Web Washer oder die Informationserschleicher

Florian Rötzer 09.03.1999

Die skurrile Kritik der Geschäftsführerin Michaela Merz von germany.net

Der Internet-Werbeblockierer Web Washer hat bei manchen Online-Anbietern für Unruhe gesorgt, obgleich es bereits seit längerer Zeit eine ganze Reihe anderer derartiger Programme gibt. Focus online hat offensichtlich gleich einmal getestet, ob man auch wirklich, wie Siemens verspricht, ohne Mühe den Zugang für diejenigen sperren kann, die Web Washer benutzen. Das hat offensichtlich geklappt. Es gibt also für die Anbieter von Inhalten, die ihre Werbeeinnahmen gefährdet sehen, durchaus eine Alternative, um die Banner zu verteidigen, wenn man es denn so will.

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Wahrscheinlich hat den Unmut, der mittlerweile in sich selbst zusammenzufallen scheint, vor allem der Umstand erregt, daß Web Washer ein Siemensprodukt ist. Für den deutschen Konzern ist der Internet-Blockierer eine erste Stufe auf dem Weg, dem Benutzer einen personalisierbaren Filter zur Verfügung zu stellen, durch den er entscheiden kann, was er sehen oder empfangen will oder was nicht (siehe auch den Artikel in ct).

Im Prinzip handelt es sich lediglich um eine im Netz übliche Wettkampfspirale. Wer etwas mit einer Technik durchsetzen will, was anderen nicht paßt, wird wiederum ausgetrickst. Dann geht es in die nächste Stufe und so weiter. Das ist eigentlich richtig schöner freier, also unregulierter Markt, wie sich ihn Liberale vorstellen mögen.

Aber da sagt doch Michaela Merz, einer der Geschäftsführer von germany.net auf der Computerseite der Süddeutschen Zeitung vom 9.3. in einem Gespräch, daß eine werbefreies Internet ebenso undenkbar sei wie eine werbefreie Zeitung. Nun gab es zwar das Internet schon vor den ersten Werbebannern, aber Werbung ist sicherlich für diejenigen, die Inhalte anbieten, um zumindest langfristig keine Miesen einzufahren oder gar etwas zu verdienen, eine wichtige Option. Doch dieses Eigeninteresse wird von Merz umgedeutet in eine Art stillschweigende Absprache: "Die heute zu findenden Web-Angebote beruhen auf einem Konsens zwischen Anbieter und Abrufer: Werbung gegen Informationen." Für den Abrufer, dem Siemens ein noch dazu kostenloses Programm zur Verfügung stellt, besteht dieser "Konsens" wohl realistischerweise bestenfalls in einer Duldung. Aber das sieht Merz nicht so und bezeichnet den mit Web Washer ausgerüsteten Surfer mehr oder weniger als einen Dieb, der den konsensuell geschlossenen Vertrag bricht: "Wer als Abrufer die Werbung ausblendet, trennt sich von diesem Konsens und erschleicht ein Angebot, für welches er keinerlei Gegenangebote bringt." Das stimmt so allerdings auch nicht ganz, denn der Erschleicher produziert immerhin noch Quote in Form von Page Views und investiert seine Aufmerksamkeit, auch wenn er diese knappe Ressource zu schonen versucht und sie lediglich auf das Lockmittel des Inhalts, aber nicht auf die kommerziell verwertbare Werbung richten will.

Wenn der Abrufer nicht die vom Anbieter erwünschte Gegenleistung bringen will - und dieser "Konsens" scheint recht brüchig zu sein, wenn immerhin täglich 7000 Menschen sich den Web Washer herunterladen -, dann könnte man ihn mit einer Gegenblockade am Zugang hindern oder sich überlegen, was da falsch läuft. Freilich fürchten vermutlich manche die Errichtung einer Gegenblockade, weil sie doch keine Besucher verlieren wollen, weswegen man dann ins Moralische ausweicht, was aber doch etwas seltsam ist, wenn dies im kapitalistischen Kontext des freien Marktes geschieht, in dem sich angeblich das durchsetzen soll, was am meisten Nachfrage findet. Merz meint, wer werbefreie Informationen wünsche, müsse halt bereit sein, dafür auch mit Geld zu bezahlen. Das erinnert an den Vorsitzenden der GEMA, der sagte, Surfen sei wie Schwarzfahren. Allerdings gibt es auch marktgerechtere Modelle, die Aufmerksamkeit der Menschen einzufangen, indem man ihnen etwas über den Inhalt hinaus bietet, etwa einen freien Internetzugang, einen kostenlosen Rechner oder wie Cybergold Geld fürs Anschauen von Werbung.

Aber leider ist das Internet - und viele Anbieter - noch ein wenig geschäftsunfreundlich und achtet den Konsens nicht. Manche Anbieter etwa wie die New York Times eröffnen nur dann den Zugriff auf den Inhalt, wenn der Besucher Cookies setzen läßt. Das ist zwar dann eine einseitige Erzwingung des "Konsens", aber immerhin kann es sich ja jeder überlegen, ob ihm das soviel wert ist. Genauso einfach ließe sich das mit Werbeblockierern machen. Aber Merz als Verteidigerin des Konsens hat sich im Gespräch auf die moralische Verpflichtung zur Erbringung der vom Anbieter erwünschten Gegenleistung eingeschossen und versteigt sich als Antwort auf die durchaus berechtigte Frage, wann denn "das Netz" über die Einführung von Werbung abgestimmt habe, zu einer recht eigenwilligen Deutung: "In dem Moment", so meint sie, "in dem man hochwertige Information kostenlos abgerufen hat."

Es wäre natürlich schon interessant zu wissen, was denn hochwertige Informationen sind - wahrscheinlich immer die eigenen Angebote. Gleichzeitig impliziert dies, daß der Konsens nicht für minderwertige oder durchschnittliche Informationen gilt. Doch der Höhepunkt ist sicherlich, daß Merz sagt, daß die meisten Menschen sowieso schon zu spät online gegangen sind, um noch über den wahrhaft virtuellen Vertrag abzustimmen, der offenbar so etwas wie die Unabänderlichkeit einer Verfassung genießt: "Außerdem ist die 'Netzgemeinde', oder zumindest der größere Teil davon" - immerhin eine kleine Einschränkung vom Netzpionier germany.net - "erst in's Netz eingestiegen, als WWW und werbefinanzierte Dienste lange etabliert waren." Und das ist ja bekanntlich schon seit Urgedenken der Fall.

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2669/1.html
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