Eine ethische Vision der Informationsgesellschaft

22.11.1998

Zur Notwendigkeit einer Informationsethik für eine globale Welt

Die Globalisierung der Ökonomie des Immateriellen, die Grenzen und nationale Gesetze überschreitet, läßt eine politische Regulierung und eine ethische Vision der "globalen Informationsgesellschaft" dringlich werden.

Im Zeitalter des globalen Cyberspace muß man die Frage nach dem Wesen des Raums und des Allgemeinteresses ganz neu stellen. Was ist heute das globale Allgemeinwohl? Das ist keine abstrakte philosophische Frage. Es geht um ein sehr konkretes Problem, beispielsweise wie man das Recht auf geistiges Eigentum zum Nutzen des allgemeinen Interesses entwickeln könnte - und nicht nur im Dienste bestimmter Interessen, oder wie man kollektiv die Würde des Menschen zu der Zeit begreift, in der er in Form numerischer Daten erfaßt wird. Es geht auch um ein politisches Problem. Wie verkleinert man die Kluft zwischen zwischen den gut Informierten und Vernetzten, die immer besser die Informationstechniken nutzen, um zu arbeiten, pressure groups zu bilden, neue Märkte zu erschließen oder in Echtzeit auf den Börsen zu spekulieren, und jenen, die nicht nur physikalisch keinen Zugang zum Netz haben, sondern die vor allem nicht die neuen Mechanismen der globalen Ökonomie verstehen und mit ihnen umgehen können?

Der wirkliche Zugang zur Information wird das größte Problem der Cybergesellschaft sein. Angesichts der fortschreitenden ökonomischen, finanziellen und technischen Globalisierung brauchen wir eine globale Bürgerschaft und Regierung, was den Zugang zu qualitätvollen öffentlichen Informationen sowie die Existenz von Instrumenten zur politischen Steuerung erfordert, die dem Cyberzeitalter angemessen sind. Der freie Zugang zu Informationen des öffentlichen und politischen Bereichs, ein umfassendes Nachdenken über den Schutz des privaten Lebens angesichts von Techniken zur Erfassung und Verarbeitung persönlicher Daten, die Förderung von "freien" Programmen und offenen (nicht-proprietären) Standards, um eine innovative Freiheit und kollektive Zusammenarbeit zu ermöglichen, und die Verwirklichung einer kulturellen und sprachlichen Vielfalt im Netz gehören zu den Maßnahmen, die die Bildung einer demokratischeren und gerechteren Informationsgesellschaft sichern. Es muß, allgemeiner gesagt, das Verständnis des öffentlichen Raumes und der Bürgerschaft vertieft werden. Die Informationsgesellschaft ist zum "globalen Land" geworden, und wir sind dazu aufgefordert, dessen Bürger zu werden. Wie begünstigen wir die Herausbildung dieser neuen Bürgerschaft? Wie verstehen wir Demokratie im Zeitalter der Globalisierung und des Cyberspace?

Begriffe wie "globales Dorf", "Informationsgesellschaft" oder Zeitalter der "Medienkonvergenz" sind irreführend. Die Globalisierung betrifft nicht jeden auf dieselbe Weise. Es gibt "Globalisierungsreiche" und Globalisierungsarme". Vier Milliarden Menschen leben von weniger als zwei Dollar pro Tag. Weniger als ein Afrikaner pro 5000 Menschen hat einen Zugang zum Internet. Es gibt das Phänomen der Globalisierung, aber manche ziehen aus ihr den ganzen Vorteil, während die anderen immer härter unter ihr leiden. Ein Grund dafür ist, daß es keine globale Steuerung, keinen politischen Willen gibt, der sich auf der transnationalen Ebene durchsetzen und Anerkennung verschaffen kann. Das Beispiel der Steuerparadiese, der ungebremsten Zirkulation von spekulativen Kapitalströmen oder der Unfähigkeit, die globalen Umweltprobleme zu lösen, veranschaulichen diesen Punkt

Diese Abwesenheit des politischen Willens beruht selbst wiederum auf der sehr großen Schwierigkeit, das "allgemeine Interesse" zu charakterisieren, denn es wird durch die Konkurrenz zwischen Milliarden von einzelnen Interessen verdeckt.

