Hyperliteraten heute. Ein Mängelbericht

Was an Hypertexterzählungen existiert, liefert jedoch den Gegenbeweis: Hyperlinks stärken nicht die Gewalt des Wortes, sondern schwächen sie. Die häppchenweise Portionierung der Texte und die zwangsläufig nicht stringente Verwebung ihrer Abfolge ist für literarisches Erzählen so störend, wie es einst die Zwischentitel im Film waren. Die Vorzeigewerke der Hypertext-Bewegung dekonstruieren die Spannungsbögen und die Einheitlichkeit des Leseerlebnisses und damit am Ende jede Lust, sich weiter mit dem Text zu beschäftigen. "In Hypertextliteratur gibt es zu oft keinen Anreiz zum Weiterlesen", schreibt Scott Rosenberg in seiner Bestandsaufnahme interaktiver Fiktionen. "Jede neue Erzählung lesen wir zunächst in einem Zustand der Verwirrung, wir versuchen, die verschiedenen Charaktere zu verstehen, wo sie sind und was sie gerade machen. In traditioneller Literatur wird ein guter Autor uns mit einer komplexen, sorgfältig angelegten Reihe von Enthüllungen verblüffen, um uns zu orientieren und um uns dann bisweilen wieder zu desorientieren. Bei Hypertexten lüftet sich der anfängliche Nebel nie."

Die Kluft zwischen dem großen Anspruch und der Bescheidenheit der Resultate zeigt sich mit besonderer Deutlichkeit in der behaupteten Interaktivität und der angeblichen Ermächtigung des Lesers, sich aktiv seinen eigenen Text zu weben. Denn keine der kanonischen Hypererzählungen erlaubt echte Partizipiation. Daß der Leser hier und da an vorgeschriebenen Stellen klicken darf, befördert ihn nicht zum Ko-Autor des Textes, sondern reduziert seine Rolle auf die einer Labormaus im künstlichen Labyrinth.

"Egal, wie ernsthaft die Angelegenheit ist, die gerade stattfindet, ich habe immer das Gefühl, als ob meine Reflexe in einer Videoarkade getestet würden", kritisiert Sven Birkerts die Hypertextliteratur - vom Standpunkt des Technikfeindes, der seine am traditionellen Buch geschulte Sinnlichkeit beleidigt sieht. Realiter jedoch tut der Vergleich den Videospielen unrecht. Die besten unter ihnen bieten ihren Kunden erheblich mehr als die besten Hyperfiktionen ihren Lesern. Die nämlich dürfen nur über "vorgeschriebene" Wege irren, ohne je zum "Lesen von Strukturen" zu kommen, wie es die Hypertext-Theoretiker so gerne imaginieren. So manches Computerspiel, selbst jedes Kursbuch der Bundesbahn ist, was das Erfassen komplexer Zusammenhänge angeht, von aufklärerischerem Wert.

Nur zu einem geringen Teil geht dieses dramatische Gefälle zwischen theoretischem Anspruch und literarischer Realisierung aufs Konto mangelnden Talents oder mangelnder Mühen. Im Gegenteil, den meisten Exemplaren der Gattung merken sich die verkrampften Anstrengungen der Autoren, der literarische und theoretische Schweiß, den sie gekostet haben, unangenehm an. Mit Einsatz allein ist den strukturellen Begrenzungen, der Fehlkonzeption, auf der Hypererzählungen beruhen, jedoch nicht beizukommen. Denn Hyperlinks sind eine bedeutende Innovation - bloß nicht für Texte, die ihre eigene Welt erschaffen wollen und zu diesem Zwecke ein erzählerisches Kontinuum herstellen müssen.

Hyperlinks verknüpfen zwar qua Form. Ihre Funktion ist es, das Unverbundene zu verbinden, und bei der Organisationen digitalisierter Informationen, etwa auf Festplatten, CD-Roms und Webseiten, leisten sie Hervorragendes. Auch dort aber zeigt sich ihre wahre Qualität nicht in der Verknüpfung von reinen Textinformationen. Die meisten Sachbücher, die nachträglich hypertextuell aufbereitet wurden - selbst Bibeln der Bewegung wie Ted Nelsons "Literary Machines" oder Jay David Bolters "Writing Space" -, vermitteln als kontinuierlicher Text ihre Inhalte besser; und das erst recht, wenn diese Informationen digitalisiert sind und damit durchsuchbar werden.

Einzigartiges leisten Hyperlinks dafür in der Integration heterogener Medien. Hier verweben sie Schrift und Bild, Sprach-, Ton- und Videodokumente zu einem einheitlichen Informationsraum, wie er in analogen Medien und ohne Hyperlinks nicht entstehen könnte. In den Hypertexterzählungen hingegen werden die Links unsinnigerweise zum genau gegenteiligen Zweck eingesetzt: nicht um heterogenes Medienmaterial zu verbinden, sondern um das Kontinuum einer rein sprachlichen Erzählung zu zerschlagen. Für die Entfaltung von textbasierten Erzählungen wirken Hyperlinks denn auch nicht weniger störend als einst title links im Stummfilm.

