Wachsender Widerstand gegen Genpflanzen

Florian Rötzer 29.12.1998

Wird die EU zur biotechnologischen Wüste?

Auf dem European Biotechnology Forum am 15. und 16. 12. haben Wissenschaftler davor gewarnt, daß Europa im Bereich der Gentechnologie aufgrund des wachsenden Widerstands der Konsumenten gegen genetisch veränderte Lebensmittel zurückfallen könnte. Das würde auch die europäische Landwirtschaft langfristig schädigen, da man in anderen Ländern wie in den USA oder Japan bereits genetisch veränderte Pflanzen in beträchtlichem Maße anbaue.

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Monsanto, einer der weltweit größten biotechnologischen Konzerne, gab in einer Pressemitteilung vom 16. 12. bekannt, daß der kommerzielle Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen von 1,7 Millionen Hektar (1996) auf 11 Millionen Hektar (1997) und 1998 sogar auf 27,8 Millionen Hektar zugenommen hat. In nur einem Jahr hat sich der Anbau also mehr als verdoppelt. Allein mit Pflanzen von Monsanto wurden weltweit 21,8 Millionen Hektar angebaut. Stolz vermerkt der Konzern die Verdreifachung der Anbaufläche in einem Jahr und führt an, daß dies der Fläche von ganz Weißrußland oder der dreifachen Fläche Irlands entspreche. Verwendet werden gentechnisch veränderte Monsanto-Pflanzen vornehmlich in den USA und in Argentinien, aber auch in Australien, China, Kanada, Mexiko und Südafrika. In Deutschland führt Monsanto an 30 Standorten Feldversuche durch und hofft, im Jahr 2001 in den kommerziellen Anbau zu gehen.

In den USA hat Monsanto eben die Zulassung für die NewLeaf Plus Kartoffel erhalten, die virus- und insektenresistent sein soll. Mit dem eingebauten Schutz gegen den Blattrollvirus und den Colorado Kartoffelkäfer sei man auf dem Weg, mit rundum geschützten Kartoffeln vielleicht irgendwann einmal ganz auf Pestizide verzichten zu können. Aber Viren und Insekten hätten wohl nicht überleben können, wenn das ganz so einfach wäre.

Die europäischen Konsumenten sind zwar nicht grundsätzlich gegen Gentechnologie eingestellt. Was den medizinischen Fortschritt anlangt, akzeptiert man vieles, weil das zu wirklichen Fortschritten führen kann, was viele ganz offensichtlich bei genetisch veränderten landwirtschaftlichen Produkten nicht recht erkennen können. Noch werden in der EU keine gentechnisch veränderten Pflanzen zum Verkauf angebaut, wohl aber kommen bereits Nahrungsmittelgrundstoffe aus solchen Pflanzen und Lebensmittel, die sie enthalten, über die Grenzen auf den europäischen Markt. Der Konzern Monsanto hatte versucht, Gensoja auf den EU-Markt zu drücken, indem er es mit herkömmlichen Sojabohnen mischte. Das erregte auch hierzulande große Kritik.

Seit dem Mai 1997 gilt in der EU eine Verordnung zur Etikettierung von Lebensmitteln, die Bestandteile von genmanipulierten Pflanzen enthalten. Das gilt mittlerweile auch für bestimmte Lebensmittel mit genmanipulierten Soja- und Maisbestandteilen, die bereits 1996 auf dem europäischen Markt zugelassen waren und für die erst nachträglich eine Etikettierungspflicht geschaffen werden mußte. Zusatzstoffe wie Lecithin und damit Endprodukte wie Schokolade, in denen Lecithin enthalten ist, sind von der Etikettierungsverordnung ausgenommen. Etikettiert muß überdies nur, wenn die gentechnische Veränderung auch nachweisbar ist, nicht aber, wenn sie nur "geringfügig" sein sollte: "Wegen der vielen Ausnahmen", so kritisiert Greenpeace, "müssen nur 5 bis 10 Prozent aller gentechnikhaltigen Produkte tatsächlich gekennzeichnet werden."

Das scheint nicht gerade eine besorgniserregende Entwicklung zu sein, gleichwohl wetterte Mark Cantley von der Abteilung für Biotechnologie der OECD, daß diese Verordnung "das Vertrauen der Öffentlichkeit untergräbt, unnötigerweise bestehende Gesetze verdoppelt, sinnlose Handelskonflikte schafft und schweren sowie wachsenden Schaden für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Landwirtschaft und Industrie schafft. Die gewaltigen, von der Biotechnologie eröffneten Möglichkeiten, werden in Europa verschleudert." Neue Verordnungen und anhaltender Widerstand von Umweltgruppen lähmen also die Biotechnologie: und die, so Maurice Lex von der Europäischen Kommission, sei keineswegs gefährlich. Schließlich habe man schon viel Geld ausgegeben und 260 Laboratorien in Europa beschäftigt, um die Sicherheit von genetisch veränderten Pflanzen zu überprüfen: "Wir haben alles immer wieder überprüft und keine Probleme entdeckt. Wieviele Steuergelder sollen wir denn noch verschwenden?"

Bernard Dixon, der auch am Biotechnologieforum teilnahm, führt denn auch den Widerstand der europäischen Konsumenten nicht auf die wirklich nachweisbaren Risiken von gentechnisch manipulierten Lebensmitteln zurück, sondern sieht ihn vornehmlich als Reaktion auf unpopuläre Aspekte des modernen Lebens: "multinationale Unternehmen, intensive Landwirtschaft und Verschmutzung der Natur".

Die offenbar nicht immer lauteren Geschäftstaktiken von Monsanto behandelt der Beitrag von John Horvath: Verbrannte Erde.

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2579/1.html
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