Gentechnik zur Bekämpfung des Eisenmangels

Florian Rötzer 26.02.1999

Britische Wissenschaftler werben für die Nützlichkeit der Gentechnik

In Großbritannien wird derzeit heftig über genetisch veränderte Pflanzen und deren Bestandteile in Lebensmitteln gestritten. Die britische Regierung will die Biotechnologie als Zukunftstechnologie fördern, Kritiker plädieren vor allem wegen eines Experiments, das bei Ratten Schädigungen verursachte, für ein Moratorium. Dessen Aussagekraft wird derzeit von den meisten Wissenschaftlern wiederum bestritten.

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Immerhin will die unter Druck stehende britische Regierung durch gründliche Tests für die Sicherheit der Gen-Lebensmittel sorgen und eine Kennzeichnung einführen, andererseits scheint aber Großbritannien den USA und der sogenannten Miami-Gruppe assistiert zu haben, das vorgesehene internationale Abkommen über die Sicherheit beim grenzüberschreitenden Handel mit lebendigen genetischen Organismen zu torpedieren. Auch hier war die Lobby aus Exportländern von gentechnisch veränderten Pflanzen und den dahinter stehenden Bio-Tech-Firmen unter anderem mit einer Kennzeichnung nicht verstanden. Das Motto ist wohl: Wer nichts weiß, ißt alles (Internationales Abkommen über den Handel mit genetisch veränderten Organismen gescheitert).

In England bezeichnen die Kritiker Gen-Lebensmittel mitunter als "Frankenstein Food". Aber jetzt sind britische Forscher der unter Bedrängnis stehenden Gentechnik gerade rechtzeitig zur Hilfe gekommen. Nigel Robertson, Leiter des Teams von der Newcastle University Medical School, ist der Meinung, daß die selektive Aufzucht von Nutzpflanzen über Tausende von Jahren nur darauf abgezielt habe, die Ernte zu vergrößern, daß dadurch aber die Ernährungsqualität der Lebensmittelprodukte gelitten hätte. Mit Gentechnik habe man jetzt aber erstmals die Möglichkeit, die Nährstoffe wieder in die Pflanzen einzubauen, die sie durch die lange einseitige Züchtung verloren haben.

Die Forscher der Newcastle University haben, wie sie in der Zeitschrift Nature schreiben, ein Gen entdeckt, das sich in Pflanzen einbauen läßt, um eines der großen Ernährungsprobleme zu lösen: den Eisenmangel, unter dem nach der WHO an die 3,7 Milliarden unterernährte Menschen leiden sollen. Das Gen FRO2 dient bei Pflanzen dazu, aus dem Boden für die Lebewesen verwertbares Eisen aufzunehmen. Die Wissenschaftler isolierten das Gen in Arabidopsis, der Ackerschmalwand, gehen aber davon aus, daß es ähnliche Gene auch in anderen Pflanzen gibt. Das Gen erzeugt das Enzym Reductase, mit dem die Pflanzen das von Menschen nicht verwertbare Eisen in eine aufnehmbare Form umwandeln. Wenn man das Gen so beeinflussen könnte, daß es mehr Reductase produziert, könnten auch Pflanzen, die auf ausgelaugten Böden wachsen, eine größere Menge des notwendigen Eisens aufnehmen. Die Wissenschaftler wollen in weiteren Experimenten versuchen, die erhöhte Erzeugung von verwertbaren Eisen in bestimmten Teilen der Pflanzen zu konzentrieren, die von den Menschen auch gegessen werden können.

Stolz meint Robinson, daß dies ein britisches Beispiel dafür sei, wie eine gentechnische Veränderung von Nutzpflanzen den Konsumenten und der Umwelt dienen könne. Überdies sei die Technik an sich sicher, allerdings müsse man bei jeder Anwendung erst Tests durchführen, um die Sicherheit wirklich zu gewährleisten. BBC gegenüber sagte Robinson, daß es beim Widerstand gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel einen Anteil von Xenophobie gebe. Freilich geht die Kritik an der Gentschnologie nicht allein auf gesundheitliche Gefährdungen oder andere Risiken zurück, sondern auch auf deren Auswirkung auf die Gesellschaft. Die Frage ist natürlich auch, ob die unterernährten und unter Eisenmangel leidenden Menschen tatsächlich in den Genuß der Lebensmittel kommen werden, die aus derartigen manipulierten Pflanzen stammen würden. So sicher und vielleicht gut jede neue Technik auch sein mag, die Mängel zu heben verspricht, so ist sie dennoch kein Wundermittel, wenn nicht auch der soziale Kontext, d.h. beispielsweise die Verteilung des Reichtums, verändert wird. Daß es hungernde Menschen auf der Erde gibt, ist schließlich nicht die Folge einer insgesamt zu geringen Nahrungsmittelproduktion. Wenn dies so wäre, dann wäre die Gentechnik auch eine richtige Antwort auf Unterernährung und Hunger.

Ohne daß dies natürlich schon gegen den Einbau eines solchen Gens in Pflanzen spricht, so ist doch die Begründung für die Leistung der Gentechnologie entlarvend für die normale Vorgehensweise der technischen Rationalität. Weil durch die Zucht die Pflanzen in ihrem Nährstoffgehalt negativ beeinflußt wurde, braucht man jetzt die Gentechnik, um den Mangel zu kompensieren. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der massenhafte Anbau von derart zugeschnittenen Pflanzen wieder andere Folgen hervorrufen, die man dann wieder durch neue Techniken beheben muß. Damit ist zwar der Fortschritt der Technik und die Dynamik des Marktes gesichert, nicht aber unbedingt das Wohlergehen der Menschen.

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2654/1.html
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