Chinesen protestieren auch im Internet

Florian Rötzer 10.05.1999

Websites der amerikanischen Regierung wurden am Wochenende gehackt

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Die Proteste in China finden nicht nur im wirklichen Raum, sondern auch im Internet statt. Wie die China Daily meldet, sind "Straßenproteste und Verurteilungen in Zeitungen nicht die einzigen den Chinesen zur Verfügung stehenden Kanäle, um ihrer Entrüstung gegen den blutigen Angriff der NATO auf die chinesische Botschaft in Belgrad Luft zu verschaffen. Parallel zu den lautstarken Demonstrationen eröffnete sich eine ruhigere Front im Internet, um die Wut der chinesischen Internetbenutzer über die Brutalität der NATO zum Ausdruck zu bringen."

Kurz vor dem 10. Jahrestag des Massakers am Tiananmen-Platz könnte der chinesischen Regierung der peinliche CIA-Fehler, der vermutlich den versehentlichen Beschuß der Botschaft verschuldet hat, gerade recht kommen. Erstmals duldet die chinesische Regierung große Versammlungen und Proteste, die womöglich intern die Wut ableiten könnten und so verhindern, daß es zu unerwünschten Kundgebungen am 4. Juni kommt. Auch der politische Protest im Internet wird sogar vom staatlichen China Daily mehr oder weniger begrüßt, was sonst bekanntlich nicht gerade die Maxime der chinesischen Regierung ist. Könnte möglicherweise über diesen Umweg einer Kritik an der NATO eine Bürgerbewegung sich formieren, auch wenn sie zunächst nationalistisch geprägt ist? Sicher jedenfalls ist keineswegs, daß die Studenten sich lange am äußeren Feind erregen. Die Stimmung könnte auch umschlagen, wenn einmal der öffentliche Raum und das Internet als Orte des Protestes entdeckt wurden.

Die staatlichen chinesischen Medien haben bislang zumindest nicht über die Vertreibungen im Kosovo berichtet und die Nachrichten darüber lediglich als Rechtfertigung der NATO-Angriffe abgetan. Die Solidarität mit Milosevich verdankt sich vermutlich vorwiegend der Furcht, daß auch in Tibet Autonomiebewegungen stärker werden und durch das Ausland unterstützt werden könnten. Auch wegen der vielen Menschenrechtsverletzungen besteht China strikt auf der staatlichen Souveränität und der Nicht-Einmischung in innenpolitischen Konflikte.

Ungewohnt jedenfalls sind die Formulierengen des Artikels in China Daily, aber auch die Innovation, daß URLs angegeben werden: "Während Tausende von Chinesen zur amerikanischen Botschaft und zu den Konsulaten mit Fahnen zogen, wobei eine das Wort NATO mit dem NAZI-Hakenkreuz verglich, eilten noch mehr Menschen zu den Computern, nahmen ihre Mäuse und klickten auf Websites, die Neuigkeiten brachten." Da hat man fast den Eindruck, daß die ehemaligen Arbeiter und Bauern jetzt als Brigaden zu den Computern stürmen. Angeblich mußten manche Websites wie Daily News weitere Server installieren, um mit dem Andrang der Volksmassen fertig zu werden. Netease allein erhielt 16000 Kommentare bis Sonntag abends. "Nieder mit dem Imperialismus", "Bezahlt Blutschulden mit Blut" oder "1998 kämpften wir gegen die Fluten, 1999 werden wir gegen den Imperialismus kämpfen" lauteten einige der Bemerkungen.

Angeblich haben Chinesen - "sophisticated hackers" - die "Blutschuld mit Bytes" gezahlt, indem sie zwei Mal die Website der amerikanischen Botschaft gecrackt und die Eingangsseite mit dem Slogan "Nieder mit den Barbaren" versehen hatten.

ABC berichtet, daß überdies die Websites des amerikanischen Energieministeriums und des Innenministeriums gecrackt worden seien. Auf der Website des Energieministeriums war zu lesen: "Wir sind chinesische Hacker, die sich nicht um Politik kümmern, aber wir dulden es nicht, wenn wir sehen müssen, daß chinesische Journalisten getötet worden sind." Auch die Website des Weißen Hauses sei angegriffen worden, bei der man aber bereits eine automatische Wiederherstellung installiert habe, die innerhalb von fünf Sekunden nach einem Angriff wieder die alte Seite zeigt. Bestätigt konnte noch nicht werden, ob die Angriffe wirklich von China aus erfolgt sind.

China Daily fügte interessanterweise dem Bericht über die Crackerangriffe keine Verurteilung hinzu.

http://www.heise.de/tp/artikel/2/2834/1.html
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