Al Gore und Open Source

Florian Rötzer 08.04.1999

Für die Wahlkampagne im Web will Gore sich auf ein vermeintlich technisch siegreiches Pferd setzen

Ziemlich spät hat Vizepräsident Al Gore seine Website zur Präsidentschaftskandidatur ins Netz gestellt. Wie darauf angekündigt wird, soll das Internet eine ganz entscheidende Rolle spielen. Natürlich will Al Gore die Vernetzung und die Technik- und Wissenschaftspolitik zusammen mit ökologischen Themen und dem Erhalt der Familie in den Vordergrund stellen. Und da hatte er oder jemand aus seinem Team auch eine Idee: irgendwie die negative Stimmung gegen Microsoft und den Optimismus für freie Software ausnützen und die Open Source Bewegung fördern, um sich zumindest an die Spitze des Trends zu stellen.

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Natürlich will Gore auch demonstrieren, daß der Schutz der persönlichen Daten, gegenwärtig ein primäres Thema, ihm ganz wichtig ist. Es werden zwar Cookies gesetzt, aber selbstverständlich nur, um den Besuchern jene Inhalte zu liefern, die sie besonders interessieren, also um eine permanente Meinungsumfrage zu veranstalten. Auch demographische und Verhaltensdaten werden gesammelt, aber auch nur wiederum, um den Inhalt der Website auf die Besucherinteressen zuzuschneiden. Weitergegeben werde diese Daten angeblich nicht an Dritte. Im Prinzip heißt das, daß Gore seine Politik und sein Programm wie ein Chamäleon nach der jeweiligen Umgebung ausrichten will: jeder soll erhalten, was er haben will. Personalisierung der Information, wozu man möglichst viele Daten der Besucher und ihres Verhaltens benötigt, ergäbe dann einen Apiegelpolitiker, der immer nur das präsentiert, was gerade verlangt wird oder en vogue ist. Könnte man eine solche Politik umsetzen, würden sich Politiker als Repräsentanten des Volkes eigentlich erübrigen und durch eine permanente Meinungsumfrage=direkte Demokratie ersetzen lassen.

Aktuell scheint für Gore jedenfalls gerade das Thema Open Source zu sein. Den Quellcode freizugeben, ist überdies ein Versprechen, daß Menschen in einem Projekt kooperieren - warum also nicht auch in dem einer Wahlkampagne? Also verkündet Gore auf seiner Website, daß diese Open Source sei und daß jeder mithelfen soll, sie weiterzuentwickeln, um sie zu einer "powerfull grassroots political force" zu machen, was vielleicht schon für die Präsidentschaftskandidatur eines im Amt befindlichen Vizepräsidenten etwas seltsam ist. Ist eine Wahlkampagne ein Open Source Projekt?

So dynamisch wie Al Gore und seine Politik soll auch seine Website sein. Was jetzt vorhanden ist, sei nur ein Anfang, aber die Website soll ein "lebendiges Dokument" werden, das wächst, sich verändert und immer besser wird. Und die besten Ideen, die kommen, wenn sich die Menschen den Quellcode der HTML-Seiten ansehen, sollen dann auch eingebaut werden. Unter der Seite steht jedoch: Copyright - All Rights Reserved. Auf jeden Fall werden viele Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Nur Einzelpersonen, keine Firmen oder Organisationen können Vorschläge einreichen. Sie müssen versichern, daß die Ergänzungen zum HTML-Quellcode allein auf ihrem Mist gewachsen sind, und Namen, Adresse, Beruf und Arbeitgeber angeben. Gezahlt wird natürlich auch nichts, wie es sich eben für ein richtiges Open Source Projekt gehört. Angegeben wird allerdings nirgendwo, unter welchen Copyright-Bedingungen der bislang vorhandene und der etwaig hinzugefügte Quellcode steht. Wenn der Quellcode Open Source sein soll, dann müßte ihn eigentlich jeder verwenden dürfen, um damit eigene Projekte, beispielsweise eine Anti-Gore-Seite, zu entwickeln.

Besonders "raffiniert" jedoch ist die Idee, im HTML-Quellcode noch weitere Botschaften für die "Eingeweihten" zu verstecken, die gelobt werden, wie kundig sie doch seien. Wer auf seinem Browser das richtige Fenster anklicken kann, sieht hinter die Oberfläche und kann dann schon auch mithelfen, das "21. Jahrhundert unserer Träume" herzustellen. Im "Geist der Open Source Bewegung" sei dieses Projekt entstanden, das die Gore-Kampagne zu einer der bislang "offensten und interaktivsten" machen werde. Gedacht ist das so, daß die neuen Inhalte mit dem Source Code je nach geographischer Herkunft des Autors, so sie denn gefallen, in die Website eingebaut werden. Aber man will sich auch Ideen anschauen, die diese geographische Bindung übersteigen. Es gibt neben dem "Open Source Project" noch ein "Multimedia Volunteer Project", bei dem man alle Arten von Bildern und Videos einreichen kann. Recht viel mehr scheint das Open Source Projekt auch nicht zu sein.

Besonders dankbar sei man überdies für Inhalte auf der Grundlage von Linux. Um das zu fördern, gibt es ein Preisausschreiben für den besten Gore2000-Linux-Bildschirmschoner. Welche Preise ausgelobt werden, konnte ich nicht finden, aber es ist ja Open Source ...

Zu vermuten ist, daß Al Gore sich mit dieser Art von Anbiederung Sympathien bei den Anhängern von Open Source verspielen wird, auch wenn dies für andere in der Tat etwas Positives darstellen könnte. Interessant wird auch sein, wie Gore die rechtlichen Probleme regeln wird, zumal wenn Open Sorce anders verstanden wird, als er dies gerne haben würde. Ganz klar jedenfalls scheint der Unterschied zwischen Open Source und Inhalt nicht zu sein. Und HTML war auch schon vor Gore Open Source ...

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2724/1.html
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