Die Herrschaft der Sportfans
Sport ist neben Sex und Aktien die Killeranwendung im Netz
Ich habe mir niemals Sportfans als Technoenthusiasten vorgestellt. Die schlimmsten Football-Fanatiker schienen mir eher Schlägern nahezustehen, deren rebellische Schreie, Schlagen gegen die eigene Brust und Neigung zur Gewalt nur die Weiterführung der brutalen Kraft und der animalischen Wut der Athleten darstellt, die sie bewundern und nachahmen.
Doch die Popularität der Sportnachrichten, der Gespräche über den Sport und des Online-Spielens brachten mich zur Erkenntnis, daß gerade das Gegenteil zutrifft: Sportfans sind geeks. Sie sind Bibliothekare, die sich den esoterischsten Einzelheiten des Sports widmen, die Treffer und die Vergangenheit der Spieler archivieren und die heiligen Objekte und Talismane der wichtigen Spiele und Helden aufbewahren.
Sie sind Statistiker, die immerzu Variablen gegeneinander berechnen: Erzielt Smith an regnerischen Tagen, nach einer Niederlage in der letzten Woche oder während bestimmter Perioden mehr Treffer? Sie sind auch Historiker, die die Erzählungen der großen Siege und Niederlagen im Gedächtnis behalten und sie den jungen Neuankömmlingen weitererzählen, die ohne solche Beispiele ihr eigenes Sportzeitalter irrtümlich für eines der großen Goldenen Zeitalter halten würden.
Das World Wide Web hat den Sportfans sogar besser als den Sexsüchtigen gedient. Während ein 640x480 gif eines nackten Models nur ein schwacher Ersatz für die Wirklichkeit ist, besonders bei den gegenwärtigen Baud-Geschwindigkeiten der Modems, so sind die online verfügbaren Sportgeschichten und -ergebnisse die Wirklichkeit. Im Unterschied zu Football-Spielern (oder sexuell aktiven Erwachsenen) machen Football-Fans nämlich nichts. Sie betreiben keinen Sport, sie schauen zu. Und dieses Zuschauen erstreckt sich nur auf ein paar Stunden in der Woche. Während die wirklichen Spieler irgendwo auf einem Spielfeld trainieren, sammeln die Fans Fakten, lesen Kommentare und kaufen "Andenken".
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Deswegen könnte sich der Sport als die größte Killeranwendung im Internet neben dem Aktienmarkt herausstellen, dessen eigene Struktur als die tödlichste Anwendung solange unangefochten bleiben wird, wie Online-Wertpapierhändler immer wieder neue Trottel dazu bringen können, in Internet-Aktien zu investieren, die das Wachstum des Web selbst unterstützen.
Das ist vielleicht der einzige Unterschied zwischen beiden. Sowohl der Sport als auch das Herumsuchen in den Aktienkursen sind Zuschaueraktivitäten. Wir schauen Fernsehen und hören Radio, um die Meinungen der "Experten" kennen zu lernen, und übermitteln dieselben Meinungen dann unseren Trinkgenossen, als wären sie unsere eigenen. Die Bars von New York sind voll von Menschen, die über Earthlink, Excite und andere in den Himmel schießende Investititonen sprechen, wobei alle die Sprache und die Ideen der Artikel in den Nachrichtenmagazinen und der Experten im Auto-Radio gebrauchen.
Währenddessen beendet irgendwoanders in derselben Bar eine Gruppe von Sportfans die gegenseitigen tiefschürfenden Kommentare und hebt kollektiv heraus, wie überraschend ähnlich ein Tor im Spiel am letzten Abend dem Treffer eines anderen Spielers desselben Teams vor sechs Jahren war. Natürlich würde sich keiner dieser Fans wirklich an die Einzelheiten des historischen Spiels erinnern, auf das sie sich beziehen, wenn ihr Gedächtnis nicht kollektiv durch denselben Artikel in der Zeitung von heute Morgen geprägt worden wäre.
Aber das ist nebensächlich und zudem ein geringeres Problem, da es jetzt so viele Quellen für Sportinformationen neben der Zeitung gibt, die man benutzen kann. Ich erhalte gegenwärtig mit der Email jeden Morgen zwei verschiedene Basketballberichte und besuche regelmäßig drei verschiedene Sport-Websites.
Als mich einer meiner New Yorck Knicks Fans anrief, wußte ich schon von der möglichen Veränderung der Aufstellung heute abend, vom Zustand eines Spielers, der sich beim Training verletzt hatte, und von den Momenten im Spiel vom letzten Abend, die am besten die Schwächen des Teams veranschaulichen.
Das Ziel des Spiels ist jedenfalls für die Sportfans, eine größere Menge an gesammelter Information und an Wissen als ihre Freunde zu haben - eine breitere Datenbank mit gespeicherten Namen und Zahlen, auf die man bei einer Diskussion unmittelbar zugreifen kann. Der eigene Machismo wird nicht durch den Umfang der Muskeln gemessen, sondern durch die Tiefe und Richtigkeit der Erinnerung. Das unterscheidet sich nicht von solchen albernen Fanfesten, an denen die Star Trekkers ihren Gefallen finden, die Voyager-Episoden nach ihren Inkonsistenzen mit Drehbüchern der originalen Serie durchforsten.
Der Sportfan hat folglich ebenso wie der Science-Fiction-Begeisterte online ein heimeliges Zuhause gefunden. Das Internet vergrößert seinen Zugang zu der Datenbank, die er begehrt, aber auch zu einer Vielzahl von Informationsquellen, von denen er Meinungen entnehmen oder entlehnen kann. Chat-Räume und Newsgroups bieten ihm die Möglichkeit, Behauptungen zu testen (oder zu stehlen), bevor er sie bei seinen eigentlichen Freunden in der Kneipe ausprobiert. Er kann wirkliches Geld auf ausländischen Spiel-Sites mit einer größeren Genauigkeit und Rechtmäßigkeit wetten, als dies bei seinem Wettbüro um die Ecke möglich ist - und mit der Bequemlichkeit, dies mit einer Visa-Card zu tun.
Im Unterschied zum Sex oder zur Investition ist beim Sportfanatismus am Wichtigsten, daß er zu Beginn einer "virtuelle" Aktivität ist. Fans verstehen, daß ihre Aktivitäten von der Natur herstammen und daß das Web lediglich ihre Rollen als Zuschauer und Konsumenten verstärkt. Der Rest der Webbenutzer sollte erst einmal das Glück haben, zu dieser Erkenntnis zu gelangen.
Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer
Copyright 1999 by Douglas Rushkoff
Distributed by New York Times Special Features
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