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Die Entwicklung der Informationsgesellschaft entfaltet nur diesen Widerspruch, weswegen sie auch einige Zeichen der Hoffnung erkennen läßt. Es ist die Aufgabe der Info-Ethik, die Grundlagen einer Reflexion über die fundamentalen ethischen Prinzipien bereitzustellen, um eine politische transnationale Aktion im Kontext des Cyberzeitalters anzuregen.

Drei große Probleme bedürfen vor allem einer näheren Untersuchung:

die Frage nach dem Zugang zur Information, insbesondere des Zugangs zum öffentlichen Informationsbereich, die mit der Entwicklung des Rechts auf geistiges Eigentum verbundenen Fragen, die Frage der Vielsprachigkeit;

die Frage nach dem Schutz der Privatsphäre;

die Vorbereitung unserer Gesellschaften auf den Schock der Globalisierung.

Der Zugang zur Information. Die Förderung eines globalen öffentlichen Informationsbereichs.

Gegenwärtig ist der öffentliche Bereich gefährdet. Das ist die berühmte "Tragödie des Allgemeinguts". Wenn etwas niemandem gehört (res nullius) oder, umgekehrt, der ganzen Welt (res communis), fühlt sich niemand im Besonderen dazu verpflichtet, dessen Verteidigung zu übernehmen oder für dessen guten Gebrauch zu sorgen. Der öffentliche Bereich ist gleichbedeutend mit der res publica. Aber die globale res publica wird von keiner ausreichend starken supranationalen Instanz verteidigt.

Die Meere (mit der Überfischung), die geostationären orbitalen Positionen (die von den am weitesten entwicklten Ländern monopolisiert werden) oder das menschliche Genom (dessen Privatisierung manche unter dem Vorwand des geistigen Eigentums fordern) sind charakteristische Beispiele dieses Problems der Degradierung oder der Ausbeutung des Allgemeinguts zugunsten des Profits einzelner Interessen, ohne daß die Mehrheit der darauf einen Rechtsanspruch besitzenden Menschen (die Weltbevölkerung) dazu einen Gegenpart darstellt.

Im Kontext der Informationsgesellschaft wird der öffentliche Bereich durch alle öffentlichen Daten (Gesetze, Regierungsberichte, Rohdaten, die im öffentlichen Raum erzeugt werden) repräsentiert, aber auch durch alle Informationen, die zum öffentlichen Bereich gehören (klassische Werke, Werke, deren Autoren seit 50 oder 60 Jahren tot sind), durch wissenschaftliche Arbeiten und Artikel, die von öffentlichen Laboratorien publiziert werden, aber auch durch die Standards und nicht-proprietären Programme (wie das TCP/IP-Protokoll, aufgrund dessen das Internet erfolgreich wurde, der am Beginn des World Wide Web stehende HTML-Code oder LINUX, die gegenwärtig einzige Alternative zum Ausbeutungssystem WINDOWS).

Die WTO oder die WIPO sind sehr aktiv in der Verteidigung der privatwirtschaftlichen Interessen, der ökonomischen Akteure oder der Selbständigen, die bestimmte, mit dem industriellen oder geistigen Eigentum verbundene Interessen haben. Das ist ihre Aufgabe und ihre Mission.

Die in manchen Fällen eingenommene Position geht indessen zugunsten bestimmter Interessen so weit, daß sie das Gleichgewicht gefährden, das bislang zwischen den Nutzern und den von den Gesetzen zum Schutz des geistigen Eigentums Begünstigten geherrscht hat. Im März 1996 hat beispielsweise die EU eine Direktive verabschiedet, die ein neues geistiges Eigentum an Datenbanken schafft. "Sui generis" ermöglicht sie die Beanspruchung eines Autorenrechts auf einfachen Genen und begrenzt dadurch den Zugang von Forschern und Wissenschaftlern auf wesentliche Informationen für ihre Forschung. Ein ähnlicher Vorschlag wurde während einer Konferenz von Regierungsvertretern in Genf gemacht, die von der WIPO im Dezember 1996 organisiert wurde, aber dort konnte man nicht über die Opposition bestimmter asiatischer und Entwicklungsländer diskutieren. Daher bleibt das Thema aktuell. In den Staaten hat der Kongreß im Mai 1998 den "Collection of Information Anti-Piracy Act" (H.R. 2652) gebilligt, der im wesentlichen dieselben Schutzmechanismen für Datenbanken vorsieht. Dieses Gesetz wird nach der Gemeinschaft amerikanischer Wissenschaftler, Akademiker und Bibliothekare dazu beitragen, den Zugang zu wissenschaftlichen Daten reduzieren, die Kosten erhöhen und nicht wettbewerbsgemäße Praktiken einzuführen. Das Gesetz muß noch vom Senat ratifiziert werden. Gegenwärtig findet darüber ein intensives "Lobbying" der Fürsprecher und der Gegner statt.

