Site is Dead, Shows Advanced Decay

Florian Rötzer 14.01.1999

Eine Website für Geistersites

Eigentlich lebt das Web von der permanenten Neuheit, um im globalen Markt der Angebote Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und zu halten. New und cool sollen sie sein, die Websites, und natürlich permanent aktualisiert. Da geht manchen schon der Atem aus, zumal wenn man einmal eine Idee hatte, sie ins Web setzte, mitunter viel Arbeit aufwendete - und dann etwas dazwischenkommt, eine Pleite den Schwung bremst oder man einfach keine Lust mehr hat.

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Es ist ja bekannt, wie kurzlebig das Internet ist, vielleicht gerade deswegen, weil es so schnell zunimmt (Das Netz hat noch kein Gedächtnis). Während manche versuchen, dem Web ein Gedächtnis zu verleihen und es immer wieder abspeichern, oder andere der irrigen Meinung sind, sie könnten Monumente auf ewig im Netz bewahren, gibt es in der quirligen Szene des Web mit seinen dauernden Premieren auch verlassene Websites, die weiterhin besucht werden können, obwohl sich nichts mehr auf ihnen tut und sie von den ehemaligen Besitzern möglicherweise längst vergessen sind.

Site is Stuffed, Embalmed, and Ready for Internet Museum

Seit 1996 sammelt Steve Baldwin derartige Geisterorte im Netz und hat paradoxerweise auch gleich eine Site ins Web gestellt, die vorerst noch aktualisiert wird. Wer einen schönen Fund macht, kann die URL melden. Baldwin hatte im Juli 1996, wie er schreibt, eine Erleuchtung, aus der heraus das Projekt entstand: "Von ganz unten kam eine grausame Vision des World Wide Web heraus. Es war kein freundlicher Ort, kein friedlicher Ort der Gemeinschaft, des Geschäfts und des Chat. Es war ein riesiger und erbarmungsloser elektrischer Ozean, der Sites, Karrieren und Risikokapital wie ein wildgewordener Killerwal verschluckte ... Große Reichtümer gingen verloren und stolze Sites waren auf den Grund versunken. Niemand schien sich darum zu kümmern. Die Zukunft war ein gewaltiger Abgrund. Wer würde diese Tage der Verrücktheit, der Katastrophe und der Verzweiflung der neuen Medien aufzeichnen?"

Site is Dead, Shows Advanced Decay

Nach einer kurzen Phase des Aufblühens wurde das Projekt der "Ghost Sites" selbst zu einem Web-Wrack, bis es von Baldwin wieder instandgesetzt und auf die hohe See des Web gesetzt wurde. Kurios, manchmal geheimnisvoll oder lächerlich, gelegentlich nostalgisch anrührend (Best Viewed with Netscape 1.1) ist es manchmal ein kleines Abenteuer, durch die verlassenen und verfallenden Gebäude mit nicht mehr funktionierenden Links und Applikationen zu spazieren und die Hoffnungen zu sehen, die manchmal hinter der Einrichtung eines Tors zur großen, weiten Welt gestanden sind. Das Datum ist eingefroren, aber die T-Shirts sind noch im Angebot, vieles ist immer noch "under construction", die wöchentlichen Updates hören irgendwann einfach auf. Kein Wort des Abschieds wurde hinterlassen. Man ist einfach um- und ausgezogen - und hinterläßt die Ruinen der Nachwelt, bis auch sie eines Tages spurlos aus dem Alzheimer-Gedächtnis des globalen Gehirns verschwunden sind. Auch die Nostalgiker und Historiker müssen im Zeitalter des Cyberspace schnell sein. Die Ruinen können nach Tausenden von Jahren nicht mehr ausgegraben werden, sondern sind im Nichts verschwunden.

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2600/1.html
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