Notwendig ist eine Dematerialisierung und Verlangsamung unseres Lebensstils
Ein Gespräch mit F.-J. Radermacher vom FAW über die nachhaltige Informationsgesellschaft
Im Oktober 1987 wurde das Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung als Deutschlands erstes eigenständiges Institut für Künstliche Intelligenz gegründet. Franz-Josef Rademacher ist seit der Gründung Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts. Er versucht, die technischen Entwicklungen für einen sanften Umbau der Weltökonomie in den Dienst zu nehmen, um eine nachhaltige Informationsgesellschaft zu schaffen.
Siehe auch: We told you so ... Ein Gespräch mit dem Zukunftsforscher Dennis Meadows
Herr Radermacher, was hat Sie dazu getrieben, gleich zwei Doktortitel, in Mathematik und Wirtschaftswissenschaft, zu erwerben?
Radermacher: Ich hatte von vornherein vor, die Ökonomie als eigenes Fach zu bearbeiten. Eine formale Qualifikation in diesem Gebiet ist häufig die Voraussetzung dafür, überhaupt ernstgenommen zu werden. Als reiner Mathematiker oder z. B. auch als Philosoph gilt man sonst unter Wirtschaftsexperten leicht als weltfremd.
Sie sind wissenschaftlicher Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorietierte Wissensverarbeitung (FAW) an der Universität Ulm seit dessen Gründung im Jahr 1987. Wie ist es zu diesem Institut, dem ersten selbständigen Institut in Deutschland für Künstliche Intelligenz, gekommen?
Radermacher: Es gab damals eine Gründerwelle für Institute im Bereich der Künstlichen Intelligenz. In Baden-Württemberg wurde die Idee für ein eigenes Forschungsinstitut besonders vom damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth und seiner Mitarbeiterin, Frau Dr. Dr. Heike von Benda in Zusammenarbeit mit verschiedenen Firmen propagiert. Nach einer Einigung unter den Partnern über Struktur und Finanzierung des Instituts bin ich im Rahmen eines öffentlichen Ausschreibungsverfahrens als Institutsleiter dazu gekommen.
Das Institut verdankt seine Existenz also einer politischen Initiative?
Radermacher: Politik und Wirtschaft haben eine Orientierung und einen Finanzierungsrahmen bereitgestellt und sehr ambitionierte Ziele formuliert, teilweise in Konkurrenz zu einer anstehenden Gründung des Bundes, dem DFKI (Deutsches Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz), das dann zwei Jahre später in Kaiserslautern und Saarbrücken seinen Betrieb aufgenommen hat. Es gab also eine klare Vorstellung, wohin man wollte, und ebenso über die Größenordnung. Das Institut sollte anwendungsorientiert sein und eher auf Wissensverarbeitung als auf Künstliche Intelligenz ausgerichtet sein. Das kommt ja auch im Namen des FAW (Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung) zum Ausdruck.
Viele Menschen halten so etwas wie künstliche Intelligenz für prinzipiell unmöglich.
Radermacher: Ein Problem bilden hier - wie oft - die Begriffe. Ich persönlich verstehe Künstliche Intelligenz als eine Kombination von Informationsverarbeitungsmechanismen auf der Ebene neuronaler Netze sowie der Symbolverarbeitungsebene, die man beide in biologischen Systemen findet und beide auch sehr weitgehend auf Maschinen übertragen kann. Eine der Zielvorstellungen, die mich heute besonders interessieren, sind Maschinen, die so etwas wie eine Aufmerksamkeitssteuerung zum Umgang mit vielfältigen Aufgaben haben und die über Bewertungsfähigkeiten sowie über "Annäherungen" an Emotionen und an Bewußtsein im Sinne eines obersten Kontrollkanals für das eigene Handeln verfügen. Ich sehe eigentlich kaum Grenzen dessen, was auf Dauer technisch realisierbar sein könnte. An vielen Stellen sind die Maschinen heute schon weiter als die biologischen Systeme, gerade auch in der Verarbeitung komplexer algorithmischer Methoden. Insofern sehe ich da kein grundsätzliches Problem der Machbarkeit.
