Alles eine Verschwörung

07.12.1998

Eine Theorie der Verschwörungstheorien

Verschwörungen und Gerüchte sind eines der Lebenselexiere des Cyberspace. Sagt man jedenfalls. Hier würde man für jeden Wahn und für jede Schnapsidee Anhänger finden, kann die gesamte Paranoia zumindest ihren Ausdruck finden und ungehindert zirkulieren. Manche finden das bedrohlich und denken wohl, es sei besser, wenn das alles im Geheimen bliebe. Doch vielleicht ist das Internet nur eine große virtuelle Couch, auf der die Phantasien in aller Öffentlichkeit ausgebrütet werden - und mitunter dadurch an Kraft verlieren.

Verschwörungen und die geheimen Intrigen, die hinter verschlossenen Türen ausgebrütet werden, haben die Menschen freilich immer fasziniert - und die Hollywoodindustrie lebt mehr oder weniger von dieser Art Geschichten. Daß einzelne, Gruppen oder Organisationen die Herrschaft über die Welt oder zumindest über ein Land übernehmen, gehört zur Grundschicht unserer paranoiden Bewußtseins und nahezu zu jeder Religion, schließlich kennt jede Religion irgendeine Art von Oberkontrolleur der irdischen Dinge. Da wird einem die Paranoia schon mit der Muttermilch vermittelt. Anstatt komplexe Zusammenhänge analysieren zu müssen, in die jeder verwickelt und oft genug Mittäter ist, sind Verschwörungen eine schöne Komplexitätsreduktion - und dadurch auch bildschirmtauglich. Sie erfüllen die Welt mit Sinn, geben allem eine Bedeutung - und es gibt einen Schuldigen. Das hat Verschwörungstheorien, wenn sie große Teile der Bevölkerung erfassen - in Deutschland gab es gegenüber den Juden Anschauungsbeispiele genug -, in bluttriefende Praxis verwandelt. Wenn das Böse ausgelöscht wäre, würde die Erde in aller Unschuld erstrahlen. Aber leider haben es Verschwörungen so an sich, daß sie in Labyrinthe führen. Stets reiht sich eine Vermutung an die andere. Man muß kriminalistisch tätig werden, doch scheinen, wenn man sich einmal ins Labyrinth begeben hat, die Indizien für die Verschwörungstheoretiker stets im Überfluß vorhanden zu sein.

Wer nicht an die Intrigen und Aktionen der Geheimdienste, an eine weltweite Verschwörung, an geheime Versuche oder gar an UFOs oder Aliens glaubt, kann dasselbe auch mit etwas kühleren Versionen bedienen. Beispielsweise mit der Memetik, die letztlich auch nichts anderes ist als eine Verschwörungstheorie der Meme, die sich den Geist der Menschen unterjochen und ihn infizieren, um zu überleben.

Schwierig ist freilich, daß es auch tatsächlich Verschwörungen gibt, und daß viele der Machtspiele im Geheimen ablaufen. Und für eine Theorie der Verschwörungstheorien, wie sie Daniel Pipes jetzt mit "Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen" vorgelegt hat, ist es noch schwieriger, nicht plötzlich allzuviel unter diese Kategorie zu subsumieren und einen falschen Gegensatz aufzubauen. In diese Falle scheint der mit einer allzugroßen und undifferenzierten Kommunistenaversion versehene amerikanische Journalist getappt zu sein. Mit Logik kann man Verschwörungstheorien nicht beikommen, denn sie versuchen gerade, logisch zu argumentieren. Spuren von Realem und Vernünftigem sind in ihnen meist enthalten. Es kommt darauf, welche Ausgangsdaten, deren Wahrheit gerade umstritten ist und an die man glaubt oder nicht glaubt, in die logische Maschinerie eingespeist werden. Oft genug kommen Verschwörungstheorien im wissenschaftlichem Gewand daher - und für gesellschaftlich Marginalisierte sind sie einfach verführerisch, weil sie einen Teil ihrer Lebenswelt scheinbar erklären. Allerdings brauchen auch gesellschaftlich herrschende Kräfte Verschwörungstheorien, um ungeliebte Kritik besser und mit einem legitimen Anstrich ausschalten zu können, während man gleichzeitig mit der wachsenden Überwachung für das Weiterleben von Verschwörungstheorien sorgt.

