Die großen Prophezeiungen
Ein Symposium mit Physikern, Trendforschern und Wahrsagern fand in Österreich statt
Das Jahr 2000 wirft seine Schatten voraus: Man interessiert sich wieder für die Zukunft. "Die großen Prophezeiungen" sind das Thema einer Veranstaltungsreihe des niederösterreichischen Donaufestivals. Es begann mit einem Symposium am 23. und 24. Oktober im Naturhistorischen Museum Wien und, am zweiten Tag, im Stift Geras im niederösterreichischen Waldviertel. An diesen schönen Plätzen traf sich eine gemischte Gesellschaft renommierter Referenten - von Physikern bis zu Science-Fiction-Autoren, von Trendforschern bis zu professionellen Wahrsagern.
Schon die Begrüßungsreden brachten eine Überraschung: Anstatt des üblichen einschläfernden Sermons erwiesen sie sich als informativ und unterhaltend. Der Intendant des Niederösterreichischen Donaufestivals Alf Krauliz, "Nostradamus & Co. - vom Umgang mit Prophezeiungen", erläuterte die Thematik und empfahl, Prophezeiungen eher als Warnungen zu begreifen, die einen wahren Kern enthalten könnten. Der Mitveranstalter Andreas Unterberger, Chefredakteur "Die Presse", war im Prinzip derselben Meinung, allerdings nicht im Hinblick auf Prophezeiungen, sondern auf der Basis von soliden Extrapolationen. Und der Hausherr, Bernd Lötsch, Generaldirektor des Naturhistorischen Museums, wies auf künftige Wege ökologischer Umweltbehandlung und ließ im übrigen leichten Unmut darüber erkennen, daß der Kuppelsaal seines Museums wie eine Dikothek mit blinkenden Lichtern ausgestattet worden war.
Wenig Neues brachten die Ausführungen von Bazon Brock und Herbert W. Franke. Bazon Brock, "Ich suchte mein Heil in Utopien und ein bißchen Trost in der Apokalypse", hält die schreckenerregenden Utopien für Methoden, um mit der Lebensangst fertig zu werden. Und er entwarf die Fiktion einer ewig dauernden Gegenwart, im Gegensatz zu Vergangenheit und Zukunft, die nichts anderes als unwirkliche Konstruke unserer Vorstellungen sind. Und Herbert W. Franke, "Einsteins Erben - Science Fiction als Brücke von der Phantasie zur Wissenschaft", wies darauf hin, daß die Zukunftsvorstellungen und -erwartungen vieler Menschen vorwiegend durch Science fiction geprägt sind - und dann wagte er immerhin die Voraussage intelligenter, immaterieller Roboter, die als vagabundierende Programme im digitalen Netz für die Menschen tätig sein werden - zugleich ihre Diener, Berater und Vertrauten.
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Ist der Graf von Saint Germain ein Zeitreisender? (vermutlich!) Kann man in andere Dimensionen reisen? (man kann!) Wie steht es mit dem Einfluß extraterrestrischer Kulturen auf die menschliche Zivilation? (unbedingt beachtenswert!) Peter Krassa, Johannes von Buttlar und Zecharia Sitchin widmeten sich solchen bedeutenden Themen. Dagegen wirkt die "Seherschauung zur Zukunft Europas" fast konventionell; Referent war Friedrich Doepner, in seiner Eigenschaft als Prophet Bernhard Bouvier genannt. Er beschäftigte sich vorwiegend mit eigenen (eingetroffenen) Voraussagen.
Die Prophezeiungen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Verließ man sich früher noch auf geheimnisvolle Seherkräfte, so versuchen viele der heutigen Propheten, die Art und Weise ihrer Erkenntnisse wissenschaftlich zu begründen. Felix R. Paturi, " Außersinnliche Wahrnehmung im Lichte der modernen Naturwissenschaften ", stützt sich auf morphogenetische Felder, von denen nicht viel mehr bekannt ist, als daß sie sich mit Überlichtgeschwindigkeit fortpflanzen. Damit läßt sich manches erklären - Wirkungen von Mensch zu Mensch über Raum und Zeit hinaus, Nachrichten aus der Vergangenheit und aus der Zukunft. Für das Jahr 1999 wird der Weltuntergang vorausgesagt, aber auch der Besuch von Aliens. Ob etwa beides zusammenhängt?
Der Vorstoß zu absolut neuen Erkenntnissen ist wohl nur einem der Vortragenden gelungen, dem Leiter des Instituts für Quantenphysik der Universität Innsbruck, Professor Dr. Anton Zeilinger: "Beamen und Quanten-Teleportation: Traum und Wirklichkeit ". Zunächst machte Professor Zeilinger mit einigen Aussagen seiner Koreferenten kurzen Prozeß: Voraussagen seien schon deshalb nicht möglich, weil in das Weltgeschehen zufallsbedingte physikalische Prozesse integriert sind. Und die morphogenetischen Felder seien viel zu konventionell - alte Hüte verglichen mit dem, was die neue Physik zu bieten hat.
Und damit kam er zu den aufregenden Arbeiten in den unterirdischen Versuchsanordnungen seines Instituts. Die Hörerschaft erfuhr, daß das entscheidende Experiment 1 Million österreichische Schillinge gekostet hat und daß das daran beteiligte Arbeitsteam international zusammengesetzt ist. Er zeigte ein Gruppenbild seiner Mitarbeiter, eine Ansicht des Universitätsgebäudes und ein Bild einer Anordnung einzelner Atome. Und dann kam er zur Sache. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die physikalische Überprüfung jener Gedankenexperimente, mit denen sich Einstein bei den zeitgenössischen Physikern unbeliebt machte. Damals war es noch nicht möglich, diese Experimente tatsächlich durchzuführen, doch da sie zu absurden Ergebnissen führten, durfte man an der physikalischen Grundlage zweifeln.
Genau diese absurden Ergebnisse brachte nun die Arbeitsgruppe Zeilinger hervor; die Messung bringt die Entscheidung und nicht ein auch noch so augeklügeltes Gedankenexperiment. Nicht die physikalischen Formeln sind absurd, sondern die Welt ist es, in der wir leben. Im Prinzip wurde nachgewiesen, daß es momentane, also mit unendlicher Geschwindigkeit verlaufende Wechselwirkungen gibt, doch insofern bleibt unsere Welt dennoch in Ordnung, als sich auf diese Weise weder Information noch Materie transportieren läßt. Teleportation und Beamen? - keine Chance. Merkwürdig genug, daß Prof. Zeilinger immerhin einen Quantencomputer auf Grund seiner Experimente für möglich hält. Alles in allem: Verstehen im üblichen Sinn kann man diese Phänomen - vorderhand - nicht. Und dann der Schluß: In den paar Jahrhunderten, in denen wir Physik betreiben, haben wir das Wissensgebäude der Physik lediglich angekratzt - jetzt erst beginnt der Vorstoß in die Tiefe der physikalischen Zusammenhänge. Und damit hat der Innsbrucker Physiker alle seine Kollegen, die Zukunft- und Trendforscher, die Science-Fiction-Autoren und die weitsichtigen Propheten, um einige Nasenlängen übertrumpft.
http://www.heise.de/tp/artikel/2/2523/1.html- star trek (27.3.2000 17:49)
- immer easy bleiben (10.5.1999 17:17)
- echt gecrasht (10.5.1999 15:51)
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