Was ergibt 23 + Pi?

Zahlenmystik und Besessenheit im Kino

Kurz nacheinander kommen zwei Filme in die deutschen Kinos, die nichts weiter als eine Zahl im Titel haben. Beide präsentieren Protagonisten, die sich zwanghaft mit Zahlenspielen beschäftigen und damit den Zuschauer selbst zu numerologischen Fragen anregen: Ist es Zufall, daß der deutsche Regisseur Hans-Christian Schmid seinen Film mit der natürlichen Zahl "23" betitelte, während der Amerikaner Darren Aronofsky die irrationale Zahl "Pi" wählte? Oder liegt darin eine tiefere Bedeutung?

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Die Gemeinsamkeiten der beiden Filme sind augenfällig: Sowohl Karl Koch, die Hauptfigur in 23, als auch Max in Pi sind extrem unruhige Charaktere. Sie fühlen sich ständig verfolgt und bedrängt von anderen Menschen, schütten Drogen oder Medikamente in sich hinein und verbringen ungezählte Stunden am Computer. Beide sind wie besessen von mathematischen Zusammenhängen: Karl Koch glaubt, einer weltweiten Verschwörung auf der Spur zu sein, die sich um die Zahl 23 rankt; Max ist überzeugt, daß in der unendlichen Ziffernfolge nach dem Komma in Pi ein Muster verborgen ist. Beide haben deutliche selbstzerstörerische Züge.

Der wichtigste Unterschied: Schmids Film beruht auf einer tatsächlichen Begebenheit, Aronofsky erzählt eine fiktive Geschichte.

Schmid hat reichlich Lob dafür bekommen, die Stimmung der achtziger Jahre sehr gut wiedergegeben zu haben. Ein zusätzlicher Pluspunkt ist für viele Kritiker, daß diese zeitgeschichtliche Rekonstruktion eher nebenbei geschieht, statt wie bei anderen Achtziger-Revival-Filmen das zentrale Thema darzustellen. Aus dieser Perspektive erscheint der Film als recht gelungen im Sinne einer Selbstverständigung jener Generation der etwa Dreißigjährigen, die diese Jahre als prägend erlebt hat. "Ich hatte mittlerweile die Erfahrung gemacht", sagt Schmid über seine Motivation, die Geschichte von Karl Koch zu erzählen, "daß aus meinem eigenen Abiturjahrgang zwei, drei Leute nicht mehr am Leben waren. Ähnlich wie Karl Koch war es ihnen nicht gelungen, einen Platz im Leben zu finden."

Schmid hat die Geschehnisse sorgfältig recherchiert und dramaturgisch bearbeitet. Die Orientierung an den Tatsachen scheint ihm jedoch den Zugang zu seiner Hauptfigur erschwert zu haben. Es bleibt ein Gefühl der Ratlosigkeit, das der Regisseur selbst auch gar nicht leugnet: "Bei Karl Koch traue ich mir nicht zu, Ursache und Wirkung genau zu definieren", antwortete er auf die Frage nach der Bedeutung der Drogen für Kochs Schicksal. "Er hatte seit seinem sechzehnten Lebensjahr Kontakt mit Pillen und Rauschmitteln aller Art, diese Drogenabhängigkeit erscheint im Film sogar eher noch reduziert. Zu seinem Lebensende hin nahm er mehr Opium, zwischendurch auch Heroin, LSD, Amphetamine. Es ist sehr schwer, da noch eine beherrschende Kraft zu erkennen."

Da hat Aronofsky es leichter. Unbeirrt von wirklichen Personen kann er sich voll und ganz auf das Innenleben seines Protagonisten konzentrieren. Ein einzelnes Bild stand für ihn am Anfang: "Mein Freund und Hauptdarsteller Sean Gullette, der vor dem Spiegel steht und sich ein Messer in den Kopf stößt. Ich wollte eine Geschichte erzählen, die auf einen solchen Höhepunkt zustrebt." Die Mathematik kam erst später dazu: "Ich bekam ein Buch, dessen Autor aberwitzige Zusammenhänge entdeckt zu haben glaubte: zwischen Marilyn Monroes Geburtstag und dem Auto des Mörders von Martin Luther King und so weiter. Es ging ständig um Zahlen und war völlig verrückt. Das hielt ich für einen guten Ausgangspunkt. Unser ursprünglicher Arbeitstitel war: 'Chip in the Head'."

Aronofsky war allerdings rasch klar, daß die Zuschauer den Gedankengängen eines Verrückten nicht lange folgen würden. Also machte er aus seinem Helden ein Mathematik-Genie: Max sieht Mathematik als die Sprache der Natur, deren grafische Darstellung überall Muster zum Vorschein bringt. Wie besessen sucht er nach solchen Mustern in den Bewegungen des Aktienmarkts, in jüdischen Überlieferungen und eben auch in der Zahl Pi.

Das erinnert an die Astronomin Ellie in Carl Sagans Roman "Contact". Die entdeckt irgendwo, Billiarden Stellen hinter dem Komma, in Pi eine Botschaft vom Schöpfer: eine Sequenz, die nur aus Nullen und Einsen besteht. "Die Botschaft brauchen wir gar nicht", glaubt Aronofsky. "Denken Sie nur an die perfekte Gestalt des Kreises. Sie finden sie überall: die Sonne, der Mond, die Augen ihres besten Freundes überall Kreise. Ein Tropfen, der in einen See fällt, verursacht Kreise. Es ist eine perfekte, einfache Form. Nun nehmen Sie eine ebenso einfache Formel: Umfang geteilt durch den Durchmesser und plötzlich haben Sie diese unendliche, chaotische Zahlenfolge: 3,14 . . . Unendlich bedeutet: Sie enthält alles, jede denkbare Zahlensequenz. Das ist der genetische Code des Universums."

So spricht jemand, der sich intensiv mit dem von ihm geschaffenen Charakter beschäftigt, sich tief in ihn eingefühlt hat. In "Pi" wird die Besessenheit, die "23" nur distanziert beobachtet, fast schmerzlich spürbar. Gleichwohl wäre es falsch, die beiden Filme gegeneinander auszuspielen: Die Kühle und Ratlosigkeit in Schmids Film ist letztlich auch Ausdruck des Respekts gegenüber den realen Personen, von denen er erzählt und über deren Seelenleben er nicht hemmungslos spekulieren will. Solche Rücksichtnahmen hat Aronofsky nicht nötig, dafür fehlt seinem Film möglicherweise die Bodenhaftung.

Es ist mit den beiden Filmen vielleicht ähnlich wie mit natürlichen und irrationalen Zahlen: Die einen sind nicht "besser" als die anderen aber sie ermöglichen unterschiedliche Rechnungen. Insofern sind die Titel wohl doch kein Zufall.

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2639/1.html
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