In den Fängen des CyberTV
Der britische Doku-Thriller "The King of Chaos"
Man stelle sich vor: Das Fernsehen verschmilzt als Technologie mit dem Computer und dem Internet, und Hunderte von Kanälen werden innerhalb kürzester Zeit über das Netz verfügbar. Was sich wie eine mißratene Neuauflage alter Prognosen des absoluten Fernsehkonsums anhört, könnte unter neuen technischen Bedingungen in den nächsten Jahrzehnten doch Realität werden. Der Fernsehfilm The King of Chaos, eine Produktion für den britischen Privatsender Channel 4, ist eine brillante Mischung aus Infotainment und Mediensatire zu diesem Thema, verpackt in eine Reportage aus dem Jahre 2012. Er inszeniert eine fiktive Zukunft, in der sich auf digitaler Basis die Konvergenz der Medien vollzieht und nicht nur die Machtverhältnisse im Mediensektor in eine Schieflage geraten. Der Film, geschrieben von Krimiautor John Milne, war ein Beitrag für den diesjährigen Prix Europa und lief während des Wettbewerbs etwas versteckt im Nachmittagsprogramm des Regionalsenders B1.
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Der Internet-Tycoon Liam Keller ist in der Themse tot aufgefunden worden, und die Reporterin Helen Parker versucht, die Hintergründe seines Ablebens zu klären. War es wirklich nur ein Unfall? Der Film ist gedreht im Stil einer Reportage: alte Freunde, Mitstreiter und Gegner geraten vor die digitale Kameras der WebNews, einer Newssendung auf einem WebChannel, um ihre Sicht der Dinge und den Werdegang des Toten zu schildern.
Schachmatt ?
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Liam Keller war es kurz vor der Jahrtausendwende gelungen, mit seiner technischen Erfindung, einer Software namens "Gambit", die technischen Systemgrenzen zwischen Fernsehen, Computer, Internet und Telefon zu "überspringen" und damit den Grundstein für ein Mediennetzimperium zu legen, gegen das die Imperien der heutigen Murdochs und Turners wie die Vereinigung von Lokalsendern aussehen. Im einem Promovideo macht sich Keller darüber lustig, daß Ende der neunziger Jahre alle Systeme verschieden funktionieren, was schon Jahre später unvorstellbar sein wird. Gambit mache es möglich, daß man TV-Programme weltweit auf seinem Computer sehen kann. Peter Cochrane, Leiter einer wirklichen Forschungsabteilung der BT Laboratories, hat einen kurzen Gastauftritt und erklärt: Gambit entschlüssele die "instruction sets" und verbinde die Betriebssysteme, was mit einer ironischen Computeranimation illustriert wird, in der immer mehr Computer in ein sich rasant ausbreitendes System eingebunden werden. Es ist ein Manko, daß diese ominöse Technik doch etwas im Dunkeln bleibt; die Software wird als eine Art "Virus" beschrieben, das sich selbst mit jeder "Maschinenintelligenz" verbindet, mit der es über Netze in Kontakt kommt.
Die traditionellen Fernsehsender verlieren jedenfalls durch diese Technik ihre Programmhoheit und damit die Attraktion für die Werbeagenturen. Keller verteilt Programme im Netz, und er setzt damit in Gang, was die Vertreter der klassischen audiovisuellen Medien so fürchten: das passive "Re-broadcasting" via Internet. Leute, die Gebühren für Kabel-TV oder Satellitenempfang bezahlen, verbreiten die zukünftig in Datenform vorhandenen Programme einfach weiter, ohne daß weitere Gelder an die Produzenten und Sender fließen. Jedes Programm aus jedem Medienkanal in der Welt ist in diesem Szenario überall verfügbar, wenn es einmal auf dem Internet ist.
Rob Glaser als weiterer Besucher aus der Realwelt ist der Überzeugung, daß das Internet ein Broadcast-Medium ist und die traditionellen Bildmedien in ihrer Vormachtstellung bedrohen wird. Dessen Projekt WebTV wurde schon in Wired als Aufmacher präsentiert; das entsprechende Titelbild wird eingeblendet. Nach der Vorstellung in diesem Film sind Pay TV und Kabelprogramme auf dem absteigenden Ast, niedrigere Zahlen sind auch für die Äthersender zu vermelden. Prognosen werden in den üblichen Balkendiagrammen dokumentiert, wonach allein die WebChannels mit dem Zugewinn von Zuschauern bzw. Netzsurfern rechnen können. 40% der Pay-TV-Sender verschwänden angeblich, die Verluste der anderen Sender betrügen um die 20%. Ein fiktiver Vertreter der BBC wird vorgeführt, der, als die Mikrophone ausgeschaltet sind, meint, daß die Zeit der Sender, die bloß ihr Programm verbreiten, vorbei sei; schon sehr bald könnten die Leute ihre Auswahl von digitalen Programmen auf Websites zusammenstellen. Welchen Anspruch auf einen "Programmauftrag" hat dann noch ein öffentlich-rechtliches Fernsehen ? Wie realistisch solche Perspektiven auch im Einzelnen auch sein mögen, so ist der Kampf um den "televisionspace" heute schon in vollem Gange und wird die Fernsehlandschaft verändern.