Dabei ist wichtig zu erinnern, daß die Rohdaten für wissenschaftliche Forschung lebenswichtig sind. Nach der klassischen Doktrin des Copyright, kann man die Weise schützen, mit der eine bestimmte Kompilation von Daten dargestellt wird, aber nicht die Daten selbst. Sie bleiben ganz im Gegenteil für alle verfügbar. Dieses Prinzip des freien Zugangs ist für die wissenschaftliche Forschung sehr förderlich. Es verleitet die Forscher nicht, für sich Informationen zurückzuhalten, indem sie eine Zugangssperre errichten oder sich persönlich die Daten aneignen, sondern bestärkt ganz im Gegenteil jeden Wissenschaftler darin, seit Daten weitgehend als Bestandteil des gemeinsamen Wissens zugänglich zu machen, von dem jeder profitieren kann. Die Aufrechterhaltung einer solchen Umgebung des Informationsaustausches ist ganz entscheidend. Doch es ist dieses grundlegende Paradigma, das mehr und mehr unterhöhlt wird, wenn man den „Autoren" einer Datenbank ermöglicht, ihre „Rechte" auf die Auswertung und des Gebrauch der elementaren Daten durchzusetzen.

Die UNESCO bemüht sich aufgrund ihrer ethischen und moralischen Verantwortung, die Grundlagen einer Ethik des Zugangs zur Information zu erkunden, wobei sie ihre Aufgaben (Weiterentwicklung der Ausbildung, der Wissenschaften und der Kultur) und das Interesse der 186 Mitgliedsstaaten sowie der Benutzer (Lehrer, Forscher, Wissenschaftler, die Öffentlichkeit der Entwicklungsländer) berücksichtigt. Die UNESCO will sich besonders für die Förderung einer globalen res publica einsetzen, die sich aus der Summe der öffentlichen Bereiche von all ihren Mitgliedsstaaten ergibt.

Diese Frage der Schaffung einer globalen res publica der Information wird durch das Problem veranschaulicht, das sich aufgrund der faktischen Monopole stellt. Der Prozeß Microsoft gegen die Vereinigten Staaten im Rahmen des Anti-Trust-Gesetzes ist dafür ein Beispiel (siehe dazu auch von Philippe Queau: Vom Allgemeininteresse im Cyberzeitalter).

Die Logik des Marktes begünstigt die Entstehung von Standards und Monopolen oder Oligopolen, denn der Markt begünstigt die Sieger, die schließlich eine vorherrschende oder sogar monopolistische Position aufgrund der Macht des Gesetzes der „wachsenden Rendite" einnehmen, das auch in der Ökonomie des Immateriellen seine Anwendung findet. Nur wenn die Standards oder die Programme zu Monopolen werden, geht das ganz offensichtlich zu Lasten des allgemeinen Interesses. Das Gesetz des Wettbewerbs bestätigt das übrigens deutlich, ebenso wie dieser Sacherhalt im Anti-Trust-Gesetz der USA, im Vertrag von Rom im europäischen Recht oder in der Gesetzgebung vom 1. Dezember 1986 im französischen Recht Eingang gefunden hat.

In diesem Kontext hat das Konzept des freien Programms mit seiner Bedeutung im Hinblick auf das Risiko der Monopolisierung von Ausbeutungssystemen seinen Verdienst darin, die Frage nach einer koordinierten Aktion auf globaler Ebene seitens der Regierungen oder ganz einfach seitens der öffentlichen Laboratorien und Universitäten zu stellen. Das Abenteuer von LINUX ist diesbezüglich ein Beispiel.