Man wird viele abstruse Belege von Verschwörungstheorien in Pipes Buch finden. Schließlich stammt er aus einem Land, das, zumindest was die westliche Welt im Hinblick auf Verschwörung angeht, an der Spitze steht - und auch manche Präsidentschaftskandidaten kennt, die es zwar wie Pat Buchanan oder Perot nicht geschafften haben, aber immerhin eine paranoide Strömung zum Ausdruck bringen. Mit John F. Kennedys Ermordung hat man denn auch eine mythische Gestalt, die schließlich, wie viele Amerikaner noch immer glauben, Opfer einer groß angelegten Verschwörung gewesen sein könnte. Milizinäre in den USA glauben gerne, daß die schon die Regierung ihres Staates unterwandert sei und demnächst das Land von fremden Mächten überrollt wird. Schwarze Amerikaner fanden es offenbar attraktiv, daß Drogen oder Aids eine Maßnahme des CIA, also des weißen Amerika, sein könnten, um sie zu schwächen. Die Verteidiger von O. J. Simpson kontruierten eine Verschwörtungstheorie, nach der die Polizei diesen in eine Falle gelockt hatte, um ihm den Mord an seiner Frau in die Schuhe zu schieben.

Meist sind jedoch, wie Pipes zurecht sagt, die von Verschwörungstheorien unterstellten Machenschaften viel zu kompliziert, um im Geheimen wirklich ausgeführt werden können. Daß ein Staatsstreich geplant wird, so Pipes, sei annehmbar, nicht aber eine im voraus geplante Französische Revolution. Zumal wenn man die Geschichte als eine gigantische Verschwörung ansehe, es keine Zufälle und Dummheiten gebe, sei dies ein untrügliches Zeichen für einen Verschwörungstheoretiker. Für Pipes ist die Idee, daß eine Einzelperson oder eine Organisation durch heimliche Machenschaften die Welt unter Kontrolle zu bringen suche, geschichtlich entstanden: mit dem Beginn der bürgerlichen Revolutionen und kulminierend im Faschismus und Kommunismus mit Hitler, Lenin, Stalin und Mao, mit den Anfängen des Antisemitismus bei den Kreuzzügen und den Geheimbünden (Tempelritter). Besonders Verschwörer würden dazu neigen, ihre geheimen Aktionen durch Verschwörungstheorien zu rechtfertigen.

Die Freimaurer haben nach Pipes das Verschwörungstheorem erst richtig in Gang gebracht. Auch wenn sie kaum wirkliche Verschwörungen und offiziell auch nicht auf den Umsturz der Gesellschaft ausgerichtet waren, so haben die neuen Communities und die wachsende Kommunikation dennoch das bürgerliche Gedankengut besser und schneller verbreitet und somit zur Durchsetzung der Aufklärung beigetragen. Was in manchen Ländern wie Großbritannien nur reformerisch war, erhielt unter den despotischen Regierungen des Absolutismus einen revolutionären Klang. Erst die unter der Führung von Adam Weishaupt in Bayern entstandenen Illuminaten waren tatsächlich ein Geheimbund, der allerdings schnell zerschlagen wurde. Vor und während der Französischen Revolution wuchsen die Ängste vor Komplotten irgendwelcher Verschwörungen: "Paradoxerweise gewann das Verschwörungsdenken gerade in einer zeit an Auftrieb, als es an Glaubwürdigkeit verlor. Vor der Französischen Revolution wurde die Gesellschaft zahlenmäßig von wenigen Menschen beherrscht, so daß es nicht schwer war, Komplotte durchzuführen. Durch die Ideologie und Beteiligung der Massen am politischen Leben hatten sie nun eine viel geringere Wahrscheinlichkeit, und das Aufkommen der Marktwirtschaft reduzierte ihre Möglichkeiten noch weiter."

Möglicherweise besetzt Religion das paranoide Bewußtsein, und wo sie abnimmt, steigt die Verschwörung an. Allerdings sind auch Demokratien nicht frei von "Verschwörungen", während die Marktwirtschaft mit Kartellen oder Monopolen durchaus auf ökonomischen Gebiet Möglichkeiten bereitstellt. Zumindest eine "säkuläre" Variante liegt sogar der liberalen Theorie zugrunde, die im Aufklärungszeitalter als eine Art gigantisches Geschichtstheater zur Durchsetzung des Wohlstands und des Fortschritts entstand: Ohne daß die Menschen es wollen oder auch gegen ihren Willen sind die Akteure eines geheimen und unsteuerbaren Mechanismus, dem man den schönen Namen einer "unsichtbaren Hand" gegeben hatte. Auf diese "Verschwörung" setzen bekanntlich noch viele und richten danach die Wirtschaftspolitik aus.

