Der Terror des Lärms
Vögel vergessen ihre Gesänge und die Menschen ...
Manchmal gibt es überraschende Entdeckungen aus der Wissenschaft, die uns sofort einleuchten, aber auf deren Fragestellung wir nie gekommen wären. Daß Lärm, auch eine Art des information overload, eine Plage ist und zu Gesundheitsschäden, Aufmerksamkeits- oder Schlafstörungen führen kann, wissen wir. Und daß es ein Großteil des Lärms von den Autos ausgeht, die unsere Mobilität und unseren Lebensstandard sichern, wissen wir ebenso wie den Sachverhalt, daß die Informationsgesellschaft zumindest in absehbarer Zeit nicht zu einer Verminderung des Verkehrs, sondern nur zu einer weiteren Erhöhung führen wird. Verkehrslärm terrorisiert nach einer jüngst veröffentlichten Studie, so die Sunday Times, nicht nur Menschen, sondern auch Singvögel, die angesichts der unmöglichen Aufgabe, das permanente Rauschen zu übertönen, allmählich zu krächzenden oder gar stummen Lebewesen werden.
Die britische Regierung hat im November des letzten Jahres eine Liste mit Kriterien zur Diskussion aufgestellt, mit denen sich die Lebensqualität der Gesellschaft sicherlich besser messen läßt als mit dem üblichen Bruttosozialprodukt. Neben dem obligatorischen Bruttosozialprodukt gehören dazu sogenannte "soziale Investitionen" in öffentliche Transportsysteme, Krankenhäuser oder Schulen, die Zahl derjenigen, die Arbeit haben, der Bildungsstand im Alter von 19 Jahren, der Zustand der Häuser und Wohnungen, Menge der Treibhausgase, Luftverschmutzung, Verkehr auf den Straßen, Qualität der Gewässer, Landverbrauch - und wildlebende Tiere, gemessen an den Vogelpopulationen. Die Engländer sind halt Vogelliebhaber, auch wenn sie mit den Füchsen lange Zeit nicht so freundlich verfahren sind. Auch die Animal Liberation Front ist in England stark - und bereits so gefürchtet, daß der Innenminister eine Veränderung des Terroristengesetzes plant, um nach der IRA unter anderem auch auf die Aktionen der radikalen Tierschützer scharf reagieren zu können. Gleichwohl, die Liste der Kriterien ist ein Anfang und könnte für das ganze Euroland zum Vorbild werden, um endlichen einmal einen positiven Konkurrenzkampf der besten Region auszulösen.
Jedenfalls hat die Royal Society for the Protections of Birds die Regierungsliste freudig aufgenommen und begrüßt, daß für den Zustand der wildlebenden Tiere die Vögel herangezogen werden. Die würden nämlich überhaupt einen guten Indikator für die Lebensqualität einer Gesellschaft hergeben. Die königlichen Vogelschützer haben denn auch die dänische Studie des Instituts für Wald- und Naturforschung über den Einfluß des Verkehrs auf die Singvögel herbeigezogen, weil sie die schlimmsten Befürchtungen bestätige: "Vögel, die in der Nähe von Straßen leben, können einander nicht mehr hören, was zu Problemen beim Lernen des Gesangs und beim Kommunizieren mit möglichen Sexualpartnern führt. Andere Untersuchungen hätten bereits festgestellt, daß wildlebende Vögel in Städten ihre Gesänge vergessen und oft die Töne imitieren, die sie am meisten hören: Mobiltelefone, Autohupen und Sirenen. Denn Vögel lernen ihren Gesang ähnlich wie Menschen die Sprache. Nicht alles ist genetisch festgelegt.