Die Vielsprachigkeit und die Vielfalt der Kulturen im Cyberzeitalter

Gegenwärtig sprechen neun von zehn Internetbenutzern die englische Sprache, und die Zahl der amerikanischen Internauten ist etwa so groß wie die der Nicht-Amerikaner. Doch letztere werden sich mit einer jährlichen Zunahme von 70 Prozent bis zum Jahr 2002 verzehnfacht haben. Der Kampf der Vielsprachigkeit hat noch nicht einmal begonnen ...

Das Problem liegt nicht nur in den Codes. UNICODE, ein System der universellen Codierung ermöglicht theoretisch, alle Sprachen der Welt zu codieren. In Wirklichkeit aber bleiben einige Probleme ungelöst, wie zum Beispiel die Sprachen mit Agglutination wie Tamoul oder Cinghalais, aber auch das Problem der chinesischen, koreanischen und japanischen Ideogramme. Sie wurden auf dieselbe Weise mit dem UNICODE codiert, aber sie verweisen dann nicht mehr auf dieselbe Bedeutung in diesen drei Sprachen, was für die auf dieser Codierung begründeten Forschungen folglich bestimmte Probleme mit sich bringt.

Man kann sich die Affäre der Gesellschaft Hangul and Computer vergegenwärtigen, die nach einer Vereinbarung mit Microsoft akzeptierte, die Entwicklung des einzigen Textverarbeitungsprogramms für die koreanische Sprache gegen eine Investition von 20 Millionen Dollar einzustellen. Microsoft hoffte also, sein eigenes Monopol auf die koreanischen Textverarbeitungsprogramme durchzusetzen. Diese Affäre hat Wut und Frustration bei den koreanischen Nutzern ausgelöst. Handelte es sich dabei lediglich um den Aufeinanderprall des kulturellen Hochmuts der Koreaner auf das aggressive Marketing von Microsoft? Oder ist es ein Symptom des viel tiefer gehenden Problems einer zerstörerischen Standardisierung von Kulturen und Sprachen, die von der Woge der vereinheitlichenden Rationalität des Welthandels und der normativen Logik ausgeht? Probleme wie vielsprachige Browserprogramme oder automatische Übersetzungen werden damit gleichermaßen berührt. Man spricht beispielsweise von der Gefahr, Abstracts oder Zusammenfassungen machen zu müssen, die „maschinenfreundlich" sind und die Autoren dazu zwingen, ihren Stil oder ihr Denken so zu verändern, daß sie für Übersetzungsautomaten verständlich sind ...

Ein noch bedenklicheres Problem ist die schleichende Standardisierung der Kulturen. Der digitale Code, das Internet und der Cyberspace verstärken die Durchsetzung von abstrakten Kulturformen. Die mündlichen Kulturen haben beispielsweise im Cyberspace strukturell keinen Platz oder nur in einer musealisierten Weise. Das ist ein Phänomen mit schwerwiegenden Folgen: eine Kultur der Technik, der Abstraktion und des Virtuellen setzt sich als weltweite kulturelle Norm, als latenter einziger Bezugspunkt durch, wodurch die anderen „Seinsweisen" marginalisiert werden.

Das Privatleben, die Vertraulichkeit, die Informationssicherheit im Cyberspace

Alle haben bereits von den mächtigen Techniken des Data-Mining (der Ausbeutung der persönlichen Daten) oder vom Projekt ECHELON gehört, einem globalen Spionagenetz, das vor einigen in fünf angelsächsischen Ländern (USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland) eingerichtet wurde. Das sind für die Frage nach dem Schutz des Privatlebens angesichts der globalen Informationsgesellschaft zwei Beispiele mit ökonomischen und politischen Implikationen

Der Schutz des Privatlebens ist am Ende dieses Jahrhunderts zu einer der wichtigsten Aufgaben bei den Menschenrechten geworden. Sie hat mit den Grundlagen der Menschenwürde und dem heiligen Wesen der menschlichen Person zu tun, die aus kommerziellen und politischen Zwecken durch gefährliche Formen des Eindringen bedroht werden. Die Technik des Data-Mining eröffnet Regierungen und privaten Organisationen eine Überwachung der Massen und die Herstellung eines personalisierten Profils von allen, ohne daß es eine Gegenmacht gäbe. Von fortgeschrittenen Systemen im Bereich der Medizin und des Transports sowie über finanzielle oder kommerzielle Transaktionen werden riesige Informationemengen über die Individuen angesammelt. Ein enges Überwachungsnetz umgibt uns von der Wiege bis zum Grab, vom Büro bis zum Krankenhaus.