Science-fiction-Szenarien bringen häufig tief verwurzelte Ängste vor Künstlicher Intelligenz zum Ausdruck. Dagegen scheinen Sie, was die modernen Informationstechnologien betrifft, eher zum Optimismus zu neigen.
Radermacher: Die Frage ist, worauf sich hier das Wort Optimismus bezieht. Der Kern meiner Aussage ist, daß ich nicht sehe, daß biologische Lösungen irgendwelche Ebenen besitzen, die man technisch nicht auf Dauer erreichen könnte. Ob dann die Menschheit vernünftigerweise intelligente Maschinen dieses Typs bauen sollte, wenn es uns um unsere langfristig erreichbare menschliche Lebensqualität und bestimmte Vorstellungen von menschlicher Würde geht - das ist eine ganz andere Frage.
Bei der Jahrestagung über Künstliche Intelligenz, die vor kurzem in Bremen stattgefunden hat, haben Sie ein Forum geleitet, bei dem es um den Beitrag moderner Informations- und Kommunikationstechnologien zur Lösung der drängenden Weltprobleme ging. Welches sind Ihrer Meinung nach die drängendsten Probleme?
Radermacher: Die drängendsten Probleme weltweit haben zu tun mit der raschen Entwicklung der Weltbevölkerung, mit der zu erwartenden Übernahme des westlichen Lebensmodells durch Milliarden von Menschen im Rahmen der ökonomischen Globalisierung und in der Folge davon der Gefahr einer Zerstörung sowohl von sozialem und kulturellem Kapital als auch - und das wird vielleicht das größte Problem sein - von ökologischem Kapital. Das ökologische Kapital betrifft Bereiche wie Klima, Wälder, Böden, Trinkwasser, Meere, Biodiversität.
Wie können wir diese Probleme in den Griff bekommen?
Radermacher: Dazu brauchen wir eine Kombination von zwei Dingen: Das eine ist ein enormer technischer Fortschritt - wobei Informationstechnik und Künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle spielen werden - mit dem Ziel einer Dematerialisierung unseres Lebensstils bzw. einer oder Erhöhung der Ressourcenproduktivität um den Faktor 10 im Verlaufe des nächsten Jahrhunderts. Zugleich aber auch die Bändigung dieser Entwicklung in Richtung auf den Erhalt von sozialem und ökologischen Kapital durch geeignete Weltordnungssysteme. Es kommt darauf an, sich über die Nutzung von Naturressourcen weltweit zu verständigen und gleichzeitig weltweite Sozialstandards gemeinsam zu implementieren, d. h. auch gemeinsam zu finanzieren: Der Norden muß in die Entwicklung und in die Standards des Südens investieren, so wie heute in Deutschland die alten Bundesländer in die neuen. Wobei unter Umständen das Handeln gerecht verteilter knapper Umweltverschmutzungsrechte zwischen Nord und Süd dem Süden die finanziellen Mittel verfügbar machen könnte, um eigene Sozialsysteme aufzubauen und Öko-Standards bei sich zu akzeptieren.
Sie denken an so etwas wie CO2-Emissions-Zertifikate, die auf der Umweltkonferenz in Kyoto beschlossen worden sind?
Radermacher: Ja genau. Und es geht auch um Joint Implementation in der Umsetzung des "Clean Development Mechanism" der Kyoto Vereinbarung. Das ist genau das Muster, entlang dem wir dieses und noch viele weitere Themenbereiche organisieren müssen.
Sie haben Modellrechnungen durchgeführt, um abzuschätzen, welche Folgen eine Verdopplung des Fleischkonsums in China oder des Milchkonsums in Indien hätten. Wie sehen die Ergebnisse aus und wie zuverlässig sind sie?