The future is parallel
Im Jahre 2012 kommt es also zum dramatischen Zusammenbruch großer privater Fernsehanbieter, und eine wahre Flut von Medienkonserven scheint via Netz über die Konsumenten hereinzubrechen. Doch Keller hält seine nächste Erfindung bereit: "Parallel", eine ausgeklügelte aufwendige Agentensoftware, die multimedial, von allen möglichen lokalen Punkten abrufbar, durch das gigantische Angebot an Information und Unterhaltung führt und für den Zuschauer oder Benutzer ein individuelles Programm zusammenstellt. Über Parallel wird in dieser Zukunftswelt die Werbung verkauft und individuell auf jeden Zuschauer zugeschnitten.
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Parallel ist Anrufbeantworter, Mailbox, Programmführer in einem. Nach einem Vorgabeprofil stellt es einen Ablauf von Sendungen aus Bereichen wie News, Sport oder Unterhaltung zusammen und verwaltet die individuelle Kommunikation. Das System ist interaktiv und reagiert auf Spracheingabe. Doch die Software kann noch mehr. Sie erfüllt zugleich die - heute so undeutlichen - Bedingungen des E-commerce und bietet einen visuell attraktiven Markt- und Umschlagplatz für alle möglichen Waren und Dienstleistungen, die ohne Zeitverlust über das Netz von der ganzen Welt angeboten und bestellt werden können.
Wenn erst einmal dieser multimediale Netzboom da ist, und es global Tausende von TV-Websites gibt, die ein Vielfaches an Programmen anbieten, sind neue Methoden notwendig, um eine Ordnung zu präsentieren und wieder einen Anhaltspunkt für Werbeflächen zu haben. Parallel löst dieses Problem, indem es dem Zuschauer die (Konsum)Welt über die Stadtmetapher präsentiert: die dreidimensionale computeranimierte Welt ist wie eine Stadt aufgebaut mit Bücherei, Kino usw. und zugleich mit dem wirklichen Stadtleben eng gekoppelt: auf den U-Bahnhöfen stehen große Billboards, die auf vorbeigehende Leute interaktiv reagieren (ein weiblicher Agent begrüßt sie) und sie in den Wartezeiten mit virtuellen Info-Reisen über das Netz versorgen können. Aber sie informieren natürlich auch darüber, wann die nächste U-Bahn kommt.
Keller zeigt seinen Klienten aus den Werbeagenturen ein Promo-Video, und darin äußert sich ein - wiederum realer - Vertreter von Virgin, daß sie mit Parallel zusammenarbeiten und über das System Virgin entertainment und den Virgin shopping channel anbieten werden. "The future is parallel", so lautet der Werbespruch. Konzerne werden ihre eigenen multimedialen Websites haben und darüber Werbung für ihre Produkte machen. Daneben wird es neue Formen des web based advertisement geben. Information, Unterhaltung, Werbung gehen in Parallel ineinander über.
System-Reaktionen
Der Netcitizen Keller greift die Vermittlungswege im Kapitalismus an, die Kette der Zwischenhändler. Seine Firma existiert nur noch im virtuellen Raum, hat nicht mehr als 100 Angestellte: Aktien werden elektronisch gehandelt, seine Software-Produkte über das Netz vertrieben. In sein Video-Tagebuch spricht er nur bissig, er sei nicht zuständig für notleidende Kapitalisten, und mit einem Grinsen: eher schon sei er der "Che Guevara of the net". Und in einem Interview äußert er, daß er Internationalist sei: die Wahlmöglichkeiten, die das Netz bringe, mache die Individuen mächtiger. Sein Credo vom "reibungslosen Handel auf dem Netz", das er in seiner letzten Rede beim renommierten Turing-Seminar vorträgt, wendet er auch gegen die Aktivitäten des Staates; wenn man immer mehr Leistungen, die der Staat nicht erbrächte (Sicherheit, Bildung ...), weil das System nicht funktioniert, über das Netz beziehen könne, wozu zahle man dann eigentlich noch Steuern.