Ende Oktober ist in Europa die Direktive zum Schutz persönlicher Daten in Kraft getreten, nachdem sie vier Jahre zuvor gebilligt wurde. Zum Schutz der Bürger ist eine Vielzahl von Maßnahmen vorgesehen. Doch außerhalb von Europa gibt es nur wenige Staaten, die sich des Problems bewußt sind, oder die es wagen, den elektronischen Handel zu behindern. In den USA hat man den Weg der Selbstorganisation gewählt. Die Unternehmen sind gehalten, sich selbst zu beschränken. Aber warum sollten sie dies machen, da das Anhäufen von persönlichen Daten eine Quelle des Profits und von wertvollen Informationen für die Vermarktungsstrategien darstellen?

Die Situation ist in Entwicklungsländern noch besorgniserregender. Die schlechte Qualität der Dienste und die Korruption lassen auch Telekommunikationsunternehmen Organisationen werden, zu denen die Gesellschaft am wenigsten Vertrauen hat. Hinweise, daß die Vertraulichkeit in den entwickelten westlichen Wirtschaftssystemen streng bewahrt werde, versteht man im Kontext der Entwicklungsländer ganz anders.

Das System ECHELON erlaubt das Abhören von zwei Millionen Telefongesprächen in der Minute und von drei Milliarden Fax- oder Mailsendungen am Tag. Das Komitee für bürgerliche Freiheiten des Europäischen Parlaments hat den Bericht „Bewertung der Technologien zur politischen Kontrolle" veröffentlicht, in dem man liest: „In Europa werden alle Mails, alle Telefongespräche und alle Faxe routinemäßig durch die NSA der Vereinigten Staaten abgehört, und alle herausgegriffenen Informationen werden über London und Yorkshire zum Fort Meade in Maryland überspielt." Die leistungsfähigen gewinnen ihre Informationen durch Schlüsselwörter. Zur selben Zeit hat die NGO Statewatch die Existenz eines Memorandums über rechtmäßiges Abhören der Kommunikation aufgedeckt, das von den USA und den EU-Staaten unterzeichnet wurde und einen Rahmen für eine globale Übereinstimmung hinsichtlich der Überwachung schafft, der anscheinend nicht unter Hinzuziehung der nationalen Parlamente diskutiert wurde.

Die Big Brothers der totalen Überwachung zum Zwecke der strategischen Vorherrschaft verbünden sich mit den Big Sisters der ökonomischen, finanziellen und intellektuellen Überwachung. Schon ein Klick auf einen Hypertextlink erzeugt „Cookies", die den unkontrollierbaren Datenbanken Stoff liefern. Werden wir Bürger und Konsumenten, die wir der räuberischen Begierde der elektronischen Inquisiteure ausgesetzt sind, den ethischen Rahmen ausarbeiten können, der die Integrität der persönlichen Identität im Zeitalter der globalen Überwachung und des universellen Belauschens garantiert?

Die Gesellschaften auf den Schock der Globalisierung vorbereiten

Es gibt eine tiefreichende Beziehung zwischen der Globalisierung und der Informationsgesellschaft, die auf der Hand liegt, aber weniger banal ist, als sie zunächst erscheinen mag. Die Kolonialreiche des 19. Jahrhunderts haben bereits den Aufschwung der kapitalistischen Globalisierung gezeigt. Doch heute kann man nichts von der Macht und den verwickelten Mechanismen der Globalisierung mehr verstehen, wenn man nicht die Beziehungen zwischen der Börsenspekulation in Echtzeit, die Dematerialisierung der Ökonomie und die Deterritorialisierung der Unternehmen erkennt, die durch die Informations- und Kommunikationstechnologien möglichen wurden. Die Globalisierung erfordert auch ein neues Denken, um die Komplexität zu begreifen. Für den Bürger des 21. Jahrhunderts ist die Schulung im abstrakten Denken, in der virtuellen Simulation, in der Modellierung und digitalen Verarbeitung, im systemischen Denken und in der Kooperation im Netz unverzichtbar, wenn er nicht durch ein unzureichendes Verständnis der Produktionsmechanismen proletarisiert werden will.