Radermacher: Das war relativ einfach. Wir haben uns das heutige Niveau angesehen und einfach rechnerisch verdoppelt. Was verändert sich zum Beispiel, wenn sich der Fleischanteil in der Ernährung eines Menschen von einem Zehntel auf zwei Zehntel erhöht? Fleisch erfordert gegenüber Getreide ungefähr den Faktor acht an primärer Bioproduktion. Das heißt in dem gewählten Beispiel dann in Getreideäquivalenten gerechnet, daß ein Mensch fast doppelt soviel verbrauchen würde wie vorher. Auf China und Indien übertragen ergeben sich erhebliche Mehranforderungen gegenüber heute. Zu beachten ist auch, daß für beide Länder zusammen bis etwa im Jahr 2050 ein Bevölkerungswachstum auf in der Summe etwa 3 Milliarden Menschen erwartet wird. Dies entspricht der Weltbevölkerung der 30er Jahre.
Bei einer zunehmenden Übernahme des westlichen Lebensstils durch diese Länder, die Sie prognostizieren, wird aber genau das passieren.
Radermacher: Ja, natürlich. Wenn die Kaufkraft in diesen Ländern steigt, ringen sie ja ökonomisch erfolgreich um dieselben Nahrungsmittelreserven wie wir. Nun läßt sich hinsichtlich der Böden nicht mehr viel machen, weil es einfach kaum noch landwirtschaftlich nicht genutzte gute Flächen gibt. Außerdem fehlt es am Wasser zum Bewässern. Natürlich kann man versuchen, mit anderen Pflanzensorten und noch mehr Dünger den Ertrag weiter zu erhöhen. Aber die Grenzen dessen, was die Landwirtschaft weltweit produzieren kann, sind absehbar. Also wird der Preis steigen, insbesondere wird Fleisch deutlich teurer werden. Mit dem Effekt, daß wir im Norden wahrscheinlich etwas weniger Fleisch essen werden, damit der Süden seinen Umfang entsprechend steigern kann. Aber da drohen natürlich alle möglichen Dumping-Prozesse und vor allem eine noch stärkere Belastung der Umwelt, um weltweit noch deutlich mehr Fleisch zu produzieren als heute. Sich in dieser Situation darauf zu einigen, dennoch die Umweltstandards zu halten, trotz der lukrativen Geschäfte, die dann locken - das wird eine große Herausforderung darstellen - und ob dies gelingen wird, ist alles andere als sicher.
Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund die gegenwärtigen Turbulenzen in Asien ein? Sind sie nicht auch eine Folge des verfehlten Versuchs, diesen Ländern über den Internationalen Währungsfond einen ihnen fremden Lebensstil aufzuzwingen?
Radermacher: Zunächst einmal glaube ich, daß Asien in Zukunft ein entscheidender, vielleicht der entscheidende Wachstumsmotor, der Welt sein wird. Diese Region wird schon von der schieren Masse der Menschen her die Zukunft bestimmen, um so mehr, als dort sehr fleißige, unternehmerisch ausgerichtete Menschen leben, die enorm in Ausbildung, Qualifikation und lebenslanges Lernen investieren. Man sollte sich aber hüten, die westlichen Modelle zu schnell und ungefiltert zu übertragen. Die Folgen zeigen sich im Moment auch in Rußland. Die Dinge so zu organisieren wie bei uns, ist erst möglich, wenn eine entsprechend lange Tradition der bürgerlichen Gesellschaft besteht, die Menschen mit den Mechanismen vertraut sind und insbesondere auch ein vergleichbar hohes materielles Niveau allgemein verfügbar ist. Wir machen heute trotzdem im Norden selber zu viele Fehler mit diesem Modell. Insbesondere ist unsere Weltwirtschaftsordnung auf der Finanzseite viel zu sehr auf kurzfristige Effekte ausgerichtet. Dafür zahlt man dann den Preis, wenn spekulative Blasen platzen. An dem langfristigen Trend des Wachstums in Südostasien kann es aber meiner Ansicht nach trotz der aktuellen Probleme in dieser Weltregion keinen Zweifel geben.
In den Thesen, die Sie für die Europäische Kommission mitformuliert haben, wird die Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung als zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wieviel Zeit noch bleibt, um dieses Ziel zu erreichen? Gibt es auf dem Weg dorthin Etappenziele?
