Die unkontrollierte Dynamik digitaler Medien
Der Actionfilm "Virus" zeigt monströse Roboter als Spiegelbild des Menschen
Unter einem Virus versteht man im allgemeinen eine Programmdatei biologischer oder digitaler Natur, die Wirtskörper - Zellen oder Computer - infiziert, um deren Ressourcen zu nutzen, meistens zum Zweck der eigenen Vermehrung. In der Regel führt das zur Zerstörung des Wirtes, in harmloseren Fällen belegt das Virus auch einfach nur Speicherplatz. Jedenfalls gelten Viren als Schädlinge, die bekämpft werden müssen. Der Film Virus schlägt eine neue Variante vor: Aus der Sicht einer außerirdischen Lebensform könnten auch die Menschen als Viren erscheinen, die ausgemerzt werden müssen.
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Die Frage, wer am Ende seine Definitionsmacht durchsetzen kann - und vor allem, wie er das schafft - sorgt in dem Regiedebüt von John Bruno für zwei Stunden stetig steigende Spannung und Action. Bruno war bisher als Tricktechniker bekannt, der für die Spezialeffekte in James Camerons Tiefseeabenteuer "Abyss" 1989 einen Oscar bekam. Seither hatte er bei mehreren Filmen (unter anderen "Terminator 2") mit Cameron zusammengearbeitet und sollte auch für "Titanic" die Leitung der Spezialeffekte übernehmen. Er gab den Job aber wieder ab, als sich die Gelegenheit bot, bei "Virus" Regie zu führen.
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Eine weise Entscheidung, die er trotz des überwältigenden Erfolgs von "Titanic" nicht bereut haben dürfte. "Virus" ist nicht nur - wie man es von einem gefeierten Tricktechniker erwarten darf - visuell eindrucksvoll: mit perfekt ins Bild gesetzten Hurrikan-Szenen auf hoher See, ausgiebigem Einsatz von Pyrotechnik und furchterregenden Robotern und Cyborgs. All diese Effekte erscheinen vielmehr nie - wie man es von einem Tricktechniker befürchten könnte - als Selbstzweck, sondern fügen sich nahtlos in die Geschichte.
Es geht um eine außerirdische Lebensform, die anfangs als bunt schillerndes Energiefeld durchs All wandert. Nach einer Kollision mit der russischen Raumstation "Mir" gelangt sie über die gerade bestehende Funkverbindung in den Zentralrechner eines russischen Forschungsschiffs, das mit modernsten Laboratorien ausgestattet ist.
Bald darauf wird das antriebslos im Meer treibende Schiff von der Besatzung eines leckgeschlagenen amerikanischen Schleppers entdeckt. Dessen Kapitän verspricht sich davon einen stattlichen Finderlohn und damit eine lohnende Kompensation für seine gerade im Sturm verlorengegangene Ladung. Als er die Maschinen und Bordsysteme wieder in Gang setzen läßt, weckt er damit jedoch unwissentlich das Alien, das sogleich seinen Kampf gegen die menschlichen "Viren" wieder aufnimmt.
Einige Kritiker haben nach der ersten Pressevorführung die konventionelle Erzählweise des Films bemängelt. Es sei von vornherein klar, wer am Ende überleben werde. Effekte und Erzählmuster seien aus früheren Filmen wie "Alien", "Terminator" oder "Robocup" schon bekannt. Auch die Tatsache, daß außerirdische Intelligenz umstandslos als feindselig und bedrohlich dargestellt wird, stößt manchem Zuschauer unangenehm auf.
Dazu ist zu sagen: "Virus" erfordert keine raffinierte Erzählform, weil der Stoff, um den es geht, schon aufregend und kompliziert genug ist. Natürlich bedient sich der Film bei seinen Vorgängern, fügt die Zitate aber zu einer Geschichte von eigenständiger Qualität zusammen. Und die Bedrohung aus dem All läßt sich ohne allzu große Mühe als hausgemacht, als Menschenwerk dechiffrieren.
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In dieser letzteren Hinsicht ähnelt der Film Roland Emmerichs "Independence Day": Hier verkörpern die Außerirdischen, die hemmungslos einen Planeten nach dem anderen ausbeuten, nichts anderes als die ins Extrem gesteigerte Lebensweise der Menschen. Sie werden damit zu einer äußerst wirkungsvollen Projektionsfläche für unterschwellige, sehr reale Ängste vor einer weltweiten, ökologischen Katastrophe. Nicht zufällig erinnern ihre riesigen Raumschiffe an düstere Gewitterwolken, die drohendes Unwetter ankündigen.
Während die Invasoren aus dem All in Emmerichs Film für die gefürchtete Rache der Natur stehen, verkörpern sie in "Virus" die Ängste vor der unkontrollierbaren Dynamik digitaler Medien. Es ist ausnahmslos irdische, menschengemachte Technik, gegen die hier der Kampf geführt wird. Der Kunstgriff, sie durch eine außerirdische Intelligenz zu beseelen, erlaubt es den Filmemachern, eine Entwicklung, die erst für die nahe bis mittlere Zukunft befürchtet wird, in die Gegenwart zu verlagern - und dadurch um so glaubwürdiger zu machen: Die Computer und Roboter emanzipieren sich von ihren Schöpfern und wenden sich gegen sie.
Die Ängste, die der Film mobilisiert, sind die Ängste vor uns selbst als Gattung - und sie sind vollauf berechtigt. Im Moment sind wir immerhin mit nichts Geringerem beschäftigt, als mit Hilfe von Digitalisierung und Gentechnik das nächste Kapitel in der Evolution des Lebens einzuleiten und uns damit selbst als bislang höchst entwickelte Lebensform vom Thron zu stoßen. All das geschieht jedoch ohne zentrale Planung, in erster Linie auf kurzfristige Effekte hin angelegt und weitgehend unbewußt. Es steht daher zu befürchten, daß die Roboter, kybernetischen Organismen und gentechnisch optimierten Lebewesen von ihren menschlichen Schöpfern die Haltung übernehmen, die diese selbst gegenüber "niederen" Lebensformen eingenommen haben. In einem solchen Fall hätten wir wahrlich nichts zu lachen.
"Virus" kann als eindringliche Mahnung gesehen werden, in der digitalen Revolution nichts zu überstürzen. Daß diese Mahnung im Hollywood-Stil daherkommt, nimmt ihr nichts von ihrer Wirkung. Im Gegenteil.
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