Das demgegenüber blinde Auge von Pipes sieht denn etwa den Marxismus und Leninismus nicht auch als ein Erklärungs-, sondern sehr vereinfachend lediglich als Verschwörungsmodell, bei dem Kapitalisten sich zusammenschließen, um die Arbeiter auszubeuten. Aber solche Einschätzungen sind abhängig von Deutungen oder Ideologien, die selbst wiederum Nähen zu Verschwörungstheorien haben, denn Pipes sagt ja selbst, daß in jeder derartigen Theorie ein Körnchen Wahrheit stecke. Daß "unter amerikanischer Schirmherrschaft sich in Westeuropa demokratische und liberale Institutionen" gebildet haben, "die Bestand hatten und gegen ein operatives Verschwörungsdenken gefeit waren", spricht dann auch von einer Voreingenommenheit, wenn man beispielsweise an den Antikommunismus oder an McCarthy im Kalten Krieg denkt. Gegen 1970 jedenfalls sei die westliche Welt gegen staatsimmanente Verschwörungstheorien einigermaßen gefeit - man könnte allerdings fragen, ob nicht die neuen Strategien gegen Cyberterroristen allmählich die durch die Auflösung der Sowjetunion freigewordene und durch Nordkorea, den Irak oder andere muslimische Staaten oder Organisationen nicht zufriedenstellend gefüllte Position des "Reichs des Bösen" allmählich aufzufüllen beginnen. Jetzt würden von Verschwörungstheorien nur noch Unzufriedene, Neidvolle und Sensible befallen, denen - im Unterschied zum Stalinismus oder Faschismus - die "Macht zum Handeln" fehlt. Ausgewandert allerdings sei dieser europäische Virus jetzt in die nicht-westliche Welt, die sich der Bausteine der Verschwörungstheorien - Antisemitismus oder Antiamerikanismus - bediene, um gegen den Liberalismus und den Modernismus zu Felde zu ziehen.

Wie einseitig oder gewagt auch immer die Theorie der Verschwörungstheorien von Daniel Pipes sein mag, so stimmt sicherlich, daß die Gesellschaft desto "ungesunder" ist, je mehr Verschwörungstheorien in ihr Anklang finden, die schnell in Gewalt und, sofern sie staatstragend werden, in Totalitarismus umkippen können. Ungesund freilich ist ein seltsamer Begriff, man sollte wahrscheinlich eher davon sprechen, daß die Menschen dann zu Verschwörungstheorien neigen, wenn sie Eindruck haben, nicht ausreichend an den gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen partizipieren zu können oder wenn die gesellschaftliche Kluft zwischen Armen und Reichen zu groß ist, wodurch Ängste vor dem weiteren gesellschaftlichen Absturz gerade in der unteren Mittelklasse entstehen. Wem die Zukunft versperrt erscheint oder wer sich machtlos fühlt, wird zur Rationalisierung seiner Ohnmacht eher zu Verschwörungstheorien neigen, die seine Machtlosigkeit widerspiegeln.

Und wenn jetzt, im Zeitalter des Cyberspace, nicht nur Verschwörungstheorien, sondern auch Theorien über Verschörungstheorien Konjunktur haben, dann könnte dies von insgesamt "ungesunden" gesellschaftlichen und machtpolitischen Bedingungen Zeugnis ablegen. Wenn Pipes davon spricht, daß in den reichen westlichen Ländern die Verschwörungstheorien auf der staatlichen Ebene keine Bedrohung mehr darstellen, dann könnte dies überdies aus der "Einsicht" resultieren, daß mit der Globalisierung die Bedeutung und die Macht der Nationalstaaten am Schwinden ist. Selbst die US-amerikanische Sicherheitsstrategie hat dies verinnert, wenn sie über das Thema des Schutzes der nationalen Infrastruktur und den Möglichkeiten des Cyberterrorismus oder der biologischen Kriegsführung dazu führt, daß der Feind nun überall sein könnte, Frieden und Krieg ebenso wie die Grenzen verschwimmen und die Bedrohung durch herkömmliche militärische Apparate geringer geworden ist: eine Gesellschaft im permanenten Alarm- oder Ausnahmezustand wäre wohl auch eine, die für Verschwörungstheorien offen ist.

Daniel Pipes: Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen. Gerling Akademischer Verlag. 359 Seiten. DM 58,-

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