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Das ruft natürlich den Protest diverser Gegner hervor. Ein typisch britischer Kleinbürger versteht die Netzwelt nicht mehr und spricht über den "Re-Action Channel" im Namen der schweigenden Mehrheit. Er wettert gegen den "ultimativen freien Markt" und sagt, daß Internet-Leistungen keine Regierungsleistungen ersetzen könnten. Wie kann eine karibische Holding ein Busunternehmen in der englischen Provinz führen? Der paramilitärische Zweig von "Re-Action" macht Bombenanschläge auf Internet Computer Center und versucht auch vergeblich, die Firma von Keller zu zerstören; da sie ja virtuell existiert, gehen nur ein paar Büromöbel zu Bruch. Diese netzfeindlichen Terroristen stehen natürlich im Verdacht, Keller ermordet zu haben.
Die britische Multimedia-Ministerin meint, daß Keller ein alternatives elektronisches Universum offeriere, in dem die Leute handeln, kommunizieren, ja, leben würden, aber seine Aktivitäten berühren Angelegenheiten der realen Welt, worum sich die Politik kümmern müsse. Diese sei keinesfalls überflüssig und langweilig, wie Keller süffisant in einem Situation bemerkt. Und sie wird ihm wohl zum Verhängnis. Für die Reporterin verdichten sich die Anzeichen, daß der britische Geheimdienst Keller im Regierungsauftrag gekillt hat. Doch am Ende dieses fiktiven investigativen Journalismus gibt es dafür "natürlich" keine Beweise, wie es sich für eine Verschwörung gehört.
Zur Machart
Der Film ist eine gelungene Kombination von inhaltlichem Anspruch und formaler Umsetzung. Unabhängig davon, ob diese Vision nun in allen Einzelheiten realistisch ist oder nicht, schafft er es, intelligente Unterhaltung zu präsentieren und das Bewußtsein für die neuen Medienwelten zu schärfen.
Visuell steht er dabei ganz in einer Tradition, die 1985 auf Channel4 mit "Max Headroom", einem Film um die Entstehung des ersten künstlichen Videomoderators der Welt, begonnen wurde. Ständig sind die Personen über Videoleitungen zu sehen: einmal wird für ein Interview das Videophon durch ein Prager Cafe getragen, Kameras in Taxis und Überwachungssysteme zeigen immer die typisch schlechten Bilder mit irgendwelchen zusätzlichen Daten, ebenso die Videotagebücher. Auch die berüchtigten computergrafischen Bilder, mit denen heute alle möglichen Tatsachen visuell erklärt werden, wirken comicartig vereinfacht, funktionieren aber im Kontext des Films. Ein Beispiel dafür ist die "videomorph reconstruction", eine fiktive Computeranimationstechnik, mit der man photorealistische Bilder von Personen bei Tathergängen erzeugen kann. Die erste Stufe ist die Bildung eines Drahtmodells, das eben sehr provosorisch wirkt, bevor ein sehr eckiges Gesicht mit überzeichneten Texturen und dann die Endanimation erscheint - eine Karikatur der Gestaltungsprozesse, die heute in jedem "Making of"-Beitrag über Hollywoods Effektproduktionen über die Bildschirme laufen.
Den Machern ist es gelungen, in den Film einige satirische Spitzen einfließen zulassen, so der Einfall, daß die "Re-Action"-Bewegung eine eigene Website mit einem erzreaktionären Propaganda-Agenten hat, der die vorbeisurfenden Besucher mit Sprüchen ("waking sleeping britain to the dangers of new technology") und mit dem Thema der Woche nervt: die Familie, der Rückhalt der Nation. Das englische Boulevardblatt "The Sun" wird in seiner zukünftigen Online-Ausgabe verulkt: ein leicht durchgeknallter Kommentator, der mit einfachen aggressiven Sprüchen Stimmung gegen Keller zu machen versucht, um sich dann geifernd einem Gewinnspiel zuzuwenden, das als Begleitattraktion das nackte Mädchen von Seite 2 hat. Ein Werbefilm des imaginären Fernsehsenders "Eagle TV" wird zwischendurch gezeigt, der mit stereotypen computeranimierten Logos die Zuschauer davon zu überzeugen sucht, weiterhin auf das bewährte Fernsehen zu setzen: "avoid the chaos, subscribe to eagle".
Neben diesen Seitenhieben auf das ganz reale Mediengeschäft enthält "The King of Chaos" Denkanstöße, die den Film zu einem provokanten Stück Infotainment im besten Sinne machen. Die Produktion ist übrigens von der Wissenschaftsredaktion "Equinox" konzipiert worden - das wäre so, als würde "Abenteuer Forschung" einen Fernsehfilm in Auftrag geben. Die Prognose ist wohl realistisch, daß das Ergebnis in diesem Fall um einiges weniger anschauenswert wäre.
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