Radermacher: Dieses Ziel ist definitionsgemäß ein langfristiges. Es geht darum, zukunftsfähig zu sein. Zukunftsfähig bedeutet heute zumindest einen Zeitraum von zweihundert bzw. dreihundert Jahren. Die Frage ist also nicht, wieviel Zeit haben wir noch, bis wir das erreicht haben, sondern: Wieviel Zeit haben wir noch, um bestimmte Dinge umzuändern, so daß wir uns in einer "sanften" Kurve auf einen Zustand zu bewegen, der die Chance auf langfristige Stabilität beinhaltet?
Wir haben dazu am FAW eine Untersuchung durchgeführt, die ergeben hat, daß wir für eine "sanfte" Umsteuerung unter bestimmten Modellannahmen vielleicht noch 20 bis 25 Jahre Zeit haben. Wir müssen also deshalb jetzt verstärkt daran arbeiten, die weltweiten Rahmensysteme zu ändern. Das passiert ja auch, etwa im Rahmen der Welthandelsorganisation oder der Vereinbarung von Klimakonventionen, wie jüngst in Kyoto. Wenn das alles in den nächsten 20 Jahren vernünftig miteinander kombiniert wird, der technische Fortschritt neue Chancen erschließt, der langsame Aufbau sozialer Elemente weltweit zu einer Reduktion der Geburtenzahlen führt, wie wir das in unseren Modellrechnungen annehmen - dann könnte eine "sanfte" Umsteuerung der Weltökonomie gelingen, bei der niemand hinter seinen Status quo zurück muß. Der Süden kann langsam aufholen, die Umwelt wird entlastet und die Lebensweise wird allgemein deutlich dematerialisierter ausgestaltet, als das heute der Fall ist.
Dematerialisierung wird immer wieder als eines der großen Potentiale der Informationstechnologien genannt. Können Sie das näher erläutern? Güter des täglichen Bedarfs wie Ernährung und Kleidung bleiben ja weiterhin erforderlich.
Radermacher: Dematerialisierung einer Ökonomie zielt zunächst einmal auf einen Mittelwert über alle gesellschaftlichen Aktivitäten. Natürlich gibt es Dinge, die inhärent physisch sind, wie etwa Nahrungsmittel. Aber wie weit ist die Kuh von dem Menschen entfernt, der die Milch trinkt? Wie aufwendig ist der Transport zu der Fabrik, in der die Milch bearbeitet und verpackt wird? Lebensmittel werden oft über große Distanzen bewegt: Da werden Schweinehälften von den Niederlanden nach Parma in eine Höhle und später wieder zurück gebracht. Krabben, die in der Nordsee gefangen wurden, kommen nach Tunesien zum Ausschälen, danach werden sie wieder zurücktransportiert. Durch eine kleinräumigere Produktion läßt sich auch bei physischen Gütern eine Menge Dematerialisierung erreichen.
Dann erwarten Sie sicherlich auch viel vom Teleshopping.
Radermacher: In den Bereichen Telearbeit, Teleshopping, E-Commerce ist offensichtlich, wie sehr man mit Technik den physischen Aufwand bestimmter Wertschöpfungsprozesse potentiell reduzieren kann. Es müssen dann nicht mehr zwei Zentner Mensch und zehn Zentner Auto bewegt werden, um zwanzig Kilo Ware zu kaufen. Vielmehr unternimmt man eine Tour durch verschiedene elektronische Märkte, bis man das findet, was man will und es elektronisch ordert. Das wird dann mit einem Verteildienst geliefert, der für zwanzig Kilo Güter anteilig nicht mehr als vierzig Kilo bewegt. Hier bestehen also riesige Dematerialisierungspotentiale. Es geht ja nur darum, den Faktor 10 im Mittel zu erreichen. In manchen Bereichen ist sicherlich auch ein Faktor von 20 oder 30 möglich, dafür bleibt in anderen der physische Anteil groß, den man nicht wegbekommen kann und auch gar nicht wegbekommen will oder muß.