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Die neue Untersuchung zeigte, daß Verkehrslärm an vielbefahrenen Straßen mit bis zu 60000 Autos täglich Störungen im Verhalten der Vögel im Umkreis von etwa drei Kilometern bewirkt. Aber auch ruhigere Straßen mit 10000 Autos täglich beeinflussen die Vögel noch im Umkreis von eineinhalb Kilometern. Die andauernde Lärmbeschallung führt dazu, daß ihre Gesänge einfacher werden und sie weniger Töne und Lautabstufungen enthalten. Natürlich sind die Ohren der Vögel besonders empfindlich, schließlich sollen sie mögliche Sexualpartner unter vielen anderen Lauten von Vögeln und der natürlichen Umwelt über Kilometer hinweg heraufinden. Der Vogelgesang dient aber auch der Revierabgrenzung. Folge des Lärms ist eine geringere Reproduktion.
Möglicherweise stellt die Untersuchung an Vögeln auch eine erste Erkenntnis darüber dar, wie neue Umgebungen auch Menschen langfristig prägen könnten. Wir können uns aber immerhin noch Schallschutzfenster einbauen und zur Not den Walkman anschalten, was allerdings nur die Lärmkulisse durch eine vielleicht angenehmere, aber sicherlich dennoch nicht folgenlose Musikkulisse ersetzt. Die Kombination Mittelohrentzündung (Otitis media) in der Kindheit und häufiges Walkman-Hören scheint jedenfalls die meisten Hörschaeden bei jungen Männern zu verursachen. Das ergab, so Spektrum der Wissenschaft, eine Studie an französischen Wehrpflichtigen. Obwohl auch Rockkonzerte, Diskos und Lärm am Arbeitsplatz zu Verlusten der Hörfähigkeit vor allem bei hohen Frequenzen führten, war der Anteil partiell Schwerhöriger bei Walkmannutzern mit durchlebter Otitis am höchsten.
Geräuschen sind wir relativ schutzlos ausgesetzt, denn die Ohren lassen sich nicht wie die Augen schließen. Und wenn man davon ausgeht, welche Wirkungen Musik bei uns sowieso stark auf Sprache und Gehör ausgerichteten Menschen auslösen kann, die unsere Gehirne gewissermaßen massiert, dann ist auch vorstellbar, daß eine dauerhafte Geräuschkulisse langfristig wie eine Art Gehirnchirurgie wirkt. Vielleicht ist daher der Versuch vieler, sich schon so früh wie möglich lauter Musik auszusetzen und eine gewisse Taubheit zu erreichen, eine Möglichkeit, sich diesen Wirkungen durch Anästhesie zu entziehen? Vielleicht brauchen wir deswegen mehr Bilder, die uns die Medien liefern, weil wir nicht mehr hören wollen - und deswegen auch immer gebrochener sprechen?
Selbstverständlich ist der Rückgang der Vogelpopulationen nicht allein auf den Lärm zurückzuführen, sondern vor allem auf die Zerstörung ihrer Lebensbereiche und auf den Einsatz von Chemikalien, die sich ja auch allmählich in unseren Körper "anreichern". Erschreckend ist etwa, daß schon die Anzahl der vermeintlich noch allgegenwärtigen Hausspatzen von 1975 bis heute in England um zwei Drittel gesunken ist.
Nachdem man weiß, daß Städter in aller Regel, zumindest wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, eher natürlich Klänge bevorzugen, wobei Vogelgesang (!) und Meeresrauschen ganz oben stehen, während nach Murray Schafer Rasenmäher, Motorräder und Sirenen die Liste der Klangphobien anführen, könnte man die technischen Lärmquellen natürlich anders klingen lassen: "Suchten wir wirklich nach kreativen Lösungen", so der Klangforscher Murray Schafer, "würden wir darüber nachdenken, daß Kühlschränke, Staubsauger und Klimaanlagen Funktionen übernehmen, die ursprünglich von der Natur erfüllt wurden, und wir könnten versuchen, sie mit Klängen auszustatten, die das widerspiegeln." Man könnte also vielleicht auch die verschiedenen Autotypen beim Starten und Fahren mit den Klängen unterschiedlicher Vogelgesänge versehen, die ihr Fahrgeräusch übertönen. Das würde jedenfalls eine höhere Markenidentität verschaffen, die sich schon lange, bevor man die Autos oder Lastwagen sieht, hören ließe. Ob das aber den Vögeln nutzen würde, ist eine andere Frage.
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