Die moderne Nation ist eine "abstrakte" Gesellschaft, für die die geschriebene Kultur und der Austausch abstrakter Symbole charakteristisch ist. Der Cyberspace schafft eine neue Form der Abstraktion, die diese geschriebene und typographische Kultur mit weniger abstrakten (audiovisuellen, interaktiven, virtuellen) Elementen verbindet. Gut im Cyberspace navigieren zu können, setzt die Beherrschung verschiedener Abstraktionsebenen und die Kombination der Logik der Texte und der Bilder in unterschiedlichen Anteilen voraus. Das ist nicht nur eine technische Fertigkeit, die wir benötigen, sondern auch eine "Bürgerkunst". Man muß den Cyberspace zähmen und zivilisieren, der zu einem öffentlichen globalen Ort, zu einer virtuellen Agora wird, auf der man eine neue Form des Bürgertums erschaffen muß.

Die Menschheit ist noch nicht auf das neue Informationszeitalter und die moralischen, ökonomischen und politischen Veränderungen vorbereitet, die es mit sich bringt. Wir leben in einer archaischen Welt von Staaten, Grenzen, Reisepässen, Visas und Zollhindernissen. Diese Welt wird gerade durch den Ausbruch des Metanationalen der Echtzeit und des Immateriellen erschüttert. Wir brauchen eine ethische und philosophische Ethik, die die Grundlagen eines politischen Programms auf der metanationalen Ebene legen und die Früchte der Ökonomie des Immateriellen ernten kann.

Jeder spricht vom Jahr-2000-Fehler. Der wirkliche Fehler scheint mir der ethische, der moralische zu sein. Wir befinden uns in einer Welt ohne Steuermann - in den Händen von blinden, irrationalen Kräften, gesteuert von "unsichtbaren Händen" ohne Gehirn und Herz mit sehr kurzfristigen Zielen.

Wir müssen die allgemeinen Prinzipien einer Weltregierung begründen. Wir müssen das Wesen des Allgemeininteresses weltweit definieren und das "globale öffentliche Gut" erstellen. Wir müssen versuchen, das Wesen der menschlichen Würde insoweit zu begreifen, wie sie mit einer bislang nicht existierenden Überwachung konfrontiert ist.

In einer Zivilisation, die von mehr und mehr abstrakten Kräften auf mehr und mehr virtuelle "Ziele" hingelenkt wird, ist es dringend notwendig, die Frage nach der letzten Finalität der technischen, ökonomischen und sozialen Entwicklung wieder aufzugreifen und deutlich zu stellen.

Der Anthropologe Teilhard de Chardin hat das Kommen einer "Noosphäre" vorhergesehen, die sich aus der Menschheit durch die Tatsache der auf ihr durch die andauernde Zunahme der Bevölkerung und der Urbanisierung einwirkenden "beschleunigten Kompression" herausbildet. Das Internet veranschaulicht gut diese sich formierende Noosphäre. Teilhard hatte auch angemerkt, daß der Fortschritt einer Zivilisation nicht am besten durch den Grad der Abstraktion, sondern durch das charakterisiert wird, was er den "Aufstieg des Anderen" nannte. Das Cyberzeitalter eröffnet uns ganz gewiß Zugangsformen zum "Anderen", aber man muß befürchten, daß man dem "wirklichen Anderen" (dem Armen und dem Ungebildeten, demjenigen, der genau aus dieser Informationsgesellschaft ausgeschlossen wird) nicht im Internet begegnet. Die grundlegende Herausforderung der Informationsgesellschaft ist also deutlich: Man muß sich das Ziel setzen, die Reicheren dabei zu unterstützen, den Ärmeren zu helfen.

Wenn das nicht geschieht, wird es weder eine "Noosphäre" noch eine "Informationsgesellschaft" geben, sondern nur eine immer härter werdende Welt und eine immer größere Kluft zwischen den Reichen den Anderen - wobei uns allen gemeinsam die Gefahr droht, in sie zu stürzen.

Philippe Quéau ist Direktor der UNESCO-Abteilung für Information und Informatik und hat vor kurzen eine Konferenz zur Info-Ethik organisiert.

Aus dem Französischen übersetzt von Florian Rötzer

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