Als eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu einer nachhaltige Entwicklung nennen Sie in dem Bericht des Information Society Forums der Europäischen Kommission und des Forum Info 2000 der Bundesregierung die sogenannten "Rebound-Effekte", also die Nutzung der erhöhten Ressourcenproduktivität nicht zur Senkung der Gesamtbelastungen, sondern - unintendiert - zur vermehrten Ausbeutung der Natur und der Sozialsysteme durch immer mehr Menschen und immer mehr menschliche Aktivitäten. Wie wollen Sie dieser Gefahr wirksam begegnen?
Radermacher: Indem wir die Rahmenbedingungen richtig gestalten. Die Menschheit muß sich darauf verständigen, daß im Moment die entscheidenden Fragen einerseits das soziale Kapital, anderseits die Themen Wälder, Böden, Wasser, maritime Ressourcen, Biodiversität, Klima usw. sind. In sozialer Hinsicht wäre zum Beispiel ein freier Sonntag ein wichtiges Element. Wenn Sie überall auf der Welt einen freien Sonntag haben, vermindern Sie den Marktdruck darauf, die Maschinen auch noch Sonntags laufen zu lassen.
Bezogen auf die Umweltfragen würde etwa Biodiversität heißen: Jeder Staat muß zehn Prozent seiner besten Biotope ungenutzt lassen. Staaten, die das nicht können oder wollen, können Biotopanteile in anderen Staaten kaufen und damit indirekt dort finanzieren. Wenn Vorschriften über die Art der Nutzung von Oberflächenwasser vereinbart werden, könnten sparsame Bewässerungsformen, z. B. von der Wurzel der Pflanzen her, gefordert sein. Wenn man sich nun über all diese Rahmenbedingungen weltweit abstimmt und den einzelnen Ländern Kontingente an Nutzungsumfängen zuspricht, die sie dann auch wieder handeln können, begrenzt man automatisch die Menge der entsprechenden Belastungen. Über die künstliche Verknappung erreicht man also die Verhinderung des Rebound-Effekts.
Das setzt aber eine weltweite Einigung voraus, die sich bei kleineren Fragen, wie dem Walfang, schon als schwierig genug erwiesen hat.
Radermacher: Das ist richtig. Aber ein wichtiger Punkt, auf den wir immer hinweisen und der heute in der Debatte noch nicht klar gesehen wird, ist folgender: Man kommt viel weiter, wenn man nicht jedes Thema einzeln behandelt. Effektiver ist es, wenn man einen großen "Korb" verhandelt, der das Soziale und Ökologische in all seinen Facetten beinhaltet. Dann hat das eine Land plötzlich Vorteile beim Fischkonsum, das andere bei den Wäldern und ein drittes beim Wasser. Wenn das Spektrum genügend groß ist und man die Trade-Offs richtig setzt, hat man die Chance für eine Lösung, in der alle Gewinner sind, weil sich die verschiedenen Sektoren gegenseitig kompensieren. Heute, wo noch jedes Thema einzeln verhandelt wird, hat man ständig das Problem der Gewinner und Verlierer in diesem einen Sektor - und dies ist kaum zu lösen. Sobald man eine etwas komplexere Verhandlung führen würde mit einem Geben und Nehmen aller, hätte man - entgegen dem ersten Augenschein - für den Versuch der Konsensfindung eine einfachere, spieltheoretische Konstellation.
Könnte das Internet sich zu einem globalen Gehirn entwickeln, das unter anderem das ökologische Gleichgewicht kontrolliert? Können Sie sich vorstellen, daß die Menschen die Verantwortung für die Stabilität des globalen Ökosystems weitgehend an Künstliche Intelligenz abgeben?
Radermacher: An unserem Institut studieren wir Firmen, Gesellschaften und die Menschheit als komplexe Super-Organismen. Genau wie wir als Menschen Super-Organismen sind, die auf verschiedenen Ebenen Intelligenzfunktionen und Bewußtseinsfunktionen haben, untersuchen wir, ob ein Staat, eine Firma, die Menschheit ebensolche Mechanismen besitzen - und wir haben da eine Menge Vergleichbares gefunden. Im Rahmen der Ausprägung des Superorganismus Menschheit spielen zunehmend die vernetzten Rechner eine zentrale Rolle. Sie sind so etwas wie ein schnelles Nervennetz des Superorganismus Menschheit. Und die Intelligenzleistung dieses Superorganismus wird durch technische Komponenten verstärkt. Da befinden wir uns mitten in einem evolutionären Prozeß. Aber Ihre Frage zielte ja darauf, ob dieser Organismus zum Schluß die globalen Dinge selber regeln wird, und zwar vor allem unter Nutzung von Methoden der künstlichen Intelligenz und unter weitgehendem Ausschluß der Menschen. Das ist dann noch ein eigenes Thema.