Der problematische Gebrauch, den die Hypertexterzählungen vom Link machen, deutet daraufhin, daß es sich bei diesen Kunstübungen um das digitale Äquivalent zum Stummfilm handelt: die formal unreife und bandbreitenbehinderte Vorform entwickelter Cyberfiktionen, die so multimedial sein werden, wie es der Cyberspace erlaubt und verlangt.

Eine wesentliche Differenz besteht natürlich zur Kinogeschichte. Der Film ist ein visuelles Medium. Mit der Evolution seiner Technik und seiner Formsprache hatten die Zwischentitel zu verschwinden. Cyberfiktionen hingegen sind multimedial. Allein jener Großteil an Schrift im Cyberspace, der im Grunde nur Platzhalter für Bilder und Töne ist, die beim je aktuellen Stand der Technik nicht übermittelt werden können, verliert mit zunehmender Bandbreite seine Daseinsberechtigung. Die anderen Künste werden nicht länger planetengleich um das geschriebene Worte kreisen. Bleiben aber werden Texte im Kontext multimedialer Erzählungen, wo es um Effekte und Wirkungen geht, die nicht dem Bild, nicht dem Film, nicht der Musik, sondern allein der linearen - schriftlichen und mündlichen - Literatur zu Gebote stehen: jene ästhetischen Stärken von Kohärenz und Diskursivität, auf die Hypertexte gerade mit ihrer Insistenz auf Zufallsfolgen und Zufallsbedeutungen freiwillig verzichten.

Die Einsicht, daß Hypertextliteratur, so avantgardistisch sie sich gibt, bestenfalls auf einem Umweg und schlimmstenfalls in eine Sackgasse vorangestürmt ist, beginnt sich allmählich in der literarischen Kritik durchzusetzen. Kritisiert wird zurecht die ideologisch untermauerte Kunstlosigkeit und Leserfeindlichkeit der Hypertextliteratur. "Eins der verquersten Argumente, das die Hypertext-Verteidiger vorbringen, ist, wie ähnlich Hypertext dem Leben selbst sei, daß er die Beliebigkeit, Willkürlichkeit und Neigung zur Wiederholung des Lebens wiedergebe", schreibt Michiko Kakutani, Literaturchefin der New York Times. "Früher einmal, in der Vor-Hypertext-Vergangenheit, strebte Kunst nicht danach, das Leben zu imitieren, sondern es zu formen, es zu intensivieren, es mit der Vision eines Einzelnen zu prägen. Sie repräsentierte den Versuch eines Individuums, Ordnung im Chaos zu finden, ein Muster im Teppich. Hypertext zerschlägt jene alte Vorstellung von Kunst: Der Künstler ist tot, suggeriert er, und der Teppich hat kein Muster mehr - der Leser wird allein gelassen bei dem Versuch, der sinnlosen Welt einen Sinn abzugewinnen."

Und Salon's Laura Miller klagt: "Wenn ich durch die Lexias von Hypertext-Werken wie Michael Joyces ‚Afternoon, a Story', Stuart Moulthrops ‚Victory Garden' mäandere [...], ist das eine lustlose Aufgabe, eine Angelegenheit, bei der ich unablässig zwischen Alternativen zu wählen habe, von denen jede, wie mir versichert wird, ebensowenig wichtig ist wie jede andere. Dieser Vorgang, behauptet Landow, macht mich zu ‚einem wahrhaft aktiven Leser', aber die Erfahrung scheint durch und durch bedeutungslos und öde. [...] Die Hyperfiction-Champions sind nicht die ersten selbsternannten Revolutionäre, die damit drohen, andere Leute von ihren Vergnügungen zu befreien, aber ihr Beispiel ist eins der schwächsten."

Dieser wachsende Widerstand, von dem der Mangel an Publikum schon immer zeugte, entgeht den Repräsentanten der Hypertextliteratur natürlich nicht. Sie ahnen um die Bedrohtheit ihrer Nische. Einige stemmen sich trotzig gegen die Gefahren einen Breitband-Zukunft, in der die Netze ihren schriftzentrierten Charakter verlieren könnten. "Text-basierte Virtualität wird niemals verschwinden. Wenn du dich selbst als ‚der Duft einer Rose an einem heißen Sommertag' beschreibst, dann ergibt das eine unmittelbar sinnliche Kommunikation. Um dasselbe mit einem graphischen Avatar zu erreichen, mußt du schon ein wirklich wunderbarer Künstler sein", sagt etwa Sue Thomas, Leiterin der hochsubventionierten britischen Hypertext-Online-Community trAce. Und spricht damit eine unangenehme Wahrheit aus: daß Hypertextliteratur ein Mittel sein kann, es sich leicht zu machen und kein "wirklich wunderbarer Künstler" werden zu müssen.

