stasi-Mann für 3000 Mark monatlich und dem Versprechen einer künftigen Lebensstellung Falschaussagen in den Mund legten, um mich in dieser Sache vorführen zu können. Ihm sagten sie: "Morgen kommt der Siggi" - das war Bundesrichter Siegmund - "und wenn du ihm nicht das und das erzählst, dann wird es dir ganz dreckig gehen." Er hat gesagt, das sind doch Stasi-Methoden, die ich hier nie für möglich gehalten habe. Vor Gericht hat er sich dann zur Wahrheit durchgerungen und das Ganze aufgeklärt. Den Prozeß habe ich gewonnen.

Jetzt vor wenigen Monaten ist ein neunseitiges Papier, ein Stasi-Dossier aufgetaucht, das genau das widerlegt, was dieses Komplott behauptet hatte und das belegt, was ich immer gesagt habe: Ich habe von '68 bis '71 Archive in der DDR genutzt, habe diesen Archiven z.B. zu verdanken, dass der Leiter des Sicherheitsdienstes des Warschauer Ghettos, Dr. Ludwig Hahn, der in Hamburg als hochangesehener Geschäftsmann lebte, verhaftet und vor Gericht gestellt werden konnte. Er wurde dann zu lebenslänglicher Haft wegen der Ermordung von 280.000 Juden im Warschauer Ghetto verurteilt. In dem Dossier kam plötzlich heraus, daß ich in den Jahren '68 und '71 unter dem Deckname WAGNER regisitriert war - nicht unter WALKÜRE. Man sah auch - so die Lesart der Gauck-Behörde, ganz anders als der FOCUS -, daß die Staatssicherheit mich nicht "lenken und abschöpfen" konnte, daß ich mich nicht vom "marxistisch-leninistischen Standpunkt aus leiten ließ" und "anarchistische Vorstellungen hätte. Ja klar, ich hatte die DDR von links kritisiert und gesagt, daß ich, wenn ich in diesem bürokratischer, menschenfeindlicher Haufen leben und arbeiten würde, dort schon längst inhaftiert wäre. Das war unmißverständlich. Aber es gab eine Gemeinsamkeit, wie ich damals glaubte: Die Bewältigung des Faschismus, die Aufklärung hiesiger faschistischer Vergangenheiten. Hätten wir damals so etwas wie eine Gauck-Behörde gehabt, hätte ich mich nicht in einem DDR-Archiv umsehen müssen.

G. Wallraff

Was denken Sie über Öffentlichkeit und Demokratie?

Günter Wallraff: Je mehr Öffentlichkeit hergestellt wird, desto mehr Sauerstoff wird in die Demokratie hineingepumpt. Je mehr Geheimwelten, umso mehr Mief, Ausdünnung und Verkümmerung und Unterhöhlung der Demokratie. Alles was öffentliche Diskussionen schafft, ist etwas befreiendes, etwas demokratieförderndes. Jedes Geheimwissen ist letztlich eine Reduzierung der Demokratie. Jeder Bürger muß die Möglichkeit haben, seine eigenen Akten einsehen zu können. So eine Behörde darf aber auch nicht zum Selbstzweck werden. Ursprünglich machten da auch die Bürgerrechtler mit, inzwischen ist es - wie auch Jürgen Fuchs sagt - sehr verbeamtet. Geheimdienste bemächtigen sich dieses Geheimwissens, um von Fall zu Fall politisch Genehme rauszulassen und andere aus politischen Gründen der Menschenjagd auszuliefern. Da sehe ich die Probleme auch die Akten unserer Dienste sollten offen gelegt werden. Das Buch von Erich Schmidt-Eenboom - "Der BND und die deutschen Journalisten" - könnte hier übrigens zu wesentlich mehr Transparenz, Ehrlichkeit und Ausgewogenheit beitragen.

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