Ich denke etwa an die Datenmengen, die von Erdbeobachtungssatelliten geliefert werden und nur noch automatisch ausgewertet werden können.
Radermacher: Das ist richtig. Die Bewältigung der großen Datenmengen ist ohne Rechner und technische Verarbeitungsprozesse unmöglich. Hier geht es um Informationsverarbeitung, Filterung, Aufbereitung - in gewisser Weise um Standardaufgaben. Richtig spannend wird es aber, wenn man darauf abzielt, daß technische Systeme in solchen Daten neue Zusammenhänge erkennen sollen. Entwickeln Maschinen gar neue Begriffe? Muß der Mensch sich die Ergebnisse noch ansehen und bestätigen? Oder können und dürfen technische Systeme mit neuen Begriffen zu neuen Theorien kommen und darauf aufbauend vielleicht irgendwann sogar ihr eigenes Verhalten modifizieren . . . ?
Das hängt davon ab, ob wir die Systeme so bauen! Ich habe schon angedeutet, daß ich das alles für problematisch halte und persönlich lieber nicht so weit gehen würde. Es kann aber durchaus sein, daß unser ökonomisches System uns über die Märkte letztlich genau dorthin führt, selbst wenn die Mehrheit der Menschen dies eigentlich nicht will. Dies ist für mich ein Grund mehr, vorsichtig zu sein. Wir landen bei dieser Frage übrigens wieder an derselben Stelle wie bei der Diskussion der Nachhaltigkeit: Wenn wir das alles beherrschen wollen, brauchen wir vor allem Verlangsamung. Wir brauchen eine Reduktion der Innovationsgeschwindigkeit und nicht weitere Beschleunigung. Das heißt, nach dem nächsten Faktor-10-Schub an Innovationen sollte wieder mehr Ruhe erreicht werden. Diese stellt sich dann ein, wenn es gelingt, weltweit vernünftige und vergleichbare ökologische und soziale Verhältnisse herbeizuführen. Das ist die Art von Lösung, auf die wir zusteuern müssen.
Wir haben die fast verrückte Situation, daß wir "den Tiger reiten" und noch einmal einen Faktor 10 an Innovation herausquetschen müssen, damit all diese Milliarden Menschen würdevoll leben können. Aber entscheidend ist die Verhinderung des Rebound-Effekts, um am Ende dieses Zyklus in eine Verlangsamung zu kommen, statt in eine weitere Beschleunigung.
Hinweise auf wichtige Dokumente:
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Information Society Forum und Forum Info 2000: Herausforderungen 2025 - Auf dem Weg in eine nachhaltige Informationsgesellschaft / Challenges 2025 - On the way to a sustainable Information Society. FAW Ulm, 1998; siehe auch http://www.faw.uni-ulm.de
Forum Info 2000: Nachhaltige Entwicklung und Informationsgesellschaft. Bericht der Arbeitsgruppe 3 des Forum Info 2000, Bonn, 1998; siehe auch http://www.faw.uni-ulm.de
Information Society Forum: Information Society, Globalisation and Sustainable Development. Contribution of Working Group 4 "Sustainability in the Information Society" to the 2nd Report of the Information Society Forum. FAW Ulm, 1998; siehe auch http://www.faw.uni-ulm.de
Alle Broschüren können beim FAW kostenlos angefordert werden bei Prof. Dr. Dr. F. J. Radermacher
Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW)
Helmholtzstr. 16, D-89081 Ulm; Postfach 2060, D-89010 Ulm
Tel. (+49)0731-501-100, Fax (+49)0731-501-111 oder sind über www.faw.uni-ulm.de abrufbar.
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