Ähnlich äußert sich Mark Amerika über die Annehmlichkeiten der Hypertextliteratur - für ihre Autoren. "Der entscheidende Unterschied" zu der Zeit, als er noch konventionelle Literatur schrieb, sei "freilich, daß ich früher von Medien beeinflußt gewesen bin und die Aufgabe zu lösen hatte, wie ich diese Medien in meinen Texten darstellen sollte. Jetzt kann ich die Medien selbst in die Geschichte mit einbeziehen."

Sein jüngstes Werk "Grammatron", von der Fangemeinde emphatisch als großer Durchbruch begrüßt, als "das erste bedeutende im Internet publizierte erzählerische Werk, das eine Erfahrung vermittelt, wie sie nur in diesem Medium möglich ist" (The Village Voice) und als "kolosssale Hypertext-Wasserstoffbombe, die über die literarischen Landschaft abgeworfen wurde" (Pathfinder), zeugt denn auch von der zweiten Verteidigungsstrategie der Hypertextler: Man erkennt das multimediale Menetekel und reichert die textbasierten Werke zunehmend mit Grafiken, Tönen, ja Videos an. "Grammatron" trumpft, laut Mark Amerikas Selbstdarstellung, nicht nur mit "über 1100 Texträumen" und "2000 Links" auf, sondern auch mit allem, was multimedial gegenwärtig zu Gebote steht: "über 40 Minuten Real-Audio 3.0-Tonspur, einzigartige Hyperlinkstrukturen durch spezialkodierte Javascripte, eine virtuelle Galerie mit Unmengen von animierten und statischen Bildern und mehr Storyworld-Entwicklungen als jede andere Erzählung, die ausschließlich für das World Wide Web erschaffen wurde."

Doch die bunten Kleider machen aus der hypertextuellen Veranstaltung keine neue oder nur bessere Kunst. Tilman Baumgärtel nannte in Telepolis "Grammatron" höflich "ein gewöhnungsbedürftiges Leseabenteuer". Scott Rosenberg wurde in Salon deutlicher: Die Erzählung "‚Grammatron' versammelt, den Pop-Insignien zum Trotz, all die schlimmsten Fehler seriöser Hypertext-Fiktionen. [...] Sie scheint es auf eine Art überschwenglichen Wort-Jazz anzulegen, aber sie bezieht ihr Vokabular aus dem durchgeweichten Dung der Literaturtheorie. Das interaktive Ideal des Hypertextes ist eine nach hinten offene Kollaboration zwischen den Gedanken des Künstler und des Lesers; in der Realität handelt es sich jedoch um eine Sorte von hermetischer literarischer Spielerei - im schlimmsten Falle um eine computervermittelte intellektuelle Selbstbefriedigung -, die den Leser in eine klaustrophobische Sackgasse treibt."

Um von aktuellen Hypertext-Übungen wie "Grammatron" zu entwickelter Interaktivität und zu integrierter Multimedialität zu gelangen, zu dramatisch strukturierten Collagen und Assemblagen heterogenen Medienmaterials, bräuchte es ein erzählerisches Talent, daß den neuen Techniken neue fiktionale Formen abringt. Und es bräuchte darüberhinaus wohl auch die Kombination verschiedener Talente. Ein solcher qualitativer Sprung von der Hyperliteratur zur multimedialen Cyberfiktion wäre - jedenfalls beim gegenwärtigen Stand der Software - wohl nur in kollektiver Produktion zu schaffen. Für sie allerdings gibt es in der CyberArt und im Game-Design einige qualitativ bedeutende Vorbilder, nicht jedoch in der Hyperliteratur.

Deren Entwicklung stagniert seit einigen Jahren; woran ihre Markt- und Publikumsferne nicht unschuldig ist. "Das Laboratorium der Hyperfiktion demonstriert, wie weit sich die akademische Literaturkritik von wirklichen Lesern und ihren Sehnsüchten entfernt hat", klagt Laura Miller. Und in der Tat scheinen die führenden Vertreter dieser schnell gealterten Avantgarde eher beim Bewährten bleiben als ihre Kunst weiterentwickeln zu wollen. Veränderungsdruck besteht ja wenig, solange die eroberten akademischen Positionen gehalten werden können und die Förderungsgelder fließen, ohne welche die Hypertextliteratur vor Jahren schon den Weg der meisten Websoaps gegangen wäre - denen sie sich nun ironischerweise in der multimedialen Aufrüstung formal verblüffend anähnelt.

Beides, das Beharren auf der reinen Hypertextlehre wie das Dilettieren in Multimedia-Schnickschnack, deutet auf das baldige Verschwinden der Hyperliteratur beziehungsweise ihr Aufgehen in neuen, entwickelteren Formen der Cyberfiktion und des Cybertainment.

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